Kla­ge des Insol­venz­schuld­ners gegen einen Haf­tungs­be­scheid

Nach § 80 Abs. 1 InsO geht mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens die Befug­nis des Schuld­ners, sein zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­des Ver­mö­gen zu ver­wal­ten und über das­sel­be zu ver­fü­gen, auf den Insol­venz­ver­wal­ter über. Mit dem Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­recht erhält der Insol­venz­ver­wal­ter die Befug­nis, die Insol­venz­mas­se betref­fen­de Pro­zes­se zu füh­ren. Im Pro­zess hat der Insol­venz­ver­wal­ter kraft gesetz­li­cher Pro­zess­stand­schaft die unein­ge­schränk­te Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis unter Aus­schluss des Schuld­ners. Der Schuld­ner ist nicht pro­zess­füh­rungs­be­fugt 1, was aller­dings eine Tätig­keit auf der Grund­la­ge einer beson­de­ren Ermäch­ti­gung durch den Insol­venz­ver­wal­ter (Fall der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft) nicht hin­dert 2. Im ver­ein­fach­ten Insol­venz­ver­fah­ren (§§ 311 ff. InsO) nimmt nach § 313 Abs. 1 Satz 1 InsO der Treu­hän­der (§ 292 InsO) die Auf­ga­ben des Insol­venz­ver­wal­ters wahr 3.

Kla­ge des Insol­venz­schuld­ners gegen einen Haf­tungs­be­scheid

Soweit der Klä­ger jedoch (im eige­nen Namen) gel­tend macht, im Zeit­punkt des Erge­hens des streit­ge­gen­ständ­li­chen Haf­tungs­be­scheids im Hin­blick auf die vor­her erfolg­te Eröff­nung des (Privat-)Insolvenzverfahrens kein Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­recht mehr zu besit­zen, hat er eine eige­ne Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis 4. Denn der Klä­ger greift inso­weit nicht in die Ver­wal­tung der Insol­venz­mas­se und in die Ver­fü­gung über die Insol­venz­mas­se ein, da die­ser Rechts­be­reich von einer sol­chen Inan­spruch­nah­me nicht berührt wird. Der Klä­ger ver­folgt nur sein ver­fah­rens­recht­li­ches Recht, dass vor der Insol­venz­eröff­nung begrün­de­te Ansprü­che nicht mehr gegen ihn per­sön­lich, son­dern nur noch als Insol­venz­for­de­rung (§ 251 Abs. 2 Satz 1 AO i.V.m. § 38 InsO) gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den dür­fen. Inso­weit ver­weist er als Adres­sat des Haf­tungs­be­scheids auf sei­nen Anspruch, dass der Rechts­schein einer rechts­wirk­sa­men Haf­tungs­inan­spruch­nah­me besei­tigt wird. Jeden­falls ist, wor­auf auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Braun­schweig 5 hin­weist, in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass die Miss­ach­tung der Ver­fah­rens­un­ter­bre­chung (§§ 240, 249 ZPO) nicht nur vom Insol­venz­ver­wal­ter, son­dern auch vom Schuld­ner selbst gel­tend gemacht wer­den kann 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. Juli 2012 – I R 74/​11

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 26.07.2004 – X R 30/​04, BFH/​NV 2004, 1547; Urteil vom 06.07.2011 – II R 34/​10, BFH/​NV 2012, 10[]
  2. Kay­ser in Kreft, InsO, 6. Aufl., § 80 Rz 41; sie­he auch FG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 18.11.2008 – 4 K 203/​05, EFG 2009, 860; Bar­to­ne, juris­PR-Steu­erR 16/​2009 Anm. 5[]
  3. s. auch BGH, Beschluss vom 20.03.2003 – IX ZB 388/​02, DB 2003, 1507[]
  4. so im Ergeb­nis auch VG Braun­schweig, Beschluss vom 31.08.2007 – 8 B 134/​07; zustim­mend Tetzlaff, juris­PR-InsR 23/​2007 Anm. 6[]
  5. VG Braun­schweig, Beschluss vom 31.08.2007 8 B 134/​07[]
  6. sie­he auch FG Mün­chen, Urteil vom 23.11.2005 – 10 K 4333/​03, EFG 2006, 589, mit Nach­wei­sen aus der BGH-Recht­spre­chung[]