Der Aus­gleichs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters – und das Grund­ur­teil

Ein Grund­ur­teil kann nach § 304 Abs. 1 ZPO erge­hen, wenn ein Anspruch nach Grund und Betrag strei­tig ist und es nach dem Sach- und Streit­stand zumin­dest wahr­schein­lich ist, dass der Anspruch in irgend­ei­ner Höhe besteht 1.

Der Aus­gleichs­an­spruch des Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters – und das Grund­ur­teil

Die Vor­ab­ent­schei­dung über den Grund des Aus­gleichs­an­spruchs eines Ver­si­che­rungs­ver­tre­ters setzt grund­sätz­lich vor­aus, dass sämt­li­che Vor­aus­set­zun­gen des § 89b Abs. 5 i.V.m. Abs. 1 HGB gege­ben sind 2.

Im Hin­blick auf die für den Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter eröff­ne­te Mög­lich­keit, die von den Spit­zen­ver­bän­den der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft und des Ver­si­che­rungs­au­ßen­diens­tes ver­ein­bar­ten "Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs" 3 als Grund­la­ge für die Schät­zung (§ 287 ZPO) eines Min­dest­aus­gleichs­be­trags her­an­zu­zie­hen 4, gilt dies jedoch nicht unein­ge­schränkt, wenn der Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch macht.

Aus­weis­lich der Prä­am­beln der "Grund­sät­ze-Sach" (Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs [§ 89b HGB]) 5, der "Grund­sät­ze-Leben" (Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs [§ 89b HGB] für dyna­mi­sche Lebens­ver­si­che­run­gen) 6 und der "Grund­sät­ze-Kran­ken" (Grund­sät­ze zur Errech­nung der Höhe des Aus­gleichs­an­spruchs [§ 89b HGB] in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung) 7 bedarf es im Fal­le der Anwen­dung die­ser "Grund­sät­ze" zunächst einer Prü­fung der Fra­ge nicht, ob das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men auch nach Been­di­gung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses erheb­li­che Vor­tei­le hat oder ob die Zah­lung eines Aus­gleichs unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de der Bil­lig­keit ent­spricht, weil die "Grund­sät­ze" für den Nor­mal­fall davon aus­ge­hen, dass die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Ent­spre­chen­des gilt bei Her­an­zie­hung der "Grund­sät­ze" als Grund­la­ge für die Schät­zung (§ 287 ZPO) eines Min­dest­aus­gleichs­be­trags.

Vor die­sem Hin­ter­grund und im Hin­blick auf die hier von der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft nach den "Grund­sät­zen" vor­ge­nom­me­ne Berech­nung des "theo­re­ti­schen Aus­gleichs­an­spruchs nach § 89b HGB" zum Stich­tag kön­nen die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass eines Grund­ur­teils mit der Begrün­dung ange­nom­men wer­den, der Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter habe mit der Inbe­zug­nah­me auf eine Berech­nung nach den "Grund­sät­zen" jeden­falls dar­ge­tan, dass ihm rech­ne­risch noch ein Zah­lungs­an­spruch gegen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft zuste­he.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. August 2015 – VII ZR 90/​14

  1. BGH, Urteil vom 24.04.2014 – VII ZR 164/​13, BGHZ 201, 32 Rn. 27; st. Rspr.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 04.06.1986 – I ZR 161/​84, VersR 1986, 1072 f. 11, m.w.N.[]
  3. abge­druckt bei Küstner/​Thume, Hand­buch des gesam­ten Ver­triebs­rechts, Band 2, 9. Aufl., Anhang, S. 933 ff.; im Fol­gen­den: "Grund­sät­ze"[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2011 – VIII ZR 203/​10, NJW-RR 2012, 674 Rn. 33 ff. = ZVer­triebsR 2012, 110[]
  5. abge­druckt bei Küstner/​Thume, aaO, S. 933 ff.[]
  6. abge­druckt bei Küstner/​Thume, aaO, S. 939 ff.[]
  7. abge­druckt bei Küstner/​Thume, aaO, S. 944 ff.[]