Das Call-Cen­ter als Han­dels­ver­tre­ter

Nach § 84 Abs. 1 HGB ist Han­dels­ver­tre­ter, wer als selb­stän­di­ger Gewer­be­trei­ben­der stän­dig damit betraut ist, für einen ande­ren Unter­neh­mer (Unter­neh­mer) Geschäf­te zu ver­mit­teln oder in des­sen Namen abzu­schlie­ßen. Selb­stän­dig ist, wer im Wesent­li­chen frei sei­ne Tätig­keit gestal­ten und sei­ne Arbeits­zeit bestim­men kann.

Das Call-Cen­ter als Han­dels­ver­tre­ter

Der Bun­des­ge­richts­hof bejaht im vor­lie­gen­den Fall die Selb­stän­dig­keit des Call-Cen­ters, weil die­ses als Kapi­tal­ge­sell­schaft auf eige­nes wirt­schaft­li­ches Risi­ko am Wirt­schafts­le­ben teil­ge­nom­men hat. Die zur Abgren­zung eines per­sön­lich abhän­gi­gen Ange­stell­ten (§ 84 Abs. 2 HGB) von einem selb­stän­di­gen Han­dels­ver­tre­ter (§ 84 Abs. 1 HGB) ent­wi­ckel­ten Kri­te­ri­en [1] fin­den ledig­lich dann Anwen­dung, wenn der Han­dels­ver­tre­ter eine natür­li­che Per­son ist. Han­delt es sich dage­gen wie im vor­lie­gen­den Fall um eine Kapi­tal­ge­sell­schaft, ist die­se stets selb­stän­di­ge Gewer­be­trei­ben­de im Sin­ne des § 84 Abs. 1 HGB [2].

Die GmbH war nach der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en auch im Sin­ne des § 84 Abs. 1 HGB stän­dig damit betraut, für die Auf­trag­ge­be­rin Geschäf­te zu ver­mit­teln. Hier­zu genügt nicht, dass der Han­dels­ver­tre­ter nach der Ver­ein­ba­rung mit dem Unter­neh­mer für die­sen nicht nur ein­mal, son­dern immer wie­der Geschäf­te ver­mit­telt; viel­mehr muss er nach die­ser Ver­ein­ba­rung dazu ver­pflich­tet sein, sich stän­dig um Geschäf­te zu bemü­hen: nicht der Umstand, dass Geschäfts­be­zie­hun­gen von län­ge­rer Dau­er bestehen, son­dern die bei­der­sei­ti­ge, auf Dau­er berech­ne­te Bin­dung ist ent­schei­dend [3]. Wer dage­gen zwar des Öfte­ren Geschäf­te für einen ande­ren ver­mit­telt, ohne aber zu Bemü­hun­gen hier­zu ver­pflich­tet zu sein, ist nicht Han­dels­ver­tre­ter, son­dern gege­be­nen­falls Mak­ler [4].

Unter Beach­tung die­ser Grund­sät­ze ist das Call-Cen­ter stän­dig mit Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen für die Auf­trag­ge­be­rin im Zusam­men­hang mit dem Abschluss von Zeit­schrif­ten­be­lie­fe­rungs­ver­trä­gen betraut gewe­sen. Auf­grund des zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Dienst­leis­tungs­ver­trags war das Call-Cen­ter ver­pflich­tet, sich auf­grund der ihm erteil­ten Ein­zel­auf­trä­ge stän­dig um die Ver­mitt­lung von Zeit­schrif­ten­abon­ne­ment­ver­trä­gen für die Auf­trag­ge­be­rin zu bemü­hen. Einer Ver­pflich­tung des Call-Cen­ters zu fort­lau­fen­den Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen für eine unbe­stimm­te Viel­zahl von Ver­trags­ab­schlüs­sen steht nicht der Umstand ent­ge­gen, dass ihm sei­tens der Auf­trag­ge­be­rin Adress­lis­ten von Kun­den über­ge­ben wur­den, die das Call-Cen­ter abzu­ar­bei­ten hat­te. Das Call-Cen­ter war auf­grund des­sen nicht ledig­lich mit der Ver­mitt­lung bestimm­ter Geschäf­te beauf­tragt, was für die Annah­me eines Han­dels­ver­tre­ter­ver­hält­nis­ses im Regel­fall nicht aus­reicht [5]. Es hat­te sich viel­mehr inner­halb des ihm zuge­wie­se­nen Kun­den­krei­ses um den Abschluss mög­lichst vie­ler Zeit­schrif­ten­abon­ne­ment­ver­trä­ge zu bemü­hen. Dies ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­rei­chend. Die stän­di­ge Betrau­ung im Sin­ne des § 84 Abs. 1 Satz 1 HGB erfor­dert im Übri­gen nicht, dass das Ver­trags­ver­hält­nis lang­fris­tig oder auf unbe­stimm­te Zeit abge­schlos­sen wird [6]. Uner­heb­lich ist danach, dass die Auf­trag­ge­be­rin dem Call-Cen­ter im Rah­men des bestehen­den Dienst­leis­tungs­ver­trags jeweils Ein­zel­auf­trä­ge zur Ver­mitt­lung von Zeit­schrif­ten­abon­ne­ments erteilt hat.

