Frü­he­rer Beginn der Ghet­to-Ren­te

Ein im Jah­re 1994 beim israe­li­schen Ver­si­che­rungs­trä­ger ge­stellte Antrag auf Alters­ren­te gilt nach dem Abkom­men zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und dem Staat Isra­el über sozia­le Sicher­heit vom 17.12.1973 auch als Ren­ten­an­trag nach deut­schem Recht.

Frü­he­rer Beginn der Ghet­to-Ren­te

Im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin als Jüdin das Ghet­to Lodz über­lebt. Auf ihren Antrag vom Febru­ar 2004 bezieht sie seit die­sem Monat Regel­al­ters­ren­te unter Berück­sich­ti­gung der Beschäf­ti­gungs­zei­ten im Ghet­to nach dem Gesetz zur Zahl­bar­ma­chung von Ren­ten aus Be­schäftigungen in einem Ghet­to (ZRBG). Ihre Kla­ge auf Zah­lung der Ren­te bereits ab Janu­ar 2000 hat­te vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len Erfolg 1 und ist vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt nun bestä­tigt wor­den. Gemäß § 35 SGB VI besteht ein Anspruch auf Zah­lung einer Regel­al­ters­ren­te aus der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ab 1. Janu­ar 2000.

Dass die Klä­ge­rin die Vor­aus­set­zun­gen für einen Zah­lungs­an­spruch auf Regel­al­ters­ren­te auf der Grund­la­ge von im Ghet­to Lodz zurück­ge­leg­ten sog Ghet­to-Bei­trags­zei­ten nach Maß­ga­be des ZRBG erfüllt, ist unstrei­tig. Die 1934 gebo­re­ne Klä­ge­rin hat­te bereits im Juni 1999 das 65. Lebens­jahr voll­endet. Sie hat mit Hil­fe ihrer israe­li­schen Ver­si­che­rungs­zei­ten 2 die War­te­zeit erfüllt, die für die Regel­al­ters­ren­te fünf Jah­re beträgt (§ 50 Abs 1 Satz 1 Nr 1 SGB VI) und auch von NS-Ver­folg­ten zurück­ge­legt wor­den sein muss, die eine Ren­te auf­grund von Bei­trags­zei­ten nach dem ZRBG begeh­ren 3.

Die Ent­schä­di­gung der Klä­ge­rin nach dem EVZ­StiftG steht der Ren­ten­zah­lung nicht ent­ge­gen, weil die­se kei­ne „Leis­tung aus einem Sys­tem der sozia­len Sicher­heit” i.S. des § 1 Abs 1 Satz 1 Halbs 2 ZRBG ist, wel­che die Anwend­bar­keit des ZRBG aus­schließt 4.

Zum 1. Janu­ar 2000 hat­te die Klä­ge­rin auch das Antrags­er­for­der­nis nach § 99 Abs 1 Satz 1 SGB VI erfüllt. Maß­ge­bend ist inso­weit ihr am 20.Februar 1994 beim israe­li­schen Ver­si­che­rungs­trä­ger gestell­ter Antrag auf Alters­ren­te.

Die­ser in Isra­el gestell­te Antrag gilt gemäß Art. 27 Abs. 2 Satz 1 Abk. Isra­el Soz­Sich – sowohl for­mell als auch mate­ri­ell – zugleich als Antrag auf eine „ent­spre­chen­de Leis­tung” nach den Rechts­vor­schrif­ten des ande­ren Ver­trags­staats, mit­hin als Antrag auf eine Ren­te wegen Alters (vgl. § 33 Abs 2 SGB VI) nach den Vor­schrif­ten des deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­rechts 5. Die­se kraft Geset­zes ein­tre­ten­de Wir­kung des Antrags ist nach dem Wort­laut des Abk. Isra­el Soz­Sich an kei­ne wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen geknüpft: Sie erfor­dert weder die aus­drück­li­che Gel­tend­ma­chung deut­scher Ver­si­che­rungs­zei­ten noch die Über­sen­dung des Antrags an den deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger oder des­sen Kennt­nis hier­von. Ein Hin­der­nis für die Antrags­fik­ti­on ist fer­ner weder die Vor­schrift des Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich noch – im Fall der Klä­ge­rin – die For­de­rung, dass bei Antrag­stel­lung bereits eine „Ver­bin­dung” zur deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bestan­den haben muss. Auf­grund des im Febru­ar 1994 gestell­ten und erst im Dezem­ber 2005 beschie­de­nen Ren­ten­an­trags der Klä­ge­rin hat­te die Beklag­te auch die Bestim­mun­gen des ZRBG anzu­wen­den.

