Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er und das Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz

Für bür­ger­lich­recht­li­che Strei­tig­kei­ten gewähr­leis­tet Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz im mate­ri­el­len Sin­ne [1]. Dar­aus ergibt sich die Ver­pflich­tung der Fach­ge­rich­te, Gerichts­ver­fah­ren in ange­mes­se­ner Zeit zu einem Abschluss zu brin­gen [2]. Die Ange­mes­sen­heit der Dau­er eines Ver­fah­rens ist stets nach den beson­de­ren Umstän­den des ein­zel­nen Fal­les zu bestim­men [3]. Es gibt kei­ne all­ge­mein gül­ti­gen Zeit­vor­ga­ben; davon geht auch die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te aus [4]. Die Ver­fah­rens­ge­stal­tung obliegt in ers­ter Linie dem mit der Sache befass­ten Gericht. Sofern der Arbeits­an­fall die als­bal­di­ge Bear­bei­tung und Ter­mi­nie­rung sämt­li­cher zur Ent­schei­dung anste­hen­der Fäl­le nicht zulässt, muss das Gericht hier­für zwangs­läu­fig eine zeit­li­che Rei­hen­fol­ge fest­le­gen [3].

Über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er und das Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz

Bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung der Fra­ge, ab wann ein Ver­fah­ren unver­hält­nis­mä­ßig lan­ge dau­ert, sind sämt­li­che Umstän­de des Ein­zel­falls zu berück­sich­ti­gen, ins­be­son­de­re die Natur des Ver­fah­rens und die Bedeu­tung der Sache für die Par­tei­en [5], die Aus­wir­kung einer lan­gen Ver­fah­rens­dau­er für die Betei­lig­ten [6], die Schwie­rig­keit der Sach­ma­te­rie, das den Betei­lig­ten zuzu­rech­nen­de Ver­hal­ten, ins­be­son­de­re Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen durch sie sowie die gericht­lich nicht zu beein­flus­sen­de Tätig­keit Drit­ter, vor allem der Sach­ver­stän­di­gen [7]. Dage­gen kann sich der Staat nicht auf sol­che Umstän­de beru­fen, die in sei­nem Ver­ant­wor­tungs­be­reich lie­gen [8]. Fer­ner haben die Gerich­te auch die Gesamt­dau­er des Ver­fah­rens zu berück­sich­ti­gen und sich mit zuneh­men­der Dau­er nach­hal­tig um eine Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens zu bemü­hen [9].

Dar­an gemes­sen ist – so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall – die Dau­er des Ver­fah­rens vor dem Land­ge­richt mit dem Recht der Beschwer­de­füh­rer auf effek­ti­ven Rechts­schutz unver­ein­bar. Es ist nach Abwä­gung sämt­li­cher Umstän­de ver­fas­sungs­recht­lich nicht mehr hin­nehm­bar, dass erst nach 18 Jah­ren erst­in­stanz­lich über den Antrag der Rechts­vor­gän­ge­rin der Beschwer­de­füh­rer ent­schie­den wur­de.

Bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung der Gesamt­dau­er des Ver­fah­rens ist aller­dings zu berück­sich­ti­gen, dass die Rechts­sa­che in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht kom­pli­ziert und in der Ver­fah­rens­füh­rung sehr auf­wen­dig war. Die ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten gal­ten einer kom­ple­xen Mate­rie im Zusam­men­hang mit dem Abschluss eines Beherr­schungs- und Gewinn­ab­füh­rungs­ver­tra­ges zwi­schen zwei gro­ßen Unter­neh­men. Nach hier nicht zu bean­stan­den­der Auf­fas­sung des Land­ge­richts erfor­der­te nament­lich eine Fort­ent­wick­lung höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung die Ein­ho­lung von Ergän­zungs­gut­ach­ten. Wei­te­re Schwie­rig­kei­ten erga­ben sich aus der Viel­zahl der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und der zwölf­jäh­ri­gen Dau­er des par­al­lel zum erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren durch­ge­führ­ten Beschwer­de­ver­fah­rens zu einer pro­zes­sua­len Zwi­schen­fra­ge. Die Dau­er des Beschwer­de­ver­fah­rens ver­ur­sach­te jedoch eine Ver­zö­ge­rung der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung nur inso­weit, als sie die Anle­gung und teil­wei­se Rekon­struk­ti­on von Duplo­ak­ten erfor­der­te. Aus den bei­gezo­ge­nen Akten des Aus­gangs­ver­fah­rens ergibt sich nicht, dass das erst­in­stanz­li­che Ver­fah­ren bei früh­zei­ti­ge­rer Beschei­dung der Beschwer­den durch das Ober­lan­des­ge­richt beschleu­nigt wor­den wäre. Viel­mehr dau­er­te die par­al­lel zum Beschwer­de­ver­fah­ren durch­ge­führ­te Beweis­auf­nah­me des Land­ge­richts bis Juli 2004 (Vor­la­ge des zwei­ten Ergän­zungs­gut­ach­tens durch den Sach­ver­stän­di­gen) an. Zur sel­ben Zeit hat­te aber auch das Ober­lan­des­ge­richt die Beschwer­den bereits zurück­ge­wie­sen und die Akten an das Land­ge­richt zurück­ge­reicht.

Jeden­falls nach­dem im Juli 2004 sowohl das ergän­zen­de Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten als auch die zurück­wei­sen­de Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts über die sofor­ti­ge Beschwer­de vor­la­gen, hat das Land­ge­richt das Ver­fah­ren nicht in aus­rei­chen­dem Maße wei­ter­be­trie­ben. Den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten wur­de eine Frist zur Stel­lung­nah­me zu dem Ergän­zungs­gut­ach­ten bis Ende Okto­ber 2004 gesetzt. Dann wur­de das Ver­fah­ren erst wie­der durch den Beschluss des Land­ge­richts vom 18.10.2006 fort­ge­führt, in wel­chem das Gericht sei­nen recht­li­chen Stand­punkt unter Berück­sich­ti­gung neue­rer Recht­spre­chung dar­stell­te und den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me bis Ende 2006 gab. Da das Ver­fah­ren im Jahr 2004 bereits 15 Jah­re anhän­gig war, hät­te das Land­ge­richt ver­stärkt auf einen zügi­ge­ren Abschluss hin­wir­ken müs­sen. Ein Ver­fah­rens­still­stand von zwei Jah­ren ist in die­ser Situa­ti­on ersicht­lich nicht ver­tret­bar.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Novem­ber 2011 – 1 BvR 3155/​09

  1. vgl. BVerfGE 82, 126, 155; 93, 99, 107[]
  2. vgl. BVerfGE 55, 349, 369; 60, 253, 269; 93, 1, 13[]
  3. vgl. BVerfGE 55, 349, 369[][]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 06.05.1997 – 1 BvR 711/​96, NJW 1997, S. 2811; EGMR, 3. Sek­ti­on, Urteil vom 11.01.2007 – 20027/​02 Herbst /​Deutschland, NVwZ 2008, S. 289, 291 Rn. 75[]
  5. vgl. BVerfGE 46, 17, 29[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.05.1997 – 1 BvR 711/​96, NJW 1997, 2811, 2812[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.07.2000 – 1 BvR 352/​00, NJW 2001, 214, 215[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.10.2003 – 1 BvR 901/​03, NVwZ 2004, 334, 335[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.07.2000, a.a.O., S. 215[]