Ter­mins­ge­bühr bei gemein­schaft­lich ver­han­del­ten, aber nicht ver­bun­den Ver­fah­ren

Ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter, der in meh­re­ren zeit­gleich ter­mi­nier­ten Sachen auf­tritt, erhält regel­mä­ßig die Ter­mins­ge­bühr für jedes ein­zel­ne ter­mi­nier­te und vom Gericht auf­ge­ru­fe­ne Ver­fah­ren. Maß­ge­bend ist der Streit­wert jedes ein­zel­nen Ver­fah­rens. Dies gilt jeden­falls solan­ge, wie die Ver­fah­ren vom Gericht nicht ver­bun­den wer­den.

Ter­mins­ge­bühr bei gemein­schaft­lich ver­han­del­ten, aber nicht ver­bun­den Ver­fah­ren

Dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten – im hier ent­schie­de­nen Fall des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf ein Steu­er­be­ra­ter – steht eine Ter­mins­ge­bühr nach dem Ein­zel­streit­wert des jewei­li­gen Ver­fah­rens zu. Gemäß § 45 StBGe­bV i.V.m. der Vor­be­mer­kung 3 Abs. 3 Alter­na­ti­ve 1, Gebüh­ren­tat­be­stand 3104 VV RVG ent­steht die Ter­mins­ge­bühr „für die Ver­tre­tung in einem Ver­hand­lung, Erör­te­rungs- oder Beweis­auf­nah­me­ter­min“. Sie ent­steht, wenn der Ter­min durch Auf­ruf der Sache beginnt und der Steu­er­be­ra­ter zu die­sem Zeit­punkt ver­tre­tungs­be­reit anwe­send ist 1. Ein Steu­er­be­ra­ter, der in meh­re­ren zeit­gleich ter­mi­nier­ten Sachen auf­tritt und ver­tre­tungs­be­reit anwe­send ist, erhält dem­nach regel­mä­ßig die Ter­mins­ge­bühr für jedes ein­zel­ne ter­mi­nier­te und auf­ge­ru­fe­ne Ver­fah­ren und zwar nach dem jeweils maß­ge­ben­den Streit­wert des ein­zel­nen Ver­fah­rens 2.

Im vor­lie­gen­den Fall ist aus­weis­lich des Pro­to­kolls zum Erör­te­rungs­ter­min bei Auf­ruf des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens und der acht wei­te­ren Ver­fah­ren der Erin­ne­rungs­füh­rer in Beglei­tung sei­nes ver­tre­tungs­be­rei­ten Pro­zess­ver­tre­ters erschie­nen. Damit ist die Ter­mins­ge­bühr für das vor­lie­gen­de und jedes der acht wei­te­ren Ver­fah­ren ent­stan­den.

Der Pro­zess­ver­tre­ter konn­te die Ter­mins­ge­bühr auch nicht nach § 15 Abs. 2 Satz 1 RVG nur ein­mal for­dern. Nach § 15 Abs. 2 Satz 1 RVG kann der Pro­zess­ver­tre­ter eine Gebühr in der­sel­ben Ange­le­gen­heit nur ein­mal for­dern. Das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren stellt nicht zusam­men mit den übri­gen acht Ver­fah­ren die­sel­be Ange­le­gen­heit dar.

Unter einer "Ange­le­gen­heit" ist das gesam­te Geschäft zu ver­ste­hen, das der Rechts­an­walt für die Auf­trag­ge­ber besor­gen soll. Im All­ge­mei­nen ist die Ange­le­gen­heit bei der Tätig­keit in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren mit die­sem Ver­fah­ren iden­tisch, jedes gericht­li­che Ver­fah­ren also (min­des­tens) eine geson­der­te Ange­le­gen­heit 3. Eine Aus­nah­me von dem Grund­satz, dass jedes gericht­li­che Ver­fah­ren eine Ange­le­gen­heit bil­det, wird ange­nom­men, wenn meh­re­re Ver­fah­ren mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den 4.

Vor­lie­gend ist weder eine Ver­bin­dung der neun Ver­fah­ren zur gemein­sa­men Ver­hand­lung noch zur gemein­sa­men Ent­schei­dung erfolgt. Allei­ne die zeit­glei­che Ter­mi­nie­rung bewirkt kei­ne Ver­bin­dung der Ver­fah­ren.

Dane­ben soll aus­nahms­wei­se trotz ver­schie­de­ner Ver­fah­ren gleich­wohl nur eine Ange­le­gen­heit im Sin­ne von § 15 Abs. 2 Satz 1 RVG vor­lie­gen, wenn die­se von einem ein­heit­li­chen Auf­trag umfasst wer­den, zwi­schen den Ver­fah­ren ein inne­rer Zusam­men­hang besteht und der Rechts­an­walt einen ein­heit­li­chen Tätig­keits­rah­men wahrt 5.

