Die Ver­stei­ge­rung eines siche­rungs­über­eig­ne­ten Gegen­stands durch den insol­ven­ten Schuld­ner

Lässt der Schuld­ner einen zur Sicher­heit an einen Gläu­bi­ger über­eig­ne­ten Gegen­stand der Insol­venz­mas­se ver­stei­gern und den Erlös an den gesi­cher­ten Gläu­bi­ger aus­keh­ren, schä­digt er die Insol­venz­gläu­bi­ger in Höhe eines vom Insol­venz­ver­wal­ter erziel­ba­ren Über­erlö­ses und des Kos­ten­bei­trags für eine tat­säch­lich erfolg­te Fest­stel­lung des Gegen­stands.

Die Ver­stei­ge­rung eines siche­rungs­über­eig­ne­ten Gegen­stands durch den insol­ven­ten Schuld­ner

Die Insol­venz­schuld­ne­rin ist den Insol­venz­gläu­bi­gern zum Ersatz des Scha­dens ver­pflich­tet, der ihnen dadurch ent­stan­den ist, dass die Insol­venz­schuld­ne­rin die in Rede ste­hen­den Anti­qui­tä­ten zur Ver­stei­ge­rung gebracht und sie dadurch der Ver­wer­tung zum Zwe­cke der Nach­trags­ver­tei­lung ent­zo­gen hat. Der Anspruch ergibt sich aus § 823 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 283 Abs. 1 Nr. 1 StGB. Die Straf­norm des Bank­rotts zählt zu den in § 823 Abs. 2 BGB ange­spro­che­nen Schutz­ge­set­zen 1. Rich­tet sich der Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen einen mög­li­chen Anfech­tungs­geg­ner, setzt er unter dem Gesichts­punkt der Geset­zes­kon­kur­renz beson­de­re, erschwe­ren­de Umstän­de vor­aus; dies gilt jedoch nicht, wenn – wie hier – der Insol­venz­schuld­ner in Anspruch genom­men wird 2. Straf­bar nach § 283 Abs. 1 Nr. 1 StGB macht sich, wer bei Über­schul­dung oder bei dro­hen­der oder ein­ge­tre­te­ner Zah­lungs­un­fä­hig­keit Bestand­tei­le sei­nes Ver­mö­gens, die im Fal­le der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens zur Insol­venz­mas­se gehö­ren, bei­sei­te schafft. Die Straf­norm erfasst auch Hand­lun­gen nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens 3. Die streit­ge­gen­ständ­li­chen Anti­qui­tä­ten gehör­ten zum Ver­mö­gen der Insol­venz­schuld­ne­rin und damit zur Insol­venz­mas­se im Sin­ne von § 35 Abs. 1 InsO, auch wenn sie zur Sicher­heit an die Mut­ter der Insol­venz­schuld­ne­rin über­eig­net gewe­sen sein soll­ten und die­ser des­halb ein Abson­de­rungs­recht nach § 51 Nr. 1, § 50 Abs. 1 InsO zustand 4. Indem die Insol­venz­schuld­ne­rin die Gegen­stän­de zur Ver­stei­ge­rung weg­gab, schaff­te sie die­se vor­sätz­lich bei­sei­te.

Die Insol­venz­ver­wal­te­rin ist befugt, den Scha­den gel­tend zu machen, der den Insol­venz­gläu­bi­gern durch das Ver­hal­ten der Insol­venz­schuld­ne­rin ent­stan­den ist. Sie wur­de als frü­he­re Insol­venz­ver­wal­te­rin vom Insol­venz­ge­richt mit dem Voll­zug der Nach­trags­ver­tei­lung nach § 203 InsO beauf­tragt. Dies ver­lieh ihr nicht nur die Befug­nis, nach­träg­lich ermit­tel­te und noch vor­han­de­ne Gegen­stän­de der Mas­se zu ver­wer­ten und den Erlös an die Insol­venz­gläu­bi­ger zu ver­tei­len (§ 205 InsO), son­dern auch die Befug­nis, gemäß § 92 InsO Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Insol­venz­gläu­bi­ger gel­tend zu machen, die dadurch ent­stan­den, dass der Nach­trags­ver­tei­lung unter­lie­gen­de Gegen­stän­de bei­sei­te geschafft und dadurch der Insol­venz­mas­se ent­zo­gen wur­den. Ein sol­cher Fall steht hier in Rede. Denn die Nach­trags­ver­tei­lung erstreck­te sich nach dem klar­stel­len­den Beschluss des Insol­venz­ge­richts vom 28.05.2009 auf die dem Auk­ti­ons­haus zur Ver­stei­ge­rung über­las­se­nen Gegen­stän­de.

