Der Aus­gleichs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters – und sei­ne Berech­nung

Macht ein Ver­si­che­rungs- und Bau­spar­kas­sen­ver­tre­ter nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses von der Mög­lich­keit Gebrauch, den Aus­gleichs­an­spruch auf der Basis der zwi­schen den Spit­zen­ver­bän­den der betrof­fe­nen Wirt­schafts­zwei­ge und Han­dels­ver­tre­ter ver­ein­bar­ten "Grund­sät­ze Sach", "Grund­sät­ze Leben", "Grund­sät­ze Kran­ken" und "Grund­sät­ze Bau­spar" 1 zu berech­nen, deren Gel­tung zwi­schen ihm und dem Unter­neh­mer nicht ver­ein­bart ist, so ist eine durch Bei­trä­ge des Unter­neh­mers auf­ge­bau­te Alters­ver­sor­gung gemäß Nr. V. der "Grund­sät­ze Sach", gemäß Nr. V. der "Grund­sät­ze Leben", gemäß Nr. V. der "Grund­sät­ze Kran­ken" und gemäß Nr. VI. der "Grund­sät­ze Bau­spar" aus­gleichs­min­dernd zu berück­sich­ti­gen; inso­weit ist für eine ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Bil­lig­keits­ab­wä­gung im Sin­ne des § 89 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB a.F. kein Raum 2.

Der Aus­gleichs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters – und sei­ne Berech­nung

Ein Ver­tre­ter hat nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Mög­lich­keit, sei­nen Aus­gleichs­an­spruch unbe­scha­det der Schutz­norm des § 89b Abs. 4 HGB nach den "Grund­sät­zen" zu berech­nen. Die "Grund­sät­ze" kön­nen jeden­falls dann, wenn deren Gel­tung zwi­schen Ver­tre­ter und Unter­neh­mer nicht ver­ein­bart ist, als Grund­la­ge für die Schät­zung (§ 287 ZPO) eines Min­dest­aus­gleichs­be­trags her­an­ge­zo­gen wer­den 3.

Die hier rele­van­ten Bestim­mun­gen der "Grund­sät­ze" hin­sicht­lich der Anrech­nung einer Alters­ver­sor­gung 4 gehen sämt­lich davon aus, dass bei einer durch Bei­trä­ge des Unter­neh­mers auf­ge­bau­ten Alters­ver­sor­gung ein Aus­gleich­an­spruch inso­weit nicht ent­steht, wie der Ver­tre­ter Leis­tun­gen aus die­ser Ver­sor­gung erhal­ten oder zu erwar­ten hat, und dass der kapi­ta­li­sier­te Bar­wert bzw. Kapi­tal­wert der Ver­sor­gung von der gemäß den "Grund­sät­zen" errech­ne­ten Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs abzu­zie­hen ist.

Die Bestim­mun­gen der "Grund­sät­ze", die über den Bezirk des Beru­fungs­ge­richts hin­aus Anwen­dung fin­den 5, sind wie revi­si­ble Rechts­nor­men zu behan­deln; und vom Revi­si­ons­ge­richt frei aus­zu­le­gen, da bei ihnen ein Bedürf­nis nach einer ein­heit­li­chen Hand­ha­bung besteht 6. Die "Grund­sät­ze" sind nach dem objek­ti­ven Inhalt und typi­schen Sinn der in Rede ste­hen­den Bestim­mun­gen ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie ihr Wort­laut von ver­stän­di­gen und red­li­chen Durch­schnitts­adres­sa­ten unter Berück­sich­ti­gung der von den betei­lig­ten Ver­bän­den ver­folg­ten Zwe­cke ver­stan­den wird. Dabei ist ins­be­son­de­re der Kom­pro­miss­cha­rak­ter der "Grund­sät­ze" zu berück­sich­ti­gen. Die­sem Kom­pro­miss­cha­rak­ter der "Grund­sät­ze" ent­spricht es, dass sie nur ein­heit­lich als Gan­zes ange­wen­det wer­den kön­nen 7, wobei aller­dings die ergän­zen­de Berück­sich­ti­gung von Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten bei der Bemes­sung des Aus­gleichs­an­spruchs nicht prin­zi­pi­ell aus­ge­schlos­sen ist 5.

