Lebens­ver­si­che­rung im Poli­cen­mo­dell – Wider­spruch und Ver­jäh­rung

Der nach einem Wider­spruch gemäß § 5a VVG a.F. gel­tend gemach­te Berei­che­rungs­an­spruch ist nicht schon mit jeder ein­zel­nen Prä­mi­en­zah­lung, son­dern erst mit Aus­übung des Wider­spruchs­rechts im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB ent­stan­den.

Lebens­ver­si­che­rung im Poli­cen­mo­dell – Wider­spruch und Ver­jäh­rung

Wenn die Wider­spruchs­be­leh­rung nicht ord­nungs­ge­mäß war, bestand das Wider­spruchs­recht nach Ablauf der Jah­res­frist des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. und noch im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung fort. Das ergibt die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. auf der Grund­la­ge der Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 19.12 2013 1. Der Bun­des­ge­richts­hof hat mit Urteil vom 07.05.2014 2 ent­schie­den und im Ein­zel­nen begrün­det, die Rege­lung müs­se richt­li­ni­en­kon­form teleo­lo­gisch der­ge­stalt redu­ziert wer­den, dass sie im Anwen­dungs­be­reich der Zwei­ten und der Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung kei­ne Anwen­dung fin­det und für davon erfass­te Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­run­gen sowie Zusatz­ver­si­che­run­gen zur Lebens­ver­si­che­rung grund­sätz­lich ein Wider­spruchs­recht fort­be­steht, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer – wie hier zu unter­stel­len – nicht ord­nungs­ge­mäß über das Recht zum Wider­spruch belehrt wor­den ist und/​oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on oder die Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht erhal­ten hat.

Die hilfs­wei­se Kün­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges steht dem Wider­spruch nicht ent­ge­gen 3. Ein Erlö­schen des Wider­spruchs­rechts nach bei­der­seits voll­stän­di­ger Leis­tungs­er­brin­gung kommt eben­falls nicht in Betracht 4.

Die berei­che­rungs­recht­li­chen Rechts­fol­gen der Euro­pa­rechts­wid­rig­keit des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. sind nicht auf eine Wir­kung ab Zugang des Wider­spruchs (ex nunc) zu beschrän­ken, son­dern nur eine Rück­wir­kung ent­spricht dem Effek­ti­vi­täts­ge­bot 5.

Der Rück­ge­währ­an­spruch aus § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB unter­liegt der regel­mä­ßi­gen drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 195 BGB.

Die Regel­ver­jäh­rung beginnt gemäß § 199 Abs. 1 BGB grund­sätz­lich mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te. Hier begann die Ver­jäh­rung erst Ende 2008.

Der auf Rück­ge­währ der Prä­mi­en gerich­te­te Berei­che­rungs­an­spruch ent­stand erst mit dem Wider­spruch. Die Wider­spruchs­er­klä­rung ist ent­schei­dend für die Ent­ste­hung des Berei­che­rungs­an­spruchs im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 1 BGB.

In Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ist strei­tig, ob der nach einem Wider­spruch gemäß § 5a VVG a.F. gel­tend gemach­te berei­che­rungs­recht­li­che Anspruch bereits mit jeder ein­zel­nen Zah­lung ent­stan­den ist 6 oder erst mit der Aus­übung des Wider­spruchs­rechts 7.

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt die letzt­ge­nann­te Auf­fas­sung 8.

Ent­stan­den ist ein Anspruch, sobald er im Wege der Kla­ge gel­tend gemacht wer­den kann 9. Vor­aus­set­zung dafür ist grund­sätz­lich die Fäl­lig­keit des Anspruchs, die dem Gläu­bi­ger die Mög­lich­keit der Leis­tungs­kla­ge ver­schafft 10. Der Berei­che­rungs­an­spruch wur­de erst fäl­lig, als der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Wider­spruch erklär­te und damit dem bis dahin schwe­bend unwirk­sa­men Ver­si­che­rungs­ver­trag 11 end­gül­tig die Wirk­sam­keit ver­sag­te.

Auch wenn wäh­rend der schwe­ben­den Unwirk­sam­keit (noch) kein Rechts­grund für die Prä­mi­en­zah­lung des Ver­si­che­rungs­neh­mers bestand, wur­de erst durch den Wider­spruch der Schwe­be­zu­stand been­det und Klar­heit geschaf­fen, dass dem Ver­si­che­rer die geleis­te­ten Prä­mi­en nicht zustan­den. Erst nach der Ent­schei­dung des Ver­si­che­rungs­neh­mers, den Wider­spruch zu erklä­ren, stand fest, dass der Ver­trag, den die Par­tei­en bis dahin wie einen wirk­sa­men Ver­trag durch­ge­führt hat­ten, end­gül­tig unwirk­sam war 12. Dies gilt auch für ein fort­dau­ern­des Wider­spruchs­recht, das dem­je­ni­gen Ver­si­che­rungs­neh­mer zusteht, der nicht oder nicht ord­nungs­ge­mäß belehrt wur­de und/​oder die AVB und/​oder die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on nicht erhal­ten hat. Auch wenn ihm nach Maß­ga­be des BGH, Urteils vom 07.05.2014 (aaO) eine zeit­lich unbe­grenz­te Wider­spruchs­mög­lich­keit zustand, war von ihm spä­tes­tens bei Rück­for­de­rung der Prä­mi­en eine Erklä­rung abzu­ge­ben, dass er den Ver­trag nicht wirk­sam zustan­de kom­men las­sen woll­te. Aus­ge­hend davon ist der Wider­spruch als Vor­aus­set­zung für die kla­ge­wei­se Gel­tend­ma­chung des Berei­che­rungs­an­spruchs und damit für die Ent­ste­hung des Anspruchs und den dar­an geknüpf­ten Beginn der Ver­jäh­rungs­frist anzu­se­hen.