Die Fik­ti­on der Antrag­stel­lung ist nicht davon abhän­gig, ob dem in Isra­el gestell­ten Ren­ten­an­trag Hin­wei­se auf deut­sche Ver­si­che­rungs­zei­ten (ren­ten­recht­li­che Zei­ten) zu ent­neh­men sind, etwa weil im israe­li­schen Antrags­for­mu­lar nach deut­schen Arbeits- bzw Ver­si­che­rungs­zei­ten nicht gefragt wur­de 6. Damit unter­schei­det sich die Rege­lung in Art 27 Abs 2 Satz 1 Abk Isra­el Soz­Sich z.B. vom Abkom­men zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka über Sozia­le Sicher­heit vom 07.01.1976 7 i.d.F. des Zusatz­ab­kom­mens vom 02.10.1986 8 und des Zwei­ten Zusatz­ab­kom­mens vom 06.03.1995 9; die­ses sieht in sei­nem Art. 14 Abs. 1 zwar eben­falls die Wirk­sam­keit des Antrags gegen­über einem Trä­ger des ande­ren Ver­trags­staats vor, regelt aber in Art. 7 Abs. 1 der Durch­füh­rungs­ver­ein­ba­rung vom 21.06.1978 10 i.d.F. der Zusatz­ver­ein­ba­rung vom 02.10.1986 11 und der Zwei­ten Zusatz­ver­ein­ba­rung vom 06.03.1995 12 ein­schrän­kend, der Antrag müs­se „erken­nen” las­sen, dass auch Ver­si­che­rungs­zei­ten nach den Rechts­vor­schrif­ten des ande­ren Ver­trags­staats gel­tend gemacht wür­den 13. Ein sol­ches „Kennt­lich-Machen” oder „Ange­ben” einer mög­li­chen Ren­ten­be­rech­ti­gung durch Ver­si­che­rungs­zei­ten in dem ande­ren Ver­trags­staat wird nach dem Abk. Isra­el Soz­Sich für die Antrags­gleich­stel­lung aber nicht gefor­dert und ist bis­lang auch nicht als Vor­aus­set­zung für die­se in Art. 27 Abs. 2 Satz 1 Abk. Isra­el Soz­Sich auf­ge­nom­men wor­den.

Durch die Antrags­fik­ti­on wird der (Renten-)Antragsteller der Mühe einer dop­pel­ten Antrag­stel­lung ent­bun­den; zugleich wer­den aber auch das Risi­ko einer Frist­ver­säum­nis durch ver­spä­te­ten Ein­gang im ande­ren Ver­trags­staat und dar­aus resul­tie­ren­de Rechts­nach­tei­le aus­ge­schlos­sen 14.

Für die Wirk­sam­keit des beim israe­li­schen Ver­si­che­rungs­trä­ger gestell­ten Antrags in der deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung kommt es nicht dar­auf an, ob die­ser an den zustän­di­gen deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger über­sandt wur­de oder ob der Trä­ger von die­sem Antrag über­haupt Kennt­nis erlangt hat. Denn eine ent­spre­chen­de Ein­schrän­kung ist im Abk. Isra­el Soz­Sich nicht ent­hal­ten 15.

Die Antrags­gleich­stel­lung bewirkt die auto­ma­ti­sche Erstre­ckung eines Antrags auf Leis­tung in einem Ver­trags­staat auf die ent­spre­chen­de Leis­tung in dem ande­ren Ver­trags­staat. Etwas ande­res mag dann gel­ten, wenn der Antrag­stel­ler – anders als im vor­lie­gen­den Fall – aus­drück­lich erklärt, der gestell­te Antrag sol­le nicht als sol­cher im ande­ren Ver­trags­staat gel­ten 16.

