Abwei­chen vom Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Weicht der Tatrich­ter von der Ein­schät­zung eines Sach­ver­stän­di­gen ab, nach­dem er zuvor glaub­te, einer Bera­tung durch die­sen Sach­ver­stän­di­gen zu bedür­fen, muss er sich erschöp­fend mit des­sen Aus­füh­run­gen aus­ein­an­der­set­zen und die­se im Ein­zel­nen dar­le­gen.

Abwei­chen vom Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Dazu gehört auch eine Wie­der­ga­be der Stel­lung­nah­me des Sach­ver­stän­di­gen zu den Gesichts­punk­ten, auf die der Tatrich­ter sei­ne abwei­chen­de Auf­fas­sung stützt 1.

Andern­falls ist dem Revi­si­ons­ge­richt eine Prü­fung nicht mög­lich, ob das Tat­ge­richt das Gut­ach­ten zutref­fend gewür­digt und aus ihm recht­lich zuläs­si­ge Schlüs­se gezo­gen hat sowie woher sich sein bes­se­res Fach­wis­sen oder sei­ne fort­be­stehen­den Zwei­fel erge­ben 2.

Den sich dar­aus erge­ben­den Anfor­de­run­gen wur­de im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das land­ge­richt­li­che Urteil nicht gerecht:

Die Straf­kam­mer hat zwar mit­ge­teilt, dass sie sich ein­ge­hend mit dem zu einem ande­ren Ergeb­nis gelan­gen­den aus­sa­ge­psy­cho­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Sie hat es aber ver­ab­säumt, den wesent­li­chen Inhalt des Gut­ach­tens mit­zu­tei­len und im Zusam­men­hang dar­zu­le­gen, war­um sie der Ein­schät­zung der Sach­ver­stän­di­gen im Ergeb­nis nicht zu fol­gen ver­mocht hat. Auch wird nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­stellt, wie sich die Sach­ver­stän­di­ge zu den Gesichts­punk­ten ver­hal­ten hat, auf die das Land­ge­richt sei­ne abwei­chen­de Auf­fas­sung stützt. Das Revi­si­ons­ge­richt kann daher nicht prü­fen, ob die in den Urteils­grün­den an ver­schie­de­nen Stel­len ange­führ­ten Defi­zi­te des Gut­ach­tens (unzu­rei­chen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den "recht dürf­ti­gen Anga­ben" des Neben­klä­gers zu dem jewei­li­gen Rand­ge­sche­hen und sei­nen aus­wei­chen­den Reak­tio­nen auf Vor­hal­te, kei­ne erschöp­fen­de The­ma­ti­sie­rung mög­li­cher sug­ges­ti­ver Beein­flus­sung durch betreu­en­de Per­so­nen, man­geln­de Erör­te­rung von Abwei­chun­gen und Wider­sprü­chen, Beschrän­kung der Kon­stanz­ana­ly­se auf die Anga­ben vor der Poli­zei, gegen­über der Sach­ver­stän­di­gen und in der Haupt­ver­hand­lung) und die Zurück­wei­sung von ein­zel­nen Bewer­tun­gen der Sach­ver­stän­di­gen (etwa zum feh­len­den Inter­es­se des Neben­klä­gers an sexu­al­be­zo­ge­nen Hand­lun­gen und der Beur­tei­lung sei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur) auf einer zutref­fen­den Wür­di­gung des Gut­ach­tens beru­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2016 – 4 StR 320/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 19.06.2012 – 5 StR 181/​12, NStZ 2013, 55, 56; Urteil vom 20.06.2000 – 5 StR 173/​00, NStZ 2000, 550[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.12 2009 – 4 StR 435/​09, NStZ-RR 2010, 105, 106; Urteil vom 12.06.2001 – 1 StR 190/​01; Beschluss vom 25.04.2006 – 1 StR 579/​05, NStZ-RR 2006, 242, 243[]