Ver­jäh­rung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen gegen den Nach­trags­li­qui­da­tor

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch einer Genos­sen­schaft gegen ihren Nach­trags­li­qui­da­tor wegen Ver­let­zung sei­ner Pflich­ten ver­jährt nach § 34 Abs. 6 GenG in fünf Jah­ren.

Ver­jäh­rung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen gegen den Nach­trags­li­qui­da­tor

Der mög­li­che Scha­dens­er­satz­an­spruch der Genos­sen­schaft (hier: der LPG) gegen den Nach­trags­li­qui­da­tor ergibt sich aus § 34 Abs. 2 Satz 1 GenG. Die­se Vor­schrift regelt die Organ­haf­tung des Vor­stan­des, der sei­ne Pflich­ten gegen­über der Genos­sen­schaft ver­letzt. Sie gilt gemäß § 89 Satz 1 GenG auch für den Liqui­da­tor einer Genos­sen­schaft. Auf die Tätig­keit des Nach­trags­li­qui­da­tors, des­sen Rech­te und Pflich­ten im Genos­sen­schafts­ge­setz nicht geson­dert gere­gelt sind, ist sie in glei­cher Wei­se anzu­wen­den.

Die Durch­füh­rung der Nach­trags­li­qui­da­ti­on unter­liegt den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über die Liqui­da­ti­on einer Genos­sen­schaft jeden­falls inso­weit, als dies dem ein­ge­schränk­ten Zweck einer Nach­trags­li­qui­da­ti­on nicht wider­spricht 1. Die Sorg­falts­pflich­ten, die ein Liqui­da­tor gegen­über der Genos­sen­schaft zu beach­ten hat, wer­den durch den ein­ge­schränk­ten Zweck der Nach­trags­li­qui­da­ti­on nicht berührt. Daher gel­ten für die Liqui­da­to­ren im Ver­fah­ren der Nach­trags­li­qui­da­ti­on die glei­chen Haf­tungs­re­geln wie bei jeder Liqui­da­ti­on 2.

Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 34 Abs. 2 Satz 1 GenG ver­jährt, auch wenn er sich gegen den Liqui­da­tor der Genos­sen­schaft rich­tet (§ 89 Satz 1 GenG), gemäß § 34 Abs. 6 GenG in fünf Jah­ren. Nichts ande­res gilt für den Nach­trags­li­qui­da­tor, da sich aus sei­ner beson­de­ren Auf­ga­ben­stel­lung kei­ne Grün­de erge­ben, die es recht­fer­ti­gen, die den Nach­trags­li­qui­da­tor tref­fen­de Organ­haf­tung aus § 34 Abs. 2 Satz 1 GenG abwei­chend von § 34 Abs. 6 GenG der all­ge­mei­nen Ver­jäh­rungs­frist zu unter­stel­len.

Soweit im hier ent­schie­de­nen Fall das Beru­fungs­ge­richt 3, das eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 34 Abs. 6 GenG erwo­gen und abge­lehnt hat, dar­auf abge­stellt hat, dass die Rech­te und Pflich­ten des Nach­trags­li­qui­da­tors im Genos­sen­schafts­ge­setz nicht spe­zi­ell gere­gelt sei­en, spricht dies nicht für einen Rück­griff auf die Regel­ver­jäh­rung, son­dern für die Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Liqui­da­ti­on im All­ge­mei­nen gel­ten. Zu die­sen Bestim­mun­gen gehört § 34 Abs. 6 GenG in Ver­bin­dung mit § 89 Satz 1 GenG.

Auch der Hin­weis auf Erwä­gun­gen der Bun­des­re­gie­rung, die das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren bei der Neu­fas­sung der all­ge­mei­nen Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten beglei­tet haben 4, führt nicht zu einer ande­ren Beur­tei­lung. Zwar wur­de in der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs die Bei­be­hal­tung der kennt­nis­un­ab­hän­gi­gen fünf­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist in Fäl­len gesell­schafts­recht­li­cher Organ­haf­tung auch damit gerecht­fer­tigt, dass es inso­weit um die Fol­gen unter­neh­me­ri­scher Ent­schei­dun­gen gehe und Geschäfts­füh­rer und Vor­stän­de für ihre Tätig­keit nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en Gewiss­heit benö­tig­ten, ab wann ihnen für ein bestimm­tes Ver­hal­ten kei­ne Inan­spruch­nah­me mehr dro­he. Die­se Erwä­gun­gen haben den Gesetz­ge­ber aber nicht dazu bewo­gen, die Liqui­da­to­ren einer Gesell­schaft von der für die Organ­haf­tung ein­schlä­gi­gen Ver­jäh­rungs­re­ge­lung aus­zu­neh­men (vgl. neben §§ 34, 89 Satz 1 GenG auch §§ 43, 71 Abs. 4 GmbHG und §§ 93, 268 Abs. 2 AktG). Die gegen­über dem Geschäfts­lei­ter einer wer­ben­den Gesell­schaft unter­schied­li­che Auf­ga­ben­stel­lung des Nach­trags­li­qui­da­tors gibt daher kei­nen hin­rei­chen­den Anlass für eine Aus­nah­me von der für die Organ­haf­tung gel­ten­den Ver­jäh­rungs­re­ge­lung. Begrün­den lie­ße sich eine ver­jäh­rungs­recht­li­che Son­der­stel­lung des Nach­trags­li­qui­da­tors allen­falls, wenn (auch) zu der Tätig­keit eines Liqui­da­tors im All­ge­mei­nen wesent­li­che und für die Aus­ge­stal­tung der Haf­tung bedeut­sa­me Unter­schie­de bestün­den. Der­ar­ti­ge Unter­schie­de sind aber nicht gege­ben.

