Oster­ha­sen

Pünkt­lich zum Weih­nachts­fest ent­schei­det das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on über Oster­ha­sen. Zumin­dest über gol­di­gen Oster­ha­sen und ihre Mar­ken­ein­tra­gung.

Oster­ha­sen

Die For­men eines Hasen oder Ren­tiers aus Scho­ko­la­de mit einem rotem Band kön­nen nach die­sen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len des Euro­päi­schen Gerichts nicht als Gemein­schafts­mar­ke ein­ge­tra­gen wer­den, denn die­se For­men sowie die eines Glöck­chens mit einem rotem Band, eines Scho­ko­la­den­ha­sen und einer Scho­ko­la­den­maus haben kei­ne Unter­schei­dungs­kraft.

Hin­ter­grund war ein Streit über Gemein­schafts­mar­ken: Die Gemein­schafts­mar­ke, die beim Har­mo­ni­sie­rungs­amt für den Bin­nen­markt in Ali­can­te ange­mel­det wer­den kann, gilt in der gesam­ten Euro­päi­schen Uni­on und besteht neben den natio­na­len Mar­ken. Nach der Ver­ord­nung über die Gemein­schafts­mar­ke 1 kön­nen Gemein­schafts­mar­ken alle Zei­chen sein, die sich gra­fisch dar­stel­len las­sen, wie Wör­ter, die Form einer Ware oder ihre Auf­ma­chung. Eine Mar­ke, die kei­ne Unter­schei­dungs­kraft hat, kann jedoch grund­sätz­lich nicht ein­ge­tra­gen wer­den.

Zwi­schen Febru­ar 2004 und Novem­ber 2005 mel­de­te die Cho­co­la­de­fa­bri­ken Lindt & Sprüng­li AG beim Har­mo­ni­sie­rungs­amt für den Bin­nen­markt (HABM) vier drei­di­men­sio­na­le Zei­chen als Gemein­schafts­mar­ken an:

  • die Form eines Scho­ko­la­den­ha­sen mit rotem Band, die die Far­ben Rot, Gold und Braun auf­weist 2,
  • die Form eines Ren­tiers aus Scho­ko­la­de mit rotem Band, die die Far­ben Rot, Gold und Braun auf­weist 3,
  • die Form eines gol­de­nen Glöck­chens mit rotem Band 4 und
  • die Form eines Scho­ko­la­den­ha­sen in der Far­be Gold 5.

Am 10. Juni 2005 mel­de­te die August Storck AG eine ein­fa­che Qua­der­grund­form aus Scho­ko­la­de, auf deren Ober­sei­te sich ein Reli­ef in Form einer Maus befin­det und die die Far­be Braun auf­weist, als eine drei­di­men­sio­na­le Gemein­schafts­mar­ke an 6.

