Der Unter­las­sungs­an­spruch des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers – und die gewill­kür­te Pro­zesstand­schaft

Macht eine Par­tei den Unter­las­sungs­an­spruch eines Grund­stücks­ei­gen­tü­mers aus § 1004 BGB bzw. aus § 862 BGB im Wege der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft gel­tend, muss sich das schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se auf die Besei­ti­gung der Beein­träch­ti­gung des Eigen­tums bzw. des Besit­zes an dem Grund­stück bezie­hen.

Der Unter­las­sungs­an­spruch des Grund­stücks­ei­gen­tü­mers – und die gewill­kür­te Pro­zesstand­schaft

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall füh­ren sowohl die Klä­ge­rin wie auch der Beklag­te füh­ren unab­hän­gig von­ein­an­der Alt­klei­der­samm­lun­gen durch, indem sie öffent­lich zugäng­li­che Sam­mel­con­tai­ner für Klei­der­spen­den auf­stel­len. Der Beklag­te stell­te auf drei Grund­stü­cken Alt­klei­der­con­tai­ner auf, ohne eine Geneh­mi­gung der jewei­li­gen Eigen­tü­mer ein­ge­holt zu haben. Die Klä­ge­rin ver­langt im Wege der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft von ihm, das Auf­stel­len von Alt­klei­der­con­tai­nern auf den Grund­stü­cken zu unter­las­sen. Sie ist hier­zu von den Grund­stücks­ei­gen­tü­mern ermäch­tigt.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Augs­burg hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Beklag­ten hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zurück­ge­wie­sen 2. Dage­gen hob nun der Bun­des­ge­richts­hof die baye­ri­schen Vor­ent­schei­dun­gen auf und wies die Kla­ge als unzu­läs­sig ab.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hält die gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft der Klä­ge­rin für zuläs­sig. Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts wür­den die Alt­klei­der­con­tai­ner des Beklag­ten auf­grund ihres opti­schen Erschei­nungs­bil­des häu­fig mit den­je­ni­gen der Klä­ge­rin ver­wech­selt. Die Klä­ge­rin sei Mit­be­wer­be­rin des Beklag­ten auf dem Gebiet der Alt­klei­der­samm­lung. Die Par­tei­en befän­den sich somit in einer Kon­kur­renz­si­tua­ti­on. Das genü­ge, um ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se und damit das für eine gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft erfor­der­li­che schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se zu beja­hen. Der Unter­las­sungs­an­spruch beru­he auf §§ 1004, 862 BGB.

Die­se Aus­füh­run­gen hiel­ten recht­li­cher Nach­prü­fung durch den Bun­des­ge­richts­hof nicht stand. Die Kla­ge ist unzu­läs­sig, da die Klä­ge­rin nicht pro­zess­füh­rungs­be­fugt ist (§ 51 ZPO).

Zutref­fend ist aller­dings der recht­li­che Aus­gangs­punkt des Ober­lan­des­ge­richts. Eine gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft ist zuläs­sig, wenn der Pro­zess­füh­ren­de vom Rechts­in­ha­ber zu die­ser Art der Pro­zess­füh­rung ermäch­tigt wor­den ist und er ein eige­nes schutz­wür­di­ges Inter­es­se an ihr hat 3. Das schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se ist gege­ben, wenn die Ent­schei­dung Ein­fluss auf die eige­ne Rechts­la­ge des Pro­zess­füh­rungs­be­fug­ten hat 4. Es kann auch durch ein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se begrün­det wer­den 5.

Rechts­feh­ler­haft meint das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, die­se Vor­aus­set­zun­gen sei­en gege­ben.

Aller­dings ist die Klä­ge­rin durch die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer zur Gel­tend­ma­chung des Unter­las­sungs­an­spruchs ermäch­tigt wor­den. Die Ermäch­ti­gung ist auch wirk­sam. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Anspruch aus § 1004 BGB untrenn­bar mit dem ding­li­chen Recht ver­bun­den und nicht selb­stän­dig über­trag­bar ist 6 und dass auch der Anspruch wegen Besitz­stö­rung aus § 862 BGB nicht iso­liert, son­dern nur dann abge­tre­ten wer­den kann, wenn der Besitz an den Zes­sio­nar über­tra­gen wird 7. Die gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft setzt zwar in der Regel die Abtret­bar­keit des gel­tend zu machen­den Rechts vor­aus 8. In der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ist jedoch geklärt, dass ein Anspruch unter Umstän­den auch dann im Wege der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft gel­tend gemacht wer­den kann, wenn er nicht abtret­bar ist 9. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dies bejaht für den Grund­buch­be­rich­ti­gungs­an­spruch nach § 894 BGB 10 und für den Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 985 BGB 11. Er hat dies auch für den Unter­las­sungs­an­spruch des Eigen­tü­mers aus § 1004 BGB ange­nom­men 12. Das gilt für den Anspruch wegen Besitz­stö­rung aus § 862 BGB glei­cher­ma­ßen 13. Denn es besteht kein sach­li­cher Grund, den pos­ses­so­ri­schen Anspruch des Besit­zers wegen Besitz­stö­rung anders zu behan­deln als den ding­li­chen Her­aus­ga­be­an­spruch des Eigen­tü­mers.

