Der Rechts­an­walt als Ehe­gat­te

Ein Rich­ter kann wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wer­den, wenn sein Ehe­gat­te als Rechts­an­walt in der Kanz­lei tätig ist, die den Geg­ner vor die­sem Rich­ter ver­tritt.

Der Rechts­an­walt als Ehe­gat­te

Die Fra­ge, ob allein eine Ehe oder nahe Ver­wandt­schaft eines Rich­ters mit einem in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Geg­ners täti­gen Rechts­an­walt für die Par­tei die Besorg­nis der Befan­gen­heit im Sin­ne des § 42 Abs. 2 ZPO begrün­det, ist strei­tig.

Nach eini­gen Stim­men ist das zu beja­hen 1. Zur Begrün­dung wird auf § 20 Abs. 1 Nr. 3 BRAO aF ver­wie­sen. Nach die­ser Vor­schrift konn­te der Ehe­part­ner oder ein Ver­wand­ter eines Rich­ters in dem­sel­ben Gerichts­be­zirk grund­sätz­lich nicht als Rechts­an­walt zuge­las­sen wer­den, womit das Ziel ver­folgt wur­de, den Anschein zu ver­mei­den, dass der Rechts­an­walt allein auf Grund der per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu dem Rich­ter in der Lage sei, sei­nem Man­dan­ten zu einem unge­recht­fer­tig­ten Erfolg zu ver­hel­fen 2. Die­ser all­ge­mei­ne, frü­her schon der Zulas­sung des Rechts­an­walts ent­ge­gen­ste­hen­de Gesichts­punkt kom­me in einem Rechts­streit für eine Par­tei beson­ders zum Tra­gen, wenn der Ehe­gat­te des Rich­ters in der den Geg­ner ver­tre­ten­den Anwalts­kanz­lei (als Sozi­us oder als ange­stell­ter Rechts­an­walt) tätig sei. Allein die­ser Umstand ver­mö­ge aus der Sicht einer ver­nünf­ti­gen Par­tei die Besorg­nis zu begrün­den, dass der Rich­ter bei der Aus­übung sei­nes Amts davon beein­flusst sein könn­te 3. Zudem wird dar­auf ver­wie­sen, dass eine Par­tei nicht wis­sen kön­ne, ob der in der Anwalts­kanz­lei des Geg­ners täti­ge Ehe­gat­te mit der Sache tat­säch­lich befasst sei oder nicht, da dies die inter­ne Auf­ga­ben­ver­tei­lung in einer Kanz­lei betref­fe 4.

Dem steht die Ansicht gegen­über, dass die Ehe des Rich­ters mit einer Rechts­an­wäl­tin, die zwar Mit­glied der Sozie­tät oder ange­stell­te Anwäl­tin in der den Geg­ner ver­tre­ten­den Kanz­lei, aber nicht des­sen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te sei, nicht die Ableh­nung des Rich­ters wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit recht­fer­ti­ge; es müss­ten viel­mehr kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine Befan­gen­heit hin­zu­tre­ten 5. Zur Begrün­dung wird dar­auf ver­wie­sen, dass die Annah­me der Befan­gen­heit des Rich­ters wegen der Tätig­keit sei­nes Ehe­gat­ten in der Kanz­lei des Geg­ners einem gesetz­li­chen Aus­schlie­ßungs­grund im Sin­ne des § 41 ZPO gleich­kä­me, der Gesetz­ge­ber aber einen sol­chen Aus­schlie­ßungs­tat­be­stand in den Kata­log des § 41 ZPO nicht auf­ge­nom­men habe 6. Auch gebe die inzwi­schen auf­ge­ho­be­ne Vor­schrift des § 20 BRAO aF für die Aus­le­gung des § 42 ZPO nichts her, da deren Ziel der Schutz der Rechts­pfle­ge vor abs­trak­ten Gefähr­dun­gen gewe­sen sei, wäh­rend es bei der Fra­ge, ob eine Befan­gen­heit des Rich­ters anzu­neh­men sei, um eine Ent­schei­dung im kon­kre­ten Ein­zel­fall unter Zugrun­de­le­gung eines par­tei­ob­jek­ti­ven Maß­sta­bes gehe 7.

