Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te – und die Umweg­fahr­ten für Man­dan­ten­be­su­che

Auf­wen­dun­gen für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te – "Umweg­fahr­ten" bzw. "Drei­ecks­fahr­ten" eines Man­dan­ten­be­su­che täti­gen­den Steu­er­be­ra­ters

Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te – und die Umweg­fahr­ten für Man­dan­ten­be­su­che

Nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Satz 2 EStG, der i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 Satz 2 EStG ent­spre­chend für Betriebs­aus­ga­ben für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te gilt, ist der Abzug von Betriebs­aus­ga­ben für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und regel­mä­ßi­ger Betriebs­stät­te auf die Höchst­be­trä­ge der gesetz­li­chen Ent­fer­nungs­pau­scha­le begrenzt. Dies gilt auch für die "Umweg­fahr­ten" bzw. "Drei­ecks­fahr­ten" eines Man­dan­ten­be­su­che täti­gen­den Steu­er­be­ra­ters.

Durch die Ent­fer­nungs­pau­scha­le sind "sämt­li­che Auf­wen­dun­gen" abge­gol­ten, die durch die Wege zwi­schen Woh­nung und regel­mä­ßi­ger Betriebs­stät­te ver­an­lasst sind.

Die­se pau­scha­le Abzugs­be­schrän­kung ent­spricht auch dem Zweck der Vor­schrift. Die Ein­füh­rung der ver­kehrs­mit­tel­un­ab­hän­gi­gen Ent­fer­nungs­pau­scha­le zum Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2001 dien­te neben umwelt- und ver­kehrs­po­li­ti­schen Erwä­gun­gen auch und vor allem der Steu­er­ver­ein­fa­chung. So soll­ten durch die Abgel­tung "sämt­li­cher Auf­wen­dun­gen" ins­be­son­de­re Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen den Steu­er­pflich­ti­gen und dem Finanz­amt über die Berück­sich­ti­gung beson­de­rer Kos­ten (z.B. für Abhol­fahr­ten) und außer­ge­wöhn­li­cher Kos­ten (z.B. Unfall­kos­ten) ver­mie­den wer­den 1.

Die­ser Zweck wird nur erreicht, wenn durch die Ent­fer­nungs­pau­scha­le auch tat­säch­lich "sämt­li­che Auf­wen­dun­gen" abge­gol­ten wer­den. Eine Ein­schrän­kung der Abgel­tungs­wir­kung auf beson­de­re Kos­ten (Mehr­fach, Umweg, Drei­ecks- und Abhol­fahr­ten) ent­sprä­che dem Ver­ein­fa­chungs­ge­dan­ken hin­ge­gen nicht 2.

Die­se Abzugs­be­schrän­kung ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fin­ank­zhofs ver­fas­sungs­ge­mäß 3.

Eine regel­mä­ßi­ge Arbeits­stät­te kann nur eine orts­fes­te, dau­er­haf­te betrieb­li­che Ein­rich­tung des Arbeit­ge­bers sein, der der Arbeit­neh­mer zuge­ord­net ist und die er nicht nur gele­gent­lich, son­dern mit einer gewis­sen Nach­hal­tig­keit, d.h. fort­dau­ernd und immer wie­der (dau­er­haft) auf­sucht 4.

Ent­spre­chen­des gilt für die Annah­me einer Betriebs­stät­te eines Frei­be­ruf­lers als "orts­fes­te dau­er­haf­te betrieb­li­che Ein­rich­tung (…), die der Steu­er­pflich­ti­ge nicht nur gele­gent­lich, son­dern mit einer gewis­sen Nach­hal­tig­keit, das heißt fort­dau­ernd und immer wie­der zur Aus­übung sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit auf­sucht" 5.

Die Abzugs­be­schrän­kung durch die gesetz­li­che Ent­fer­nungs­pau­scha­le gilt für "Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te" auch dann, wenn die jewei­li­ge Hin- oder Rück­fahrt durch ein Dienst­ge­schäft ‑wie etwa den Haus­be­such eines Arz­tes- unter­bro­chen wird, gleich­wohl aber als Ziel und Zweck der Fahrt das Errei­chen der Woh­nung oder der Betriebs­stät­te ‑wie im Streit­fall- im Vor­der­grund steht 6.

