Akti­en­recht­li­ches Spruch­ver­fah­ren – und die Beschwer­de­be­fug­nis des gemein­sa­men Ver­tre­ters

Im Spruch­ver­fah­ren ist der gemein­sa­me Ver­tre­ter der Antrags­be­rech­tig­ten, die nicht selbst Antrag­stel­ler sind, grund­sätz­lich nicht beschwer­de­be­fugt.

Akti­en­recht­li­ches Spruch­ver­fah­ren – und die Beschwer­de­be­fug­nis des gemein­sa­men Ver­tre­ters

Die Beschwer­de­be­fug­nis des gemein­sa­men Ver­tre­ters ist umstrit­ten. Nach einer Ansicht ist er grund­sätz­lich nicht selbst beschwer­de­be­fugt 1, nach ande­rer ist er beschwer­de­be­fugt 2.

Eine Beschwer­de­be­fug­nis des gemein­sa­men Ver­tre­ters ist im Spruch­ver­fah­rens­ge­setz in § 6 oder § 12 SpruchG nicht vor­ge­se­hen. Auch nach dem hier noch anwend­ba­ren § 20 Abs. 1 FGG (§ 17 Abs. 1 SpruchG a.F.) stand die Beschwer­de jedem zu, des­sen Recht durch die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung beein­träch­tigt ist. Ein eige­nes Recht des gemein­sa­men Ver­tre­ters nach § 20 Abs. 1 FGG ist durch die Ent­schei­dung des Gerichts in ers­ter Instanz nicht beein­träch­tigt. Der gemein­sa­me Ver­tre­ter macht im Ver­fah­ren kei­ne eige­nen Rech­te gel­tend und steht nicht wie eine Par­tei kraft Amtes einem Betei­lig­ten gleich 3. Er ver­tritt viel­mehr als gesetz­li­cher Ver­tre­ter die Inter­es­sen der kei­nen Antrag stel­len­den Anteils­in­ha­ber. Die­se mögen zwar durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung in ers­ter Instanz in einem wei­ten Sinn mate­ri­ell beschwert sein, weil sie kei­ne höhe­re Abfin­dung erhal­ten. Da sie kei­nen Antrag gestellt haben, sind sie aber nicht beschwer­de­be­fugt. Soweit eine Ent­schei­dung wie im Spruch­ver­fah­ren nur auf Antrag erlas­sen wer­den konn­te und der Antrag zurück­ge­wie­sen wor­den ist, stand die Beschwer­de nur einem Antrag­stel­ler zu (§ 20 Abs. 2 FGG). Der Gesetz­ge­ber hat in § 6 Abs. 3 Satz 2 SpruchG den gemein­sa­men Ver­tre­ter erst für den Fall, dass er das Ver­fah­ren nach Antrags­rück­nah­me fort­führt, einem Antrag­stel­ler gleich­ge­stellt.

Die Beschwer­de­be­fug­nis lässt sich auch nicht dem Ver­fah­rens­fort­füh­rungs­recht des gemein­sa­men Ver­tre­ters nach § 6 Abs. 3 Satz 1 SpruchG ent­neh­men. Danach kann der gemein­sa­me Ver­tre­ter das Ver­fah­ren nach Rück­nah­me eines Antrags fort­füh­ren. Ein sol­cher Fall der Rück­nah­me der Anträ­ge liegt aber nach Erlass einer erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung selbst dann nicht vor, wenn kein Antrag­stel­ler Beschwer­de ein­legt. Erst recht ist dies dann nicht der Fall, wenn – wie hier – zahl­rei­che Antrag­stel­ler selbst ein Rechts­mit­tel ein­le­gen.

Das Ver­fah­rens­fort­füh­rungs­recht des gemein­sa­men Ver­tre­ters nach § 6 Abs. 3 Satz 1 SpruchG ist auf die Ver­fah­rens­fort­füh­rung nach Erlass einer erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung auch nicht ent­spre­chend anzu­wen­den. Eine Ana­lo­gie ist zuläs­sig, wenn das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht soweit mit dem Tat­be­stand, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, ver­gleich­bar ist, dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den glei­chen Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men 4. Es fehlt sowohl wegen § 6 Abs. 3 Satz 2 SpruchG an einer Lücke als auch an der Ver­gleich­bar­keit.

