Aus­gleichs­an­spruch des insol­ven­ten Ver­trags­händ­lers

Der Aus­gleichs­an­spruch eines Han­dels­ver­tre­ters oder Ver­trags­händ­lers gemäß § 89b HGB ist nicht des­we­gen aus­ge­schlos­sen, weil der Han­dels­ver­tre­ter (Ver­trags­händ­ler) nach der Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses mit dem Unter­neh­mer sei­nen Geschäfts­be­trieb ein­ge­stellt hat. Das gilt auch dann, wenn die Betriebs­ein­stel­lung auf die Insol­venz des Han­dels­ver­tre­ters (Ver­trags­händ­lers) zurück­zu­füh­ren ist 1.

Aus­gleichs­an­spruch des insol­ven­ten Ver­trags­händ­lers

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die auf Han­dels­ver­tre­ter zuge­schnit­te­ne Bestim­mung des § 89b HGB auf einen Ver­trags­händ­ler – in dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ein mar­ken­ge­bun­de­ner Auto­händ­ler – ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn sich das Rechts­ver­hält­nis zwi­schen ihm und dem Her­stel­ler oder Lie­fe­ran­ten nicht in einer blo­ßen Käu­fer-Ver­käu­fer-Bezie­hung erschöpft, son­dern der Ver­trags­händ­ler so in die Absatz­or­ga­ni­sa­ti­on des Her­stel­lers oder Lie­fe­ran­ten ein­ge­glie­dert war, dass er wirt­schaft­lich in erheb­li­chem Umfang dem Han­dels­ver­tre­ter ver­gleich­ba­re Auf­ga­ben zu erfül­len hat­te, und der Händ­ler zum ande­ren ver­pflich­tet ist, dem Her­stel­ler oder Lie­fe­ran­ten sei­nen Kun­den­stamm zu über­tra­gen, so dass sich die­ser bei Ver­trags­en­de die Vor­tei­le des Kun­den­stamms sofort und ohne wei­te­res nutz­bar machen kann 2.

Dem Auto­her­stel­ler flie­ßen aus der Geschäfts­ver­bin­dung mit von dem inzwi­schen insol­ven­ten Ver­trags­händ­ler neu gewor­be­nen Kun­den auch nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses erheb­li­che Vor­tei­le zu (§ 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB). Die Insol­venz­schuld­ne­rin hat unstrei­tig in den Jah­ren ihrer Tätig­keit als Ver­trags­händ­le­rin der beklag­ten Auto­her­stel­le­rin eine grö­ße­re Anzahl neu­er Stamm­kun­den gewor­ben (§ 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 2 HGB). An die­se Stamm­kun­den sind im letz­ten Ver­trags­jahr 16 Neu­wa­gen ver­kauft wor­den. Hier­aus ist zu schlie­ßen, dass die Beklag­te aus dem von der Ver­trags­händ­le­rin gewor­be­nen Kun­den­stamm auch nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses erheb­li­che Vor­tei­le im Sin­ne des § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB gezo­gen hat. Dem liegt die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 3 nach § 287 Abs. 2 ZPO zuläs­si­ge Schät­zung zugrun­de, dass die der Beklag­ten nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses ver­blei­ben­den Vor­tei­le aus der Geschäfts­ver­bin­dung mit neu­en Kun­den, die die Klä­ge­rin gewor­ben hat (§ 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 HGB), der Höhe nach iden­tisch sind mit den Pro­vi­si­ons­ver­lus­ten, die die Klä­ge­rin infol­ge der Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses erlei­det (§ 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB aF bzw. § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB in der seit 5. August 2009 gel­ten­den Neu­fas­sung). Dass die dem Auto­her­stel­ler ver­blei­ben­den Vor­tei­le höher zu bewer­ten wären als die Pro­vi­si­ons­ver­lus­te der Ver­trags­händ­le­rin, macht im kon­kre­ten Fall kei­ne Par­tei gel­tend, so dass die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 26. März 2009 4 und die hier­auf erfolg­te Neu­fas­sung des § 89b Abs. 1 Satz 1 HGB für den Streit­fall ohne Aus­wir­kun­gen blei­ben.