Das Har­mo­ni­sie­rungs­amt für den Bin­nen­markt wies alle fünf Anmel­dun­gen mit der Begrün­dung zurück, dass die Mar­ken kei­ne Unter­schei­dungs­kraft hät­ten. Lindt & Sprüng­li und Storck erho­ben gegen die­se Ent­schei­dun­gen des HABM Nich­tig­keits­kla­ge beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on. Eine sol­che Nich­tig­keits­kla­ge dient dazu, uni­ons­rechts­wid­ri­ge Hand­lun­gen der Uni­ons­or­ga­ne für nich­tig erklä­ren zu las­sen. Sie kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen von Mit­glied­staa­ten, Orga­nen der Uni­on oder Ein­zel­nen beim Gerichts­hof oder beim Gericht erho­ben wer­den. Ist die Kla­ge begrün­det, wird die Hand­lung für nich­tig erklärt. Das betref­fen­de Organ hat eine durch die Nich­tig­erklä­rung der Hand­lung etwa ent­ste­hen­de Rege­lungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Aller­dings blie­ben die Nich­tig­keits­kla­gen von Storck und von Lindt & Sprüng­li ohne Erfolg: das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on wies jetzt die Kla­gen von Lindt & Sprüng­li sowie von Storck ab und bestä­tig­te damit die Ent­schei­dun­gen des Har­mo­ni­sie­rungs­am­tes für den Bin­nen­markt, mit denen die Mar­ken­an­mel­dun­gen zurück­ge­wie­sen wor­den waren.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on weist zunächst dar­auf hin, dass die Unter­schei­dungs­kraft einer Mar­ke bedeu­tet, dass die­se Mar­ke es ermög­licht, die Ware, für die die Ein­tra­gung bean­tragt wird, als von einem bestimm­ten Unter­neh­men stam­mend zu kenn­zeich­nen und sie somit von den Waren ande­rer Unter­neh­men zu unter­schei­den. Des Wei­te­ren betont das Euro­päi­sche Gericht, dass die Kri­te­ri­en für die Beur­tei­lung der Unter­schei­dungs­kraft drei­di­men­sio­na­ler Mar­ken, die aus dem Erschei­nungs­bild der Ware selbst bestehen, kei­ne ande­ren sind als für ande­re Kate­go­ri­en von Mar­ken. Im vor­lie­gen­den Fall kön­nen die ange­mel­de­ten Mar­ken jedoch nicht als geeig­net ange­se­hen wer­den, auf die betrieb­li­che Her­kunft der mit ihnen gekenn­zeich­ne­ten Waren hin­zu­wei­sen. Die­ses Feh­len von Unter­schei­dungs­kraft rührt ins­be­son­de­re daher, dass der Ver­brau­cher aus den ver­schie­de­nen Merk­ma­len der ange­mel­de­ten Mar­ken, näm­lich der Form, der gold­far­be­nen Ver­pa­ckung oder dem roten Band (der von Lindt & Sprüng­li ange­mel­de­ten Mar­ken) bzw. der Form gekenn­zeich­ne­ten Waren schlie­ßen kann.

Was die Form der von Lindt & Sprüng­li ange­mel­de­ten Mar­ken anbe­langt, weist das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass ein Hase, ein Ren­tier und ein Glöck­chen zu bestimm­ten Jah­res­zei­ten, ins­be­son­de­re zu Ostern und zu Weih­nach­ten, typi­sche For­men von Scho­ko­la­de und Scho­ko­la­de­wa­ren sind. Über­dies wickeln, was die Ver­pa­ckung angeht, auch ande­re Unter­neh­men Scho­ko­la­de und Scho­ko­la­de­wa­ren in eine gold­far­be­ne Folie. Was schließ­lich das rote Band mit Glöck­chen anbe­langt, ist es nach Ansicht des Gerichts üblich, Scho­ko­la­de­tie­re oder ihre Ver­pa­ckung mit Schlei­fen, roten Bän­dern und Glo­cken zu ver­zie­ren. Als ein­fa­ches deko­ra­ti­ves Ele­ment hat das rote Band mit Glöck­chen daher kei­ne Unter­schei­dungs­kraft.

Die von Storck ange­mel­de­te Mar­ke besteht nach Auf­fas­sung des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on aus einer Kom­bi­na­ti­on nahe lie­gen­der und typi­scher Gestal­tungs­merk­ma­le der erfass­ten Waren. Sie ist eine Vari­an­te der im Süß­wa­ren­sek­tor übli­cher­wei­se ver­wen­de­ten Grund­for­men und unter­schei­det sich nicht wesent­lich von der Norm oder der Bran­chen­üb­lich­keit. Sie ermög­licht es daher nicht, die Süß­wa­ren von Storck von denen ande­rer Süß­wa­ren­her­stel­ler zu unter­schei­den.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 17. Dezem­ber 2010 – T‑336/​08, T‑337/​08, T‑346/​08 und T‑395/​08
[Cho­co­la­de­fa­bri­ken Lindt & Sprüng­li AG /​HABM] und T‑13/​09 [August Storck KG /​HABM]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 40/​94 des Rates vom 20.12.1993 über die Gemein­schafts­mar­ke, ABl. 1994, L 11, S. 1, ersetzt durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 207/​2009 des Rates vom 26.02.2009 über die Gemein­schafts­mar­ke, ABl. L 78, S. 1.[]
  2. EuG – T‑336/​08[]
  3. EuG – T‑337/​08[]
  4. EuG – T‑346/​08[]
  5. EuG – T‑395/​08[]
  6. EuG – T‑13/​09[]