Gut­ach­ten zur Pro­zess­fä­hig­keit

Ein Beweis­be­schluss über die Erstel­lung eines Gut­ach­tens zur Klä­rung der Pro­zess­fä­hig­keit einer Pro­zess­par­tei, der ohne deren vor­he­ri­ge per­sön­li­che Anhö­rung zu die­ser Fra­ge erlas­sen wur­de, ver­letzt den Anspruch die­ser Par­tei auf recht­li­ches Gehör und kann von ihr unge­ach­tet der in § 321a Abs. 1 Satz 2, § 355 Abs. 2 ZPO ent­hal­te­nen Rege­lun­gen mit der sofor­ti­gen Beschwer­de ange­foch­ten wer­den.

Gut­ach­ten zur Pro­zess­fä­hig­keit

Das Grund­ge­setz sichert recht­li­ches Gehör im gericht­li­chen Ver­fah­ren durch das Ver­fah­rens­grund­recht des Art. 103 Abs. 1 GG. Garan­tiert ist den Par­tei­en ein Recht auf Infor­ma­ti­on, Äuße­rung und Berück­sich­ti­gung mit der Fol­ge, dass sie ihr Ver­hal­ten im Pro­zess eigen­be­stimmt und situa­ti­ons­spe­zi­fisch gestal­ten kön­nen. Der Ein­zel­ne soll nicht Objekt rich­ter­li­cher Ent­schei­dung sein, son­dern vor einer Ent­schei­dung, die sei­ne Rech­te betrifft, zu Wort kom­men 1. Die Maß­geb­lich­keit der Rechts­schutz­ga­ran­tie ent­fällt nicht allein des­halb, weil die Par­tei schon die Mög­lich­keit gehabt hat, sich zur Sache zu äußern. Art. 103 Abs. 1 GG ent­hält wei­ter­ge­hen­de Garan­ti­en als die, sich zur Sache ein­las­sen zu kön­nen, zum Bei­spiel den Schutz vor einer Über­ra­schungs­ent­schei­dung 2. Im Hin­blick dar­auf ver­letzt ein Beweis­be­schluss über die Erstel­lung eines Gut­ach­tens zur Klä­rung der Pro­zess­fä­hig­keit einer Pro­zess­par­tei, der ohne deren vor­he­ri­ge per­sön­li­che Anhö­rung zu die­ser Fra­ge erlas­sen wur­de, den Anspruch die­ser Par­tei auf recht­li­ches Gehör 3.

Die Aus­nah­men, die die Recht­spre­chung in Fäl­len der Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs hin­sicht­lich der Bin­dungs­wir­kung an sich unan­fecht­ba­rer Zwi­schen­ent­schei­dun­gen gemacht hat, gel­ten auch nach dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes über die Rechts­be­hel­fe bei Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör 4 am 1. Janu­ar 2005 wei­ter fort; denn die mit die­sem Gesetz vor­ge­nom­me­ne Aus­wei­tung des § 321a ZPO soll­te unge­ach­tet des dort in Absatz 1 Satz 2 bestimm­ten Aus­schlus­ses der Rüge bei Zwi­schen­ent­schei­dun­gen zu kei­ner Ver­kür­zung des Rechts­schut­zes der Par­tei­en füh­ren 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Mai 2009 – I ZB 93/​08

  1. vgl. BVerfGE 107, 395, 409; BVerfGK 6, 380, 383[]
  2. vgl. BVerfGE 107, 395, 410; BVerfGK 6, 380, 383[]
  3. BVerfGK 6, 380, 383; vgl. auch BGHZ 171, 326 Tz. 17 zu Anord­nung einer psych­ia­tri­schen Unter­su­chung des Betrof­fe­nen durch das Vor­mund­schafts­ge­richt[]
  4. vom 09.12.2004, BGBl. I S. 3220 – Anh­RügG[]
  5. vgl. Begrün­dung des Ent­wurfs des Anh­RügG, BT-Drucks. 15/​3706, S. 16; BVerfGE 119, 292, 298 – 301 gegen BAG NJW 2007, 1379, 1380; Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., vor § 128 Rdn. 102 und § 321a Rdn. 17; Wieczorek/​Schütze/​Rensen, ZPO, 3. Aufl., § 321a Rdn. 29; MünchKomm.ZPO/Musielak, 3. Aufl., § 321a Rdn. 2; Musielak/​Musielak, ZPO, 6. Aufl., § 321 Rdn. 3; Zöller/​Vollkommer aaO § 321a Rdn. 5[]