Der Annah­me, der Auto­her­stel­ler habe aus der been­de­ten Geschäfts­ver­bin­dung mit dem insol­ven­ten Ver­trags­händ­ler erheb­li­che Vor­tei­le gezo­gen, lässt sich nicht ent­ge­gen­hal­ten, ihr sei­en aus der Wer­be­tä­tig­keit der Insol­venz­schuld­ne­rin schon des­we­gen kei­ne Vor­tei­le zuge­flos­sen, weil ihr ein Direkt­ver­trieb von Fahr­zeu­gen recht­lich nicht mög­lich sei und sie im Hin­blick auf die Not­wen­dig­keit der Gleich­be­hand­lung aller Ver­trags­händ­ler ver­pflich­tet sei, dem an die Stel­le der Insol­venz­schuld­ne­rin getre­te­nen Ver­trags­händ­ler bei zukünf­ti­gen Neu­wa­gen­ver­käu­fen an – bereits von die­ser gewor­be­ne – Stamm­kun­den in glei­cher Wei­se Händ­ler­ra­bat­te zu gewäh­ren.

Der Aus­gleichs­an­spruch nach § 89b HGB soll dem aus­ge­schie­de­nen Han­dels­ver­tre­ter einen Aus­gleich dafür gewäh­ren, dass die bis­lang von ihm ver­dien­ten Pro­vi­sio­nen sei­ne erbrach­ten Leis­tun­gen – Schaf­fung eines Kun­den­stamms – nicht voll­stän­dig abde­cken 5. Sein Nach­fol­ger kann dage­gen Pro­vi­sio­nen für die künf­tig von ihm ver­mit­tel­ten Geschäf­te ver­lan­gen. Bei­de Ansprü­che bestehen nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen der §§ 87, 87a, 89b HGB neben­ein­an­der 6. Dass ein Unter­neh­mer "dop­pelt belas­tet" wird, wenn er für die Umsät­ze mit Stamm­kun­den nicht nur dem Han­dels­ver­tre­ter einen Aus­gleich, son­dern auch des­sen Nach­fol­gern Pro­vi­sio­nen zah­len muss, ist zwangs­läu­fi­ge Fol­ge die­ses Anspruchs­sys­tems. Die­ser Umstand kann daher nicht zum Weg­fall eines Aus­gleichs­an­spruchs füh­ren 7. Für Aus­gleichs­an­sprü­che eines Ver­trags­händ­lers in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 89b HGB gilt nichts ande­res, denn bei die­sem neh­men die Rabat­te, die er vom Her­stel­ler auf des­sen Lis­ten­preis erhält, die Stel­le der Pro­vi­sio­nen eines Han­dels­ver­tre­ters ein 8.

Die Anwend­bar­keit des § 89b HGB schei­tert auch nicht dar­an, dass der Ver­trags­händ­ler wegen der erfolg­ten Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens Ansprü­che auf Pro­vi­si­on ver­lo­ren hat.

Nach der Rege­lung in § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB aF, die inzwi­schen mit dem Ziel der Umset­zung des Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 26. März 2009 9 auf­ge­ho­ben wur­de 10, kann der Han­dels­ver­tre­ter einen ange­mes­se­nen Aus­gleich ver­lan­gen, wenn und soweit er infol­ge der Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses Ansprü­che auf Pro­vi­si­on ver­liert, die er bei Fort­set­zung des­sel­ben aus bereits abge­schlos­se­nen oder künf­tig zustan­de kom­men­den Geschäf­ten mit den von ihm gewor­be­nen Kun­den hät­te. Bei der Aus­le­gung die­ser Vor­schrift hat der Bun­des­ge­richts­hof aus der Zweck­be­stim­mung des Aus­gleichs­an­spruchs den Grund­satz abge­lei­tet, dass bei der Fest­stel­lung der dem Han­dels­ver­tre­ter ent­ste­hen­den Nach­tei­le die Fort­set­zung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses zu fin­gie­ren ist und es auf die Grün­de für des­sen Been­di­gung eben­so wenig ankommt wie dar­auf, ob der Han­dels­ver­tre­ter bei der gedach­ten Fort­set­zung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­ses über­haupt noch zur Ver­mitt­lung wei­te­rer pro­vi­si­ons­pflich­ti­ger Geschäf­te imstan­de gewe­sen wäre. Ein Aus­gleichs­an­spruch wur­de daher unter ande­rem bei einer Auf­lö­sung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­ses durch Tod (auch bei Selbst­tö­tung) des Han­dels­ver­tre­ters und bei einer auf Initia­ti­ve des Han­dels­ver­tre­ters erfolg­ten ein­ver­ständ­li­chen Ver­trags­auf­he­bung gewährt 11.

