Das Opfer als ein­zi­ger Zeu­ge – und die Anfor­de­run­gen an die Urteils­grün­de

In einer Kon­stel­la­ti­on, in wel­cher "Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge" steht und außer der Aus­sa­ge des ein­zi­gen Belas­tungs­zeu­gen kei­ne wei­te­ren belas­ten­den Indi­zi­en vor­lie­gen, muss sich der Tatrich­ter bewusst sein, dass die Aus­sa­ge die­ses Zeu­gen einer beson­de­ren Glaub­haf­tig­keits­prü­fung zu unter­zie­hen ist.

Das Opfer als ein­zi­ger Zeu­ge – und die Anfor­de­run­gen an die Urteils­grün­de

Die Urteils­grün­de müs­sen erken­nen las­sen, dass das Tat­ge­richt alle Umstän­de, die die Ent­schei­dung beein­flus­sen kön­nen, erkannt und in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen hat 1.

Glaubt das Gericht einen Teil der Aus­sa­ge des Belas­tungs­zeu­gen, obwohl es ihm in ande­ren Tei­len nicht folgt, bedarf dies regel­mä­ßig einer beson­de­ren Begrün­dung 2.

Im Übri­gen weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass von einer wei­te­ren Zeu­gin aus dem Umfeld des Ange­klag­ten gegen die­sen erho­be­ne Vor­wür­fe gewalt­sa­mer sexu­el­ler Über­grif­fe nur dann als den Ange­klag­ten belas­ten­des Indiz gewer­tet wer­den kön­nen, wenn sich der Tatrich­ter von der Rich­tig­keit die­ser Vor­wür­fe über­zeugt hat. Die belas­ten­de indi­zi­el­le Bedeu­tung knüpft nicht an die Belas­tung durch die Zeu­gin als sol­che son­dern allein an das von der Zeu­gin bekun­de­te Ver­hal­ten des Ange­klag­ten an, das pro­zess­ord­nungs­ge­mäß fest­ge­stellt und zur Über­zeu­gung des Tat­ge­richts fest­ste­hen muss 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Juli 2015 – 4 StR 132/​15

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 29.07.1998 – 1 StR 94/​98, BGHSt 44, 153, 158 f.; Beschluss vom 19.11.2014 – 4 StR 427/​14, NStZ-RR 2015, 86; Urteil vom 12.12 2012 – 5 StR 544/​12, NStZ-RR 2013, 119[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 03.09.2013 – 1 StR 206/​13 Rn.19; Urteil vom 20.02.2014 – 3 StR 289/​13 Rn. 14, inso­weit in NStZ 2014, 600 nicht abge­druckt; Beschluss vom 24.06.2003 – 3 StR 96/​03, NStZ-RR 2003, 332 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 31.10.1989 – 1 StR 419/​89, BGHSt 36, 286, 290; Ott in KK-StPO, 7. Aufl., § 261 Rn. 53 mwN[]
  4. Gesetz vom 17.08.2017, BGBl. I S. 3202[]