Der sexu­el­le Miss­brauch durch einen Leh­rer

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Revi­si­on eines Bochu­mer Real­schul­leh­rers gegen sei­ne Ver­ur­tei­lung wegen sexu­el­len Miss­brauchs einer Schutz­be­foh­le­nen ver­wor­fen.

Der sexu­el­le Miss­brauch durch einen Leh­rer

Das Land­ge­richt Bochum hat­te den Ange­klag­ten im ers­ten Rechts­gang wegen sexu­el­len Miss­brauchs einer Schutz­be­foh­le­nen in zwölf Fäl­len zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von zwei Jah­ren ver­ur­teilt, und die Voll­stre­ckung die­ser Stra­fe zur Bewäh­rung aus­ge­setzt. Die­ses Urteil hat­te der Bun­des­ge­richts­hof vor zwei Jah­ren auf­ge­ho­ben und die Sache zu neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an eine ande­re Straf­kam­mer des Land­ge­richts zurück­ver­wie­sen, da die Fest­stel­lun­gen die Annah­me des für die Tat­be­stands­ver­wirk­li­chung erfor­der­li­chen Obhuts­ver­hält­nis­ses im Sin­ne eines Anver­traut­seins zur Erzie­hung, Aus­bil­dung oder Betreu­ung zwi­schen dem als Leh­rer an einer Real­schu­le täti­gen Ange­klag­ten und der Neben­klä­ge­rin – Schü­le­rin an die­ser Schu­le – nicht tru­gen. Das Land­ge­richt Bochum hat den Ange­klag­ten nun­mehr erneut wegen sexu­el­len Miss­brauchs von Schutz­be­foh­le­nen in zwölf Fäl­len ver­ur­teilt und gegen ihn eine zur Bewäh­rung aus­ge­setz­te Gesamt­frei­heits­stra­fe von einem Jahr und sie­ben Mona­ten ver­hängt1.

Nach den vom Land­ge­richt Bochum nun­mehr getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen lei­te­te der Ange­klag­te im Tat­zeit­raum den von ihm im Ein­ver­neh­men mit der Schul­lei­tung ins Leben geru­fe­nen Schul­sa­ni­täts­dienst als schu­li­sche Arbeits­ge­mein­schaft außer­halb des ver­pflich­ten­den Regel­un­ter­richts und führ­te auch die Ers­te-Hil­fe-Kur­se durch, die die an der Tätig­keit als Schul­sa­ni­tä­ter inter­es­sier­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler zuvor absol­vie­ren muss­ten. Neben der orga­ni­sa­to­ri­schen Lei­tung des Schul­sa­ni­täts­diens­tes oblag dem Ange­klag­ten auch die Betreu­ung der an den Schul­ta­gen ein­ge­setz­ten Schul­sa­ni­tä­ter, die u. a. sei­ne Rat­schlä­ge und Anwei­sun­gen in Not­fäl­len ein­hol­ten und mit denen er durch­ge­führ­te Ein­sät­ze besprach. Zwi­schen dem Ange­klag­ten und der 14 bzw. 15 Jah­re alten Neben­klä­ge­rin, die regel­mä­ßig als Schul­sa­ni­tä­te­rin tätig war und mehr­fach Ers­te-Hil­fe-Kur­se unter des­sen Lei­tung besucht hat­te, der der Ange­klag­te aber kei­nen Regel­un­ter­richt erteil­te, ent­wi­ckel­te sich im Jahr 2010 eine enge per­sön­li­che Bezie­hung, in deren Ver­lauf es von Okto­ber 2010 bis März 2011 in zwölf Fäl­len zu ein­ver­nehm­li­chen sexu­el­len Hand­lun­gen kam.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die gegen das zwei­te Urteil des Land­ge­richts Bochum gerich­te­te Revi­si­on des Ange­klag­ten nun als unbe­grün­det ver­wor­fen.

Die für den Tat­be­stand des sexu­el­len Miss­brauchs von Schutz­be­foh­le­nen erfor­der­li­che Obhuts­be­zie­hung im Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis ist nicht auf die Ertei­lung von ver­bind­li­chem Regel­un­ter­richt durch den Klas­sen- oder Fach­leh­rer beschränkt, son­dern kann auch im Rah­men einer nicht zum regu­lä­ren Unter­richt zäh­len­den schu­li­schen Ver­an­stal­tung in Form einer Arbeits­ge­mein­schaft mit frei­wil­li­ger Teil­nah­me vor­lie­gen. Der Tatrich­ter hat inso­weit alle für die Annah­me eines sol­chen Obhuts­ver­hält­nis­ses bedeut­sa­men Umstän­de in sei­ne recht­li­che Bewer­tung ein­zu­be­zie­hen und sich dabei am Schutz­zweck der Vor­schrift zu ori­en­tie­ren, wonach Min­der­jäh­ri­ge, also regel­mä­ßig noch nicht aus­ge­reif­te Men­schen, vor sexu­el­len Über­grif­fen durch Auto­ri­täts­per­so­nen bewahrt wer­den sol­len. Gemes­sen dar­an war die Neben­klä­ge­rin dem Ange­klag­ten im Tat­zeit­raum im Sin­ne von § 174 Abs. 1 Satz 1 StGB anver­traut. Der von ihm ver­ant­wort­lich gelei­te­te Schul­sa­ni­täts­dienst stand im Dienst des Bil­dungs- und Erzie­hungs­auf­trags der Schu­le, der nicht nur die Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen und Fer­tig­kei­ten beinhal­te­te, son­dern auch die Auf­ga­be umfass­te, den Schü­le­rin­nen und Schü­lern Wert­hal­tun­gen nahe­zu­brin­gen und ihre Bereit­schaft zu sozia­lem und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­tem Han­deln zu wecken. Die vom Land­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen bele­gen, dass die Neben­klä­ge­rin im Tat­zeit­raum nicht nur eng in den Schul­sa­ni­täts­dienst ein­ge­bun­den war, son­dern den Ange­klag­ten, des­sen Hil­fe­stel­lung sie in schwie­ri­gen Situa­tio­nen häu­fig in Anspruch nahm, auch als Auto­ri­täts­per­son aner­kann­te und sich des­sen Rat­schlä­gen und Wei­sun­gen unter­ord­ne­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Mai 2014 – 4 StR 503/​13

  1. LG Bochum, Urteil vom 32.05.2013 – II8 KLs36 Js 115÷1138÷12 []