Das Zurück­be­hal­tungs­recht des Anwalts an sei­nen Hand­ak­ten

Nach § 50 I BRAO hat der Rechts­an­walt durch Anle­gen von Hand­ak­ten ein geord­ne­tes Bild über die von ihm ent­fal­te­te Tätig­keit geben zu kön­nen. Hand­ak­ten im Sin­ne der Absät­ze II und III des § 50 BRAO sind nur die Schrift­stü­cke, die der Rechts­an­walt aus Anlass sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit von dem Auf­trag­ge­ber erhal­ten hat.

Das Zurück­be­hal­tungs­recht des Anwalts an sei­nen Hand­ak­ten

Der zivil­recht­li­che Anspruch des Man­dan­ten auf Her­aus­ga­be der Unter­la­gen ergibt sich aus §§ 675, 667 BGB, da nach § 667 BGB der Beauf­trag­te ver­pflich­tet ist, dem Auf­trag­ge­ber alles, was er zur Aus­füh­rung des Auf­trags erhält, her­aus­zu­ge­ben. Das in § 50 III BRAO nor­mier­te Zurück­be­hal­tungs­recht stellt eine Kon­kre­ti­sie­rung des § 273 BGB dar und dient der erleich­ter­ten Durch­set­zung der Ansprü­che des Rechts­an­walts auf sei­ne Gebüh­ren und Aus­la­gen.

Nach Auf­fas­sung des Anwalts­ge­richts­hofs Cel­le ist der Rechts­an­walt aber auch in berufs­recht­li­cher Hin­sicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­te ver­pflich­tet. Damit folgt der AGH Cel­le nicht der ander­wei­ti­gen Recht­spre­chung des Anwalts­ge­richts Düs­sel­dorf 1 als auch des Anwalts­ge­richts Frank­furt a. M. 2.

Das AnwG Düs­sel­dorf beruft sich in sei­nem Beschluss vom 24.07.2008 dar­auf, dass die Ver­let­zung der sich aus dem zivil­recht­li­chen Anwalts­ver­trag erge­ben­den Pflich­ten, soweit die­se nicht in der BRAO oder in der Berufs­ord­nung aus­drück­lich auf­ge­führt sei­en, kein berufs­wid­rig zu ahn­den­des Ver­hal­ten dar­stel­le. Dabei spie­le es auch kei­ne Rol­le, ob die feh­len­de Her­aus­ga­be der Hand­ak­te als gering­fü­gi­ge Pflicht­ver­let­zung nach § 74 BRAO mit einer Rüge oder im anwalts­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren geahn­det wer­den sol­le.

§ 50 III BRAO rege­le das Zurück­be­hal­tungs­recht des Rechts­an­walts an der Hand­ak­te, begrün­de für sich genom­men jedoch kei­ne Pflicht i. S. v. § 113 I BRAO.

Das AnwG Frank­furt a. M. führt in sei­nem Urteil vom 17.03.2010 aus, dass sich eine sol­che Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­te, ins­be­son­de­re der Ori­gi­nal­un­ter­la­gen, weder aus § 50 BRAO noch aus § 43 BRAO her­lei­ten las­se. Gera­de ohne Beach­tung von § 50 III BRAO, führt das AnwG Frank­furt a. M. aus, dass § 43 BRAO allein als Grund­la­ge anwalts­ge­richt­li­cher Maß­nah­men zu unbe­stimmt sei. Erst das Zusam­men­wir­ken von § 43 BRAO mit ande­ren gesetz­li­chen Bestim­mun­gen tra­ge dem im anwalt­li­chen Dis­zi­pli­nar­recht gel­ten­den Bestimmt­heits­ge­bot nach Art.20 Abs. 3 GG Rech­nung.

Das Ham­bur­gi­sche Anwalts­ge­richt hat in zwei älte­ren Ent­schei­dun­gen 3 ohne nähe­re Begrün­dung bei der Annah­me einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht der Hand­ak­te § 43 BRAO her­an­ge­zo­gen. In zwei neue­ren Ent­schei­dun­gen 4 geht das Ham­bur­gi­sche Anwalts­ge­richt eben­falls ohne wei­te­re Begrün­dung von einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht gemäß § 50 III S. 2 BRAO, in der zwei­ten Ent­schei­dung i. V. m. § 43 BRAO aus.