Nach dem Wort­laut der Anrech­nungs­be­stim­mun­gen kommt es für eine aus­gleichs­min­dern­de Berück­sich­ti­gung ledig­lich dar­auf an, dass der Ver­tre­ter Leis­tun­gen aus einer durch Bei­trä­ge des Unter­neh­mers auf­ge­bau­ten Alters- ver­sor­gung erhal­ten oder zu erwar­ten hat. Dar­auf, ob sich der Unter­neh­mer gegen­über dem Ver­tre­ter zum Auf­bau einer Alters­ver­sor­gung ver­trag­lich ver­pflich­tet hat, kommt es nach dem Wort­laut hin­ge­gen nicht an. Eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung ist auch nach Sinn und Zweck der Anrech­nungs­be­stim­mun­gen nicht gebo­ten. Mit die­sen Bestim­mun­gen wird erkenn­bar der Zweck ver­folgt, eine dop­pel­te Belas­tung des Unter­neh­mers durch frei­wil­li­ge Finan­zie­rung einer Alters­ver­sor­gung, mit der der Unter­neh­mer eine an sich dem Ver­tre­ter oblie­gen­de Auf­ga­be über­nimmt, und durch Aus­gleichs­zah­lung zu ver­mei­den 8. Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Zweck­set­zung fällt unter die Anrech­nungs­be­stim­mun­gen auch eine Alters­ver­sor­gung, die der Unter­neh­mer zwar gegen­über dem Ver­tre­ter ver­trag­lich zuge­sagt hat, zu deren Finan­zie­rung er ursprüng­lich aber nicht ver­pflich­tet war 9. Nach dem Wort­laut und nach dem Sinn und Zweck der Anrech­nungs­be­stim­mun­gen kommt es auch nicht dar­auf an, ob die Bei­trä­ge des Unter­neh­mers zum Auf­bau einer Alters­ver­sor­gung vom Ver­tre­ter zu ver­steu­ern sind. Auch dies ändert nichts dar­an, dass der Unter­neh­mer mit der frei­wil­li­gen Finan­zie­rung einer Alters­ver­sor­gung eine Auf­ga­be über­nimmt, die an sich dem Ver­tre­ter obliegt 10. Außer­dem ist bei der Aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen, dass in den Anrech­nungs­be­stim­mun­gen – ent­spre­chend dem mit den "Grund­sät­zen" ver­folg­ten Zweck, die Höhe des nach Auf­fas­sung der betei­lig­ten Krei­se ange­mes­se­nen Aus­gleichs glo­bal zu errech­nen 11 – nicht auf die Ver­hält­nis­se im Ein­zel­fall abge­stellt, son­dern gene­rell eine aus­gleichs­min­dern­de Berück­sich­ti­gung bei einer durch Bei­trä­ge des Unter­neh­mers auf­ge­bau­ten Alters­ver­sor­gung vor­ge­se­hen wird 12. Inso­weit ist für eine ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Bil­lig­keits­prü­fung im Sin­ne des § 89b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB kein Raum.

Den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen steht nicht ent­ge­gen, dass eine ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung zwi­schen Ver­tre­ter und Unter­neh­mer, die unter Aus­schluss ande­rer Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­te im Vor­aus die Anrech­nung einer vom Unter­neh­mer finan­zier­ten Alters­ver­sor­gung anord­net, wegen Ver­sto­ßes gegen die zwin­gen­de Vor­schrift des § 89b Abs. 4 Satz 1 HGB unwirk­sam ist 13. Der Klä­ger hat die "Grund­sät­ze" nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses als Schätz­grund­la­ge her­an­ge­zo­gen, was ihm frei­steht, wozu er aber nicht gezwun­gen ist 14. Hät­te sich der Klä­ger mit der Beklag­ten nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses auf die Anwen­dung der "Grund­sät­ze" geei­nigt, so wäre die Schutz­norm des § 89b Abs. 4 Satz 1 HGB nicht anwend­bar gewe­sen 15. Vor die­sem Hin­ter­grund steht es der Anwen­dung der "Grund­sät­ze" als Gan­zes im Fal­le der Her­an­zie­hung als Schätz­grund­la­ge nicht ent­ge­gen, dass ein­zel­ne Klau­seln der "Grund­sät­ze" den gesetz­li­chen Maß­stä­ben nicht voll­stän­dig ent­spre­chen.

