Die Bild­qua­li­tät bei extrem nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren

Die Nut­zung einer Digi­tal­ka­me­ra bei Extrem­be­din­gun­gen gehört nicht mehr zu den „gewöhn­li­chen Nut­zungs­be­din­gun­gen“, denen das Pro­dukt gewach­sen sein muss. Dann kann ein Käu­fer eine jeder­zei­ti­ge pro­blem­lo­se Ver­wen­dung der Kame­ra nicht mehr erwar­ten.

Die Bild­qua­li­tät bei extrem nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren

Mit die­ser Begrün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge auf Rück­ab­wick­lung eines Kauf­ver­tra­ges wegen Sach­man­gels abge­wie­sen. Geklagt hat­te ein Mün­che­ner gegen einen Foto­fach­han­del aus der Nähe von Osna­brück. Betrie­ben wird auch ein Inter­net­han­del mit Foto­ap­pa­ra­ten. Der Klä­ger bestell­te bei der Beklag­ten eine Digi­tal­ka­me­ra mit Objek­tiv für 1.799,00 €. Die Ware wur­de am 25.07.2016 gelie­fert.


Der Klä­ger behaup­tet, dass bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren nach Antip­pen des Aus­lö­se­knop­fes ein Pfei­fen ertö­ne und das Objekt vibrie­re, beglei­tet von einem Wackeln in Sucher und Dis­play. Die Pro­ble­me wür­den nur dann nicht auf­tre­ten, wenn der Bild­sta­bi­li­sa­tor deak­ti­viert sei. Er habe die Kame­ra aber gera­de auch für win­ter­li­che Wild­tier­au­ßen­auf­nah­men gekauft. Dage­gen bestrei­tet die Beklag­te, dass die ver­kauf­te Kame­ra man­gel­haft sei.

Zur Urteils­be­grün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen zunächst nach Vor­schlag der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer einen Sach­ver­stän­di­gen aus Bre­men mit der Erstel­lung eines Gut­ach­tens zu den vom Klä­ger behaup­te­ten Män­geln beauf­tragt. Nach des­sen Fest­stel­lun­gen trat der behaup­te­te Feh­ler auch nach Lage­rung der Kame­ra im Kühl­schrank bei 6 Grad Cel­si­us von 3, 5, 7, 9 und 12 Stun­den und ins­ge­samt 50 Tests nicht auf. Nach Vor­la­ge des schrift­li­chen Gut­ach­tens, des­sen Kos­ten sich auf 869,70 € bei ange­setz­ter Arbeits­zeit von 9,5 Stun­den belie­fen, lehn­te der Klä­ger den Sach­ver­stän­di­gen, des­sen Gut­ach­ten er inhalt­lich und metho­disch in Zwei­fel zog, wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit erfolg­reich ab. Der Sach­ver­stän­di­ge hat­te näm­lich nach Erstel­lung sei­nes schrift­li­chen Gut­ach­tens, aber noch vor sei­ner ergän­zen­den gericht­li­chen Anhö­rung sein Foto­be­darfs­ge­schäft an die Beklag­te ver­äu­ßert. Der dar­auf­hin bestell­te zwei­te Sach­ver­stän­di­ge aus dem Raum Starn­berg, der wegen Krank­heit und beson­ders gro­ßem Arbeits­an­fall an der Bear­bei­tung län­ger gehin­dert war, erstat­te­te am 02.03.2020 sein schrift­li­ches Gut­ach­ten, des­sen Kos­ten sich nun bei einer Arbeits­zeit von 20 Stun­den auf 2.395,55 € belie­fen.

Nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts Mün­chen weist die vom Klä­ger erwor­be­ne Digi­tal­ka­me­ra kei­nen Sach­man­gel (§ 434 BGB) auf. Viel­mehr geht das Amts­ge­richt davon aus, dass die vom Sach­ver­stän­di­gen (SV) in des­sen schrift­li­chen Gut­ach­ten vom 02.03.2020 fest­ge­stell­ten „Effekte“/“Fehlerbilder“ (Pfei­fen, Sum­men und Vibrie­ren) beim Gebrauch der Kame­ra bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren in unre­gel­mä­ßi­gen Fäl­len zufäl­lig und nicht vor­her­seh­bar auf­tre­ten.

