Der Sui­zid­wunsch der Ehe­frau

In der Wei­ge­rung deut­scher Behör­den, einer gelähm­ten Frau die Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Medi­ka­men­ten­do­sis zu ertei­len, liegt dann in Bezug auf den Ehe­mann ein Ver­stoß gegen sei­ne Ver­fah­rens­rech­te nach Arti­kel 8 EMRK vor, wenn das Gericht die Beschwer­de des Man­nes in der Sache nicht geprüft hat.

Der Sui­zid­wunsch der Ehe­frau

So hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in dem hier vor­lie­gen­den Fall des Herrn Koch ent­schie­den, des­sen Frau quer­schnitts­ge­lähmt und auf künst­li­che Beatmung ange­wie­sen war und des­halb die Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Medi­ka­men­ten­do­sis begehrt hat, die ihr die Selbst­tö­tung ermög­licht hät­te.

Sach­ver­halt

Die Frau des Beschwer­de­füh­rers Ulrich Koch war nach einem Sturz vor dem eige­nen Haus im Jahr 2002 quer­schnitts­ge­lähmt und auf künst­li­che Beatmung sowie stän­di­ge Betreu­ung durch Pfle­ge­per­so­nal ange­wie­sen; sie woll­te daher ihrem Leben ein Ende set­zen. Im Novem­ber 2004 bean­trag­te sie beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Medi­zin­pro­duk­te die Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Dosis Natri­um-Pento­bar­bi­tal, die ihr die Selbst­tö­tung zu Hau­se ermög­licht hät­te. Das Bun­des­in­sti­tut lehn­te den Antrag ab, da ihr Sui­zid­wil­le nicht mit dem Zweck des Betäu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­ein­bar sei, die not­wen­di­ge medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sicher­zu­stel­len. Herr Koch und sei­ne Frau leg­ten gegen die Ent­schei­dung Wider­spruch ein. Am 12. Febru­ar 2005 nahm sich sei­ne Frau mit Hil­fe des Ver­eins Digni­tas in der Schweiz das Leben.

Am 3. März 2005 wies das Bun­des­in­sti­tut den Wider­spruch gegen sei­ne Ent­schei­dung zurück und im April des­sel­ben Jah­res erhob Herr Koch Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­kla­ge mit dem Antrag fest­zu­stel­len, dass die Ent­schei­dun­gen des Insti­tuts rechts­wid­rig waren; es sei dazu ver­pflich­tet gewe­sen, sei­ner Frau die bean­trag­te Erlaub­nis zu ertei­len. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln wies die Kla­ge mit der Begrün­dung ab, Herr Koch kön­ne nicht selbst bean­spru­chen, Opfer einer Ver­let­zung sei­ner eige­nen Rech­te zu sein und sei somit nicht kla­ge­be­fugt. Zugleich ver­trat das Gericht die Auf­fas­sung, die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­in­sti­tu­tes sei­en recht­mä­ßig und stün­den im Ein­klang mit Arti­kel 8 EMRK. Im Juni 2007 wies das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len sei­ne Beru­fung zurück und am 4. Novem­ber 2008 nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an, da er sich nicht auf ein post­hu­mes Recht auf Ach­tung der Men­schen­wür­de sei­ner Frau beru­fen kön­ne und nicht in ihrem Namen beschwer­de­be­fugt sei 1.

Beschwer­de vor dem EGMR

Herr Koch sah in den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­in­sti­tuts einen Ver­stoß gegen die Rech­te sei­ner Frau gemäß Arti­kel 8 EMRK, ins­be­son­de­re gegen ihr Recht auf men­schen­wür­di­ges Ster­ben, und mach­te gel­tend, dass auch sein eige­nes Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens ver­letzt wor­den sei, da er sich gezwun­gen gese­hen habe, in die Schweiz zu rei­sen, um sei­ner Frau die Selbst­tö­tung zu ermög­li­chen. Dar­über hin­aus beklag­te er sich, dass die deut­schen Gerich­te sei­ne Rech­te gemäß Arti­kel 13 EMRK (Recht auf wirk­sa­me Beschwer­de) ver­letzt hät­ten, indem sie ihm das Recht abspra­chen, die Wei­ge­rung des Bun­des­in­sti­tuts anzu­fech­ten, sei­ner Frau die bean­trag­te Erlaub­nis zu ertei­len. Daher leg­te Herr Koch am 22. Dezem­ber 2008 beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te Beschwer­de ein.

