Ver­jäh­rungs­hem­mung per Mahn­be­scheid

Man­gelt es dem Mahn­an­trag und dem Mahn­be­scheid an der nach § 690 Abs. 1 Nr. 3 ZPO not­wen­di­gen Indi­vi­dua­li­sie­rung des gel­tend gemach­ten pro­zes­sua­len Anspruchs, das heißt an der Bezeich­nung des Anspruchs unter bestimm­ter Anga­be der ver­lang­ten Leis­tung, tritt kei­ne Hem­mung der Ver­jäh­rung nach § 204 Abs. 1 Nr. 3, § 209 BGB durch den antrags­ge­mäß erlas­se­nen Mahn­be­scheid ein.

Ver­jäh­rungs­hem­mung per Mahn­be­scheid

Die Indi­vi­dua­li­sie­rung kann dann auch nicht nach Ablauf der Ver­jäh­rungs­frist mit Rück­wir­kung ver­jäh­rungs­hem­mend nach­ge­holt wer­den 1.

Der Rege­lung des § 204 BGB liegt das Prin­zip zugrun­de, dass die Ver­jäh­rung durch eine akti­ve Rechts­ver­fol­gung des Gläu­bi­gers gehemmt wird, die einen auf die Durch­set­zung sei­nes Anspruchs gerich­te­ten Wil­len für den Schuld­ner erkenn­bar macht; der Gläu­bi­ger muss dem Schuld­ner sei­nen Rechts­ver­fol­gungs­wil­len so klar machen, dass die­ser sich dar­auf ein­rich­ten muss, auch nach Ablauf der (ursprüng­li­chen) Ver­jäh­rungs­zeit in Anspruch genom­men zu wer­den. Ent­schei­dend ist mit­hin, ob die kon­kre­te Maß­nah­me der Rechts­ver­fol­gung die gefor­der­te Warn­funk­ti­on erfüllt. Der Anspruchs­geg­ner muss erken­nen kön­nen, "wor­um es geht" 2.

Bezeich­nung des Mahn­an­spruchs[↑]

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein im Mahn­ver­fah­ren gel­tend gemach­ter Anspruch dann im Sin­ne von § 690 Abs. 1 Nr. 3 ZPO im Mahn­an­trag (Mahn­be­scheid; § 204 Abs. 1 Nr. 3 BGB) hin­rei­chend indi­vi­dua­li­siert, wenn er durch sei­ne Kenn­zeich­nung von ande­ren Ansprü­chen so unter­schie­den und abge­grenzt wer­den kann, dass er Grund­la­ge eines der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähi­gen Voll­stre­ckungs­ti­tels sein kann und dem Schuld­ner die Beur­tei­lung ermög­licht, ob er sich gegen den Anspruch zur Wehr set­zen will. Wann die­se Anfor­de­run­gen erfüllt sind, kann nicht all­ge­mein und abs­trakt fest­ge­legt wer­den; viel­mehr hän­gen Art und Umfang der erfor­der­li­chen Anga­ben im Ein­zel­fall von dem zwi­schen den Par­tei­en bestehen­den Rechts­ver­hält­nis und der Art des Anspruchs ab 3.

Vor­aus­set­zung für die ver­jäh­rungs­hem­men­de Wir­kung ist aller­dings nicht, dass aus dem Mahn­be­scheid für einen außen­ste­hen­den Drit­ten ersicht­lich ist, wel­che kon­kre­ten Ansprü­che mit dem Mahn­be­scheid gel­tend gemacht wer­den; es reicht aus, dass dies für den Antrags­geg­ner erkenn­bar ist 4. Im Mahn­be­scheid kann zur Bezeich­nung des gel­tend gemach­ten Anspruchs auch auf Rech­nun­gen oder ande­re (vor­pro­zes­sua­le) Urkun­den Bezug genom­men wer­den. Die­se sind jeden­falls dann zur Indi­vi­dua­li­sie­rung des Anspruchs geeig­net, wenn sie dem Mahn­be­scheid in Abschrift bei­gefügt wer­den oder dem Geg­ner bereits zuge­gan­gen sind 5. Eine knap­pe Kenn­zeich­nung des gel­tend gemach­ten Anspruchs und der ver­lang­ten Leis­tung genügt den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ins­be­son­de­re dann, wenn zwi­schen den Par­tei­en kei­ne wei­te­ren Rechts­be­zie­hun­gen bestehen 6.

