Per­sön­lich­keits­ver­let­zun­gen im Inter­net und die Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te

Mit der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit deut­scher Geri­che bei Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zun­gen durch Inter­net­ver­öf­fent­li­chun­gen hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Anlass hier­zu bot – wie­der ein­mal – die Pres­se­be­richt­erstat­tung zum Sedl­mayr-Mord.

Per­sön­lich­keits­ver­let­zun­gen im Inter­net und die Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te

Der Klä­ger des jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streits wur­de im Jahr 1993 zusam­men mit sei­nem Bru­der wegen Mor­des an dem Schau­spie­ler Wal­ter Sedl­mayr zu einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt. Im Janu­ar 2008 wur­de er auf Bewäh­rung ent­las­sen. Er ver­langt von einem in der Repu­blik Öster­reich geschäfts­an­säs­si­gen Medi­en­un­ter­neh­men, es zu unter­las­sen, über ihn im Zusam­men­hang mit der Tat unter vol­ler Namens­nen­nung zu berich­ten. Das beklag­te Unter­neh­men hielt auf sei­ner Inter­net­sei­te bis zum 18. Juni 2007 eine auf den 23. August 1999 datier­te, von einem ande­ren Anbie­ter über­nom­me­ne Mel­dung zum frei­en Abruf durch die Öffent­lich­keit bereit. Dar­in hieß es unter Nen­nung des Vor- und Zuna­mens des Klä­gers wie sei­nes Bru­ders wahr­heits­ge­mäß u. a., bei­de wen­de­ten sich nun­mehr, neun Jah­re nach dem Mord, mit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen ihre Ver­ur­tei­lung wegen der Tat.

Die Kla­ge hat­te sowohl erst­in­stanz­lich vor dem Land­ge­richt Ham­burg 1 wie auch in der Beru­fungs­in­stanz vor dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg 2 Erfolg. Mit der vom Ober­lan­des­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt die Beklag­te ihren Antrag auf Abwei­sung der Kla­ge wei­ter. Der Bun­des­ge­richts­hofs hat im Novem­ber 2009 zunächst ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet, um die Fra­ge zu klä­ren, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der Gerich­te für Unter­las­sungs­kla­gen gegen Inter­net­ver­öf­fent­li­chun­gen von in einem ande­ren EU-Mit­glied­staat nie­der­ge­las­se­nen Anbie­tern anzu­neh­men ist und ob sich der gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch nach deut­schem Recht oder gemäß dem Her­kunfts­land­prin­zip der e‑com­mer­ce-Richt­li­nie nach öster­rei­chi­schem Recht rich­tet. Der (EuGH, Urteil vom 25.10.2011 – C‑509/​09)).

Auf­grund die­ser Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on hat der Bun­des­ge­richts­hof nun die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te bejaht, da sich der Mit­tel­punkt der Inter­es­sen des Klä­gers in Deutsch­land befin­det. Er hat dar­über hin­aus ent­schie­den, dass der vom Klä­ger gel­tend gemach­te Anspruch nach deut­schem Recht zu beur­tei­len ist, weil der Erfolgs­ort in Deutsch­land liegt. Denn hier wird die Ach­tung, die der in Deutsch­land wohn­haf­te Klä­ger in sei­nem Lebens­kreis in Deutsch­land genießt, gestört.

Die – jeweils im Ein­zel­fall vor­zu­neh­men­de – Abwä­gung des Rechts des Klä­gers auf Schutz sei­ner Per­sön­lich­keit und Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens mit dem Recht der Beklag­ten auf Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit führ­te wie in den Par­al­lel­ver­fah­ren zum Vor­rang des Rechts des beklag­ten Pres­se­un­ter­neh­mens auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher zwar die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit deut­scher Gerich­te für der­ar­ti­ge Per­sön­lich­keits­ver­let­zun­gen durch Inter­net­ver­öf­fent­li­chun­gen bejaht, die Kla­ge jedoch – anders als die Ham­bur­ger Vor­in­stan­zen – man­gels eines mate­ri­el­len Unter­las­sungs­an­spruchs des Klä­gers abge­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Mai 2012 – VI ZR 217/​08

  1. LG Ham­burg, Urteil vom 18. Janu­ar 2008 – 324 O 548/​07
  2. OLG Ham­burg, Urteil vom 29. Juli 2008 – 7 U 22/​08