Das Ver­wer­fungs­ur­teil in der Beru­fungs­in­stanz – und die Ent­schei­dungs­grün­de

Ver­wirft das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung nicht durch Beschluss, son­dern durch Urteil als unzu­läs­sig, ohne den für die Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Sach­ver­halt mit­zu­tei­len, führt die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Beru­fungs­klä­gers ohne wei­te­res zur Auf­he­bung des Urteils und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Beru­fungs­ge­richt.

Das Ver­wer­fungs­ur­teil in der Beru­fungs­in­stanz – und die Ent­schei­dungs­grün­de

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ent­hielt die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung weder einen Tat­be­stand noch nimmt sie auf die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung Bezug; auch die Anträ­ge der Klä­ge­rin sind nicht wie­der­ge­ge­ben. Wel­che Beschlüs­se aus wel­cher Eigen­tü­mer­ver­samm­lung die Klä­ge­rin mit wel­chen Argu­men­ten ange­grif­fen hat, lässt sich dem Urteil nur bruch­stück­haft ent­neh­men. Offen­kun­dig ist das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen, die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de sei gemäß § 62 Abs. 2 WEG nicht statt­haft.

Aus­nahms­wei­se kann eine feh­len­de Sach­ver­halts­dar­stel­lung auch in dem Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de – wie im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren – ohne wei­te­res zur Auf­he­bung des Urteils und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Beru­fungs­ge­richt füh­ren, näm­lich dann, wenn – wie hier – eine Beru­fung durch Urteil als unzu­läs­sig ver­wor­fen wor­den ist.

Das Beru­fungs­ge­richt kann die Beru­fung ent­we­der durch Urteil oder durch Beschluss als unzu­läs­sig ver­wer­fen (§ 522 Abs. 1 Satz 3 ZPO); in letz­te­rem Fall steht dem Beru­fungs­klä­ger die Rechts­be­schwer­de gemäß § 544 ZPO offen (§ 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO), wäh­rend gegen ein Urteil die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 544 ZPO statt­haft ist, sofern das Beru­fungs­ge­richt die Revi­si­on nicht zuge­las­sen hat.

Ergeht die Ent­schei­dung durch Beschluss und gibt die­ser den für die Ent­schei­dung maß­geb­li­chen Sach­ver­halt nicht wie­der, begrün­det dies einen Ver­fah­rens­man­gel, den das Rechts­be­schwer­de­ge­richt auf die Rechts­be­schwer­de hin von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen hat und der ohne wei­te­res die Auf­he­bung der Beschwer­de­ent­schei­dung nach sich zieht. Denn das Rechts­be­schwer­de­ge­richt hat gemäß § 577 Abs. 2 Satz 4, § 559 ZPO grund­sätz­lich von dem Sach­ver­halt aus­zu­ge­hen, den das Beschwer­de­ge­richt fest­ge­stellt hat. Feh­len tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen, ist es zu einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht in der Lage 1.

Das Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gestal­tet sich im Grund­satz anders. Weil § 544 ZPO nicht auf § 559 ZPO Bezug nimmt, ist das Beschwer­de­vor­brin­gen auch in tat­säch­li­cher Hin­sicht Grund­la­ge der Ent­schei­dung über die Zulas­sung. Fehlt in einem ange­foch­te­nen Urteil die Dar­stel­lung des Sach­ver­halts, hat der Beschwer­de­füh­rer den Sach­ver­halt mit­zu­tei­len und anhand des­sen die Zulas­sungs­grün­de dar­zu­le­gen; andern­falls ist die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zurück­zu­wei­sen. Allein das Feh­len tat­be­stand­li­cher Dar­stel­lun­gen stellt kei­nen Grund für die Zulas­sung der Revi­si­on dar, obwohl die­ser Feh­ler im Revi­si­ons­ver­fah­ren von Amts wegen die Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung zur Fol­ge hat 2. Dar­in liegt auch kein Ver­stoß gegen den Anspruch der Klä­ge­rin auf Wah­rung recht­li­chen Gehörs, der zur Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits an das Beru­fungs­ge­richt füh­ren könn­te (§ 544 Abs. 7 ZPO i.V.m. Art. 103 Abs. 1 GG).

Danach müss­te der Beru­fungs­klä­ger, um die Zulas­sung der Revi­si­on in dem Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren zu errei­chen, einen über die feh­len­den tat­be­stand­li­chen Fest­stel­lun­gen hin­aus­ge­hen­den Zulas­sungs­grund gemäß § 544 Abs. 2 Satz 3 ZPO dar­le­gen, was nicht erfor­der­lich wäre, um der Rechts­be­schwer­de gegen einen Beschluss glei­chen Inhalts zum Erfolg zu ver­hel­fen. Der Rechts­schutz gegen eine die Beru­fung ver­wer­fen­de Ent­schei­dung darf aber nicht von der Ver­fah­rens­wei­se des Gerichts und der jewei­li­gen Ent­schei­dungs­form abhän­gen. Der Gesetz­ge­ber hat die Her­aus­nah­me von die Beru­fung ver­wer­fen­den Urtei­len aus dem Anwen­dungs­be­reich von § 26 Nr. 8 EGZPO (und § 26 Nr. 9 EGZPO aF) mit der Über­le­gung begrün­det, im Hin­blick auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Rele­vanz des gleich­mä­ßi­gen und will­kürfrei­en Zugangs zur Rechts­mit­tel­in­stanz müs­se ein wei­ter Rechts­schutz gegen Ver­wer­fungs­ent­schei­dun­gen des Beru­fungs­ge­richts unab­hän­gig davon gewähr­leis­tet sein, ob sie als Urteil oder als Beschluss ergin­gen 3. Die­se Erwä­gun­gen gel­ten glei­cher­ma­ßen im Hin­blick auf die Fol­gen, die sich an das Feh­len tat­be­stand­li­cher Fest­stel­lun­gen knüp­fen. Daher muss das Ver­fah­ren der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de inso­weit dem Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren ange­gli­chen wer­den; die­ses Ergeb­nis ist zu erzie­len, indem in die­ser Fall­kon­stel­la­ti­on in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO ver­fah­ren wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2014 – V ZR 290/​13

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 18.04.2013 – V ZB 81/​12 3; und vom 15.05.2012 – V ZB 282/​11, ZWE 2012, 336 Rn. 3; BGH, Beschlüs­se vom 14.06.2010 – II ZB 20/​09, NJW-RR 2010, 1582 Rn. 5; und vom 20.06.2002 – IX ZB 56/​01, NJW 2002, 2648 f., jeweils mwN[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 26.06.2003 – V ZR 441/​02, NJW 2003, 3208; und vom 12.02.2004 – V ZR 125/​03, NJW-RR 2004, 712, 713[]
  3. BT-Drs. 15/​1508, S. 22; vgl. auch BGH, Beschluss vom 19.07.2012 – V ZR 255/​11, NJW 2012, 3310 Rn. 7 f.[]