In der Lite­ra­tur wird die Fra­ge der berufs­recht­li­chen Pflicht auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­te unter­schied­lich behan­delt. Feuerich/​Weyland 5 ver­weist auf die zivil­recht­li­che Ver­pflich­tung des Rechts­an­walts auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­te und äußert sich nicht aus­drück­lich zu der Fra­ge, ob § 50 BRAO eine beson­de­re Berufs­pflicht auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­te begrün­det. Es wird ledig­lich dar­auf ver­wie­sen, dass § 50 BRAO die­se sich aus dem Anwalts­dienst­ver­trag erge­ben­de Her­aus­ga­be­pflicht vor­aus­set­ze 6. Schar­mer betont, dass eine Her­aus­ga­be­pflicht in § 50 BRAO gera­de nicht nor­miert sei, in zivil­recht­li­cher Hin­sicht zwar vor­aus­ge­setzt wür­de, sich eine Her­aus­ga­be­pflicht berufs­recht­li­cher Natur aus der Geset­zes­be­grün­dung aber nicht her­lei­ten lie­ße 7. Stob­be führt die Hand­ak­te bei sei­ner Auf­zäh­lung der berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflich­ten zwar nicht an 8, mahnt hin­ge­gen den das Zurück­be­hal­tungs­recht aus­üben­den Rechts­an­walt zu größt­mög­li­cher Vor­sicht an, da die unbe­rech­tig­te Wei­ge­rung der Her­aus­ga­be der Hand­ak­te sowohl berufs­recht­li­che Sank­tio­nen als auch Scha­dens­er­satz­an­sprü­che aus­lö­sen kön­ne 9. Klei­ne-Cosack führt die berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht der Hand­ak­te als Haupt­bei­spiel für die unmit­tel­ba­re Anwen­dung des § 43 BRAO an 10.

Hin­ge­gen ist der Rechts­an­walt auch in berufs­recht­li­cher Hin­sicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten ver­pflich­tet. § 50 BRAO begrün­det aus­drück­lich zwar ledig­lich die Pflicht zum Füh­ren der Hand­ak­te sowie zur Auf­be­wah­rung der Hand­ak­te und regelt unter bestimm­ten Bedin­gun­gen die Ver­wei­ge­rung der Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten. Eine Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten an den Man­dan­ten ist in § 50 BRAO dage­gen nicht expli­zit ent­hal­ten. Aller­dings ergibt sich die­se Pflicht inzi­den­ter aus § 50 III BRAO, der eben nur in bestimm­ten Fäl­len ein Zurück­be­hal­tungs­recht gewährt. Die Rege­lung eines Zurück­be­hal­tungs­rechts in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung macht aber über­haupt nur dann Sinn, wenn gleich­zei­tig für den Nor­mal­fall von einer berufs­recht­li­chen und nicht nur zivil­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht aus­ge­gan­gen wird 11.

Dies hat auch der Gesetz­ge­ber so gese­hen, indem es in der amt­li­chen Begrün­dung zu § 62 BRAO a. F., der inhalt­lich nicht ver­än­der­ten Vor­läu­fer­be­stim­mung von § 50 BRAO, heißt 12: "Das Zurück­be­hal­tungs­recht erlischt, sobald der Anspruch auf Zah­lung der Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt ist. Für die Aus­übung des Zurück­be­hal­tungs­rechts kön­nen sich aus den Berufs­pflich­ten des Rechts­an­walts im Ein­zel­fall Beschrän­kun­gen erge­ben. So kann die rück­sichts­lo­se Gel­tend­ma­chung des Zurück­be­hal­tungs­rechts für gering­fü­gi­ge Rück­stän­de sich als Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Berufs­pflicht (…) dar­stel­len und zu einer ehren­ge­richt­li­chen Bestra­fung füh­ren (…). Ist der Rechts­an­walt wegen der Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt, so hat er die Hand­ak­ten dem Auf­trag­ge­ber her­aus­zu­ge­ben (…)".