Auch steht der Antrags­gleich­stel­lung „im ande­ren Ver­trags­staat” Deutsch­land im Fal­le der Klä­ge­rin nicht die Ein­schrän­kung in Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich ent­ge­gen. Danach gilt die Antrags­fik­ti­on nicht, „soweit der Antrag­stel­ler nach den Rechts­vor­schrif­ten die­ses Ver­trags­staa­tes den Zeit­punkt bestim­men kann, der für die Erfül­lung der Leis­tungs­vor­aus­set­zung maß­ge­bend sein soll”. Der Anwen­dungs­be­reich die­ser Vor­schrift war im Fall der Klä­ge­rin von vorn­her­ein nicht eröff­net.

Die Ver­trags­norm bezog sich bei Inkraft­tre­ten des Abk. Isra­el Soz­Sich (Mai 1975) in der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung auf die Rege­lung des § 1248 Abs. 6 RVO (= § 25 Abs 6 des Ange­stell­ten­ver­si­che­rungs­ge­set­zes AVG). Danach konn­te der Ver­si­cher­te, abwei­chend von den in § 1248 Abs 1 bis 3 und 5 RVO (= § 25 Abs 1 bis 3 und 5 AVG) genann­ten Lebens­al­tern, einen spä­te­ren Zeit­punkt als maß­ge­bend für sein Alters­ru­he­geld bestim­men 17. Er hat­te damit die Mög­lich­keit, Ein­fluss auf die Höhe sei­nes Alters­ru­he­gelds zu neh­men, indem er z.B. noch wei­te­re Bei­trä­ge ent­rich­te­te 18 oder (durch Ver­zicht auf das Alters­ru­he­geld bis zur Voll­endung des 67. Lebens­jah­res) Zuschlä­ge nach § 1254 Abs. 1a RVO (= § 31 Abs 1a AVG) erwarb.

Da aber ein sol­ches sog „Ver­schie­ben oder Ver­le­gen des Ver­si­che­rungs­falls” ren­ten­recht­lich nur beim Alters­ru­he­geld mög­lich war, hät­te eine streng am Wort­laut des Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich ori­en­tier­te Aus­le­gung zum Ergeb­nis kom­men kön­nen, die Antrags­gleich­stel­lung gel­te (von vorn­her­ein) nicht für Anträ­ge auf Alters­ru­he­geld 19.

Zwar kommt der Wort­lau­t­in­ter­pre­ta­ti­on bei völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen eine noch grö­ße­re Bedeu­tung zu als im rein inner­staat­li­chen Recht; aller­dings ist sie auch im inter­na­tio­na­len Kon­text nicht allein maß­ge­bend. Viel­mehr ist für die Aus­le­gung neben dem Wort­laut eines Abkom­mens auch der Wil­le der Ver­trags­par­tei­en zu berück­sich­ti­gen, wie er sich aus Ent­ste­hung, Inhalt und Zweck des Ver­trags und der aus­zu­le­gen­den Ein­zel­be­stim­mung ergibt 20.