Der Klä­ge­rin fehlt aber das für eine gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft erfor­der­li­che schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se.

Es ergibt sich, anders als das Ober­lan­des­ge­richt meint, nicht dar­aus, dass die Par­tei­en Kon­kur­ren­ten auf dem Alt­klei­der­sam­mel­markt sind und die Alt­klei­der­con­tai­ner des Beklag­ten mit den­je­ni­gen der Klä­ge­rin ver­wech­selt wer­den kön­nen.

Das schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se des Pro­zess­stand­schaf­ters muss sich auf das Recht bezie­hen, zu des­sen Gel­tend­ma­chung er ermäch­tigt wor­den ist. Geht es um die Beein­träch­ti­gung eines Rechts, muss es in der Besei­ti­gung der ein­ge­tre­te­nen Beein­träch­ti­gung bestehen. Das ist auch für die Aner­ken­nung eines wirt­schaft­li­chen Eigen­in­ter­es­ses erfor­der­lich und bedeu­tet, dass nicht jedes wirt­schaft­li­che Eigen­in­ter­es­se des Pro­zess­stand­schaf­ters aus­rei­chend ist. Auch die­ses muss sich aus der Bezie­hung zu dem frem­den Recht erge­ben. Die Zuläs­sig­keit der kla­ge­wei­sen Gel­tend­ma­chung eines frem­den Rechts im eige­nen Namen, bei der es sich um einen Aus­nah­me­tat­be­stand han­delt 14, fin­det nur dann ihre Recht­fer­ti­gung, wenn das Inter­es­se des Pro­zesstand­schaf­ters auf die Ver­wirk­li­chung gera­de die­ses Rechts gerich­tet ist. Macht eine Par­tei den Unter­las­sungs­an­spruch eines Grund­stücks­ei­gen­tü­mers aus § 1004 BGB bzw. aus § 862 BGB im Wege der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft gel­tend, muss sich das schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se daher auf die Besei­ti­gung der Beein­träch­ti­gung des Eigen­tums bzw. des Besit­zes an dem Grund­stück bezie­hen.

Das ist hier nicht der Fall. Das Eigen­in­ter­es­se der Klä­ge­rin bezieht sich nicht auf die Besei­ti­gung der von den Alt­klei­der­con­tai­nern aus­ge­hen­den Beein­träch­ti­gung des Eigen­tums oder des Besit­zes an den Grund­stü­cken der Ermäch­ti­gen­den, son­dern auf die Been­di­gung einer Wett­be­werbs­si­tua­ti­on auf dem Alt­klei­der­sam­mel­markt. Etwai­ge Wett­be­werbs­ver­stö­ße der Beklag­ten kön­nen das schutz­wür­di­ge Inter­es­se aber nicht begrün­den. Die Vor­schrif­ten zum Schutz des Eigen­tums sind kei­ne Markt­ver­hal­tens­re­ge­lun­gen, die unter dem Gesichts­punkt des Rechts­bruchs als Wett­be­werbs­ver­stö­ße nach § 3, § 4 Nr. 11 UWG ver­folgt wer­den könn­ten 15.

Anders wäre es, wenn die Klä­ge­rin auf­grund einer Nut­zungs­ver­ein­ba­rung mit den Grund­stücks­ei­gen­tü­mern berech­tigt wäre, (künf­tig) eige­ne Alt­klei­der­con­tai­ner auf­zu­stel­len. Dann bestün­de zwi­schen ihnen eine Rechts­be­zie­hung, aus der ein Inter­es­se der Klä­ge­rin abge­lei­tet wer­den könn­te, die Grund­stü­cke von den stö­ren­den Alt­klei­der­con­tai­nern des Beklag­ten frei zu machen. Vor­trag zu einer sol­chen Nut­zungs­ver­ein­ba­rung ist indes nicht auf­ge­zeigt.

Die Revi­si­ons­er­wi­de­rung macht ohne Erfolg gel­tend, das Inter­es­se der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer, die Mühe der Rechts­ver­fol­gung gegen den Beklag­ten nicht auf sich neh­men zu müs­sen, sei aus­rei­chend.

