Beru­fungs­be­grün­dungs­frist und der über­gan­ge­ne PKH-Antrag

Einem Beru­fungs­klä­ger ist auch dann Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist zu gewäh­ren, wenn das Beru­fungs­ge­richt sein Rechts­mit­tel wegen Ver­säu­mung die­ser Frist ver­wor­fen hat, ohne zuvor über das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such des Rechts­mit­tel­füh­rers ent­schie­den zu haben, und die­ser die Ver­wer­fungs­ent­schei­dung anficht, aber eine Beru­fungs­be­grün­dung wäh­rend des Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens nicht nach­holt [1].

Beru­fungs­be­grün­dungs­frist und der über­gan­ge­ne PKH-Antrag

Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs war in solch einem Fall für die Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist auch die Mit­tel­lo­sig­keit des Klä­gers ursäch­lich, so dass vor­ab über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu ent­schei­den gewe­sen wäre und dem Klä­ger sodann Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand hät­te gewährt wer­den müssen.

So hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hin­rei­chend deut­lich gemacht, dass er die Beru­fungs­be­grün­dung von der Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe abhän­gig machen woll­te. Er hat in sei­nem, gera­de noch vor Ablauf der ver­län­ger­ten Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz vom 09.09.2010 nicht ledig­lich nach dem Stand des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­rens gefragt. Viel­mehr ergibt sich aus dem Schrei­ben, dass er sich auch infol­ge der bis­lang unter­blie­be­nen Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe dar­in gehin­dert sah, die Beru­fungs­be­grün­dung zu fer­ti­gen. Mit dem Schrift­satz hat der Rechts­an­walt die Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bis zum 9.10.2010 bean­tragt. Unter der Über­schrift „Begrün­dung“ befin­det sich nach der Dar­stel­lung, dass eine Rück­spra­che mit dem Klä­ger wegen des­sen Erkran­kung bis­her nicht habe erfol­gen kön­nen, der Absatz „Gleich­zei­tig steht noch die Ent­schei­dung über die bean­trag­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe aus. Dies­be­züg­lich bit­te ich eben­falls noch­mals und höf­lichst um Mit­tei­lung einer Ent­schei­dung.“ Dar­an schließt sich der Satz an „Um antrags­ge­mä­ße Ver­län­ge­rung wird daher höf­lichst gebe­ten.“ Die­se Wen­dung fasst mit dem Wort „daher“ zur Begrün­dung des Ver­län­ge­rungs­an­trags die davor ste­hen­den Aus­füh­run­gen, also auch den Hin­weis auf die bis­lang unter­blie­be­ne Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe, zusam­men. Da kein Anhalts­punkt dafür vor­han­den ist, dass sich der Klä­ger nicht für bedürf­tig hal­ten durf­te, hät­te ihm nach der Beschei­dung sei­nes Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­suchs Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gewährt wer­den müssen.

Des­halb hät­te das Beru­fungs­ge­richt zunächst über die­sen Antrag ent­schei­den und dem Klä­ger Gele­gen­heit geben müs­sen, anschlie­ßend einen Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zu stel­len [2]. Dies gilt auch, wenn die bean­trag­te Pro­zess­kos­ten­hil­fe abzu­leh­nen gewe­sen wäre, weil es dem Klä­ger hät­te ermög­licht wer­den müs­sen, nach einer Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand das Beru­fungs­ver­fah­ren auf eige­ne Kos­ten durch Begrün­dung der Beru­fung fort­zu­füh­ren [3].

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung stellt sich auch nicht des­halb im Ergeb­nis als rich­tig dar, weil der Klä­ger die Beru­fungs­be­grün­dung – unge­ach­tet der unzu­tref­fen­den Ver­wer­fung sei­nes Rechts­mit­tels und ihrer Anfech­tung – nach Ableh­nung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags mit Beschluss vom 26.10.2010 inner­halb der Frist des § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO nebst einer Über­le­gungs­frist von drei bis vier Tagen [4] hät­te nach­ho­len müssen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [5] wird zwar grund­sätz­lich der Lauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nicht durch einen (ange­foch­te­nen) die Beru­fung ver­wer­fen­den Beschluss unterbrochen.

Die­se Recht­spre­chung ist aber auf die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung nicht zu über­tra­gen. Für einen ver­gleich­ba­ren Sach­ver­halt hat der Bun­des­ge­richts­hof [6] eine Oblie­gen­heit des Beru­fungs­klä­gers, die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist zu bean­tra­gen und die Begrün­dung nach­zu­ho­len, nach­dem sein Rechts­mit­tel ver­wor­fen und anschlie­ßend Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sagt wur­de, nicht erwo­gen. Viel­mehr hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass (erst) mit der Zustel­lung sei­nes die Ver­wer­fungs­ent­schei­dung auf­he­ben­den Beschlus­ses die Wie­der­ein­set­zungs­frist hin­sicht­lich der abge­lau­fe­nen Beru­fungs­be­grün­dungs­frist zu lau­fen begin­ne [7]. Dies ist auch sach­ge­recht, denn es kann vor der Ent­schei­dung über das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such weder dem Antrag­stel­ler zuge­mu­tet wer­den, an sei­nen Rechts­an­walt eine (Vor­schuss)Zah­lung zu leis­ten, noch dem Anwalt – auf das Risi­ko hin, eine Ent­loh­nung weder von der Staats­kas­se noch von sei­nem Man­dan­ten zu erhal­ten, eine Beru­fungs­be­grün­dung zu fertigen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Okto­ber 2011 – III ZB 31/​11

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 23.03.2011 – XII ZB 51/​11, NJW-RR 2011, 995[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.03.2011 – XII ZB 51/​11, NJW-RR 2011, 995 Rn. 10 und vom 03.12.2003 – VIII ZB 80/​03, NJW-RR 2004, 1218, 1219[]
  3. vgl. BGH aaO[]
  4. vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 20.01.2009 – VIII ZA 21/​08, NJW-RR 2009, 789 Rn. 6 mwN[]
  5. z.B. BGH, Beschluss vom 29.04.2004 – III ZB 72/​03, BGHR ZPO § 520 Abs. 2 Beru­fungs­be­grün­dungs­frist 2; BGH, Beschlüs­se vom 13.01.1998 – VIII ZB 48/​97, NJW 1998, 1155; vom 07.06.1978 – IV ZB 13/​78, VersR 1978, 841; vom 16.03.1977 – IV ZB 5/​77, VersR 1977, 573 und vom 18.12.1974 – VIII ZB 35/​74, VersR 1975, 421; sie­he auch RGZ 158, 195, 197[]
  6. BGH, Beschluss vom 23.03.2011 – XII ZB 51/​11, NJW-RR 2011, 995[]
  7. aaO, Rn. 15[]

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  • Land­ge­richt Bre­men: Bild­rech­te beim Autor
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