Der Zweck des Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich für die deut­sche gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung kann nur dann sinn­voll bestimmt wer­den, wenn das bei sei­nem Inkraft­tre­ten bestehen­de Gestal­tungs­recht des Ver­si­cher­ten gemäß § 1248 Abs 6 RVO (= § 25 Abs 6 AVG) bei der Inan­spruch­nah­me von Alters­ru­he­geld her­an­ge­zo­gen wird 21. Im Hin­blick auf die­ses Gestal­tungs­recht konn­te die Ein­fü­gung des Sat­zes 2 in Art. 27 Abs. 2 Abk. Isra­el Soz­Sich nur den Zweck haben, dem Ver­si­cher­ten in Isra­el die Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten in der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nicht zu neh­men, die eine Antrag­stel­lung beim israe­li­schen Ver­si­che­rungs­trä­ger ansons­ten zur Fol­ge haben könn­te 22. Des­we­gen schloss die Vor­schrift nach der bis zum 31.12.1991 gel­ten­den deut­schen Rechts­la­ge die Antrags­gleich­stel­lung nicht bereits dann aus, wenn die blo­ße Mög­lich­keit einer „Ver­schie­bung des Ver­si­che­rungs­falls” bestand. Viel­mehr war Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich so zu ver­ste­hen, dass der Antrag auf eine israe­li­sche Alters­ren­te (nur) dann nicht als Antrag auf ein deut­sches Alters­ru­he­geld galt, wenn der Ver­si­cher­te aus­drück­lich erklär­te, dass er den Ver­si­che­rungs­fall des Alters nach deut­schen Vor­schrif­ten auf einen spä­te­ren Zeit­punkt ver­schie­ben wol­le 23; es soll­te also auch hier allein im Wil­len des israe­li­schen Antrag­stel­lers lie­gen zu bestim­men, ob der Ver­si­che­rungs­fall des Alters in Deutsch­land zu einem spä­te­ren Zeit­punkt (als in Isra­el) ein­tre­ten soll­te; kei­nes­falls soll­te die Ver­trags­norm hin­ge­gen bezwe­cken, die Antrags­gleich­stel­lung bei Anträ­gen auf Alters­ru­he­geld von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen und die Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten des Ver­si­cher­ten in Isra­el nach deut­schem Recht (§ 1248 Abs 6 RVO = § 25 Abs 6 AVG) zu beschnei­den 24.

Die­se Aus­le­gung des Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich wird durch eine vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin in dem Ver­fah­ren L 1 An 34/​89 ein­ge­hol­te und in sei­nem Urteil vom 12.06.1992 wie­der­ge­ge­be­ne Aus­kunft des Bun­des­mi­nis­ters für Arbeit und Sozi­al­ord­nung vom 21.02.1991 über die aus deut­scher Sicht maß­geb­li­chen Moti­ve für die Rege­lung in Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich bestä­tigt 25. Danach ist Satz 2 in Art. 27 Abs. 2 Abk. Isra­el Soz­Sich erst spä­ter in den von deut­scher Sei­te über­ar­bei­te­ten Abkom­mens­ent­wurf auf­ge­nom­men wor­den; nähe­re Erläu­te­run­gen sei­en den Akten nicht zu ent­neh­men. Es sei aber davon aus­zu­ge­hen, dass die Ergän­zung im Hin­blick auf die (dama­li­ge) deut­sche Rechts­la­ge erfolgt sei, nach der der Ver­si­cher­te den Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­falls beim Alters­ru­he­geld durch die Antrag­stel­lung habe beein­flus­sen kön­nen. Dass die Bestim­mung „noch nicht aus­rei­chend klar for­mu­liert” wor­den sei, kön­ne mög­li­cher­wei­se damit erklärt wer­den, dass die in Fra­ge ste­hen­de Rege­lung zuerst im Abk. Isra­el Soz­Sich ein­ge­fügt wor­den sei.

Zu Recht hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin in sei­ner Ent­schei­dung vom 12.06.1992 26 auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­se Aus­le­gung des Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich nach altem Recht nicht etwa dazu führ­te, dass dem Ver­si­cher­ten in Isra­el ein von ihm (noch) nicht gewünsch­tes Alters­ru­he­geld aus der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung „auf­ge­drängt”, son­dern ihm viel­mehr auf die­se Wei­se sein in § 1248 Abs 6 RVO (= § 25 Abs 6 AVG) nor­mier­tes Gestal­tungs­recht fak­tisch erst eröff­net wur­de, von dem er sonst mög­li­cher­wei­se gar nichts erfah­ren hät­te: Ging ihm der Alters­ru­he­geld­be­scheid zu, konn­te er das Gestal­tungs­recht durch des­sen Anfech­tung ver­bun­den mit der Bestim­mung eines (spä­te­ren) Leis­tungs­be­ginns aus­üben.