Auch unter Berück­sich­ti­gung die­ses Aus­nah­me­tat­be­stan­des stel­len die neun Ver­fah­ren nicht nur eine Ange­le­gen­heit dar. Eine ein­heit­li­che Ange­le­gen­heit ist nach Ansicht des Sena­tes regel­mä­ßig zu ver­nei­nen, wenn das Gericht von einer Ver­fah­rens­ver­bin­dung gemäß § 73 FGO kei­nen Gebrauch gemacht hat. Die Ent­schei­dung, Ver­fah­ren zu ver­bin­den oder davon abzu­se­hen, obliegt dem Gericht. Das Gericht kann auf­grund sei­ner Sach- und Rechts­kun­de am bes­ten beur­tei­len, ob meh­re­re Ver­fah­ren eine Ange­le­gen­heit bil­den und damit das unschar­fe und daher schwer hand­hab­ba­re Kri­te­ri­um des inne­ren Zusam­men­hangs zu beja­hen ist. Im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung knüpft der Kos­ten­be­am­te an die erfolg­te oder nicht erfolg­te Ver­bin­dung des Gerichts an. Nicht for­mell ver­bun­de­ne oder getrenn­te Ver­fah­ren sind kos­ten­recht­lich getrennt zu behan­deln. Dies ent­spricht dem Grund­satz der Rechts­klar­heit 6.

Nach Ansicht des Finanz­ge­richts Düs­sel­dorf lässt sich die vor­ge­nom­me­ne Berech­nung der Ter­mins­ge­bühr nach dem Gesamt­streit­wert der neun im Erör­te­rungs­ter­min ver­han­del­ten Ver­fah­ren auch nicht der Anm. 2 zu Nr. 3104 VV RVG ent­neh­men. Nach Anm. 2 zu Nr. 3104 VV RVG, die nach Anm. 1 zu Nr. 3202 VV RVG auch im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gilt, wer­den in die Berech­nung der Ter­mins­ge­bühr auch Ansprü­che ein­be­zo­gen, die in dem ver­han­del­ten bzw. erör­ter­ten Ver­fah­ren nicht rechts­hän­gig sind. „Soweit“ die danach erhöh­te Ter­mins­ge­bühr den sich ohne Berück­sich­ti­gung der nicht rechts­hän­gi­gen Ansprü­che erge­ben­den Gebüh­ren­be­trag über­steigt, wird sie auf eine Ter­mins­ge­bühr ange­rech­net, die wegen des­sel­ben Gegen­stands in einer ande­ren Ange­le­gen­heit ent­steht (Nr. 3104 Abs. 2 VV RVG). Dar­un­ter fal­len auch Ansprü­che aus rechts­hän­gi­gen, im sel­ben Ter­min ver­han­del­ten Ange­le­gen­hei­ten 7. Die Anrech­nung erfolgt auf die Ter­mins­ge­bühr des nicht rechts­hän­gi­gen oder in einem ande­ren Ver­fah­ren rechts­hän­gi­gen Anspruchs. Zweck der Vor­schrift ist mit­hin, dass hin­sicht­lich des­sel­ben Gegen­stands die Ter­mins­ge­bühr nicht mehr als ein­mal anfal­len soll. Eine Kür­zung der Gebühr – wie in dem ange­foch­te­nen Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss gesche­hen – auf einen Betrag unter­halb der dem Gegen­stand ent­spre­chen­den ein­ma­li­gen Ter­mins­ge­bühr lässt sich damit nicht recht­fer­ti­gen 8.

Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Beschluss vom 11. Mai 2012 – 11 Ko 3244/​11 KF

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 11.02.2010 – 9 KSt 3/​10, NJW 2010, 1391[]
  2. vgl. BVerwG, Beschluss vom 11.02.2010 – 9 KSt 3/​10, NJW 2010, 1391; OVG NRW, Beschluss vom 09.07.2009 – 18 E 373/​09, NJW 2010, 955; Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 07.01.2011 – L 15 B 939/​08 SF KO, RVGre­port 2011, 223; Nie­der­säch­si­sches FG, Beschluss vom 20.05.2009 – 6 Ko 3/​09, DSt­RE 2010, 711; FG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 26.07.2010 – 5 Ko 805/​10, EFG 2011, 375; ande­re Ansicht: Nie­der­säch­si­sches FG, Beschluss vom 29.10.2007 – 16 Ko 6/​07, EFG 2008, 242; FG Köln, Beschluss vom 21.12.2005 – 10 Ko 4172/​05, EFG 2006, 441[]
  3. vgl. OVG NRW, Beschluss vom 09.07.2009 – 18 E 373/​09, NJW 2010, 955 mit wei­te­ren Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung[]
  4. vgl. OVG NRW, Beschluss vom 09.07.2009 – 18 E 373/​09, NJW 2010, 955[]
  5. vgl. May­er in Gerold/​Schmidt, RVG, 19. Auf­la­ge, § 15 Rdnr. 6 f.[]
  6. im Ergeb­nis eben­so OVG NRW, Beschluss vom 09.07.2009 – 18 E 373/​09, NJW 2010, 955[]
  7. vgl. Gerold/​Schmidt, RVG, 19. Auf­la­ge, VV 3104 Rdnr. 77[]
  8. vgl. Nie­der­säch­si­ches FG, Beschluss vom 20.05.2009 – 6 Ko 3/​09, EFG 2010, 442; FG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 26.07.2010 – 5 Ko 805/​10, EFG 2011, 375; Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 07.01.2011 – L 15 B 939/​08 SF KO, RVGre­port 2011, 223[]
  9. BGH, Anfra­ge­be­schluss vom 06.03.2018 – 2 StR 481/​17[]