Das Ver­fah­rens­fort­füh­rungs­recht ist dem gemein­sa­men Ver­tre­ter nicht ein­ge­räumt, weil er für eine höhe­re Abfin­dung zu sor­gen hat, son­dern weil er die Inter­es­sen der kei­nen Antrag stel­len­den Anteils­in­ha­ber auch gegen­über den Aktio­nä­ren zu ver­tre­ten hat, die im Spruch­ver­fah­ren einen Antrag gestellt haben. Der gemein­sa­me Ver­tre­ter hat dar­auf zu ach­ten, dass nicht ein­zel­ne Aktio­nä­re, die ein gericht­li­ches Spruch­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet haben, in unge­recht­fer­tig­ter Wei­se bevor­zugt wer­den. Das Ver­fah­rens­fort­füh­rungs­recht ist ihm ein­ge­räumt, um "Aus­ver­kaufs­fäl­le" zu ver­mei­den, in denen Antrag­stel­ler bei einer im Ver­lauf des Ver­fah­rens mög­lich erschei­nen­den Erhö­hung der Kom­pen­sa­ti­on ihre Anträ­ge gegen Zah­lung einer Läs­tig­keits­ge­bühr durch den Antrags­geg­ner zurück­neh­men und sich so nach­träg­lich Son­der­vor­tei­le ver­schaf­fen 5. Ein sol­cher Aus­ver­kaufs­fall liegt nicht vor, wenn das erst­in­stanz­li­che Gericht eine Ent­schei­dung über die Anträ­ge trifft und kein Antrag­stel­ler ein Rechts­mit­tel ein­legt. Wenn kein Antrag­stel­ler ein Rechts­mit­tel oder Anschluss­rechts­mit­tel ein­legt, wür­de mit der Beschwer­de des gemein­sa­men Ver­tre­ters den Betei­lig­ten eine Ver­fah­rens­fort­füh­rung auf­ge­drängt, obwohl die Antrag­stel­ler die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung, an deren Abän­de­rung sie kein Inter­es­se zei­gen, offen­sicht­lich nicht für ver­fehlt hal­ten. Wenn dage­gen von einem Betei­lig­ten ein Rechts­mit­tel ein­ge­legt wird, ist der gemein­sa­me Ver­tre­ter auch ohne eige­nes Beschwer­de­recht am Ver­fah­ren wei­ter zu betei­li­gen und kann die Rech­te der kei­nen Antrag stel­len­den Anteils­in­ha­ber im Beschwer­de­ver­fah­ren wah­ren. Ob ihm ein eige­nes Beschwer­de­recht zusteht, wenn Antrag­stel­lern das Beschwer­de­recht abge­kauft wird, kann dahin­ste­hen, weil ein sol­cher Fall nicht vor­liegt.

Beschwer­de­be­fug­nis der Akti­en­ge­sell­schaft

Auch die Beschwer­de der Akti­en­ge­sell­schaft ist unzu­läs­sig, weil sie durch die Fest­set­zung der Abfin­dung nicht beschwert ist. Nach § 327a AktG schul­det der Haupt­ak­tio­när die Abfin­dung, nicht die Gesell­schaft, deren Akti­en auf den Haupt­ak­tio­när über­tra­gen wer­den. Das folgt jeden­falls aus § 327b Abs. 3 AktG. Die Gesell­schaft war daher am Ver­fah­ren nicht zu betei­li­gen 6.

Für das Ver­fah­ren ord­ne­te vor Inkraft­tre­ten des Spruch­ver­fah­rens­ge­set­zes § 327f Abs. 2 Satz 3 AktG aF die ent­spre­chen­de Gel­tung von § 306 AktG aF an. Dar­aus, dass § 306 Abs. 4 Satz 1 AktG aF anord­ne­te, dass die Ver­trags­tei­le eines Unter­neh­mens­ver­trags zu hören sei­en, nach § 306 Abs. 5 AktG aF die Ent­schei­dung den Ver­trags­tei­len des Unter­neh­mens­ver­trags zuzu­stel­len war und nach § 306 Abs. 7 Satz 7 AktG aF die Ver­trags­tei­le Schuld­ner der Gerichts­kos­ten waren, folgt nicht, dass auch bei der Über­tra­gung der Akti­en auf den Haupt­ak­tio­när neben die­sem die Gesell­schaft im Spruch­ver­fah­ren zu betei­li­gen ist und Kos­ten schul­det. Wäh­rend bei der Bestim­mung der Abfin­dung nach einem Beherr­schungs- oder Gewinn­ab­füh­rungs­ver­trag mit der Ent­schei­dung des Gerichts eine ver­trag­li­che Abfin­dungs­ver­ein­ba­rung abge­än­dert wird, von der bei­de Ver­trags­tei­le betrof­fen sind, wird im Spruch­ver­fah­ren nach der Über­tra­gung von Akti­en auf den Haupt­ak­tio­när nur über die Abfin­dungs­ver­pflich­tung des Haupt­ak­tio­närs ent­schie­den, die von die­sem vor­ge­ge­ben ist und mit der Gesell­schaft nicht ver­ein­bart ist.

