Mas­sen­ent­las­sung – Rügen und ihre Prä­k­lu­si­on

Die Pflicht zur Kon­sul­ta­ti­on des Betriebs­rats nach § 17 Abs. 2 KSchG und die in § 17 Abs. 1, Abs. 3 KSchG gere­gel­te Anzei­ge­pflicht gegen­über der Agen­tur für Arbeit sind zwei getrennt durch­zu­füh­ren­de Ver­fah­ren, die in unter­schied­li­cher Wei­se der Errei­chung des mit dem Mas­sen­ent­las­sungs­schutz nach § 17 KSchG ver­folg­ten Ziels die­nen und jeweils eige­ne Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen ent­hal­ten. Aus jedem die­ser bei­den Ver­fah­ren kann sich ein eigen­stän­di­ger Unwirk­sam­keits­grund für die im Zusam­men­hang mit einer Mas­sen­ent­las­sung erfolg­te Kün­di­gung erge­ben. Dar­um ist der Arbeit­neh­mer, der erst­in­stanz­lich ledig­lich Män­gel hin­sicht­lich des einen Ver­fah­rens rügt, bei ord­nungs­ge­mäß erteil­tem Hin­weis in zwei­ter Instanz mit Rügen von Män­geln hin­sicht­lich des ande­ren Ver­fah­rens prä­k­lu­diert.

Mas­sen­ent­las­sung – Rügen und ihre Prä­k­lu­si­on

Der Gesetz­ge­ber woll­te mit der Vor­schrift des § 6 Satz 1 KSchG dem Arbeit­neh­mer die Mög­lich­keit eröff­nen, auch nach Ablauf der Frist des § 4 KSchG noch ande­re Unwirk­sam­keits­grün­de in den Pro­zess ein­zu­füh­ren, auf die er sich zunächst nicht beru­fen hat. Die­se Rüge­mög­lich­keit hat er jedoch auf die Zeit bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der ers­ten Instanz beschränkt, um dem Arbeit­ge­ber als­bald Klar­heit über den Bestand oder die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses zu ver­schaf­fen. Die­ser soll sich nicht erst­mals in zwei­ter Instanz auf einen bis dahin in das gericht­li­che Ver­fah­ren nicht ein­ge­führ­ten ande­ren Unwirk­sam­keits­grund ein­las­sen müs­sen und soll nicht die dafür erheb­li­chen Tat­sa­chen ermit­teln und die ent­spre­chen­den Bewei­se bei­brin­gen müs­sen 1. Der Arbeit­neh­mer muss dar­um alle wei­te­ren Unwirk­sam­keits­grün­de spä­tes­tens bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter Instanz in den Pro­zess ein­füh­ren. Geschieht dies nicht, ist er mit die­sen Unwirk­sam­keits­grün­den grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen 2. Inso­fern hat § 6 Satz 1 KSchG mit der zum 1.01.2004 erfolg­ten Neu­fas­sung durch Art. 1 Nr. 4 des Geset­zes zu Refor­men am Arbeits­markt vom 24.12 2003 3 einen Bedeu­tungs­wan­del erfah­ren: Die Norm ermög­licht nicht mehr, wie § 6 KSchG aF, nur die Erwei­te­rung der aus ande­ren Grün­den erho­be­nen Kla­ge auf die Fest­stel­lung der Sozi­al­wid­rig­keit der Kün­di­gung 4, son­dern beschränkt auch die Mög­lich­keit des Arbeit­neh­mers, nach Ablauf der Kla­ge­frist wei­te­re Unwirk­sam­keits­grün­de nach­zu­schie­ben 5.