Der (Gesamt)Schaden der Insol­venz­gläu­bi­ger, der durch das Bei­sei­te­schaf­fen der Anti­qui­tä­ten ver­ur­sacht wor­den ist, bemisst sich nach dem Betrag, um den sich die Befrie­di­gungs­mög­lich­keit der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger ver­schlech­tert hat. Er ent­spricht der Sum­me der Quo­ten­schä­den der ein­zel­nen Gläu­bi­ger 5. Ist der vom Schuld­ner bei­sei­te geschaff­te Gegen­stand zur Sicher­heit an einen Drit­ten über­eig­net, kann dies bei der Beur­tei­lung des Gesamt­scha­dens nicht außer Betracht blei­ben.

Siche­rungs­ei­gen­tum an beweg­li­chen Sachen begrün­det im Insol­venz­ver­fah­ren ein Abson­de­rungs­recht (§ 51 Nr. 1, § 50 Abs. 1 InsO). Hat der Insol­venz­ver­wal­ter eine zur Sicher­heit über­eig­ne­te Sache im Besitz, darf er sie ver­wer­ten (§ 166 Abs. 1 InsO). Aus dem Erlös darf er die Kos­ten der Fest­stel­lung und der Ver­wer­tung vor­weg für die Insol­venz­mas­se ent­neh­men; aus dem ver­blei­ben­den Betrag ist der abson­de­rungs­be­rech­tig­te Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen (§ 170 Abs. 1, § 171 InsO). Ver­bleibt danach ein Über­erlös, fällt die­ser in die Insol­venz­mas­se und steht zur gemein­schaft­li­chen Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung.

Wird ein der abge­son­der­ten Befrie­di­gung unter­lie­gen­der Gegen­stand der Mas­se beschä­digt und fällt des­halb der an den gesi­cher­ten Gläu­bi­ger aus­zu­keh­ren­de Teil des vom Ver­wal­ter erziel­ten Ver­wer­tungs­er­lö­ses gerin­ger aus, liegt dar­in ein Ein­zel­scha­den die­ses Gläu­bi­gers. Zu einem Gesamt­scha­den der Insol­venz­gläu­bi­ger kommt es inso­weit, als infol­ge des gerin­ge­ren Ver­wer­tungs­er­lö­ses ein gerin­ge­rer oder gar kein Über­erlös erzielt wird und die Kos­ten­bei­trä­ge nach §§ 170, 171 InsO gerin­ger aus­fal­len 6.

Ähn­lich ver­hält es sich, wenn ein der abge­son­der­ten Befrie­di­gung unter­lie­gen­der Gegen­stand zer­stört oder bei­sei­te geschafft wird. Der Gesamt­scha­den der Insol­venz­gläu­bi­ger liegt auch in die­sem Fall zunächst im Ver­lust eines Über­erlö­ses. Dar­über hin­aus kann ein Scha­den in Höhe ent­gan­ge­ner Kos­ten­bei­trä­ge vor­lie­gen, aller­dings nur inso­weit, als tat­säch­lich Auf­wen­dun­gen für die Fest­stel­lung und Ver­wer­tung des Gegen­stands getä­tigt wur­den 7. Denn sowohl der Kos­ten­bei­trag für die Fest­stel­lung wie auch der­je­ni­ge für die Ver­wer­tung soll die tat­säch­lich ent­stan­de­nen Kos­ten abgel­ten. Dies zeigt die For­mu­lie­rung des Geset­zes in § 171 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 2 InsO. Fällt kein Auf­wand an, bedarf es kei­nes Scha­dens­aus­gleichs. Dem­entspre­chend begrün­det im Anfech­tungs­recht das blo­ße Ent­fal­len von Kos­ten­bei­trä­gen gemäß §§ 170, 171 InsO kei­ne objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung, weil die Kos­ten­bei­trä­ge ledig­lich die Mehr­kos­ten aus­glei­chen sol­len, die durch die Bear­bei­tung von Abson­de­rungs­rech­ten inner­halb des Insol­venz­ver­fah­rens anfal­len 8.

