Urteils­grün­de – und das recht­li­che Gehör

Das Grund­recht auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) gebie­tet es, dass sich das Gericht mit allen wesent­li­chen Punk­ten des Vor­trags einer Par­tei aus­ein­an­der­setzt. Zwar muss nicht jede Erwä­gung in den Urteils­grün­den aus­drück­lich erör­tert wer­den (§ 313 Abs. 3 ZPO). Aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang der Grün­de muss aber her­vor­ge­hen, dass das Gericht das zen­tra­le, ent­schei­dungs­er­heb­li­che Vor­brin­gen einer Par­tei berück­sich­tigt und in sei­ne Über­le­gun­gen mit ein­be­zo­gen hat.

Urteils­grün­de – und das recht­li­che Gehör

Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG kann auch in der Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots lie­gen, wenn die­se im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze mehr fin­det [1].

Ein sol­cher Ver­stoß liegt vor, wenn das Beru­fungs­ge­richt bei sei­nen allein am Ver­trags­wort­laut ori­en­tier­ten Erwä­gun­gen zur Aus­le­gung nicht erken­nen lässt, ob es den Vor­trag der Klä­ge­rin hier­zu sowie den damit ver­bun­de­nen Beweis­an­tritt zur Kennt­nis genom­men und in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen hat.

Zwar ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Aus­le­gung von Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters. Des­sen Aus­le­gung unter­liegt nur einer ein­ge­schränk­ten revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung dahin, ob der Aus­le­gungs­stoff voll­stän­dig berück­sich­tigt wor­den ist, ob gesetz­li­che oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­re­geln, sons­ti­ge Erfah­rungs­sät­ze oder die Denk­ge­set­ze ver­letzt sind oder ob die Aus­le­gung auf Ver­fah­rens­feh­lern beruht [2]. Ein sol­cher revi­si­ons­recht­lich beacht­li­cher Ver­fah­rens­feh­ler liegt hier jedoch vor, weil das Beru­fungs­ge­richt wesent­li­che Umstän­de für die Aus­le­gung ent­ge­gen Art. 103 Abs. 1 GG, mit­hin unter Ver­stoß gegen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten, nicht berück­sich­tigt hat.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Beru­fungs­ge­richt zur Aus­le­gung der Ent­geltre­ge­lung im Nut­zungs­ver­trag nur aus­ge­führt, der abge­schlos­se­ne Ver­trag sei in Bezug auf die Ver­gü­tungs­re­ge­lung ein­deu­tig und klar. Der Begriff „sämt­li­che Leis­tun­gen“ in Zif­fer 9.1 des Nut­zungs­ver­trags erfas­se auch die Umsatz­steu­er, zumal eine Pau­schal­ver­gü­tung ver­ein­bart wor­den sei. Auf­grund des ein­deu­ti­gen Wort­lauts der Klau­sel sei für eine Aus­le­gung kein Raum. Auch der vor­ver­trag­li­che Schrift­ver­kehr zwi­schen den Par­tei­en las­se kei­nen Schluss dar­auf zu, dass die jähr­li­che Nut­zungs­pau­scha­le als Net­to­be­trag ange­se­hen wor­den wäre. Eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung schei­de eben­falls aus.

Damit stellt das Beru­fungs­ge­richt aus­schließ­lich auf den Wort­laut der Ver­ein­ba­rung in Zif­fer 9. 1 des Nut­zungs­ver­trags ab. Es meint, die­ser Wort­laut sei ein­deu­tig und des­halb kom­me eine wei­te­re Aus­le­gung nicht in Betracht. Die­se Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts ver­sto­ßen gegen das sich aus den §§ 133, 157 BGB erge­ben­de Ver­bot einer sich aus­schließ­lich am Wort­laut ori­en­tie­ren­den Inter­pre­ta­ti­on. Es kann in die­sem Zusam­men­hang dahin­ge­stellt blei­ben, ob der Wort­laut der Ver­ein­ba­rung in Zif­fer 9.1 des Nut­zungs­ver­trags tat­säch­lich so ein­deu­tig ist, wie das Beru­fungs­ge­richt annimmt. Auch ein kla­rer und ein­deu­ti­ger Wort­laut einer Erklä­rung bil­det kei­ne Gren­ze für die Aus­le­gung anhand der Gesamt­um­stän­de. Das Beru­fungs­ge­richt ver­kennt, dass sich die Fest­stel­lung, ob eine Erklä­rung ein­deu­tig ist oder nicht, erst durch eine alle Umstän­de berück­sich­ti­gen­de Aus­le­gung tref­fen lässt [3]. Es gehört zu den aner­kann­ten Grund­sät­zen für die Aus­le­gung einer Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung, dass zwar ihr Wort­laut den Aus­gangs­punkt der Aus­le­gung bil­det, dass jedoch der über­ein­stim­men­de Par­tei­wil­le dem Wort­laut und jeder ande­ren Inter­pre­ta­ti­on vor­geht [4]. Schon wegen die­ses Vor­rangs des von der Klä­ge­rin behaup­te­ten über­ein­stim­men­den Par­tei­wil­lens hät­te das Beru­fungs­ge­richt den Beweis­an­trag der Klä­ge­rin nicht über­ge­hen dür­fen. Soweit das Beru­fungs­ge­richt aus­führt, die vor­ver­trag­li­che Kor­re­spon­denz las­se nicht dar­auf schlie­ßen, dass die Par­tei­en die Sum­me von 1.100.000 € als Net­to­be­trag ange­se­hen haben, weil sie kei­nen Nie­der­schlag in der schrift­li­chen Ver­trags­ur­kun­de gefun­den hät­te, über­sieht das Beru­fungs­ge­richt, dass der Inhalt der vor­ver­trag­li­chen Ver­hand­lun­gen für die Aus­le­gung eines Ver­tra­ges ent­schei­den­de Bedeu­tung haben kann [5]. Das Beru­fungs­ge­richt hät­te damit Anlass gehabt, für die Aus­le­gung die Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten näher auf­zu­klä­ren. Wesent­li­che Erkennt­nis­se für die Aus­le­gung hät­ten sich dabei aus der Erhe­bung der von der Klä­ge­rin ange­bo­te­nen Bewei­se erge­ben kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. April 2014 – XII ZR 124/​12

  1. BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – XII ZR 114/​10, GuT 2012, 268 Rn. 9 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2009 – XII ZR 79/​07 , NJW-RR 2009, 593 Rn. 18; BGHZ 194, 301 = NJW 2012, 3505 Rn. 14 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 19.12 2001 – XII ZR 281/​99 , NJW 2002, 1260, 1261 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 05.04.2005 – VIII ZR 160/​04 , NJW 2005, 1950, 1951 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 19.12 2001 – XII ZR 281/​99, NJW 2002, 1260, 1261 mwN[]