Ver­let­zung von MPEG-2-Video­ko­die­rungs­pa­ten­ten

Der Bun­des­ge­richts­hof hat aktu­ell über ein Patent­ver­let­zungs­ver­fah­ren ver­han­delt und ent­schie­den, das zu einer meh­re­re Ver­fah­ren umfas­sen­den Kla­ge­se­rie gehört. Die mit den Kla­gen gel­tend gemach­ten Paten­te betref­fen Ver­fah­ren und Vor­rich­tun­gen zur Kodie­rung, Über­tra­gung, Spei­che­rung und Deko­die­rung von Video­si­gna­len, wie sie beim Her­stel­len und Abspie­len von DVD nach dem inter­na­tio­na­len MPEG-2-Stan­dard Ver­wen­dung fin­den.

Ver­let­zung von MPEG-2-Video­ko­die­rungs­pa­ten­ten

Alle Klä­ger haben ihre Kla­ge­pa­ten­te in einen Patent­pool ein­ge­bracht. Die Beklag­te, ein gro­ßer, in Grie­chen­land ansäs­si­ger DVD-Pro­du­zent, hat nicht den von der Pool­ge­sell­schaft ange­bo­te­nen welt­wei­ten Stan­dard-Pool­li­zenz­ver­trag abge­schlos­sen. Die Ein­räu­mung von der Beklag­ten statt­des­sen begehr­ten natio­nal begrenz­ten Pool-Lizen­zen wur­de von der Pool­ge­sell­schaft abge­lehnt. Da die Beklag­te auch kei­ne natio­na­len Ein­zel­li­zenz­ver­trä­ge mit den jewei­li­gen Patent­in­ha­bern abge­schlos­sen hat, die Patent­in­ha­ber aber den Ver­dacht hat­ten, dass die Beklag­te von den Kla­ge­pa­ten­ten in Deutsch­land gleich­wohl Gebrauch mach­te, ver­an­lass­ten die Klä­ge­rin und wei­te­re Patent­in­ha­ber im Jah­re 2007 von Deutsch­land aus eine gemein­sa­me Test­be­stel­lung bei der Beklag­ten. Hier­zu über­sand­te eine Test­be­stel­le­rin einen DVD-Mas­ter an die Beklag­te, die dar­aus die gewünsch­ten 500 DVD fer­tig­te und an die Test­be­stel­le­rin in Deutsch­land sand­te. Dar­auf­hin erhob die Klä­ge­rin Patent­ver­let­zungs­kla­ge vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf. Das Land­ge­richt hat der Kla­ge im Wesent­li­chen statt­ge­ge­ben, das Ober­lan­des­ge­richt die Beru­fung der Beklag­ten zurück­ge­wie­sen.

Auf die Revi­si­on der Beklag­ten hat der Bun­des­ge­richts­hof nun­mehr die Kla­ge abge­wie­sen, soweit die Beklag­te auf Scha­dens­er­satz und Aus­kunft über den Umfang patent­ver­let­zen­der Hand­lun­gen in Anspruch genom­men wur­de. Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit dem Ober­lan­des­ge­richt die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te bejaht, da mit der Kla­ge die Ver­let­zung eines in Deutsch­land gel­ten­den Patents durch eine Lie­fe­rung in das Inland gel­tend gemacht wird. In der Sache hat er die von der Beklag­ten her­ge­stell­ten DVD als Erzeug­nis­se ange­se­hen, die im Sin­ne des § 9 Satz 2 Nr. 3 PatG unmit­tel­bar durch das ein Kodie­rungs­ver­fah­ren betref­fen­de patent­ge­mä­ße Ver­fah­ren her­vor­ge­bracht wor­den sind. Unmit­tel­ba­res Ver­fah­rens­er­zeug­nis ist danach die durch das Kodie­rungs­ver­fah­ren erzeug­te, im MPEG-2-For­mat kom­pri­mier­te Video­da­ten­fol­ge, deren Cha­rak­te­ris­ti­ka bei der Über­tra­gung auf das Mas­ter­band sowie die wei­te­ren tech­ni­schen Zwi­schen­for­men der DVD-Her­stel­lung (Glass-Mas­ter, Stam­per) und bei der Pres­sung der ein­zel­nen DVD erhal­ten blei­ben. Gleich­wohl hat die Beklag­te mit der Her­stel­lung der DVD das Patent nicht ver­letzt, da der DVD-Mas­ter durch die (von der Klä­ge­rin als Test­be­stel­lung ver­an­lass­te) Lie­fe­rung an die Beklag­te mit Zustim­mung der Klä­ge­rin in den Ver­kehr gebracht wor­den und das Patent­recht inso­weit erschöpft (ver­braucht) wor­den ist. Gera­de weil näm­lich der DVD-Mas­ter wie jede ein­zel­ne auf die­ser Basis her­ge­stell­te DVD ein und das­sel­be unmit­tel­ba­re Ver­fah­rens­er­zeug­nis ver­kör­pern, kann auch hin­sicht­lich der Erschöp­fung nicht zwi­schen der Lie­fe­rung des Mas­ter­ban­des (mit Zustim­mung der Klä­ge­rin) und der (Rück-)Lieferung der DVD (ohne Zustim­mung der Klä­ge­rin) unter­schie­den wer­den.