Den in § 690 Abs. 1 Nr. 3 ZPO auf­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen an eine Indi­vi­dua­li­sie­rung des im Mahn­be­scheid bezeich­ne­ten Anspruchs kann unter bestimm­ten Umstän­den auch dann genügt sein, wenn zwar eine im Mahn­be­scheid in Bezug genom­me­ne Anla­ge weder die­sem bei­gefügt noch dem Schuld­ner zuvor zugäng­lich gemacht wor­den ist, jedoch die übri­gen Anga­ben im Mahn­be­scheid eine Kenn­zeich­nung des Anspruchs ermög­li­chen 7.

Auf der Grund­la­ge die­ser Recht­spre­chung fehlt es vor­lie­gend an der hin­rei­chen­den Kon­kre­ti­sie­rung des Anspruchs im Mahn­be­scheids­an­trag und dem ent­spre­chend erlas­se­nen Mahn­be­scheid.

Der Mahn­be­scheid lau­tet auf "Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen Pflicht­ver­let­zung, Ansprü­che aus Delikt, unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung im Zusam­men­hang mit Part­ner­stel­lung bei der Antrag­stel­le­rin vom 01.01.09 bis 21.12.12". Es ist bereits nicht erkenn­bar, aus wel­chen Vor­gän­gen die­se Ansprü­che her­ge­lei­tet wer­den sol­len und ob es sich um unter­schied­li­che Anspruchs­grund­la­gen im mate­ri­el­len oder im pro­zes­sua­len Sinn han­delt, wel­che Pflicht­ver­let­zung oder uner­laub­te Hand­lung dem Beklag­ten vor­ge­wor­fen wird bzw. wodurch und in wel­chem Umfang sich der Beklag­te unge­recht­fer­tigt berei­chert haben soll. Auch eine Bezug­nah­me auf ein erläu­tern­des vor­pro­zes­sua­les Anspruchs­schrei­ben ist nicht erfolgt, so dass die E‑Mail des Antrag­stel­lers nicht zur Indi­vi­dua­li­sie­rung her­an­ge­zo­gen wer­den kann. Die­se wäre dazu auch nicht geeig­net, weil der Beklag­te dar­in ledig­lich zur Aus­kunft auf­ge­for­dert und eine außer­ge­richt­li­che Lösung ange­regt wird. Weder wird die Rück­for­de­rung einer angeb­lich über­zahl­ten Ver­gü­tung ange­kün­digt, noch wer­den ein­zel­ne Schä­den kon­kret benannt oder bezif­fert.

Die im vor­lie­gen­den Mahn­be­scheids­an­trag ent­hal­te­ne Datums­an­ga­be "01.01.09 bis 21.12.12" trägt zur wei­te­ren Ver­wäs­se­rung der Anga­ben bei. Da sich der Zeit­raum offen­sicht­lich nicht auf die Part­ner­stel­lung des Beklag­ten bezieht, weil die­ser bereits am 2.12 2009 aus­ge­schlos­sen wor­den ist, kann ein zeit­li­cher Bezug nur zu den gel­tend gemach­ten Ansprü­chen her­ge­stellt wer­den. Wel­che Schä­den der Klä­ge­rin im Jahr 2012 ent­stan­den sein sol­len, erschließt sich nicht.

Auch aus dem Betrag kann hier nicht dar­auf geschlos­sen wer­den, wel­che Ansprü­che die Klä­ge­rin gel­tend machen will. Die im Pro­zess behaup­te­ten Schä­den belau­fen sich auf 658.590, 32 €, die mit dem Mahn­be­scheids­an­trag gel­tend gemach­te For­de­rung aber nur auf 514.000 €. Dass die Klä­ge­rin (einen Teil) von 200.000 € angeb­lich über­zahl­ter Ver­gü­tung und zudem (einen Teil) eige­ner Auf­wen­dun­gen von 356.507, 50 € zurück­for­dert und (einen Teil von) Auf­wen­dun­gen von 102.082, 82 € für exter­ne Gut­ach­ter vom Beklag­ten ver­langt, war für den Beklag­ten danach nicht erkenn­bar. Die Klä­ge­rin hat die im Pro­zess gel­tend gemach­ten Ansprü­che vor­pro­zes­su­al vom Beklag­ten nie ein­ge­for­dert. Es ist nicht ersicht­lich, dass die Klä­ge­rin über­haupt ein­mal ihre For­de­run­gen gegen­über dem Beklag­ten zif­fern­mä­ßig kon­kre­ti­siert hät­te.