Der in § 17 KSchG gere­gel­te beson­de­re Kün­di­gungs­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen unter­fällt in zwei getrennt durch­zu­füh­ren­de Ver­fah­ren mit jeweils eige­nen Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zun­gen, näm­lich die in § 17 Abs. 2 KSchG nor­mier­te Pflicht zur Kon­sul­ta­ti­on des Betriebs­rats einer­seits und die in § 17 Abs. 1, Abs. 3 KSchG gere­gel­te Anzei­ge­pflicht gegen­über der Agen­tur für Arbeit ande­rer­seits. Das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren steht selb­stän­dig neben dem Anzei­ge­ver­fah­ren. Bei­de Ver­fah­ren die­nen in unter­schied­li­cher Wei­se der Errei­chung des mit dem Mas­sen­ent­las­sungs­schutz ver­folg­ten Ziels 6. Das bringt die Richt­li­nie 98/​59/​EG des Rates vom 20.07.1998 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen (Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie – MERL) 7 deut­li­cher zum Aus­druck als § 17 KSchG, mit dem die­se Richt­li­nie umge­setzt wor­den ist. Dort ist das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren in Teil II (Infor­ma­ti­on und Kon­sul­ta­ti­on), die Anzei­ge­pflicht dage­gen in Teil III (Mas­sen­ent­las­sungs­ver­fah­ren) gere­gelt. Im Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren soll der Betriebs­rat kon­struk­ti­ve Vor­schlä­ge unter­brei­ten kön­nen, um die Mas­sen­ent­las­sung zu ver­hin­dern oder jeden­falls zu beschrän­ken 8. Erfolgt gleich­wohl eine Mas­sen­ent­las­sung, soll die Agen­tur für Arbeit durch die Anzei­ge der Mas­sen­ent­las­sung in die Lage ver­setzt wer­den, Maß­nah­men zur Ver­mei­dung oder zum Auf­schub von Belas­tun­gen des Arbeits­markts ein­zu­lei­ten, die Fol­gen der Ent­las­sun­gen für die Betrof­fe­nen zu mil­dern und für deren ander­wei­ti­ge Beschäf­ti­gung zu sor­gen 9.

Jedes die­ser bei­den Ver­fah­ren stellt ein eigen­stän­di­ges Wirk­sam­keits­er­for­der­nis für die im Zusam­men­hang mit einer Mas­sen­ent­las­sung erfolg­te Kün­di­gung dar. § 17 Abs. 2 KSchG einer­seits und § 17 Abs. 1 iVm. Abs. 3 Satz 2 und Satz 3 KSchG ande­rer­seits sind zwei unter­schied­li­che Ver­bots­ge­set­ze, die bei Ver­stö­ßen gegen die gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen jeweils unab­hän­gig von­ein­an­der zur Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung füh­ren 10. Dar­um reicht es ent­ge­gen der Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts zur Ver­mei­dung der Prä­k­lu­si­on nach § 6 Satz 1 KSchG nicht aus, erst­in­stanz­lich Män­gel aus dem einen Ver­fah­ren zu rügen, um dem Arbeit­neh­mer die Mög­lich­keit zu eröff­nen, auch Män­gel des ande­ren Ver­fah­rens und die dar­aus fol­gen­de Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung erst­mals im Beru­fungs­ver­fah­ren gel­tend zu machen. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass der Arbeit­neh­mer bereits in der ers­ten Instanz Män­gel rügt, die sich ein­deu­tig erkenn­bar dem Ver­fah­ren hin­sicht­lich der Anzei­ge­pflicht und/​oder dem Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren zuord­nen las­sen. Hin­sicht­lich der Män­gel, die bezüg­lich des nicht bereits in ers­ter Instanz ange­spro­che­nen Ver­fah­rens bestehen, ist er in zwei­ter Instanz bei ord­nungs­ge­mäß erteil­tem Hin­weis durch § 6 Satz 1 KSchG prä­k­lu­diert 11.

Die von § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG ver­lang­te Bei­fü­gung der Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats bzw. die Glaub­haft­ma­chung der Vor­aus­set­zun­gen des § 17 Abs. 3 Satz 3 KSchG ist Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für die Anzei­ge 12. Zum Anzei­ge­ver­fah­ren gehört dar­um auch die in der MERL nicht vor­ge­se­he­ne 13 Pflicht des Arbeit­ge­bers, der Anzei­ge die Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats bei­zu­fü­gen bzw. die­se nach den in § 17 Abs. 3 Satz 3 KSchG gere­gel­ten Grund­sät­zen zu erset­zen. Die­se Pflicht ist Teil der natio­na­len Aus­ge­stal­tung des Anzei­ge­ver­fah­rens. Dar­um kann zB ein Arbeit­neh­mer, der in der ers­ten Instanz nur rügt, die vom Betriebs­rat erteil­te Stel­lung­nah­me sei der Anzei­ge nicht bei­gefügt wor­den, bei ord­nungs­ge­mäß erteil­tem Hin­weis Män­gel des Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­rens in der Beru­fungs­in­stanz nicht mehr gel­tend machen, weil sich die­se Rüge allein auf das Anzei­ge, nicht aber auf das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren bezieht.

