Anfech­tung der Betriebs­rats­wahl durch einen aus­ge­schie­de­nen Arbeit­neh­mer

Die Wahl­be­rech­ti­gung des die Wahl anfech­ten­den Arbeit­neh­mers muss grund­sätz­lich nur zum Zeit­punkt der Wahl gege­ben sein [1]. Ein Weg­fall der Wahl­be­rech­ti­gung durch Aus­schei­den aus dem Betrieb nimmt dem Arbeit­neh­mer die Anfech­tungs­be­fug­nis nicht. Nur wenn sämt­li­che die Wahl anfech­ten­den Arbeit­neh­mer aus dem Betrieb aus­schei­den, führt dies zur Unzu­läs­sig­keit des Antrags, da für die Fort­füh­rung des Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­rens in die­sem Fall kein Rechts­schutz­be­dürf­nis mehr besteht [2].

Anfech­tung der Betriebs­rats­wahl durch einen aus­ge­schie­de­nen Arbeit­neh­mer

Die Gegen­an­sicht ver­tritt den Stand­punkt, für den Anfech­tungs­an­trag bestehe schon dann kein Rechts­schutz­be­dürf­nis mehr, wenn die vom Gesetz in § 94 Abs. 6 Satz 2 SGB IX iVm. § 19 Abs. 2 Satz 1 BetrVG vor­aus­ge­setz­te Min­dest­zahl der Anfech­ten­den unter­schrit­ten wer­de. Sinn und Zweck die­ses Quo­rums bestehe dar­in zu ver­hin­dern, dass nicht ein ein­zel­ner Arbeit­neh­mer – ein unter­le­ge­ner Bewer­ber oder „Que­ru­lant“ – ein auf­wen­di­ges und schwie­ri­ges Ver­fah­ren in Gang set­zen und betrei­ben kön­ne. Die Anfech­tung müs­se bis zum Ende der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz von min­des­tens drei Anfech­ten­den getra­gen sein. Es wider­spre­che Sinn und Zweck des aus indi­vi­du­el­ler Rechts­po­si­ti­on betrie­be­nen Anfech­tungs­ver­fah­rens, wenn der­je­ni­ge, des­sen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit ent­fal­le, jenes wei­ter­füh­ren kön­ne, obwohl er durch die Ent­schei­dung nicht mehr betrof­fen sei [3].

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält an sei­ner Recht­spre­chung fest. Dem Geset­zes­zweck wird durch das bei Stel­lung eines Anfech­tungs­an­trags erfor­der­li­che Quo­rum von drei Wahl­be­rech­tig­ten aus­rei­chend Rech­nung getra­gen. Dem­entspre­chend hat auch das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt [4] den objek­ti­ven Cha­rak­ter von Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­ren her­vor­ge­ho­ben. Ent­ge­gen der Rechts­be­schwer­de ist es gera­de nicht die indi­vi­du­el­le Rechts­po­si­ti­on, die das Anfech­tungs­recht ent­schei­dend kenn­zeich­net. Das gilt ins­be­son­de­re für das Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­ren, das nicht dem Ein­zel­in­ter­es­se, son­dern dem All­ge­mein­in­ter­es­se dient. Das Anfech­tungs­recht der Gewerk­schaf­ten zeigt, dass das Rechts­schutz­in­ter­es­se nicht eine per­sön­li­che Beschwer vor­aus­setzt. Im Vor­der­grund steht viel­mehr das All­ge­mein­in­ter­es­se an der Ord­nungs­mä­ßig­keit der Wahl [5]. Die­se Erwä­gun­gen gel­ten auch für die Wah­len der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung und deren Stell­ver­tre­ter.

Der Aus­nah­me­fall, dass alle Anfech­ten­den im Ver­lau­fe des Ver­fah­rens aus dem Betrieb aus­ge­schie­den sind und der Anfech­tungs­an­trag des­halb man­gels Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses unzu­läs­sig gewor­den ist, liegt hier nicht vor. Nach der Anfech­tung der Wahl ist ledig­lich die Wahl­be­rech­ti­gung des Antrag­stel­lers zu 3. mit des­sen Ein­tritt in die Frei­stel­lungs­pha­se am 1.10.2011 ent­fal­len, wäh­rend die Antrag­stel­ler zu 1. und 2. nach wie vor dem Betrieb ange­hö­ren. Das Rechts­schutz­in­ter­es­se an der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit der Wahl besteht damit für alle Antrag­stel­ler fort.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 23. Juli 2014 – 7 ABR 23/​12

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung seit BAG 4.12 1986 – 6 ABR 48/​85, zu II 4 b der Grün­de, BAGE 53, 385[]
  2. BAG 16.11.2005 – 7 ABR 9/​05, Rn. 16 mwN, BAGE 116, 205; DKKW-Hom­burg 14. Aufl. § 19 Rn. 25; Fit­ting 27. Aufl. § 19 Rn. 29; HWGNRH-Nico­lai 9. Aufl. § 19 Rn. 22; Thü­s­ing in Richar­di BetrVG 14. Aufl. § 19 Rn. 38[]
  3. vgl. Kreutz GK-BetrVG 10. Aufl. § 19 Rn. 66, 69 und Rn. 58 mwN, der die Anfech­tungs­be­rech­ti­gung nicht als Vor­aus­set­zung der Zuläs­sig­keit, son­dern der Begründ­etheit ansieht[]
  4. BVerwG 27.04.1983 – 6 P 17.81 -BVerw­GE 67, 145[]
  5. vgl. für den Per­so­nal­rat BVerwG 27.04.1983 – 6 P 17.81 – aaO[]