Anfech­tung einer tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung

Die Dro­hung mit der Fort­set­zung einer Steu­er­fahn­dungs­prü­fung berech­tigt den Steu­er­pflich­ti­gen nicht zur Anfech­tung der dar­auf­hin geschlos­se­nen tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung.

Anfech­tung einer tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung

Zwar sind die Anfech­tungs­vor­schrif­ten der §§ 119, 123 BGB auf tat­säch­li­che Ver­stän­di­gun­gen im Steu­er­ver­fah­ren grund­sätz­lich anwend­bar 1. Dro­hung im Sin­ne des § 123 Abs. 1 BGB ist die vom Geg­ner ernst genom­me­ne Ankün­di­gung eines künf­ti­gen Übels, das nach Bekun­dung des Dro­hen­den und der Ansicht des Geg­ners vom Dro­hen­den her­bei­ge­führt wer­den kann und soll, wenn der Bedroh­te die ange­son­ne­ne Wil­lens­er­klä­rung nicht abgibt 2. Es genügt also, dass der Bedroh­te ernst­lich nach sei­ner sub­jek­ti­ven Vor­stel­lung davon aus­geht, der Dro­hen­de kön­ne den Ein­tritt des Nach­teils beein­flus­sen 3.

Der Anfech­tungs­grund der Dro­hung liegt nach Ansicht des Finanz­ge­richts Köln jedoch nicht vor, wenn eine Dro­hung des Inhalts anzu­neh­men wäre, die Steu­er­fahn­dung habe den Steu­er­pflcih­ti­gen zur Unter­zeich­nung einer tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung dadurch bestimmt, dass sie ihm mit der Wei­ter­füh­rung der bis dahin noch nicht ver­folg­ten Ermitt­lungs­an­sät­ze gedroht habe. Eine der­art unter­stell­te Dro­hung ist nicht rechts­wid­rig.

Die Dro­hung im Sin­ne des § 123 Abs. 1 BGB ist nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung dann wider­recht­lich, wenn das Mit­tel, d.h. das ange­droh­te Ver­hal­ten, oder der Zweck, d.h. die abge­nö­tig­te Wil­lens­er­klä­rung, oder jeden­falls die Ver­knüp­fung von bei­dem wider­recht­lich ist 4.

Das Nöti­gungs­mit­tel, also die ange­droh­te Hand­lung, ist rechts­wid­rig, wenn es eine straf­ba­re Hand­lung dar­stellt oder gegen die Sit­ten­ord­nung ver­stößt. Dass die Steu­fa ankün­digt, ihren Geset­zes­auf­trag zur Erfor­schung von Straf­ta­ten gemäß § 208 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO zu erfül­len und wei­te­re Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren, kann nicht rechts­wid­rig sein. Soll­ten sich dabei wei­te­re Fest­stel­lun­gen zulas­ten des Klä­gers erge­ben, so ist dies vom Geset­zes­zweck gedeckt.

Der Zweck der Steu­fa-Dro­hung, die Abga­be einer abge­nö­tig­ten Wil­lens­er­klä­rung zum Abschluss der tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung, ist eben­falls nicht rechts­wid­rig. Die tat­säch­li­che Ver­stän­di­gung ist viel­mehr ein von der Recht­spre­chung grund­sätz­lich aner­kann­tes Rechts­in­sti­tut zur Ver­fah­rens­för­de­rung, Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gung und zur Her­stel­lung von Rechts­frie­den 5; von der tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung kann auch bei Steu­er­fahn­dungs­prü­fun­gen bzw. nach Ein­lei­tung eines Steu­er­straf­ver­fah­rens Gebrauch gemacht wer­den 6.

Auch die Zweck-Mit­tel-Rela­ti­on begrün­det hier nicht die Wider­recht­lich­keit der Dro­hung der Steu­fa. Die Dro­hung ist bei erlaub­tem Mit­tel und Ziel nicht allein des­we­gen wider­recht­lich, weil der Dro­hen­de kei­nen Rechts­an­spruch auf die Erklä­rung des Bedroh­ten hat. Viel­mehr ist in ers­ter Linie zu prü­fen, ob der Dro­hen­de an der Errei­chung des von ihm erstreb­ten Erfol­ges ein berech­tig­tes Inter­es­se hat, und ob die aus­ge­spro­che­ne Dro­hung nach der Auf­fas­sung aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ein ange­mes­se­nes Mit­tel dar­stellt 7. Bei der Prü­fung der Inad­äquanz von Zweck und Mit­tel sind dem­nach alle Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die dem Vor­gang sein Geprä­ge geben; es sind nicht nur die Belan­ge des Bedroh­ten, son­dern auch die des Dro­hen­den zu berück­sich­ti­gen 8.

Nach die­sen auf die Anfech­tungs­si­tua­ti­on einer tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung ent­spre­chend zu über­tra­gen­den Vor­aus­set­zun­gen recht­fer­ti­gen die gesam­ten Umstän­de gegen­über der Steu­fa hier nicht den Vor­wurf ver­werf­li­chen Vor­ge­hens. Die Steu­fa als Ermitt­lungs­per­son der Staats­an­walt­schaft (§ 404 Satz 2, 2. Halb­satz AO) hat an der Errei­chung des von ihr erstreb­ten Erfol­ges ‑der Zustim­mung des Klä­gers zur tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung- ein berech­tig­tes Inter­es­se, und die Dro­hung mit der Wei­ter­füh­rung der Fahn­dungs­prü­fung stellt nach der Auf­fas­sung aller bil­lig und gerecht Den­ken­den ein ange­mes­se­nes Mit­tel dar.