Das schutz­wür­di­ge Eigen­in­ter­es­se kann zwar auch dar­in bestehen, dass der Pro­zess­stand­schaf­ter wegen grö­ße­rer Sach­nä­he den Rechts­streit bes­ser als der Gläu­bi­ger füh­ren kann 16. Das Inter­es­se an einer wirt­schaft­li­chen und tech­nisch erleich­ter­ten Pro­zess­füh­rung allein ist dafür jedoch nicht aus­rei­chend 17. Die Sach­nä­he muss viel­mehr zu dem gel­tend gemach­ten Recht bestehen. Wie dar­ge­legt, fehlt es hier dar­an.

Das Beru­fungs­ur­teil des OLG Mün­chen kann danach kei­nen Bestand haben. Der Bun­des­ge­richts­hof kann in der Sache selbst ent­schei­den, weil es kei­ner wei­te­ren Fest­stel­lun­gen bedarf und die Sache zur Ent­schei­dung reif ist (§ 563 Abs. 3 ZPO). Die Kla­ge ist man­gels Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis der Klä­ge­rin als unzu­läs­sig abzu­wei­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juni 2016 – V ZR 125/​15

  1. LG Augs­burg, Urteil vom 13.01.2015 – 31 O 1514/​[]
  2. OLG Mün­chen Beschluss vom 11.05.2015 – 27 U 770/​15[]
  3. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 02.10.1987 – V ZR 182/​86, NJW-RR 1988, 126, 127; Urteil vom 03.07.1980 – IVa ZR 38/​80, BGHZ 78, 1, 4; Urteil vom 24.10.1985 – VII ZR 337/​84, BGHZ 96, 151, 152 f.; Urteil vom 19.03.1987 – III ZR 2/​86, BGHZ 100, 217, 218; Urteil vom 03.12 1987 – VII ZR 374/​86, BGHZ 102, 293, 296; so auch schon RGZ 91, 390, 395 f.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 02.10.1987 – V ZR 182/​86, NJW-RR 1988, 126, 127; BGH, Urteil vom 05.02.2009 – III ZR 164/​08, NJW 2009, 1213 Rn. 21, inso­weit in BGHZ 179, 329 nicht abge­druckt[]
  5. BGH, Urteil vom 23.09.1992 – I ZR 251/​90, BGHZ 119, 237, 242; Urteil vom 19.09.1995 – VI ZR 166/​94, NJW 1995, 3186; Urteil vom 05.11.2015 – I ZR 91/​11, WRP 2016, 596 Rn.20[]
  6. BGH, Urteil vom 23.02.1973 – V ZR 109/​71, BGHZ 60, 235, 240; Staudinger/​Gursky, BGB [2013], § 1004 Rn. 90[]
  7. BGH, Urteil vom 23.11.2007 – LwZR 5/​07, NJW 2008, 580 Rn. 17; Münch­Komm-BGB/Joost, 6. Aufl., § 862 Rn. 8; Staudinger/​Gutzeit, BGB [2012], § 862 Rn. 8[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 22.10.1997 – XII ZR 278/​95, Fam­RZ 1998, 357; Urteil vom 02.12 2003 – VI ZR 243/​02, NJW-RR 2004, 595, 597; Urteil vom 10.02.2010 – VIII ZR 53/​09, NJW 2010, 2509 Rn. 27[]
  9. BGH, Beschluss vom 16.01.2014 – V ZB 12/​13, NZM 2014, 267 Rn. 11; BGH, Urteil vom 25.07.2012 – XII ZR 22/​11, Grund­ei­gen­tum 2012, 1225 Rn. 23; Urteil vom 16.06.1999 – VII ZR 385/​98, NJW 1999, 3707, 3708[]
  10. BGH, Urteil vom 02.10.1987 – V ZR 182/​86, NJW-RR 1988, 126, 127 mwN[]
  11. BGH, Urteil vom 12.07.1985 – V ZR 56/​84, NJW-RR 1986, 158[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 01.03.2013 – V ZR 14/​12, NJW 2013, 1809 Rn. 23[]
  13. so auch Beck­OK-BGB/Fritz­sche, 38. Edi­ti­on, § 862 Rn. 2; aA OLG Bran­den­burg, Urteil vom 30.04.2008 – 3 U 117/​07[]
  14. vgl. statt aller Gurs­ky in Fest­ga­be 50 Jah­re Bun­des­ge­richts­hof, 2000, 109, 112[]
  15. BGH, Urteil vom 16.03.2006 – I ZR 92/​03, GRUR 2006, 879 Rn. 13 mwN; vgl. auch Urteil vom 10.12 1998 – I ZR 100/​96, BGHZ 140, 183, 187 f.[]
  16. vgl. BGH, Urteil vom 27.06.1985 – I ZR 136/​83, NJW 1986, 423; Urteil vom 03.12 1987 – VII ZR 374/​86, BGHZ 102, 293, 296[]
  17. BGH, Urteil vom 03.07.1980 – IVa ZR 38/​80, BGHZ 78, 1, 4; Urteil vom 05.02.2009 – III ZR 164/​08, NJW 2009, 1213 Rn. 21[]