Der Gesetz­ge­ber hat bei Schaf­fung der Rege­lung des Zurück­be­hal­tungs­rechts die Exis­tenz einer nicht nur zivil­recht­li­chen, son­dern auch berufs­recht­li­chen Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten vor­aus­ge­setzt. Die Rege­lung eines rein zivil­recht­li­chen Zurück­be­hal­tungs­rechts im Berufs­recht, der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung, wäre nicht nur unnö­tig, son­dern dar­über hin­aus ver­fehlt. Wenn aber die unbe­rech­tig­te Aus­übung eines Zurück­be­hal­tungs­rechts einen Berufs­rechts­ver­stoß dar­stel­len kann, gilt dies für die Unter­las­sung der Her­aus­ga­be ohne die Beru­fung auf ein bestehen­des Zurück­be­hal­tungs­recht erst recht 13.

Die­ser Annah­me steht auch nicht die von dem Anwalts­ge­richts­hof Düs­sel­dorf zitier­te Ent­schei­dung des BGH vom 30.11.1989 14 ent­ge­gen. Die­se Ent­schei­dung befasst sich im Ergeb­nis gar nicht mit der Fra­ge einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht, da es um die zivil­recht­li­chen Ansprü­che eines Kon­kurs­ver­wal­ters gegen den Rechts­an­walt des Gemein­schuld­ners auf Her­aus­ga­be von Hand­ak­ten und Ein­sicht­nah­me in die Hand­ak­ten geht.

Letzt­end­lich ist auf die Rege­lung des § 17 BORA zu ver­wei­sen. Die­ser kon­kre­ti­siert die Aus­übung des in § 50 III BRAO grund­sätz­lich vor­ge­se­he­nen Zurück­be­hal­tungs­rechts des Rechts­an­walts an den Hand­ak­ten und steht im drit­ten Abschnitt der BORA, der die Über­schrift "Beson­de­re Berufs­pflich­ten bei der Annah­me, Wahr­neh­mung und Been­di­gung des Man­dats" trägt. Damit hat die Sat­zungs­ver­samm­lung in ihrer Berufs­ord­nung zum Aus­druck gebracht, dass es sich bei der Her­aus­ga­be der Hand­ak­te durch den Rechts­an­walt an den Man­dan­ten (auch) um eine berufs­recht­li­che Pflicht han­delt.

Im Ergeb­nis ist die Berufs­pflicht des Rechts­an­walts zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­te in § 50 III BRAO i. V. m. § 17 BORA nor­miert. Auf einen allei­ni­gen Rück­griff auf § 43 BRAO, der dem Bestimmt­heits­ge­bot nach Art.20 Abs.3 GG nicht Genü­ge tun könn­te, kommt es daher im Ergeb­nis nicht an.

Die­se Berufs­pflicht hat der Klä­ger ver­letzt, ohne dass ihm ein Zurück­be­hal­tungs­recht an der Hand­ak­te gemäß § 50 III BRAO i. V. m. § 17 BORA zur Sei­te stand.

§ 50 III 1 BRAO sieht grund­sätz­lich vor, dass der Rechts­an­walt sei­nem Auf­trag­ge­ber die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten bis zur Befrie­di­gung sei­ner Gebüh­ren- und Aus­la­gen­an­sprü­che ver­wei­gern kann. Die­ses Zurück­be­hal­tungs­recht ergänzt grund­sätz­lich § 273 BGB und ist ein Son­der­recht des Rechts­an­walts, das wei­ter geht als das all­ge­mei­ne Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 273 BGB und es dem Anwalt ermög­li­chen soll, sei­ne berech­tig­ten Ansprü­che gegen den Auf­trag­ge­ber auch ohne Pro­zess und Anru­fung der Gerich­te durch­zu­set­zen 15.