Offen blei­ben kann, ob Art. 27 Abs. 2 Satz 2 Abk. Isra­el Soz­Sich mit dem Außer­kraft­tre­ten des § 1248 Abs 6 RVO (= § 25 Abs 6 AVG) zum 31.12.1991 gegen­stands­los gewor­den ist, weil das SGB VI ein „Ver­schie­ben des Ver­si­che­rungs­falls” i.S. der vor­ge­nann­ten Bestim­mun­gen nicht kennt, oder ob viel­mehr i.S. einer „dyna­mi­schen”, am Sinn und Zweck ori­en­tier­ten Aus­le­gung des Abk. Isra­el Soz­Sich 27 im Hin­blick auf die Ein­füh­rung des Antrags­prin­zips durch § 99 SGB VI 28 dar­auf abzu­stel­len ist, ob der Ver­si­cher­te sei­nen Antrag auf deut­sche Alters­ren­te erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt stel­len will (etwa um durch eine spä­te­re Inan­spruch­nah­me den Zugangs­fak­tor und damit die Regel­al­ters­ren­te zu erhö­hen, vgl § 77 Abs 1, Abs 2 Satz 1 Nr 2 Buchst a bzw b SGB VI).

Jeden­falls hat die Klä­ge­rin kei­ne Wil­lens­äu­ße­rung abge­ge­ben, mit der sie einen „Auf­schub der Fest­stel­lung und/​oder Leis­tung (Zah­lung) einer deut­schen Alters­ren­te” ver­langt bzw bean­tragt hät­te. Viel­mehr war ihr Begeh­ren, sowohl in Isra­el als auch in Deutsch­land, dar­auf gerich­tet, zu einem mög­lichst frü­hen Zeit­punkt eine Alters­ren­te zu erhal­ten.

Dahin­ge­stellt blei­ben kann, ob die Antrags­fik­ti­on vor­aus­setzt, dass zum Zeit­punkt der Antrag­stel­lung in Isra­el bereits eine „Rechts­be­zie­hung” des Antrag­stel­lers zur deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bestan­den haben muss. Eine ent­spre­chen­de Ein­schrän­kung lässt sich Art 27 Abs 2 Abk Isra­el Soz­Sich nicht ent­neh­men. Bei der Klä­ge­rin bestand eine sol­che Rechts­be­zie­hung aber bereits des­halb, weil ihr kraft Bun­des­rechts eine Bei­trags­zeit – hier: ohne Bei­trags­zah­lung – zustand, und zwar für ihre Beschäf­ti­gung im Ghet­to Lodz.

Beschäf­ti­gungs­zei­ten in einem Ghet­to konn­ten bereits vor dem rück­wir­ken­den Inkraft­tre­ten des ZRBG zum 1.7.1997 29 Bei­trags­zei­ten sein. Dies traf ins­be­son­de­re für das Ghet­to Lodz zu. Dort galt ab Inkraft­tre­ten der Ost­ge­bie­te-VO vom 22.12.1941 30 zum 01.01.1942 das Recht der RVO. Stand jemand in einem die Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht begrün­den­den Arbeits- bzw Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis i.S. der RVO in der damals gül­ti­gen Fas­sung, lag bei Ver­folg­ten i.S. des § 1 WGSVG, zu denen die Klä­ge­rin gehört, eine Bei­trags­zeit auch dann vor, wenn die Bei­trä­ge aus ver­fol­gungs­be­ding­ten Grün­den nicht ent­rich­tet wur­den 31; eine Zuge­hö­rig­keit zum deut­schen Sprach- und Kul­tur­kreis war inso­weit nicht erfor­der­lich. Uner­heb­lich für die Rechts­be­zie­hung zur deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ist, dass vor Inkraft­tre­ten des ZRBG kein Zah­lungs­an­spruch aus einer auf die­sen Zei­ten beru­hen­den Alters­ren­te bei einem Aus­lands­wohn­sitz des Ver­si­cher­ten ohne Bun­des­ge­biets-Bei­trags­zei­ten i.S. des § 113 Abs. 1 SGB VI ent­ste­hen konn­te 32.

