Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung des Eigen­tü­mers – und die Ver­wen­dun­gen des Besit­zers

Eine vor­be­halt­lo­se Her­aus­ga­be im Sin­ne von § 1002 Abs. 1, § 1001 Satz 3 BGB liegt auch vor, wenn der Eigen­tü­mer den Besit­zer auf Her­aus­ga­be ver­klagt, der Besit­zer in die­sem Ver­fah­ren ein Zurück­be­hal­tungs­recht wegen sei­ner Ver­wen­dun­gen nicht gel­tend macht, obwohl er es könn­te, und wenn der Eigen­tü­mer den Besitz an der Sache durch Voll­stre­ckung des in dem Ver­fah­ren erstrit­te­nen Her­aus­ga­be­ti­tels wie­der­erlangt.

Her­aus­ga­be­voll­stre­ckung des Eigen­tü­mers – und die Ver­wen­dun­gen des Besit­zers

Gemäß § 995 Satz 1 BGB gehö­ren zu den not­wen­di­gen Ver­wen­dun­gen im Sin­ne des § 994 BGB auch die Auf­wen­dun­gen, die der Besit­zer zur Bestrei­tung von Las­ten der Sache macht. Las­ten der Sache im Sin­ne die­ser Vor­schrift sind alle an der Sache bestehen­den Ver­wer­tungs­rech­te Drit­ter und alle Zah­lungs­pflich­ten des Eigen­tü­mers, die die­sen gera­de wegen sei­nes Eigen­tums an der betref­fen­den Sache tref­fen 1.

Nach § 994 Abs. 1, § 995 BGB erlischt der Anspruch auf Ersatz von Ver­wen­dun­gen bei einem Grund­stück nach Maß­ga­be von § 1002 Abs. 1 BGB mit dem Ablauf von sechs Mona­ten nach der Her­aus­ga­be, wenn nicht vor­her die gericht­li­che Gel­tend­ma­chung erfolgt oder der Eigen­tü­mer die Ver­wen­dun­gen geneh­migt. Eine Her­aus­ga­be in die­sem Sin­ne liegt nur vor, wenn die Sache unmit­tel­bar von dem Besit­zer an den Eigen­tü­mer oder einem von ihm Beauf­trag­ten 2 her­aus­ge­ge­ben wird und sich der Besit­zer dabei – wie sich aus § 1001 Satz 3 BGB ergibt – die Gel­tend­ma­chung sei­ner Ansprü­che auf Ver­wen­dungs­er­satz nicht vor­be­hält. Dage­gen genügt es für die Annah­me einer Her­aus­ga­be nicht, wenn der Eigen­tü­mer die Sache auf ande­rem Weg – etwa durch eigen­mäch­ti­ge Weg­nah­me oder auf sons­ti­ge Wei­se ohne den Wil­len des Besit­zers – wie­der­erlangt 3.

Der Her­aus­ga­be der Sache durch den Besit­zer an den Eigen­tü­mer wird im Anschluss an eine Ent­schei­dung des Reichs­ge­richts 4 der Fall gleich­ge­stellt, dass die Sache dem Besit­zer auf­grund eines in einem Vin­di­ka­ti­ons­pro­zess ergan­ge­nen (vor­läu­fig voll­streck­ba­ren) Urteils weg­ge­nom­men wird 5. Die Vor­schrift erfasst nach ihrem Zweck auch die­sen Fall. Sie beruht auf dem Grund­ge­dan­ken, dass der Besit­zer bei dem Eigen­tü­mer den Ein­druck erweckt, Ver­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che bestün­den nicht oder wür­den nicht gel­tend gemacht, wenn er das Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 1000 BGB nicht aus­übt und die Sache vor­be­halts­los her­aus­gibt. Der Besit­zer muss wegen des unter­las­se­nen Vor­be­halts hin­sicht­lich der von ihm getä­tig­ten Ver­wen­dun­gen schnell tätig wer­den, um den Anschein des Nicht­vor­lie­gens oder der Nicht­gel­tend­ma­chung von Ersatz­an­sprü­chen zu begeg­nen 6. Ein sol­cher Anschein kann auch ent­ste­hen, wenn der Eigen­tü­mer einen vor­be­halt­lo­sen Titel erstrit­ten hat und er die­sen voll­streckt.

Vor­aus­set­zung hier­für ist indes­sen, dass das Ver­fah­ren und die Voll­stre­ckung der frei­wil­li­gen vor­be­halt­lo­sen Her­aus­ga­be durch den Besit­zer qua­li­ta­tiv ent­spre­chen. Das ist unter fol­gen­den drei Bedin­gun­gen der Fall: Zunächst muss das gericht­li­che Ver­fah­ren auf die Her­aus­ga­be der Sache durch den Besit­zer an den Eigen­tü­mer gerich­tet sein. Wei­ter­hin muss es dem Besit­zer in die­sem Ver­fah­ren mög­lich sein, dem Her­aus­ga­be­an­spruch Ver­wen­dungs­er­satz­an­sprü­che ent­ge­gen zu set­zen. Schließ­lich muss der Eigen­tü­mer gera­de durch die Voll­stre­ckung des Her­aus­ga­be­ti­tels wie­der in den Besitz sei­ner Sache gekom­men sein. Dann näm­lich steht die Wie­der­erlan­gung der Sache durch den Eigen­tü­mer im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung wer­tungs­mä­ßig der frei­wil­li­gen Her­aus­ga­be der Sache durch den Besit­zer gleich. Indem der Besit­zer die mög­li­che Gel­tend­ma­chung sei­ner Ver­wen­dungs­an­sprü­che in dem von dem Eigen­tü­mer betrie­be­nen Vin­di­ka­ti­ons­ver­fah­ren unter­lässt, setzt er in zure­chen­ba­rer Wei­se einen Rechts­schein, dass sol­che Ansprü­che ent­we­der nicht bestehen oder nicht gel­tend gemacht wer­den, wenn er die Kla­ge­frist ver­strei­chen lässt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Okto­ber 2015 – V ZR 221/​14

  1. Staudinger/​Gursky, BGB [2012], § 995 Rn. 2; vgl. auch Münch­Komm-BGB/Bal­dus, 6. Aufl., § 995 Rn. 2[]
  2. BGH, Urteil vom 18.12 1968 – VIII ZR 214/​66, BGHZ 51, 250, 253[]
  3. Münch­Komm-BGB/Bal­dus, 6. Aufl., § 1002 Rn. 1; Soergel/​Stadler, BGB, 13. Aufl., § 1002 Rn. 2; Staudinger/​Gursky, BGB [2012], § 1002 Rn. 2; Westermann/​Gursky/​Eickmann, Sachen­recht, 8. Aufl., § 32 Rn. 29[]
  4. RGZ 109, 104, 107[]
  5. Staudinger/​Gursky, BGB [2012], § 1002 Rn. 2; Münch­Komm-BGB/Bal­dus, 6. Aufl., § 1002 Rn. 6; Erman/​Westermann, BGB, 14. Aufl., § 1002 Rn. 2; juris­PK-BGB/Eh­lers, § 1002 Rn. 3; Beck­OK BGB/​Fritzsche, § 1002 Rn. 4; Palandt/​Bassenge, BGB, 74. Aufl., § 1002 Rn. 2[]
  6. Münch­Komm-BGB/Bal­dus, 6. Aufl., § 1002 Rn. 1[]