Die Vor­schrift des § 34 Abs. 6 GenG gilt auch für den Nach­trags­li­qui­da­tor einer LPG; ihre Anwend­bar­keit beschränkt sich nicht auf einen Teil­be­reich sei­ner Abwick­lungs­tä­tig­keit.

Die Ver­jäh­rung des Scha­dens­er­satz­an­spruchs einer LPG gegen ihren Nach­trags­li­qui­da­tor folgt den Regeln, die für Genos­sen­schaf­ten im All­ge­mei­nen gel­ten. § 42 Abs. 1 Satz 1 LwAn­pG ver­weist gene­rell auf die Vor­schrif­ten des Genos­sen­schafts­ge­set­zes über die Abwick­lung der ein­ge­tra­ge­nen Genos­sen­schaf­ten 5. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts kann eine Beschrän­kung der Ver­wei­sung auf den (eng ver­stan­de­nen) Bereich der Ver­mö­gens­ver­tei­lung nicht ange­nom­men wer­den. Eine sol­che Beschrän­kung ergibt sich ins­be­son­de­re nicht aus dem Wort­laut des Geset­zes. Nach § 42 Abs. 1 Satz 1 LwAn­pG hat zwar die Ver­mö­gens­auf­tei­lung unter Beach­tung des § 44 LwAn­pG zu erfol­gen. Dar­aus folgt aber kei­ne Ein­schrän­kung der Ver­wei­sung, die mit der ein­lei­ten­den For­mu­lie­rung „im übri­gen gel­ten“ kon­kret bezeich­ne­te Vor­schrif­ten des Genos­sen­schafts­ge­set­zes ein­be­zieht, die die Abwick­lung ins­ge­samt und nicht nur die Ver­mö­gens­auf­tei­lung in einem engen Sin­ne betref­fen.

Die fünf­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist nach § 34 Abs. 6 GenG beginnt mit der Ent­ste­hung des Anspruchs 6. Sie gilt auch für einen neben dem Anspruch aus § 34 Abs. 2 Satz 1 GenG mög­li­cher­wei­se bestehen­den Scha­dens­er­satz­an­spruch aus posi­ti­ver Ver­trags­ver­let­zung 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Juli 2012 – II ZR 117/​10

  1. vgl. Fand­rich in Pöhlmann/​Fandrich/​Bloehs, GenG, 4. Aufl., § 83 Rn. 13; Mül­ler, GenG, § 93 Rn. 8b; Bau­er, Genos­sen­schafts­Hand­buch [Lose­blatt], § 93 GenG Rn. 36[]
  2. vgl. zum Akti­en­recht: Bach­mann in Spindler/​Stilz, AktG, 2. Aufl., § 273 Rn. 23; Dre­scher in Henssler/​Strohn, Gesell­schafts­recht, AktG § 273 Rn. 16[]
  3. Thü­rO­LG, Urteil vom 02.06.2010 – 8 U 830/​09[]
  4. vgl. die Begrün­dung des Ent­wurfs der Bun­des­re­gie­rung zum Gesetz zur Anpas­sung von Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten an das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts, BT-Drucks.15/3653, S. 12[]
  5. BGH, Beschluss vom 28.11.2008 – BLw 7/​08, juris Rn. 25[]
  6. BGH, Urteil vom 09.12.1965 – II ZR 177/​63, WM 1966, 323, 324; Fand­rich in Pöhlmann/​Fandrich/​Bloehs, GenG, 4. Aufl., § 34 Rn. 29[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 12.06.1989 – II ZR 334/​87, ZIP 1989, 1390, 1392 zu § 43 Abs. 4 GmbHG[]