Die ver­öf­fent­li­che eMail und ihre Ent­fer­nung – Streit­wert und Beschwer

Wie bemisst sich die Beschwer des Beklag­ten, der zur Löschung zwei­er mehr als drei Jah­re alter E‑Mails von sei­ner Inter­net­sei­te ver­ur­teilt wor­den ist? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Die ver­öf­fent­li­che eMail und ihre Ent­fer­nung – Streit­wert und Beschwer

Die Bemes­sung der Beru­fungs­be­schwer steht gemäß §§ 2, 3 ZPO im frei­en Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts, das dabei nicht an den in ers­ter Instanz fest­ge­setz­ten Streit­wert gebun­den ist [1]. Der vom Beru­fungs­ge­richt ange­nom­me­ne Wert kann von der Revi­si­ons- oder Rechts­be­schwer­de­instanz nur beschränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob das Beru­fungs­ge­richt, etwa weil es bei der Aus­übung sei­nes Ermes­sens die in Betracht zu zie­hen­den Umstän­de nicht umfas­send berück­sich­tigt hat, die Gren­ze des Ermes­sens über­schrit­ten oder von dem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht hat [2].

Im vor­lie­gen­den Fall ist das Beru­fungs­ge­richt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass sich die Beschwer einer zur Unter­las­sung ver­ur­teil­ten Par­tei danach rich­tet, in wel­cher Wei­se sich das aus­ge­spro­che­ne Ver­bot zu ihrem Nach­teil aus­wirkt [3]. Maß­geb­lich sind die Nach­tei­le, die ihr aus der Erfül­lung des Unter­las­sungs­an­spruchs ent­ste­hen [4]. Außer Betracht blei­ben dabei die Nach­tei­le, die nicht mit der Befol­gung des Unter­las­sungs­ge­bots, son­dern mit einer Zuwi­der­hand­lung – etwa durch die Fest­set­zung eines Ord­nungs­gel­des oder durch die Bestel­lung einer Sicher­heit – ver­bun­den sind [5].

Dass die Löschung der E‑Mails von der Inter­net­sei­te des Beklag­ten in Bezug auf mög­li­chen Auf­wand und Kos­ten die fest­ge­setz­te Beschwer von 500, – € nicht über­steigt, zieht auch der Beklag­te nicht in Zwei­fel, er macht aller­dings gel­tend, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs das Inter­es­se des zur Unter­las­sung ver­ur­teil­ten Beklag­ten an der Besei­ti­gung sei­ner Ver­ur­tei­lung zwar nicht zwangs­läu­fig, aber regel­mä­ßig dem Inter­es­se des Klä­gers an die­ser Ver­ur­tei­lung ent­spre­che, denn das Inter­es­se des Klä­gers an einer sol­chen Unter­las­sung sei pau­scha­lie­rend und unter Berück­sich­ti­gung von Bedeu­tung, Grö­ße und Umsatz des Ver­let­zers, Art, Umfang und Rich­tung der Ver­let­zungs­hand­lung sowie von sub­jek­ti­ven Umstän­den auf Sei­ten des Ver­let­zers wie etwa dem Ver­schul­dens­grad zu bewer­ten [6]. Die­se Grund­sät­ze kön­nen aber im Streit­fall nicht her­an­ge­zo­gen wer­den. Es muss hier nicht ent­schie­den wer­den, ob sie grund­sätz­lich nur in wett­be­werbs­recht­li­chen Ver­fah­ren Anwen­dung fin­den kön­nen, denn es ist ersicht­lich, dass ihre Vor­aus­set­zun­gen im Streit­fall nicht gege­ben sind. Ent­ge­gen der Rechts­be­schwer­de ist nicht fest­ge­stellt, dass der Beklag­te gewerb­lich tätig ist und aus dem Betrieb sei­ner Inter­net­sei­te Umsät­ze erzielt, auch nicht, dass er in einem Wett­be­werb zum Klä­ger steht. Eine nach der Recht­spre­chung des I. Zivil­se­nats für die­se Fäl­le für die Beschwer maß­ge­ben­de Ein­schrän­kung der wirt­schaft­li­chen Betä­ti­gungs­frei­heit des Beklag­ten [7] ist man­gels wirt­schaft­li­cher oder gewinn­ori­en­tier­ter Tätig­keit des Beklag­ten eben­falls nicht fest­ge­stellt. Damit ist es ohne Bedeu­tung, ob das Land­ge­richt den Streit­wert mit Blick auf die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen des Klä­gers zutref­fend fest­ge­setzt hat.

Bei der Bewer­tung der Nach­tei­le für den Beklag­ten bei Befol­gung des Unter­las­sungs­ge­bots hat das Beru­fungs­ge­richt nicht ver­kannt, dass die bean­stan­de­te Ver­öf­fent­li­chung vom Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 GG – Schutz der Mei­nungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­frei­heit – erfasst wird. Eben­so wenig über­sieht das Beru­fungs­ge­richt, dass es für den Schutz der Mei­nungs­äu­ße­rung nicht dar­auf ankommt, ob die Mei­nung begrün­det oder grund­los, emo­tio­nal oder ratio­nal ist, als wert­voll oder wert­los, gefähr­lich oder harm­los ein­ge­schätzt wird [8]. Auch ist die Bewer­tung des Beru­fungs­ge­richts nicht zu bean­stan­den, dass einem mehr als drei Jah­re alten Beleg für den ein­ma­li­gen Vor­fall einer unfreund­li­chen Kun­den­be­hand­lung für die Mei­nungs­bil­dung poten­ti­el­ler Kun­den die­ses Wohn­mo­bil­ver­mie­ters schon auf­grund des Alters und der feh­len­den Aktua­li­tät nur sehr gerin­ges Gewicht bei­zu­mes­sen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Janu­ar 2015 – VI ZB 29/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.05.2012 – VI ZB 1/​11, – VI ZB 2/​11, VersR 2012, 1272 Rn. 10 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 10.04.2014 – V ZB 168/​13 5; Urteil vom 19.11.2014 – VIII ZR 79/​14 14[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.09.2013 – VII ZB 26/​11, VersR 2015, 81 Rn. 9[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 26.10.2006 – III ZR 40/​06, MMR 2007, 37; vom 08.01.2009 – IX ZR 107/​08, NJW-RR 2009, 549 Rn. 3[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.01.2013 – I ZR 174/​11, GRUR 2013, 1067 Rn. 10[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 24.01.2013 – I ZR 174/​11, GRUR 2013, 1067 Rn. 12; vom 24.02.2011 – I ZR 220/​10, AfP 2011, 261 Rn. 5[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.2013 – I ZR 174/​11, GRUR 2013, 1067 Rn. 15; Beschluss vom 24.02.2011 – I ZR 220/​10, AfP 2011, 261 Rn. 7[]
  8. vgl. BVerfGE 90, 241 Rn. 26[]