Wegen der Vor­schrift des § 20a Abs. 1 Satz 1 FGG, wonach eine iso­lier­te Anfech­tung der Kos­ten­ent­schei­dung nicht mög­lich war, kann die Antrags­geg­ne­rin zu 1 ihre Beschwer­de auch nicht auf eine ihr ungüns­ti­ge Kos­ten­ent­schei­dung des Land­ge­richts stüt­zen. Die Antrags­geg­ne­rin zu 1 ist durch die erst­in­stanz­li­che Kos­ten­ent­schei­dung auch nicht beschwert. Das Land­ge­richt hat, obwohl es im Rubrum bei­de Antrags­geg­ne­rin­nen benennt, nur "die Antrags­geg­ne­rin" in die Kos­ten ver­ur­teilt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2015 – II ZB 23/​14

  1. OLG Ham­burg, NZG 2001, 471; OLGR Bre­men 1998, 248, 249; KG OLGZ 1974, 430; Hüffer, AktG, 10. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 3; Simon in Simon, SpruchG, § 12 Rn. 17; Münch­Komm-Akt­G/Ku­bis, 4. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 10; Dre­scher in Spindler/​Stilz, AktG, 3. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 8; Simon in Simon, SpruchG, § 12 Rn. 16 f.; Hölters/​Simons, AktG, 2. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 14; Ederle/​Theusinger in Bürgers/​Körber, AktG, 3. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 1; Heidel/​Tewes, AktG, 3. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 9; v. Kann/​Hirschmann, DStR 2003, 1488, 1493[]
  2. OLG Düs­sel­dorf, AG 2009, 907, 908; OLG Cel­le, AG 2007, 865; BayO­bLG, NZG 2003, 483 f.; OLG Karls­ru­he AG 1995, 139; Emme­rich in Emmerich/​Habersack, Akti­en- und GmbH-Kon­zern­recht, 7. Aufl., § 6 SpruchG Rn. 17; KK-Spruch­G/Wils­ke, 2. Aufl., § 12 Rn. 23; KK-Spruch­G/­Was­mann, 2. Aufl., § 6 Rn.20; KK-Akt­G/­Kop­pen­stei­ner 3. Aufl., § 306 Rn. 36 und § 327f Anh. Rn. 49; Hüffer/​Koch, AktG, 11. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 3; Heidel/​Krenek, AktG, 4. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 9; Men­ni­cke in Lut­ter, UmwG, 5. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 10; Semler/​Stengel/​Volhard, UmwG, 3. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 6; Fritzsche/​Dreier/​Verfürth, SpruchG, § 12 Rn. 7; Klöcker/​Frowein, SpruchG, § 12 Rn. 6; Klö­cker in K. Schmidt/​Lutter, AktG, 3. Aufl., § 12 SpruchG Rn. 6; Gude, AG 2005, 233, 235; Wasmann/​Mielke, WM 2005, 822, 824; Meilicke/​Heidel, DB 2003, 2267, 2274[]
  3. BVerfG, NJW 2007, 3266, 3267[]
  4. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 03.02.2015 – II ZR 105/​13, ZIP 2015, 778 Rn. 11; Beschluss vom 23.09.2014 – II ZB 4/​14, ZIP 2014, 2344 Rn. 12 mwN[]
  5. Regie­rungs­ent­wurf eines Geset­zes zur Neu­ord­nung des gesell­schafts­recht­li­chen Spruch­ver­fah­rens [Spruch­ver­fah­rens­neu­ord­nungs­ge­setz], BT-Drs. 15/​371 S. 17[]
  6. OLG Saar­brü­cken, AG 2004, 217, 218; OLG Ham­burg, AG 2004, 622, 623; OLG Düs­sel­dorf, NZG 2004, 622; OLG Düs­sel­dorf, AG 2012, 716, 717; OLG Frank­furt, Der Kon­zern 2011, 59; Sing­hof in Spindler/​Stilz, AktG, § 327f Rn. 6; Hüffer/​Koch, AktG, 11. Aufl., § 5 SpruchG Rn. 2; Krie­ger, BB 2002, 53, 57; Vet­ter, AG 2002, 176, 190; Fuhrmann/​Simon, WM 2002, 1211, 1215; aA OLG Düs­sel­dorf, AG 2009, 907, 908[]