Ver­let­zung nach Arti­kel 8 EMRK

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat­te zunächst zu prü­fen, ob ein Ein­griff in Herrn Kochs Rech­te nach Arti­kel 8 vor­lag, was die deut­sche Bun­des­re­gie­rung bestritt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te stell­te fest, dass sich der Fall inso­fern von frü­he­ren Beschwer­den unter­schied, die von Erben oder Ver­wand­ten einer ver­stor­be­nen Per­son in deren Namen ein­ge­legt wor­den waren, als Herr Koch gel­tend mach­te, selbst in sei­nen Rech­ten nach Arti­kel 8 ver­letzt wor­den zu sein, da das Lei­den sei­ner Frau und die Umstän­de ihres Todes ihn als mit­füh­len­den Ehe­mann und Betreu­er beein­träch­tigt hät­ten.

Herr Koch und sei­ne Frau waren 25 Jah­re ver­hei­ra­tet gewe­sen und hat­ten eine enge Bin­dung gehabt. Herr Koch hat­te sei­ne Frau auf ihrem Lei­dens­weg beglei­tet, hat­te schließ­lich ihren Wunsch akzep­tiert, ihrem Leben ein Ende zu set­zen und war mit ihr in die Schweiz gefah­ren, um die­sem Wunsch umzu­set­zen. Sein per­sön­li­ches Enga­ge­ment zeig­te sich zudem dar­in, dass er gemein­sam mit sei­ner Frau Wider­spruch gegen die Ent­schei­dung des Bun­des­in­sti­tu­tes ein­ge­legt und das Ver­fah­ren vor den deut­schen Gerich­ten nach ihrem Tod in sei­nem eige­nen Namen wei­ter ver­folgt hat­te. In Anbe­tracht die­ser Aus­nah­me­si­tua­ti­on erkann­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te an, dass Herr Koch ein star­kes und fort­be­stehen­des Inter­es­se dar­an hat­te, sei­ne ursprüng­lich vor­ge­brach­te Beschwer­de in der Sache gericht­lich prü­fen zu las­sen. Zudem betraf der Fall grund­le­gen­de Fra­gen im Zusam­men­hang mit dem Wunsch von Pati­en­ten, ihrem Leben selbst­be­stimmt ein Ende zu set­zen, die über die per­sön­li­che Situa­ti­on und das Inter­es­se Herrn Kochs und sei­ner Frau hin­aus von all­ge­mei­nem Inter­es­se waren.

Schließ­lich konn­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te dem Argu­ment der deut­schen Bun­des­re­gie­rung nicht zustim­men, es sei nicht not­wen­dig gewe­sen, Herrn Koch das Recht ein­zu­räu­men, das Ver­fah­ren vor den deut­schen Gerich­ten im Namen sei­ner Frau wei­ter zu ver­fol­gen, da sie des­sen Aus­gang hät­te abwar­ten kön­nen. Das Ver­fah­ren war zum einen erst rund drei Jah­re und neun Mona­te nach ihrem Tod abge­schlos­sen. In Anbe­tracht der schwer­wie­gen­den Fra­gen, die der Fall auf­wirft und der unwi­der­ruf­li­chen Fol­gen, die der Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung not­wen­di­ger­wei­se mit sich gebracht hät­te, war der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zudem nicht davon über­zeugt, dass ein Antrag auf eine sol­che Ver­fü­gung ein ange­mes­se­ner Weg gewe­sen wäre, um das Ver­fah­ren zu beschleu­ni­gen.

Ange­sichts die­ser Erwä­gun­gen kam der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu dem Schluss, dass Herr Koch bean­spru­chen konn­te, direkt von der Wei­ge­rung der deut­schen Behör­den, sei­ner Frau die Erlaub­nis zum Erwerb einer töd­li­chen Medi­ka­men­ten­do­sis zu ertei­len, betrof­fen zu sein. Folg­lich lag ein Ein­griff in sei­ne Rech­te gemäß Arti­kel 8 vor.