Außer­dem wur­de eine beson­de­re Ver­wen­dungs­eig­nung im Ver­trag nicht ver­ein­bart. Ins­be­son­de­re wur­den weder die Natur­fo­to­gra­fie noch die bevor­zug­te Ver­wen­dung im Frei­en bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren als Anfor­de­run­gen an das Pro­dukt ange­spro­chen.

Nach Mei­nung des Amts­ge­richts Mün­chen lässt sich allein aus dem Preis auch kei­ne „pro­fes­sio­nel­le“ Ver­wen­dung ablei­ten, da auch Lai­en oder Hob­by­pho­to­gra­fen sich sol­che Pro­duk­te kau­fen. Zudem steht eine lan­ge Ver­wen­dung der Kame­ra im Frei­en bei nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren in kei­nem Zusam­men­hang mit dem Preis, da Kame­ras auch nur zur Nut­zung in Räu­men (z.B. für Stu­dio­auf­nah­men) erwor­ben wer­den kön­nen.
Das Feh­ler­bild war nur (teil­wei­se) repro­du­zier­bar, nach­dem die Kame­ra mit Objek­tiv über einen Zeit­raum von 14 Stun­den auf 4 Grad Cel­si­us oder über 24 Stun­den auf 3 Grad Cel­si­us abge­kühlt wur­de. Kei­nen Nach­weis der Effek­te konn­te der SV dage­gen bei einer Küh­lungs­dau­er von 17 Stun­den fest­stel­len.

Nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts Mün­chen gehö­ren die Ein­satz­be­din­gun­gen unter denen über­haupt Feh­ler­bil­der erzeugt wer­den konn­ten aber nicht mehr zu den „gewöhn­li­chen Nut­zungs­be­din­gun­gen“, denen das Pro­dukt gewach­sen sein muss. Eine Ein­schrän­kung der Nut­zung bei „kal­ten Orten“ ergibt sich schon aus dem Bedie­nungs­hand­buch, das auf all­ge­mei­ne Pro­ble­me in die­sem Tem­pe­ra­tur­be­reich hin­weist. Die Beklag­te hat auch unbe­strit­ten vor­ge­tra­gen, dass es üblich ist und emp­foh­len wird, eine Kame­ra nicht über lan­ge Zeit bei kal­ten Außen­tem­pe­ra­tu­ren zu benut­zen, die­se im Win­ter über Nacht im Auto lie­gen zu las­sen und bei Nut­zung in Käl­te warm zu hal­ten (…). Nach den Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen kann die Kame­ra auch bei Tem­pe­ra­tu­ren um 3 Grad Cel­si­us benutzt wer­den; erst wenn sie die­ser Tem­pe­ra­tur mehr als 14 Stun­den aus­ge­setzt ist, kann es zu den Auf­fäl­lig­kei­ten kom­men. Eine jeder­zei­ti­ge pro­blem­lo­se Ver­wen­dung der Kame­ra unter die­sen Bedin­gun­gen kann ein Käu­fer aber nicht mehr erwar­ten.

Das Amts­ge­richt geht nicht davon aus, dass sich ein durch­schnitt­li­cher Käu­fer in unse­ren Brei­ten und den damit ver­bun­de­nen Licht­ver­hält­nis­sen im Win­ter ohne Unter­bre­chung län­ger als 12 Stun­den im Frei­en zum Zweck von Foto­auf­nah­men auf­hal­ten wird. Dies gilt auch, wenn er ein tech­nisch und preis­lich hoch­wer­ti­ges Pro­dukt ver­wen­det.


Amts­ge­richts Mün­chen, Urteil vom 8. Juni 2020 – 191 C 4038/​17

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