Gesetz­li­che Auf­ga­be der Steu­fa ist gemäß § 208 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO die Erfor­schung von Steu­er­straf­ta­ten und Steuer­ord­nungs­wid­rig­kei­ten. Wenn die Fest­stel­lun­gen in einem steu­er­straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren dem Grun­de nach aus­rei­chen, eine Steu­er­hin­ter­zie­hung anzu­kla­gen, es aller­dings wei­te­rer umfang­rei­cher Sach­auf­klä­rung bedarf, die exak­te Höhe der hin­ter­zo­ge­nen Steu­er fest­zu­stel­len, ent­spricht es einem berech­tig­ten Inter­es­se der Steu­fa als Ermitt­lungs­per­son der Staats­an­walt­schaft (§ 404 Satz. 2, 2. Halb­satz AO), den Beschul­dig­ten aus Grün­den der Ver­fah­rens­öko­no­mie zum Abschluss einer tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung zu bewe­gen.

Denn Zweck der tat­säch­li­chen Ver­stän­di­gung ist es, zu jedem Zeit­punkt des Besteue­rungs­ver­fah­rens hin­sicht­lich bestimm­ter Sach­ver­hal­te, deren Klä­rung schwie­rig, aber zur Fest­set­zung der Steu­er not­wen­dig ist, den mög­lichst zutref­fen­den Besteue­rungs­sach­ver­halt i.S. des § 88 AO ein­ver­nehm­lich fest­zu­le­gen 9. Dass die Steu­fa ange­sichts des grund­sätz­li­chen Prü­fungs­auf­tra­ges, etwai­ge Straf­ta­ten voll­stän­dig auf­zu­klä­ren einer­seits und der dazu benö­tig­ten, offen­bar tat­säch­lich nicht immer mehr vor­han­de­nen per­so­nel­len und zeit­li­chen Res­sour­cen eine tat­säch­li­che Ver­stän­di­gung vor­schlägt und ihm Gegen­zug anbie­tet, wei­te­re Ermitt­lun­gen zu unter­las­sen, stellt ein Ange­bot dar, das nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung (BFH, Urteil vom 08.10.2008 – I R 63/​07, BFHE 223, 194, BSt­Bl II 2009, 121; Peter Fischer, juris­PR-Steu­erR 15/​2010, Anm. 2)) gera­de einen recht­lich zuläs­si­gen beschleu­nig­ten Abschluss des steu­er­straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens dar­stel­len kann. Vor die­sem Hin­ter­grund ver­mag das Finanz­ge­richt Köln nicht fest­zu­stel­len, dass die Dro­hung mit der Wei­ter­füh­rung der Fahn­dungs­prü­fung nach der Auf­fas­sung aller bil­lig und gerecht Den­ken­den kein ange­mes­se­nes Mit­tel dar­stellt, zumal unstrei­tig noch nicht wei­ter­ver­folg­te Ermitt­lungs­an­sät­ze vor­han­den waren.

Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 20. Okto­ber 2011 – 15 K 3692/​08

  1. BFH, Urteil vom 01.09.2009 VIII R 78/​06, BFH/​NV 2010; Rüs­ken in: Klein, AO, 10. Aufl. 2010, § 162 Rz. 33 unter Hin­weis auf Buciek, DStZ 1999, 389[]
  2. BGH, Urteil vom 22.11.1995 – XII ZR 227/​94, NJW RR 1996, 1281 ff., zu 2 der Grün­de, m.w.N.; Jau­er­nig, BGB, 8. Aufl., § 123 Rz 12; BAG, Urteil vom 22.10.1998 – 8 AZR 457/​97, NJW 1999, 2059[]
  3. Larenz/​Wolf, All­ge­mei­ner Teil des Bür­ger­li­chen Rechts, 9. Aufl. 2004, Rz. 26[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 23.09.1957 – VII ZR 403/​56, BGHZ 25, 217; Palandt/​Ellenberger, BGB, 70. Aufl. 2010, § 123 Rz 19 ff.[]
  5. BFH, Urteil vom 01.09.2009 – VIII R 78/​06, BFH/​NV 2010 m.w.N.[]
  6. BFH, Urteil vom 08.10.2008 – I R 63/​07, BFHE 223, 194, BSt­Bl II 2009, 121; Peter Fischer, juris­PR-Steu­erR 15/​2010, Anm. 2[]
  7. BGH, Urteil vom 23.09.1957 – VII ZR 403/​56, BGHZ 25, 217[]
  8. BGH, Beschluss vom 12.07.1984 – III ZR 8/​84, WM 1984, 1249 m.w. N.[]
  9. BFH, Urteil vom 08.10.2008 – I R 63/​07, BFHE 223, 194, BSt­Bl II 2009, 121[]