Hin­sicht­lich der Fra­ge, ob die Rech­te Herrn Kochs im Ver­fah­ren vor den deut­schen Gerich­ten aus­rei­chend geschützt wor­den waren, stell­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te fest, dass die Gerich­te es abge­lehnt hat­ten, sei­ne Beschwer­de in der Sache zu prü­fen. Sie waren der Auf­fas­sung, er kön­ne sich nicht auf sei­ne eige­nen Rech­te – weder nach deut­schem Recht noch nach Arti­kel 8 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – beru­fen, noch sei er im Namen sei­ner ver­stor­be­nen Frau kla­ge­be­fugt. Die deut­sche Bun­des­re­gie­rung hat­te nicht vor­ge­tra­gen, dass die Wei­ge­rung der Gerich­te, die Beschwer­de in der Sache zu prü­fen, einem der nach Arti­kel 8 EMRK zuläs­si­gen legi­ti­men Zwe­cke gedient hät­te. Der Gerichts­hof war auch nicht der Auf­fas­sung, dass der Ein­griff in die Rech­te Herrn Kochs einem die­ser legi­ti­men Zwe­cke dien­te. Folg­lich lag eine Ver­let­zung sei­nes Rechts nach Arti­kel 8 EMRK auf gericht­li­che Prü­fung sei­ner Beschwer­de in der Sache vor.

Im Hin­blick auf die mate­ri­el­le Beschwer­de Herrn Kochs war der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te der Auf­fas­sung, dass es in ers­ter Linie Auf­ga­be der deut­schen Gerich­te war, die­se in der Sache zu prü­fen. Dies galt umso mehr, als unter den Mit­glied­staa­ten des Euro­pa­rats kein Kon­sens hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit jeg­li­cher Form der Bei­hil­fe zur Selbst­tö­tung besteht. Einer rechts­ver­glei­chen­den Unter­su­chung des Euro­päi­sche Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zufol­ge ist es Ärz­ten in nur vier der 42 unter­such­ten Staa­ten erlaubt, Pati­en­ten ein töd­li­ches Medi­ka­ment zum Zweck der Selbst­tö­tung zu ver­schrei­ben. Da die sach­li­che Prü­fung der Beschwer­de pri­mär Pflicht der deut­schen Behör­den war, ent­schied der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, sich auf die Prü­fung des Falls unter ver­fah­rens­recht­li­chen Gesichts­punk­ten zu beschrän­ken.

Was die Fra­ge betraf, ob Herr Koch im Namen sei­ner ver­stor­be­nen Frau kla­ge­be­fugt war, bezog sich der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te auf frü­he­re Fäl­le, in denen er fest­ge­stellt hat­te, dass die Rech­te nach Arti­kel 8 EMRK nicht über­trag­bar sind und dass Beschwer­den nach die­sem Arti­kel daher nicht von einem engen Ver­wand­ten oder Erben der betrof­fe­nen Per­son ver­folgt wer­den kön­nen 2 . Dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te lagen kei­ne aus­rei­chen­den Grün­de vor, im Fall Koch von die­sen Schluss­fol­ge­run­gen abzu­wei­chen. Folg­lich war er nach Arti­kel 8 EMRK nicht im Namen sei­ner Frau kla­ge­be­fugt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wies die­sen Teil der Beschwer­de als unzu­läs­sig zurück.

Ver­let­zung nach Arti­kel 13 und Arti­kel 6 EMRK

Ange­sichts sei­ner Schluss­fol­ge­run­gen nach Arti­kel 8 EMRK sah es der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te nicht als not­wen­dig an, zu prü­fen, ob ein Ver­stoß gegen Herrn Kochs Rech­te nach Arti­kel 13 EMRK oder gegen sein Recht auf Zugang zum Gericht nach Arti­kel 6 EMRK vor­lag.

Arti­kel 41 (gerech­te Ent­schä­di­gung)

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied, dass Deutsch­land Herrn Koch 2.500 Euro für den erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Scha­den und 26.736,25 Euro für die ent­stan­de­nen Kos­ten zu zah­len hat.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Kam­mer­ur­teil vom 19. Juli 2012 – 497/​09, Koch gegen Deutsch­land

  1. BVerfG, vom 04.11.2008 – 1 BvR 1832/​07[]
  2. ins­be­son­de­re EGMR vom 26. 10.2000 – 48335/​99, San­les San­les gegen Spa­ni­en[]