Dem kann nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass der Ver­jäh­rungs­be­ginn in das Belie­ben des Ver­si­che­rungs­neh­mers gestellt wer­de. Inso­weit ist die Beur­tei­lung nicht anders als in dem Fall vor­zu­neh­men, in dem die Ent­ste­hung des Anspruchs von einer Anfech­tung, einem Rück­tritt 13 oder einer Kün­di­gung abhängt. Auch da beginnt die Ver­jäh­rung erst mit der wirk­sa­men Erklä­rung.

Kennt­nis von den anspruchs­be­grün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners – der Beklag­ten – im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB hat­te der Ver­si­che­rungs­neh­mer jeden­falls im Zeit­punkt der Wider­spruchs­er­klä­rung, so dass die Ver­jäh­rung mit dem Schluss des Jah­res 2008 begann. Vor Ablauf der drei­jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist Ende 2011 erhob der Ver­si­che­rungs­neh­mer die Kla­ge im April 2011.

Der Höhe nach umfasst der Rück­ge­währ­an­spruch nach § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB nicht unein­ge­schränkt alle gezahl­ten Prä­mi­en. Viel­mehr muss sich der Ver­si­che­rungs­neh­mer bei der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung den jeden­falls bis zur Kün­di­gung des Ver­tra­ges genos­se­nen Ver­si­che­rungs­schutz anrech­nen las­sen. Der Wert des Ver­si­che­rungs­schut­zes kann unter Berück­sich­ti­gung der Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on bemes­sen wer­den; bei Lebens­ver­si­che­run­gen kann etwa dem Risi­ko­an­teil Bedeu­tung zukom­men 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. April 2015 – IV ZR 103/​15

  1. EuGH, VersR 2014, 225[]
  2. BGH, Urteil vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11, BGHZ 201, 101 Rn. 1734[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 36 m.w.N.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 37 m.w.N.[]
  5. dazu im Ein­zel­nen BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 4244[]
  6. so LG Wies­ba­den, Urteil vom 23.12 2014 – 7 S 14/​14, nicht ver­öf­fent­licht, S. 5 f.; LG Hei­del­berg, Urtei­le vom 25.09.2014 – 1 S 15/​13 43; 1 S 8/​14 44; LG Aurich, Urteil vom 05.06.2014 – 2 O 1164/​12, nicht ver­öf­fent­licht, unter – III 3; Arm­brüs­ter, NJW 2014, 497, 498 und VersR 2012, 513, 522; Heyers, NJW 2014, 2619, 2622; Jacob, juris­PR-VersR 8/​2014 Anm. 2 unter D[]
  7. so OLG Stutt­gart, Urteil vom 23.10.2014 – 7 U 54/​14 125; OLG Düs­sel­dorf, Hin­weis­be­schluss vom 12.09.2014 – I4 U 116/​13, nicht ver­öf­fent­licht, unter – I 1; OLG Köln, Urteil vom 05.09.2014 – 20 U 88/​14 38; LG Frank­furt (Oder), Urteil vom 01.12 2014 – 16 S 240/​12, nicht ver­öf­fent­licht, unter – II 3; LG Kiel r+s 2014, 446 Rn. 41; Koch, LMK 2014, 359159 unter 2; Reiff, r+s 2015, 105, 114[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 24.04.2013 – IV ZR 23/​12, VersR 2013, 899 Rn. 16[]
  9. BGH, Urtei­le vom 16.09.2010 – IX ZR 121/​09, WM 2010, 2081 Rn. 22 m.w.N.; Beschluss vom 19.12 1990 – VIII ARZ 5/​90, BGHZ 113, 188, 191; vom 17.02.1971 – VIII ZR 4/​70, BGHZ 55, 340, 341 m.w.N.[]
  10. BGH, Beschluss vom 19.12 1990 aaO Rn.191 f.; Münch­Komm-BGB/Gro­the, 6. Aufl. § 199 BGB Rn. 4; Palandt/​Ellenberger, BGB 74. Aufl. § 199 BGB Rn. 3; Staudinger/​Peters/​Jacoby [2014], § 199 BGB Rn. 7[]
  11. vgl. hier­zu BGH, Urtei­le vom 16.07.2014 – IV ZR 73/​13, BGHZ 202, 102 Rn. 14; vom 07.05.2014 aaO Rn. 15[]
  12. so auch OLG Stutt­gart, Urteil vom 23.10.2014 – 7 U 54/​14 125; OLG Köln, Urteil vom 05.09.2014 – 20 U 88/​14 38; Reiff r+s 2015, 105, 114[]
  13. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 17.12 2014 – IV ZR 260/​11, r+s 2015, 60 Rn. 34[]
  14. BGH, Urteil vom 07.05.2014 aaO Rn. 45 m.w.N.[]