Die "Grund­sät­ze" kön­nen wegen ihres Kom­pro­miss­cha­rak­ters nur ein­heit­lich als Gan­zes her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Zwar ist die ergän­zen­de Berück­sich­ti­gung von Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten bei der Bemes­sung des Aus­gleichs­an­spruchs nach den "Grund­sät­zen" nicht prin­zi­pi­ell aus­ge­schlos­sen 5. Für eine Modi­fi­ka­ti­on der Bemes­sung des Aus­gleichs­an­spruchs nach den "Grund­sät­zen" durch einen dar­in nicht vor­ge­se­he­nen Zuschlag wegen fall­be­zo­ge­ner Beson­der­hei­ten besteht jedoch kein Anlass, wenn ein Ver­tre­ter die­se, obwohl er nicht dazu gezwun­gen ist, als Grund­la­ge zur Schät­zung eines Min­dest­aus­gleichs­be­trags her­an­zieht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Mai 2014 – VII ZR 282/​12

  1. Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs (§ 89b HGB) "Grund­sät­ze Sach"; Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs (§ 89b HGB) für dyna­mi­sche Lebens­ver­si­che­run­gen "Grund­sät­ze Leben"; Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs (§ 89b HGB) in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung "Grund­sät­ze Kran­ken"; Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs (§ 89b HGB) im Bau­spar­be­reich "Grund­sät­ze Bau­spar", abge­druckt bei Küstner/​Thume, Hand­buch des gesam­ten Ver­triebs­rechts, Band 2, 9. Aufl., Anhang, S. 933 ff.[]
  2. Anschluss an BGH, Urteil vom 23.11.2011 – VIII ZR 203/​10, NJW-RR 2012, 674[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2011 – VIII ZR 203/​10, NJW-RR 2012, 674 Rn. 38, 46[]
  4. vgl. Nr. V. der "Grund­sät­ze Sach"; Nr. V. der "Grund­sät­ze Leben"; Nr. V. der "Grund­sät­ze Kran­ken"; Nr. VI. der "Grund­sät­ze Bau­spar"; fort­an: Anrech­nungs­be­stim­mun­gen[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 21.05.1975 – I ZR 141/​74, VersR 1975, 807, 809[][][]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 24.04.2013 – VIII ZR 336/​12, NJW 2013, 2421 Rn. 14 m.w.N.; Musielak/​Ball, ZPO, 11. Aufl., § 546 Rn. 6, jeweils zu All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen[]
  7. vgl. Emde, Ver­triebs­recht, 2. Aufl., § 89b HGB Rn. 537; Thu­me in Küstner/​Thume, aaO, Kap. XX Rn. 11[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 23.05.1966 – VII ZR 268/​64, BGHZ 45, 268, 273; Urteil vom 21.05.2003 – VIII ZR 57/​02, NJW 2003, 3350, 3351[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 17.11.1983 – I ZR 139/​81, WM 1984, 212, 213 f.[]
  10. vgl. auch OLG Saar­brü­cken, VW 1988, 1375, 1376[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2011 – VIII ZR 203/​10, NJW-RR 2012, 674 Rn. 33[]
  12. vgl. Thu­me in Küstner/​Thume, aaO, Kap. XX Rn. 256[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 20.11.2002 – VIII ZR 146/​01, BGHZ 153, 6, 15[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2011 – VIII ZR 203/​10, NJW-RR 2012, 674 Rn. 38[]
  15. vgl. BGH, Urteil vom 21.05.1975 – I ZR 141/​74, VersR 1975, 807, 808 f.; Thu­me in Küstner/​Thume, aaO, Kap. XX Rn. 32 m.w.N.[]