Dies gilt aller­dings gemäß § 50 III 2 BRAO dann nicht, wenn die Vor­ent­hal­tung nach den Umstän­den unan­ge­mes­sen wäre. Gemäß § 17 BORA, der § 50 III 2 BRAO inso­weit kon­kre­ti­siert, kann dem berech­tig­ten Inter­es­se eines Man­dan­ten auf Her­aus­ga­be dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass Kopi­en über­las­sen wer­den, es sei denn, das berech­tig­te Inter­es­se bezie­he sich gera­de auf die Her­aus­ga­be des Ori­gi­nals 16. Ange­sichts der Kla­ge­er­he­bung unter dem 27.04.2012 konn­te die Zurück­hal­tung der Hand­ak­ten dem Man­dan­ten des Klä­gers einen unver­hält­nis­mä­ßig hohen Scha­den zufü­gen, wenn der Klä­ger die ihm über­las­se­nen Unter­la­gen, ins­be­son­de­re das Ori­gi­nal des Pacht­ver­tra­ges zurück­hält und sei­nem Man­dan­ten nicht zumin­dest in Ablich­tung zur Ver­fü­gung stellt.

Ein Zurück­be­hal­tungs­recht des Klä­gers gemäß § 50 III 1 BRAO ist nur begrün­det, wenn zum Zeit­punkt der Aus­übung des Zurück­be­hal­tungs­rechts die Hono­rar­for­de­rung des Klä­gers nach § 10 RVG ein­for­der­bar war 17. Der Rechts­an­walt kann das Zurück­be­hal­tungs­recht erst gel­tend machen, nach­dem er ord­nungs­ge­mäß abge­rech­net hat. Ande­ren­falls wür­de dem Man­dan­ten man­gels Kennt­nis des geschul­de­ten Betra­ges die Mög­lich­keit genom­men, durch sofor­ti­ge Zah­lung die Gel­tend­ma­chung des Zurück­be­hal­tungs­rech­tes sofort abzu­wen­den 18.

Anwalts­ge­richts­hof Cel­le, Urteil vom 24. Juni 2013 – AGH 1/​13, AGH 1/​13 (I 1)

  1. AnwG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 24.07.2008 – IV A 1623/​07 ‑9[]
  2. AnwG Frank­furt a.M., Urteil vom 17.03.2010 – IV AG 01/​09 – 4 EV 335/​08[]
  3. Ham­bur­gi­sches AnwG, Urteil vom 10.03.1997 – II 20/​96 EV 50/​96; sowie Urteil vom 10.11.1997 – III 13/​97 EV 184/​95[]
  4. Ham­bur­gi­sches AnwG, Urteil vom 13.02.2007 – III 15/​06 EV 11/​06; sowie Urteil vom 20.02.2008 – III 18/​07 EV 82/​07[]
  5. Feuerich/​WeylandBRAO, 8. Auf­la­ge, 2012, § 50 RN 17 ff[]
  6. Feue­rich /​Weyland, BRAO, 8. Auf­la­ge 2012, § 50 RN 17[]
  7. Har­tung, Berufs- und Fach­an­walts­ord­nung, 5. Auf­la­ge 2012, § 50 BRAO RN 77, 78[]
  8. Henssler /​Prütting, BRAO, 3. Auf­la­ge 2010, § 50 RN 19[]
  9. Henssler /​Prütting, BRAO, 3. Auf­la­ge 2010, § 50 RN 39[]
  10. Klei­ne-Cosack, BRAO, 5. Auf­la­ge 2008, § 43 RN 15[]
  11. Kili­an /Of­fer­mann-Burck­art /​vom Stein – Offer­mann-Burck­art, Pra­xis­hand­buch Anwalts­recht, 2. Auf­la­ge, 2010, § 14 RN 35[]
  12. BT-Drucks. 3/​120, S.79[]
  13. Kili­an /Of­fer­mann-Burck­art /​vom Stein – Offer­mann-Burck­art, Pra­xis­hand­buch Anwalts­recht, 2. Auf­la­ge, 2010, § 14 RN 37[]
  14. BGH, Beschluss vom 30.11.1989, NJW 1990, 510[]
  15. BGH NJW 1997, 2944; Feue­rich /​Weyland, BRAO, 8. Auf­la­ge 2012, § 50 RN 21[]
  16. vgl. Feue­rich /​Weyland, BRAO, 8. Auf­la­ge 2012, § 50 Rn 22[]
  17. Feue­rich /​Weyland, BRAO, 8. Auf­la­ge 2012, § 50 RN 21b[]
  18. Feue­rich /​Weyland, BRAO, 8. Auf­la­ge 2012, § 50 RN 21 b[]