Im hier ent­schie­de­nen Fall konn­te es das Bun­des­ar­beits­ge­richt aller­dings dahin­ste­hen las­sen, ob nach vor­ste­hen­den Grund­sät­zen der Arbeit­neh­mer mit der Rüge des § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG prä­k­lu­diert ist, weil er in der Kla­ge­schrift aus­drück­lich vor­ge­tra­gen hat, sei­nes Wis­sens bestehe kein Betriebs­rat, und so zu erken­nen gege­ben hat, dass er eine ord­nungs­ge­mä­ße Betei­li­gung des Betriebs­rats bzw. der Per­so­nal­ver­tre­tung nach § 117 Abs. 2 BetrVG nicht als Vor­aus­set­zung für die Wirk­sam­keit des Anzei­ge­ver­fah­rens anse­he. Der vor­lie­gen­de Fall gibt kei­nen Anlass, die Anfor­de­run­gen an eine ord­nungs­ge­mä­ße Gel­tend­ma­chung iSd. § 6 Satz 1 KSchG zu klä­ren 14. Ins­be­son­de­re besteht kein Anlass, sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen, ob es inso­weit genügt, einen mög­li­chen Unwirk­sam­keits­grund erst­in­stanz­lich pau­schal anzu­spre­chen und sich der Arbeit­ge­ber bereits des­we­gen umfas­send dar­auf ein­stel­len muss, zu allen inso­weit in Betracht kom­men­den Gesichts­punk­ten vor­tra­gen zu müs­sen, oder ob er sich jeden­falls dann dar­auf ein­rich­ten darf, mit einem erst­in­stanz­lich gerüg­ten Unwirk­sam­keits­grund in der Beru­fungs­in­stanz nicht mehr kon­fron­tiert zu wer­den, wenn er die­sem Grund mit schlüs­si­gem Tat­sa­chen­vor­trag ent­ge­gen­ge­tre­ten ist, den der Arbeit­neh­mer nicht bestrit­ten hat. Eben­so wenig ist im vor­lie­gen­den Fall die Fra­ge, ob über­haupt noch ein nach § 17 Abs. 2 KSchG zu betei­li­gen­des Gre­mi­um bestand und des­halb die Bei­fü­gung einer Stel­lung­nah­me der Per­so­nal­ver­tre­tung Wirk­sam­keits­er­for­der­nis der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge war, ent­schei­dungs­er­heb­lich. Die Kün­di­gung war hier näm­lich bereits des­halb unwirk­sam, weil die dafür erfor­der­li­che erneu­te Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht erfolgt ist.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Janu­ar 2016 – 6 AZR 601/​14

  1. vgl. BAG 24.05.2012 – 2 AZR 206/​11, Rn. 50[]
  2. BAG 18.01.2012 – 6 AZR 407/​10, Rn. 13, BAGE 140, 261[]
  3. BGBl. I S. 3002[]
  4. zum Bedeu­tungs­ge­halt des § 6 KSchG aF Zeu­ner NZA 2012, 1414, 1415[]
  5. BAG 8.11.2007 – 2 AZR 314/​06, Rn. 16, BAGE 124, 367; Eylert NZA 2012, 9, 10; aA Zeu­ner NZA 2012, 1414, 1416[]
  6. BAG 21.03.2013 – 2 AZR 60/​12, Rn. 28, BAGE 144, 366; 13.12 2012 – 6 AZR 752/​11, Rn. 62[]
  7. ABl. EG L 225 vom 12.08.1998 S. 16[]
  8. BAG 20.09.2012 – 6 AZR 155/​11, Rn. 60, BAGE 143, 150[]
  9. BAG 21.03.2013 – 2 AZR 60/​12, Rn. 28, 44, aaO[]
  10. für das Anzei­ge­ver­fah­ren BAG 22.11.2012 – 2 AZR 371/​11, Rn. 39 ff., BAGE 144, 47; für das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren BAG 21.03.2013 – 2 AZR 60/​12, Rn. 21 ff., BAGE 144, 366[]
  11. zur Mög­lich­keit der Prä­k­lu­si­on mit Rügen nach § 17 KSchG vgl. bereits BAG 13.12 2012 – 6 AZR 5/​12, Rn. 57[]
  12. BAG 28.06.2012 – 6 AZR 780/​10, Rn. 52, BAGE 142, 202[]
  13. vgl. dazu EUArbR/​Spelge RL 98/​59/​EG Art. 3 Rn. 11[]
  14. offen­ge­las­sen auch von BAG 4.05.2011 – 7 AZR 252/​10, Rn. 21, BAGE 138, 9[]