Jeden­falls auf die­ser Grund­la­ge bestand kein Hin­der­nis, wes­halb nicht durch die Antrag­stel­lung in Isra­el kraft der Antrags­fik­ti­on auch beim zustän­di­gen Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger in Deutsch­land (zugleich) ein ent­spre­chen­des Ver­wal­tungs­ver­fah­ren als eröff­net zu gel­ten hat­te 33. Die­ses Ver­wal­tungs­ver­fah­ren war auf die Klä­rung der Fra­ge gerich­tet, ob und ab wann die Klä­ge­rin die Vor­aus­set­zun­gen für eine Alters­ren­te nach dem Recht der deut­schen gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung erfüll­te sowie ob, ab wann, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und in wel­cher Höhe sie deren Zah­lung nach Isra­el ver­lan­gen konn­te: Es war erst been­det, wenn der deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger eine (bestands­kräf­ti­ge) Ent­schei­dung über das Ren­ten­be­geh­ren in Form eines (schrift­li­chen) – ableh­nen­den oder bewil­li­gen­den – Ver­wal­tungs­akts getrof­fen hat­te 34.

Eine Ent­schei­dung über den am 20.02.1994 auf­grund der Gleich­stel­lung in Art. 27 Abs. 2 Satz 1 Abk. Isra­el Soz­Sich auch mit Gel­tung gegen die Beklag­te gestell­ten Antrag der Klä­ge­rin auf Alters­ren­te hat die Beklag­te erst­mals durch den Bescheid vom 16.12.2005 in Gestalt des Wider­spruchs­be­scheids vom 09.01.2007 getrof­fen. Bei die­ser Ent­schei­dung über das Ren­ten­be­geh­ren hat­te die Beklag­te aber alle denk­ba­ren Rechts­grund­la­gen zu prü­fen, ins­be­son­de­re auch das ZRBG; dies gilt unab­hän­gig davon, dass die Klä­ge­rin ihren Alters­ren­ten­an­trag bereits vor Inkraft­tre­ten des ZRBG gestellt hat­te 35.

Die Rege­lung in § 3 Abs 1 ZRBG steht einer Ren­ten­zah­lung jeden­falls ab 1. Janu­ar 2000 nicht ent­ge­gen. Auf die in des­sen Satz 1 gere­gel­te Rück­wir­kung eines bis zum 30.06.2003 gestell­ten Ren­ten­an­trags auf den 18.06.1997 kommt es ange­sichts des hier maß­geb­li­chen Antrags­da­tums (20.02.1994) nicht an. Dem „Ren­ten­an­trag” der Klä­ge­rin vom 29.02.2004 kam allen­falls nur noch die Rechts­qua­li­tät einer „Erin­ne­rung” bezo­gen auf den noch nicht erle­dig­ten Antrag vom 20.02.1994 zu.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat wei­ter­hin dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt erfolg­te Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten, der Klä­ge­rin Regel­al­ters­ren­te bereits ab 1. Janu­ar 2000 zu zah­len, not­wen­di­ger­wei­se bedeu­tet, dass die Nach­zah­lung der Ren­te für die­sen Zeit­raum mit der Über­zah­lung auf­zu­rech­nen ist (§ 51 SGB I), die sich dar­aus ergibt, dass von der Beklag­ten für die spä­te­re Inan­spruch­nah­me der Regel­al­ters­ren­te (ab 1.2.2004) ein erhöh­ter Zugangs­fak­tor von 1,280 (§ 77 Abs 1, Abs 2 Satz 1 Nr 2 Buchst b SGB VI) berück­sich­tigt wor­den war.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 19. April 2011 – B 13 R 20/​10 R