Die Auf­wen­dun­gen für die­se Fahr­ten sind unge­ach­tet der Fahrt­un­ter­bre­chung schon nach dem Wort­laut des § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 Satz 2 i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 Satz 2 und 3 EStG Auf­wen­dun­gen "für jeden Arbeits­tag, an dem der Arbeit­neh­mer (oder Unter­neh­mer) die Arbeits­stät­te (oder Betriebs­stät­te) auf­sucht", die mit der typi­sie­ren­den Ent­fer­nungs­pau­scha­le abge­gol­ten wer­den sol­len.

Dar­aus folgt, dass für die wei­te­re Fahrt­stre­cke zu dem jeweils auf­ge­such­ten Man­dan­ten (Kun­den), die über die bei der Ent­fer­nungs­pau­scha­le berück­sich­tig­te Ent­fer­nung zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te hin­aus geht, nur die Mehr­kos­ten der Fahrt allein durch das Dienst­ge­schäft ver­an­lasst sind und des­halb (nur) die auf die­se Stre­cke ent­fal­len­den tat­säch­li­chen Kos­ten bei den Betriebs­aus­ga­ben abzieh­bar sind 7.

Denn ein Auf­wand, der nicht durch die Fahrt zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te, son­dern wie hier abgrenz­bar aus­schließ­lich durch einen ein­zel­nen betrieb­li­chen Vor­gang ver­an­lasst wird, ist bei der Ermitt­lung von Gewinn­ein­künf­ten nach § 4 Abs. 4 EStG unein­ge­schränkt zum Abzug zuzu­las­sen 8.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat das Finanz­ge­richt in der Vor­in­stanz die unein­ge­schränk­te Ent­fer­nungs­pau­scha­le für die strei­ti­gen Fahrt­ta­ge zuge­spro­chen; zusam­men mit dem vom Finanz­amt bereits berück­sich­tig­ten Ansatz der tat­säch­li­chen Kos­ten für durch Man­dan­ten­be­su­che unter­bro­che­ne Hin- oder Rück­fahr­ten ist damit schon ein höhe­rer Betrag an Betriebs­aus­ga­ben für Fahr­ten zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te berück­sich­tigt wor­den, als dem Steu­er­be­ra­ter nach den oben dar­ge­leg­ten Maß­stä­ben zuge­stan­den hät­te.

Danach hät­ten näm­lich nicht die tat­säch­li­chen Kos­ten für die gesam­te Fahrt zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te unter Ein­be­zie­hung der Fahr­ten zu den jeweils auf­ge­such­ten Man­dan­ten, son­dern ledig­lich die durch den Man­dan­ten­be­such jeweils ent­stan­de­nen Mehr­kos­ten im Umfang der über die gewöhn­li­che Ent­fer­nung von Woh­nung und Betriebs­stät­te hin­aus­ge­hen­den Fahrt­stre­cke ‑zusätz­lich zum Ansatz der Ent­fer­nungs­pau­scha­le- als Betriebs­aus­ga­be berück­sich­tigt wer­den dür­fen 9.

Aller­dings ist dem Begeh­ren des Finanz­am­tes, die Ent­fer­nungs­pau­scha­le für die strei­ti­gen Fahr­ten des Steu­er­be­ra­ters zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt wegen der Fahrt­un­ter­bre­chun­gen auf einer der bei­den arbeits­täg­lich durch­ge­führ­ten Fahr­ten nur zur Hälf­te in Ansatz zu brin­gen, nicht zu fol­gen.

Für die­se Kür­zung fehlt, auch wenn man die Ver­wal­tungs­auf­fas­sung zugrun­de legt, schon die nach den Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten 10 maß­geb­li­che Aus­gangs­la­ge, dass ent­we­der die Hin- oder die Rück­fahrt nicht den Fahr­ten i.S des § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG zuge­rech­net wer­den kann.