Gel­tend­ma­chung meh­re­rer Ein­zel­an­sprü­che[↑]

Wenn meh­re­re Ein­zel­an­sprü­che und nicht nur unselb­stän­di­ge Rech­nungs­pos­ten eines ein­heit­li­chen Scha­dens gel­tend gemacht wer­den, gehört es zur not­wen­di­gen Indi­vi­dua­li­sie­rung des Anspruchs, dass die Zusam­men­set­zung der For­de­rung bereits aus dem Mahn­be­scheid erkenn­bar ist 8. Soll ein ein­heit­li­cher Antrag auf unter­schied­li­che Lebens­sach­ver­hal­te und damit ver­schie­de­ne Streit­ge­gen­stän­de gestützt wer­den, muss dies im Mahn­an­trag hin­rei­chend zum Aus­druck kom­men, um dem Geg­ner die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten eines Wider­spruchs zu ermög­li­chen 9.

In den Fäl­len, in denen mit einem Mahn­be­scheid meh­re­re Ein­zel­an­sprü­che unter Zusam­men­fas­sung in einer Sum­me gel­tend gemacht wer­den und die Ein­zel­for­de­run­gen nicht nach Indi­vi­dua­li­sie­rungs­merk­ma­len und Betrag bestimmt sind, kann eine Indi­vi­dua­li­sie­rung nach Ablauf der Ver­jäh­rungs­frist im anschlie­ßen­den Streit­ver­fah­ren nicht mehr ver­jäh­rungs­hem­mend nach­ge­holt wer­den 10. Etwas ande­res lässt sich auch den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs vom 1996 und 2001 11 nicht ent­neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Okto­ber 2015 – II ZR 281/​14

  1. BGH, Beschluss vom 25.06.2015 – III ZR 173/​14 5; Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, ZIP 2015, 1395 Rn. 17, zVb in BGHZ; Beschluss vom 26.02.2015 – III ZR 53/​14, BKR 2015, 216 Rn. 2; Urteil vom 10.10.2013 – VII ZR 155/​11, NJW 2013, 3509 Rn. 17; Urteil vom 21.10.2008 – XI ZR 466/​07, NJW 2009, 56 Rn.20[]
  2. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, ZIP 2015, 1395 Rn. 18 mwN, zVb in BGHZ[]
  3. vgl. nur BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14, ZIP 2015, 1395 Rn.19, zVb in BGHZ; Beschluss vom 25.06.2015 – III ZR 173/​14 6[]
  4. BGH, Urteil vom 25.03.2015 – VIII ZR 243/​13, ZIP 2015, 979 Rn. 64 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 25.06.2015 – III ZR 173/​14 6; Urteil vom 25.03.2015 – VIII ZR 243/​13, ZIP 2015, 979 Rn. 64; Urteil vom 15.01.2015 – I ZR 148/​13, GRUR 2015, 780 Rn. 25 – Motor­rad­tei­le[]
  6. BGH, Urteil vom 25.03.2015 – VIII ZR 243/​13, ZIP 2015, 979 Rn. 64; Urteil vom 06.12 2001 – VII ZR 183/​00, NJW 2002, 520, 521[]
  7. BGH, Urteil vom 17.11.2010 – VIII ZR 211/​09, NJW 2011, 613 Rn. 11 mwN[]
  8. BGH, Beschluss vom 25.06.2015 – III ZR 173/​14 8; Beschluss vom 26.02.2015 – III ZR 53/​14, BKR 2015, 216 Rn. 4; Urteil vom 10.10.2013 – VII ZR 155/​11, NJW 2013, 3509 Rn. 16 f.; Urteil vom 17.11.2010 – VIII ZR 211/​09, NJW 2011, 613 Rn. 14; Urteil vom 12.04.2007 – VII ZR 236/​05, ZIP 2007 Rn. 45[]
  9. BGH, Urteil vom 23.09.2008 – XI ZR 253/​07, ZIP 2008, 2255 Rn.19; Urteil vom 17.10.2000 – XI ZR 312/​99, NJW 2001, 305, 306[]
  10. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 189/​14 16; Urteil vom 16.07.2015 – III ZR 238/​14, WM 2015, 1559 Rn. 17; Beschluss vom 13.08.2015 – III ZR 380/​14 9; Urteil vom 10.10.2013 – VII ZR 155/​11, NJW 2013, 3509 Rn. 17; Urteil vom 21.10.2008 – XI ZR 466/​07, NJW 2009, 56 Rn.20; Urteil vom 17.10.2000 – XI ZR 312/​99, NJW 2001, 305, 306 f.[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 06.12 2001 – VII ZR 183/​00, NJW 2002, 520, 521; Urteil vom 08.05.1996 – XII ZR 8/​95, NJW 1996, 2152, 2153[]