  1. LSG Nordrh.-Westf., L 14 R 3/​08
  2. vgl. Art. 20 Abs. 1 Satz 1 Abk. Isra­el Soz­Sich
  3. vgl. BSG, Urtei­le vom 26.07.2007 – BSGE 99, 35 = SozR 4 – 5075 § 1 Nr 4, LS 1, RdNr 25 ff; vom 02.06.2009 – BSGE 103, 190 = SozR 4 – 5075 § 1 Nr 7, RdNr 12 mwN
  4. vgl. BSG, Urteil vom 03.06.2009 – BSGE 103, 220 = SozR 4 – 5075 § 1 Nr 8, RdNr 16
  5. vgl. Komm. GRV, Anhang 10, B I 35 Anm. 5.4, S 13, Stand Novem­ber 2009; Frank in Ber­li­ner Komm., Inter­na­tio­na­les Ren­ten­recht Bd 2, RdNr 567, S 190, Stand Okto­ber 2000
  6. vgl. BSG, Urtei­le vom 12.02.2004 – BSGE 92, 159 = SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 1, RdNr 16; vom 08.12.2005 – SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 2 RdNr 10 zum inso­weit wort­glei­chen Art 19 Abs 3 Satz 1 des Abkom­mens zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und Kana­da über Sozia­le Sicher­heit in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung vom 14.11.1985, BGBl. II 1988, 28, 625 – Abk. Kana­da Soz­Sich
  7. Abk. USA Soz­Sich, BGBl II 1976, 1358
  8. BGBl II 1988, 83
  9. BGB lI 1996, 302
  10. BGBl II 1979, 567
  11. BGBl II 1988, 86
  12. BGBl II 1996, 306
  13. vgl. hier­zu BSG Urteil vom 08.12.2005 – BSGE 95, 300 = SozR 4 – 2200 § 1290 Nr 1, RdNr 23; LSG Ber­lin vom 10.07.2002 – L 6 RA 95/​00; LSG Ham­burg vom 25.8.2004 – L 1 RJ 93/​02; eben­so auch inhalts­glei­che Vor­schrif­ten in ande­ren Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men, z.B. Art. 19 Abs. 3 Satz 1 Abk. Kana­da Soz­Sich vom 14.11.1985 in der – neu­en – Fas­sung des Zusatz­ab­kom­mens vom 27.08.2002, BGBl II 2003, 666
  14. vgl. BSG Urtei­le vom 12.02.2004 – BSGE 92, 159 = SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 1, RdNr 8; vom 08.12.2005 – SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 2 RdNr 15; Frank in Ber­li­ner Komm., Inter­na­tio­na­les Ren­ten­recht Bd 2, RdNr 564, S 189, Stand Okto­ber 2000; Schieffer/​Martin, SozVers 1975, 262, 268
  15. vgl. BSG Urtei­le vom 12.02.2004 – BSGE 92, 159 = SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 1, RdNr 8; vom 08.12.2005 – SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 2 RdNr 15 zum Abk. Kana­da Soz­Sich in der ursprüng­li­chen Fas­sung vom 14.11.1985 a.a.O.
  16. vgl. BSG Urteil vom 08.12.2005 – SozR 4 – 6580 Art 19 Nr 2 RdNr 12
  17. aller­dings nur, solan­ge der Ren­ten­be­scheid noch nicht bin­dend war: BSG vom 22.05.1974 – BSGE 37, 257, 259 = SozR 2200 § 1248 Nr 3 S 9; BSG vom 22.06.1978 – BSGE 46, 279, 281 = SozR 2200 § 1248 Nr 25 S 56
  18. vgl. BT-Drucks IV/​2572, S 24 zu Nr 6; BSG vom 22.06.1978 – BSGE 46, 279, 282 = SozR 2200 § 1248 Nr 25 S 57 f