Umstän­de, wel­che die Besorg­nis der Befan­gen­heit in die­sen Fäl­len recht­fer­ti­gen, wer­den dann ange­nom­men, wenn es infol­ge der Ehe zu einem Gespräch zwi­schen dem Rich­ter und dem Pro­zess­ver­tre­ter des Geg­ners über den Rechts­streit gekom­men ist 8 oder der als Rechts­an­walt täti­ge Ehe­gat­te des Rich­ters ein beson­de­res wirt­schaft­li­ches Inter­es­se am Aus­gang des Pro­zes­ses hat 9.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zu der Rechts­fra­ge noch nicht Stel­lung genom­men. Die Ent­schei­dun­gen, in denen es um per­sön­li­che Bezie­hun­gen von Rich­tern zu Rechts­an­wäl­ten ging, betra­fen Mit­glie­der in den Vor­in­stan­zen täti­ger Rechts­an­walts­kanz­lei­en.

Der Bun­des­ge­richts­hof teilt die Ansicht, dass ein Rich­ter wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wer­den kann, wenn sein Ehe­gat­te als Rechts­an­walt in der Kanz­lei tätig ist, die den Geg­ner vor die­sem Rich­ter ver­tritt.

Ein Ableh­nungs­grund nach § 42 Abs. 2 ZPO liegt vor, wenn aus der Sicht der ableh­nen­den Par­tei bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass gege­ben ist, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit und objek­ti­ven Ein­stel­lung des Rich­ters zu zwei­feln 10. Dafür genügt es, dass die Umstän­de geeig­net sind, der Par­tei Anlass zu begrün­de­ten Zwei­feln zu geben, da es bei den Vor­schrif­ten der Befan­gen­heit von Rich­tern dar­um geht, bereits den bösen Schein einer mög­li­cher­wei­se feh­len­den Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Objek­ti­vi­tät zu ver­mei­den 11. Die Vor­schrif­ten die­nen zugleich der Ver­wirk­li­chung des ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten Anspruchs der Par­tei­en, nicht vor einem Rich­ter ste­hen zu müs­sen, dem es an der gebo­te­nen Neu­tra­li­tät fehlt 12.

Gemes­sen dar­an ist das auf die Tätig­keit der Ehe­frau des Rich­ters in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers gestütz­te Ableh­nungs­ge­such der Beklag­ten begrün­det. Schon die beson­de­re beruf­li­che Nähe der Ehe­frau des Rich­ters zu dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Geg­ners gibt der Par­tei begrün­de­ten Anlass zur Sor­ge, dass es dadurch zu einer unzu­läs­si­gen Ein­fluss­nah­me auf den Rich­ter kom­men könn­te. Auch wenn grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen ist, dass Rich­ter über jene inne­re Unab­hän­gig­keit und Distanz ver­fü­gen, die sie befä­hi­gen, unvor­ein­ge­nom­men und objek­tiv zu ent­schei­den, ist es einer Par­tei nicht zuzu­mu­ten, dar­auf zu ver­trau­en, dass eine unzu­läs­si­ge Ein­fluss­nah­me durch den Geg­ner unter­blei­ben wird, und den Rich­ter erst dann abzu­leh­nen, wenn dies doch geschieht und ihr das bekannt wird 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. März 2012 – V ZB 102/​11

  1. OLG Schles­wig OLGR 2000, 390; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 29. Aufl., § 42 Rn. 13[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.11.1994 – AnwZ (B) 53/​94, NJW-RR 1995, 1266; und vom 04.05.1998 – AnwZ (B) 78/​97, NJW-RR 1999, 572[]
  3. OLG Schles­wig, aaO[]
  4. Zöller/​Vollkommer, aaO[]
  5. KG, NJW-RR 2000, 1164, 1165; OLG Cel­le, OLGR 1995, 272, 273; OLG Ham­burg, OLGR 2005, 406; Münch­Komm-ZPO/Gehr­lein, 3. Aufl., § 43 Rn. 9; Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 42 Rn. 4[]
  6. OLG Cel­le, aaO[]
  7. OLG Ham­burg, aaO[]
  8. vgl. KG, NJW-RR 2000, 1164, 1165[]
  9. vgl. LG Hanau, NJW-RR 2003, 1368 Rechts­streit über eine Hono­rar­for­de­rung[]
  10. BGH, Beschlüs­se vom 02.10.2003 – V ZB 22/​03, BGHZ 156, 269, 270; und vom 06.04.2006 – V ZB 194/​05, NJW 2006, 2492, 2494 Rn. 26[]
  11. BVerfGE, 108, 122, 126 = NJW 2003, 3404, 3405[]
  12. vgl. BVerfGE 89, 28, 36; BGH, Urteil vom 15.12.1994 – I ZR 121/​92, NJW 1995, 1677, 1678[]
  13. zur Begründ­etheit einer Ableh­nung in die­sem Fal­le: vgl. KG, NJW-RR 2000, 1164, 1165[]