Über den auf die­sel­be Test­be­stel­lung gestütz­ten Unter­las­sungs­an­spruch hat­te der Bun­des­ge­richts­hof nicht mehr zu ent­schei­den, da das Kla­ge­pa­tent im ver­gan­ge­nen Jahr abge­lau­fen ist. Im Rah­men der Kos­ten­ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richs­hof jedoch berück­sich­tigt, dass die DVD-Lie­fe­rung der Beklag­ten wegen der Erschöp­fung des Patent­rechts zwar kei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch zur Fol­ge hat, jedoch künf­ti­ge Ver­let­zun­gen des Kla­ge­pa­tents droh­ten. Da die Beklag­te nicht wuss­te, dass die Bestel­lung von der Patent­in­ha­be­rin ver­an­lasst war, begrün­de­te die auf­trags­ge­mä­ße Lie­fe­rung die Gefahr, dass sie auch Bestel­lun­gen Drit­ter aus­führ­te, auch wenn die­se eben­so wenig wie die Test­be­stel­le­rin nach­wie­sen, zur Benut­zung des patent­ge­mä­ßen Kodie­rungs­ver­fah­rens berech­tigt zu sein, und damit einen Unter­las­sungs­an­spruch nach § 139 Abs. 1 PatG unter dem Gesichts­punkt der Erst­be­ge­hungs­ge­fahr.

Schließ­lich hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass in der Lie­fe­rung der von der Beklag­ten gepress­ten DVD ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts kei­ne "mit­tel­ba­re Ver­let­zung" eines wei­te­ren Anspruchs der Kla­ge­pa­tents lag, das auf ein Deko­die­rungs­ver­fah­ren gerich­tet war, wie es in einem Wie­der­ga­be­ge­rät aus­ge­führt wird, das nach dem MPEG-2-Stan­dard kodier­te Video­da­ten aus­le­sen kann. Bei einer im MPEG-2-Stan­dard kodier­ten DVD han­delt es sich näm­lich nicht um ein "Mit­tel, das sich auf ein wesent­li­ches Ele­ment der Erfin­dung bezieht" im Sin­ne des § 10 PatG. Die DVD trägt nicht, wie nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfor­der­lich, zur Ver­wirk­li­chung der Erfin­dung, d.h. in die­sem Fall der Deko­die­rung der Video­da­ten, bei, son­dern stellt nur den Gegen­stand dar, an dem sich die Deko­die­rung voll­zieht. Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te des­halb offen­las­sen, ob Ansprü­che wegen mit­tel­ba­rer Ver­let­zung auch des­halb aus­schei­den, weil § 10 PatG nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs einen Patent­ge­fähr­dungs­tat­be­stand ent­hält, der Hand­lun­gen ver­bie­tet, die – ohne selbst patent­ver­let­zend zu sein – die Gefahr patent­ver­let­zen­der Hand­lun­gen durch patent­ge­mä­ße Ver­wen­dung der "Mit­tel" begrün­den, und es im Streit­fall zu einer unmit­tel­ba­ren Patent­ver­let­zung nur in dem fern­lie­gen­den Fall hät­te kom­men kön­nen, dass die DVD in einem nicht-lizen­zier­ten Video­wie­der­ga­be­ge­rät abge­spielt wor­den wäre.

Eine Video­bil­der reprä­sen­tie­ren­de Fol­ge von Video­bild­da­ten kann als unmit­tel­ba­res Ergeb­nis eines Her­stel­lungs­ver­fah­rens anzu­se­hen sein und als sol­ches Erzeug­nis­schutz nach § 9 Satz 2 Nr. 3 PatG genie­ßen.

Ist eine Daten­fol­ge als unmit­tel­ba­res Ver­fah­rens­er­zeug­nis eines Video­bild­co­die­rungs­ver­fah­rens anzu­se­hen, wird vom Erzeug­nis­schutz auch ein Daten­trä­ger erfasst, auf dem die erfin­dungs­ge­mäß gewon­ne­ne Daten­fol­ge gespei­chert wor­den ist oder der eine Ver­viel­fäl­ti­gung eines sol­chen Daten­trä­gers dar­stellt.

Ist ein der­ar­ti­ger Daten­trä­ger (hier: digi­ta­les Video­mas­ter­band) mit Zustim­mung des Patent­in­ha­bers in den Ver­kehr gebracht wor­den, hält sich auch die Her­stel­lung wei­te­rer Daten­trä­ger (hier: DVDs), die die erfin­dungs­ge­mäß codier­te Daten­fol­ge ent­hal­ten, im Rah­men der aus der Erschöp­fung des Patent­rechts fol­gen­den Befug­nis zum bestim­mungs­ge­mä­ßen Gebrauch der erzeug­ten Daten­fol­ge.

Die Lie­fe­rung von Daten­trä­gern mit der erfin­dungs­ge­mä­ßen Daten­fol­ge, die nicht rechts­wid­rig ist, weil sie der Patent­in­ha­ber im Rah­men einer Test­be­stel­lung durch Zur­ver­fü­gung­stel­lung der Daten­fol­ge ver­an­lasst hat, kann die Gefahr künf­ti­ger patent­ver­let­zen­der Hand­lun­gen begrün­den, wenn der Lie­fe­rant in Unkennt­nis der Erschöp­fung han­delt.

Ein opti­scher Daten­trä­ger, der Daten ent­hält, die mit­tels eines patent­ge­schütz­ten Deco­die­rungs­ver­fah­rens in Video­bild­da­ten umge­wan­delt wer­den kön­nen, stellt nicht schon wegen die­ser Eig­nung ein Mit­tel dar, das sich auf ein wesent­li­ches Ele­ment des Deco­die­rungs­ver­fah­rens bezieht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. August 2012 – X ZR 33/​10