For­mu­la­re – und das gene­ri­sche Mas­ku­lin

Eine Kun­din hat kei­nen Anspruch auf weib­li­che Per­so­nen­be­zeich­nun­gen in Vor­dru­cken und For­mu­la­ren.

For­mu­la­re – und das gene­ri­sche Mas­ku­lin

Dies muss­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof auf die Kla­ge einer Spar­kas­sen­kun­din ent­schei­den. Die Spar­kas­se ver­wen­det im Geschäfts­ver­kehr For­mu­la­re und Vor­dru­cke, die neben gram­ma­tisch männ­li­chen Per­so­nen­be­zeich­nun­gen wie etwa "Kon­to­in­ha­ber" kei­ne aus­drück­lich gram­ma­tisch weib­li­che Form ent­hal­ten. In per­sön­li­chen Gesprä­chen und in indi­vi­du­el­len Schrei­ben wen­det sich die Spar­kas­se an ihre Kun­din mit der Anre­de "Frau […]". Durch Schrei­ben ihrer Rechts­an­wäl­tin for­der­te die Kun­din die Spar­kas­se auf, die For­mu­la­re dahin­ge­hend abzu­än­dern, dass die­se auch die weib­li­che Form ("Kon­to­in­ha­be­rin") vor­se­hen.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Saar­brü­cken hat die Kla­ge abge­wie­sen 1. Die Beru­fung der Spar­kas­sen­kun­din hat das Land­ge­richt Saar­brü­cken eben­falls zurück­ge­wie­sen 2. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te nun die Saar­brü­cker Urtei­le und wies auch die vom Land­ge­richt im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­ne Revi­si­on der Spar­kas­sen­kun­din zurück:

Die Spar­kas­sen­kun­din bean­sprucht von der Spar­kas­se, all­ge­mein in For­mu­la­ren und Vor­dru­cken nicht unter gram­ma­tisch männ­li­chen, son­dern aus­schließ­lich oder zusätz­lich mit gram­ma­tisch weib­li­chen Per­so­nen­be­zeich­nun­gen erfasst zu wer­den. Einen der­ar­ti­gen all­ge­mei­nen Anspruch hat sie nicht.

§ 28 Satz 1 des Saar­län­di­schen Lan­des­gleich­stel­lungs­ge­set­zes begrün­det kei­nen indi­vi­du­el­len Anspruch und ist kein Schutz­ge­setz. Daher konn­te der Senat offen las­sen, ob die Vor­schrift ver­fas­sungs­ge­mäß ist.

Die Spar­kas­sen­kun­din erfährt allein durch die Ver­wen­dung gene­risch mas­ku­li­ner Per­so­nen­be­zeich­nun­gen kei­ne Benach­tei­li­gung im Sin­ne von § 3 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung, ob die betrof­fe­ne Per­son eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt als die Ver­gleichs­per­son, ist die objek­ti­ve Sicht eines ver­stän­di­gen Drit­ten, nicht die sub­jek­ti­ve Sicht der betrof­fe­nen Per­son. Der Bedeu­tungs­ge­halt gram­ma­tisch männ­li­cher Per­so­nen­be­zeich­nun­gen kann nach dem all­ge­mein übli­chen Sprach­ge­brauch und Sprach­ver­ständ­nis Per­so­nen umfas­sen, deren natür­li­ches Geschlecht nicht männ­lich ist ("gene­ri­sches Mas­ku­li­num"). Ein sol­cher Sprach­ge­brauch bringt kei­ne Gering­schät­zung gegen­über Per­so­nen zum Aus­druck, deren natür­li­ches Geschlecht nicht männ­lich ist.

Dabei ver­kennt der Senat nicht, dass gram­ma­tisch mas­ku­li­ne Per­so­nen­be­zeich­nun­gen, die sich auf jedes natür­li­che Geschlecht bezie­hen, vor dem Hin­ter­grund der seit den 1970er-Jah­ren dis­ku­tier­ten Fra­ge der Benach­tei­li­gung von Frau­en durch Sprach­sys­tem sowie Sprach­ge­brauch als benach­tei­li­gend kri­ti­siert und teil­wei­se nicht mehr so selbst­ver­ständ­lich als ver­all­ge­mei­nernd emp­fun­den wer­den, wie dies noch in der Ver­gan­gen­heit der Fall gewe­sen sein mag. Zwar wird im Bereich der Gesetz­ge­bung und Ver­wal­tung das Ziel ver­folgt, die Gleich­stel­lung von Frau­en und Män­nern auch sprach­lich zum Aus­druck zu brin­gen. Gleich­wohl wer­den wei­ter­hin in zahl­rei­chen Geset­zen Per­so­nen­be­zeich­nun­gen im Sin­ne des gene­ri­schen Mas­ku­li­nums ver­wen­det (sie­he etwa §§ 21, 30, 38 f., 40 ff. Zah­lungs­kon­ten­ge­setz: "Kon­to­in­ha­ber"; §§ 488 ff. BGB "Dar­le­hens­neh­mer"). Die­ser Sprach­ge­brauch des Gesetz­ge­bers ist zugleich prä­gend wie kenn­zeich­nend für den all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch und das sich dar­aus erge­ben­de Sprach­ver­ständ­nis.

Es liegt auch kei­ne Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts in sei­ner Aus­prä­gung als Schutz der geschlecht­li­chen Iden­ti­tät vor, da sich die Spar­kas­se an die Spar­kas­sen­kun­din in per­sön­li­chen Gesprä­chen und in indi­vi­du­el­len Schrei­ben mit der Anre­de "Frau […]" wen­det und durch die Ver­wen­dung gene­risch mas­ku­li­ner Per­so­nen­be­zeich­nun­gen in Vor­dru­cken und For­mu­la­ren kein Ein­griff in den Schutz­be­reich des Grund­rechts erfolgt. Der von der Spar­kas­sen­kun­din gel­tend gemach­te Anspruch ergibt sich ange­sichts des all­ge­mein übli­chen Sprach­ge­brauchs und Sprach­ver­ständ­nis­ses auch nicht aus Art. 3 GG.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. März 2018 – – VI ZR 143/​17

  1. AG Saar­brü­cken, Urteil vom 12.02.2016 – 36 C 300/​15[]
  2. LG Saar­brü­cken, Urteil vom 10.03.2017 – 1 S 4/​16[]