Wie oben aus­ge­führt, blie­ben die Fahr­ten unge­ach­tet der Unter­bre­chun­gen durch Man­dan­ten­be­su­che sol­che des Steu­er­be­ra­ters zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te bzw. zwi­schen Betriebs­stät­te und Woh­nung, weil sich der jewei­li­ge Ziel­ort (Wohn­ort oder Betriebs­stät­te) durch den Man­dan­ten­be­such ersicht­lich nicht änder­te 11.

Mit­hin sind die aner­kann­ten Dienst­rei­se­kos­ten nicht nach der jeweils tat­säch­lich gefah­re­nen Gesamt­stre­cke (zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te über den Ort des jeweils auf­ge­such­ten Man­dan­ten) zu bemes­sen. Nach den oben dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen hät­te ledig­lich der über die Ent­fer­nung zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te hin­aus­ge­hen­de Mehr­weg in Höhe der tat­säch­lich ent­stan­de­nen Auf­wen­dun­gen berück­sich­tigt wer­den dür­fen.

Der danach erhöh­te Ansatz der als Betriebs­aus­ga­ben abge­zo­ge­nen Fahrt­kos­ten ist im Wege der Sal­die­rung zu kor­ri­gie­ren.

Daher sind nun­mehr die Fahrt­ki­lo­me­tern, um die sich die Fahrt­stre­cke zwi­schen Woh­nung und Betriebs­stät­te im Zusam­men­hang mit den Man­dan­ten­be­su­chen ver­län­gert hat, fest­zu­stel­len; auf die­ser Grund­la­ge ist sodann der Umfang der über die unge­kürz­te Ent­fer­nungs­pau­scha­le hin­aus­ge­hen­den als Betriebs­aus­ga­ben abzieh­ba­ren Fahrt­auf­wen­dun­gen zu bestim­men.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Mai 2015 – VIII R 12/​13

  1. BT-Drs. 14/​4242, S. 6; BT-Drs. 14/​4435, S. 9[]
  2. BFH, Urteil vom 20.03.2014 – VI R 29/​13, BFHE 245, 196, BSt­Bl II 2014, 849, betref­fend außer­ge­wöhn­li­che Repa­ra­tur­kos­ten wegen Falsch­be­tan­kung eines PKW auf der Fahrt zwi­schen Woh­nung und Arbeits­stät­te[]
  3. BFH, Urteil vom 22.10.2014 – X R 19/​12, BFH/​NV 2015, 482, jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 10.07.2008 – VI R 21/​07, BFHE 222, 391, BSt­Bl II 2009, 818; vom 19.01.2012 – VI R 23/​11, BFHE 236, 351, BSt­Bl II 2012, 472; vom 17.06.2010 – VI R 20/​09, BFHE 230, 533, BSt­Bl II 2012, 32, zum weit­räu­mi­gen Arbeits­ge­biet[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 29.04.2014 – VIII R 33/​10, BFHE 246, 53, BSt­Bl II 2014, 777, m.w.N.[]
  6. BFH, Urteil vom 22.06.1995 – IV R 74/​94, BFH/​NV 1996, 117, mit Hin­wei­sen auf die stän­di­ge Recht­spre­chung[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 12.10.1990 – VI R 165/​87, BFHE 162, 420, BSt­Bl II 1991, 134, m.w.N.; BFH, Beschluss vom 10.04.2007 – XI B 136/​06, BFH/​NV 2007, 1310; FG Mün­chen, Urteil vom 27.04.2010 13 K 912/​07[]
  8. BFH, Urteil vom 20.03.2014 – VI R 74/​13, BFHE 245, 56, BSt­Bl II 2014, 854[]
  9. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 162, 420, BSt­Bl II 1991, 134, m.w.N.; in BFH/​NV 1996, 117, mit Hin­wei­sen auf die BFH, Urtei­le vom 17.02.1977 – IV R 87/​72, BFHE 122, 55, BSt­Bl II 1977, 543; vom 25.03.1988 – III R 96/​85, BFHE 153, 119, BSt­Bl II 1988, 655; vom 10.12 1992 – XI R 13/​92, BFH/​NV 1993, 473; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2007, 1310; FG Mün­chen, Urteil vom 27.04.2010 13 K 912/​07[]
  10. vgl. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2013, 215[]
  11. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 1996, 117, m.w.N.[]