Effek­ti­ver Rechts­schutz im Sozi­al­recht

Effek­ti­ver Rechts­schutz, wie er von Art. 19 Abs. 4 GG für jeder­mann garan­tiert wird, ist durch die Mög­lich­keit der Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung einer Kla­ge­er­he­bung aus­rei­chend gewähr­leis­tet, ent­schied jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen eine Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung.

Effek­ti­ver Rechts­schutz im Sozi­al­recht

Mit sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de wen­det sich der Beschwer­de­füh­rer gegen eine sozi­al­recht­li­che Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung, die einen Ver­wal­tungs­akt (§ 15 Abs. 1 Satz 6 SGB II) erset­zen soll. Der Antrag des Beschwer­de­füh­rers auf Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung sei­ner noch zu erhe­ben­den Kla­ge gegen den Ver­wal­tungs­akt blieb vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nie­der­sach­sen-Bre­men ohne Erfolg [1].

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­se Ver­fas­sungs­be­schwer­de man­gels Zuläs­sig­keit nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Der Beschwer­de­füh­rer hat ins­be­son­de­re die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nicht aus­rei­chend begrün­det. Mit Blick auf Art. 19 Abs. 4 GG ist es erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend, dass der Betrof­fe­ne trotz einer von Geset­zes wegen feh­len­den auf­schie­ben­den Wir­kung sei­nes Wider­spruchs oder sei­ner Kla­ge die Mög­lich­keit hat, effek­ti­ven das heißt hier auch vor­läu­fi­gen Rechts­schutz durch eine gericht­li­che Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung zu erhal­ten. Die­se Mög­lich­keit ist durch § 86b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGG hin­rei­chend gewähr­leis­tet.

Art. 19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet nicht die auf­schie­ben­de Wir­kung von Rechts­be­hel­fen schlecht­hin [2]. Der Gesetz­ge­ber ist viel­mehr berech­tigt, Aus­nah­men von der grund­sätz­lich auf­schie­ben­den Wir­kung von Wider­spruch und Anfech­tungs­kla­ge zu nor­mie­ren [3]. Mit Blick auf Art. 19 Abs. 4 GG ist es erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend, dass der Betrof­fe­ne trotz einer von Geset­zes wegen feh­len­den auf­schie­ben­den Wir­kung sei­nes Wider­spruchs oder sei­ner Kla­ge die Mög­lich­keit hat, effek­ti­ven – das heißt hier auch vor­läu­fi­gen – Rechts­schutz durch eine gericht­li­che Anord­nung der auf­schie­ben­den Wir­kung zu erhal­ten [4]. Die­se Mög­lich­keit ist, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den, durch § 86b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGG hin­rei­chend gewähr­leis­tet.

Dass die Gerich­te hier­bei das Sus­pen­siv­in­ter­es­se des Bür­gers, also das Inter­es­se des Bür­gers an der vor­läu­fi­gen Aus­set­zung der Ent­schei­dung, mit dem Voll­zugs­in­ter­es­se der All­ge­mein­heit abwä­gen und dabei auch die Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­be­hel­fes, des­sen auf­schie­ben­de Wir­kung begehrt wird, berück­sich­ti­gen, ist, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter, aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den [5], soweit sie beach­ten, dass für die sofor­ti­ge Voll­zie­hung eines Ver­wal­tungs­ak­tes ein beson­de­res öffent­li­ches Inter­es­se erfor­der­lich ist, das über jenes hin­aus­geht, das den Ver­wal­tungs­akt selbst recht­fer­tigt [6].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Okto­ber 2009 – 1 BvR 2395/​09

  1. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 3. Sep­tem­ber 2009 – L 9 AS 861/​09 B ER[]
  2. vgl. BVerfGE 35, 382, 402; 67, 43, 58; 69, 220, 227 f.; BVerfG, Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 165/​09, NVwZ 2009, 581, 583[]
  3. vgl. BVerfGE 35, 382, 402; 69, 220, 228; 80, 244, 252[]
  4. vgl. BVerfGE 80, 244, 252; Papier, in: Isensee/​Kirchhof, HStR VI, 2. Aufl. 2001, § 154 Rn. 79; Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er, GG, Bd. 1, 2. Aufl. 2004, Art. 19 IV Rn. 113[]
  5. vgl. BVerfGE 38, 52, 60; 69, 220, 230; BVerfG, Beschluss vom 12.09.1995 – 2 BvR 1179/​95, NVwZ 1996, 58, 59; Beschluss vom 27.05.1998 – 2 BvR 378/​98, NVwZ-RR 1999, 217, 218; Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 165/​09, NVwZ 2009, S. 581, 583; Ibler, in: Friauf/​Höfling, GG, Art. 19 IV Rn. 220, Okto­ber 2002[]
  6. vgl. BVerfGE 35, 382, 402; 38, 52, 58; 69, 220, 228; BVerfG, Beschluss vom 12.09.1995 – 2 BvR 1179/​95, NVwZ 1996, 58, 59[]