Der Aus­gleichs­an­spruch ist auch dann nicht aus­ge­schlos­sen, wenn der Han­dels­ver­tre­ter nach der Been­di­gung des Ver­tra­ges sei­nen Geschäfts­be­trieb ein­ge­stellt hat 12. Das gilt glei­cher­ma­ßen, wenn die Betriebs­ein­stel­lung – wie im vor­lie­gen­den Fall – auf die Insol­venz des Han­dels­ver­tre­ters (hier: Ver­trags­händ­lers) zurück­zu­füh­ren ist 13. Denn der Rege­lungs­zweck des § 89b HGB besteht dar­in, dem Han­dels­ver­tre­ter für einen auf sei­ner Tätig­keit beru­hen­den, ihm aber infol­ge der Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses nicht mehr ver­gü­te­ten Vor­teil des Unter­neh­mers, wie er in der Schaf­fung des Kun­den­stamms liegt, eine Gegen­leis­tung zu gewäh­ren 14. Unter Berück­sich­ti­gung die­ses Rege­lungs­zwecks, der auf die Ver­gü­tung in der Ver­gan­gen­heit erbrach­ter Leis­tun­gen gerich­tet ist, kommt es nicht dar­auf an, ob der Han­dels­ver­tre­ter bei gedach­ter Fort­set­zung des Ver­tra­ges auch in Zukunft tat­säch­lich noch Pro­vi­sio­nen hät­te erzie­len kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Okto­ber 2010 – VIII ZR 209/​07

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 10.12.1997 – VIII ZR 329/​96, NJW 1998, 1070[]
  2. vgl. nur BGH, Urtei­le vom vom 22.10.2003 – VIII ZR 6/​03, WM 2004, 991; und vom 13.01.2010 – VIII ZR 25/​08, jeweils m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 29.03.1990 – I ZR 2/​89, WM 1990, 1496[]
  4. EuGH, BB 2009, 1607 [Tur­gay Semen/​Deut­sche Tamoil GmbH][]
  5. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 29.04.2009 – VIII ZR 226/​07, VersR 2009, 1116, m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil vom 13.01.2010 – VIII ZR 25/​08, a.a.O.[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.10.1964 – VII ZR 150/​62, BGHZ 42, 244, 248; und vom 12.09.2007 – VIII ZR 194/​06, BB 2007, 2475 Rn. 48; jeweils zu Ansprü­chen aus­ge­schie­de­ner Tank­stel­len­hal­ter[]
  8. BGH, Beschluss vom 29.04.2009 – VIII ZR 226/​07, aaO m.w.N.; BGH, Urteil vom 13.01.2010 – VIII ZR 25/​08, a.a.O.[]
  9. EuGH, a.a.O.[]
  10. Art. 6a des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung der Rechts­ver­hält­nis­se bei Schuld­ver­schrei­bun­gen aus Gesamt­emis­sio­nen und zur ver­bes­ser­ten Durch­setz­bar­keit von Ansprü­chen von Anle­gern aus Falsch­be­ra­tung vom 31. Juli 2009, BGBl. I S. 2512; vgl. dazu BT-Drs. 16/​13672, S. 22[]
  11. vgl. nur BGH, Urteil vom 10.12.1997 – VIII ZR 329/​96, NJW 1998, 1070[]
  12. BGH, Urteil vom 10.12.1997 – VIII ZR 329/​96, a.a.O.; BGH, Urteil vom 02.07.1987 – I ZR 188/​85, NJW-RR 1988, 42[]
  13. aA: Stumpf/​Ströbl, MDR 2004, 1209, 1211 f.; Wendel/​Ströbl, WRP 2005, 999 ff.; dage­gen Wolff, ZVI 2008, 1, 8[]
  14. vgl. BT-Drs. 1/​3856, S. 35; BGH, Urteil vom 13.05.1957 – II ZR 318/​56, BGHZ 24, 214, 222[]