  19. so auch zeit­wei­se die Rechts­mei­nung der BfA: vgl. LSG Ber­lin vom 12.06.1992 – L 1 An 34/​89 – Urteil­s­um­druck S 19 f
  20. BSG vom 24.06.1980 – 1 RA 83/​79; vom 24.06.1980 – SozR 6480 Art 22 Nr 1 S 3; vom 25.02.1992 – SozR 3 – 6480 Art 22 Nr 1 S 8; vom 30.06.1997 – 4 RA 69/​96; BSG Urteil vom 20.10.2010 – B 13 R 82/​09 R
  21. LSG Ber­lin vom 12.06.1992 a.a.O. – Urteil­s­um­druck S 19; vgl. Komm. GRV, Anhang 10, B I 35 Anm 5.8, S 23, Stand Novem­ber 2009
  22. LSG Ber­lin vom 12.06.1992 a.a.O.; LSG Nord­rhein-West­fa­len vom 27.06.2003 – L 14 RJ 151/​01
  23. LSG Ber­lin vom 12.06.1992 a.a.O.; LSG Nord­rhein-West­fa­len vom 27.06.2003 a.a.O.; vgl. zur Aus­übung des „Bestim­mungs­rechts” durch den Ver­si­cher­ten in § 1248 Abs 6 RVO: BSG vom 22.05.1974 – BSGE 37, 257, 258 ff = SozR 2200 § 1248 Nr 3 S 8 ff; BSG vom 22.06.1978 – BSGE 46, 279, 281 f = SozR 2200 § 1248 Nr 25 S 56 f
  24. vgl. LSG Ber­lin vom 12.06.1992 a.a.O. – Urteil­s­um­druck S 21
  25. a.a.O. – Urteil­s­um­druck S 12, 20 f
  26. a.a.O. – Urteil­s­um­druck S 22
  27. vgl. hier­zu BSG vom 31.10.2002 – SozR 3 – 6960 Teil II Art 8 Nr 1 S 5; s. auch Komm. GRV, Anhang 10, B I 35 Anm 5.8,S 23, Stand Novem­ber 2009
  28. vgl. hier­zu BSG Urteil vom 08.12.2005 – BSGE 95, 300 = SozR 4 – 2200 § 1290 Nr 1, RdNr 15
  29. Art. 3 Abs. 2 des Geset­zes zur Zahl­bar­ma­chung von Ren­ten aus Beschäf­ti­gun­gen in einem Ghet­to und zur Ände­rung des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch, ZRBG/​SGB VI-ÄndG vom 20.06.2002, BGBl I 2074
  30. RGBl I 777
  31. § 12 WGSVG; frü­her bis zum 31.12.1991 § 14 Abs 2 Satz 1 WGSVG; s. auch BSG vom 18.06.1997 – BSGE 80, 250, 253 ff = SozR 3 – 2200 § 1248 Nr 15 S 55 ff
  32. vgl. BSG vom 14.05.2003 – B 4 RA 6/​03 R
  33. vgl. § 115 Abs. 1 Satz 1 SGB VI, § 18 Satz 2 Nr 1, § 8 SGB X, § 19 Abs. 1 Satz 1 SGB IV; vgl. auch Frank in Ber­li­ner Komm., Inter­na­tio­na­les Ren­ten­recht Bd 2, RdNr 564, S 189, Stand Okto­ber 2000; Komm. GRV, Anhang 10, B I 35 Anm 5.8, S 24, Stand Novem­ber 2009
  34. vgl. § 8 SGB X, § 117 SGB VI; Komm. GRV, Anhang 10, B I 35 Anm 5.8, S 24, Stand Novem­ber 2009; vgl. all­ge­mein zum Ende des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens BSG vom 19.09.1979 – SozR 1200 § 44 Nr 1 S 4; Lang in Diering/​Timme/​Waschull, SGB X, LPK, 3. Aufl 2011, § 8 RdNr 18; von Wulffen in ders., SGB X, 7. Aufl 2010, § 18 RdNr 9; Kras­ney in Kas­se­ler Komm., SGB X, § 8 RdNr 9, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Dezem­ber 2003
  35. vgl. inso­weit auch BSG Urteil vom 03.05.2005 – BSGE 94, 294 = SozR 4 – 2600 § 306 Nr 1 für im Aus­land leben­de NS-Ver­folg­te, die bereits vor Inkraft­tre­ten des ZRBG Ren­ten­be­zie­her waren; fer­ner BSG vom 05.10.2005 – SozR 4 – 2600 § 43 Nr 5 RdNr 14