Im Streit­fall hat die Schuld­ne­rin einen Gegen­stand, an dem nach ihrer Behaup­tung ein Abson­de­rungs­recht bestand, der Ver­wer­tung durch den Insol­venz­ver­wal­ter ent­zo­gen und – mit­tel­bar – dem Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten zur Ver­wer­tung zur Ver­fü­gung gestellt. In die­sem Fall ent­fällt der Ein­zel­scha­den des Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten. Der Gesamt­scha­den der Insol­venz­gläu­bi­ger wird durch einen Über­erlös, den der Insol­venz­ver­wal­ter bei einer Ver­wer­tung mög­li­cher­wei­se hät­te erzie­len kön­nen, und durch die Kos­ten der Fest­stel­lung des Gegen­stands und der an die­sem bestehen­den Rech­te durch den Ver­wal­ter bestimmt (§ 171 Abs. 1 InsO). Der ent­gan­ge­ne Bei­trag für Ver­wer­tungs­kos­ten stellt hin­ge­gen kei­nen erstat­tungs­fä­hi­gen Scha­den dar, weil sol­che Kos­ten man­gels einer Ver­wer­tung durch den Ver­wal­ter nicht bei der Mas­se, son­dern bei dem zur Abson­de­rung berech­tig­ten Gläu­bi­ger ange­fal­len sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2014 – IX ZR 156/​12

  1. OLG Cel­le, ZVI 2009, 297, 299; LG Duis­burg, NZI 2011, 69, 71; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 3. Aufl., vor §§ 129 bis 147 Rn. 87; zu § 288 StGB vgl. BGH, Urteil vom 07.05.1991 – VI ZR 259/​90, BGHZ 114, 305, 308[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 04.03.1993 – IX ZR 151/​92, WM 1993, 1106, 1107; vom 13.07.1995 – IX ZR 81/​94, BGHZ 130, 314, 330; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO[]
  3. BGH, Urteil vom 08.05.1951 – 1 StR 171/​51, BGHSt 1, 186, 191; LK-StG­B/­Tie­de­mann, 12. Aufl., vor § 283 Rn. 96 mwN[]
  4. Jaeger/​Henckel, InsO, § 35 Rn. 81; Schmidt/​Thole, InsO, 18. Aufl., § 51 Rn. 2[]
  5. vgl. Schmidt, InsO, aaO, § 92 Rn. 6; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 92 Rn. 8; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/Gehr­lein, aaO, § 92 Rn. 18 ff[]
  6. BGH, Beschluss vom 14.07.2011 – IX ZR 210/​10, WM 2011, 1483 Rn. 9; Münch­Komm-InsO/Bran­des­/Gehr­lein, aaO Rn. 12; HK-InsO/­Kay­ser, 7. Aufl., § 92 Rn.19; Jaeger/​Müller, InsO, § 92 Rn. 11[]
  7. vgl. die Begrün­dung zu §§ 195, 196 RegE-InsO, BT-Drs. 12/​2443 S. 180 f; Pie­ken­brock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 92 Rn. 10[]
  8. BGH, Urteil vom 26.04.2012 – IX ZR 67/​09, WM 2012, 1200 Rn. 28 mwN[]