Außer­dem fehlt es nicht des­we­gen an der für die Qua­li­fi­ka­ti­on als Han­dels­ver­tre­ter erfor­der­li­chen Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit des Call-Cen­ters, weil deren Mit­ar­bei­ter bei der Füh­rung der Wer­be­ge­sprä­che mit den Kun­den den von der Auf­trag­ge­be­rin zur Ver­fü­gung gestell­ten Gesprächs­leit­fa­den zu beach­ten hat­ten.

Der Umstand, dass für den Abschluss der Abon­ne­ment­ver­trä­ge genaue Wei­sun­gen der Auf­trag­ge­be­rin bestan­den, steht der Annah­me, das Call-Cen­ter sei als Han­dels­ver­tre­te­rin tätig gewor­den, nicht ent­ge­gen [7].

Ver­mitt­lung ist in ers­ter Linie auf den Abschluss von Geschäf­ten gerich­te­te Tätig­keit, die den Abschluss vor­be­rei­tet und ermög­licht; sie ist Ein­wir­ken auf den Drit­ten [8]. Die vom Han­dels­ver­tre­ter zu erbrin­gen­de Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit setzt dabei nicht die Erbrin­gung von Diens­ten höhe­rer Art vor­aus. Aus­rei­chend ist, dass die Tätig­keit des Han­dels­ver­tre­ters für den Abschluss des von ihm ver­mit­tel­ten Geschäfts mit­ur­säch­lich gewor­den ist [9].

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier erfüllt: Die Tätig­keit des Call-Cen­ters ist für die Geschäfts­ab­schlüs­se mit­ur­säch­lich gewe­sen, die dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Pro­vi­si­ons­an­spruch zugrun­de lie­gen. Im Übri­gen fehlt es nicht völ­lig an einer vom Call-Cen­ter zu erbrin­gen­den eige­nen Ver­mitt­lungs­leis­tung. Der von der Auf­trag­ge­be­rin ent­wi­ckel­te Leit­fa­den ent­hält ledig­lich einen sche­ma­ti­schen Ablauf­plan für die zu füh­ren­den Wer­be­ge­sprä­che, der die Mit­ar­bei­ter des Call­cen­ters nicht der Auf­ga­be ent­hob, das auf Sei­ten des Kun­den bestehen­de mög­li­che Inter­es­se an einem von der Auf­trag­ge­be­rin ver­trie­be­nen Zeit­schrif­ten­ma­ga­zin im Gespräch zu ermit­teln oder zu wecken.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. März 2015 – VII ZR 336/​13

  1. vgl. Emde in Staub, HGB Groß­kom­men­tar, 5. Aufl., § 84 Rn. 24 ff. m.w.N.[]
  2. vgl. Emde in Staub, aaO, § 84 Rn. 30; Münch­Komm-HGB/­von Hoy­nin­gen-Hue­ne, 3. Aufl., § 84 Rn. 21[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 01.04.1992 – IV ZR 154/​91, NJW 1992, 2818, 2819; vom 12.11.1986 – I ZR 107/​84, MDR 1987, 375; vom 04.12 1981 – I ZR 200/​79, MDR 1982, 545, 546; vom 18.11.1971 – VII ZR 102/​70, MDR 1972, 230 m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.11.1971 – VII ZR 102/​70, aaO[]
  5. vgl. Emde in Staub, HGB Groß­kom­men­tar, 5. Aufl., § 84 Rn. 67; Hopt in Baumbach/​Hopt, HGB, 36. Aufl., § 84 Rn. 42; Sonnenschein/​Weitemeyer, HGB, 2. Aufl., § 84 Rn. 38; OLG Bam­berg, BB 1965, 1167 f.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 01.04.1992 – IV ZR 154/​91, NJW 1992, 2818, 2819[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 31.03.1982 – I ZR 60/​80, WM 1982, 1152, 1153[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.1982 – I ZR 68/​80, NJW 1983, 42[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.04.2006 – VIII ZR 384/​04, NJW-RR 2006, 976, Rn.19; vom 20.02.1986 – I ZR 105/​84, NJW-RR 1986, 709, 710; vom 11.03.1982 – I ZR 27/​80, NJW 1982, 1757, 1758[]