Der spä­te Beweis­an­trag – und der Grund­satz der Selbst­be­las­tungs­frei­heit

Einem Ange­klag­ten kann der Zeit­punkt, zu dem er sich erst­mals zur Sache ein­lässt, nicht zum Nach­teil gerei­chen. Erst recht gilt dies für den Zeit­punkt eines vom Ver­tei­di­ger gestell­ten Beweis­an­tra­ges.

Der spä­te Beweis­an­trag – und der Grund­satz der Selbst­be­las­tungs­frei­heit

Der Grund­satz, dass nie­mand im Straf­ver­fah­ren gegen sich selbst aus­zu­sa­gen braucht, inso­weit also ein Schwei­ge­recht besteht, ist not­wen­di­ger Bestand­teil eines fai­ren Ver­fah­rens. So steht es dem Ange­klag­ten frei, sich zu äußern oder nicht zur Sache aus­zu­sa­gen (§ 136 Abs. 1 Satz 2, § 243 Abs. 5 Satz 1 StPO). Macht ein Ange­klag­ter von sei­nem Schwei­ge­recht Gebrauch, so darf dies nicht zu sei­nem Nach­teil gewer­tet wer­den 1.

Der unbe­fan­ge­ne Gebrauch die­ses Schwei­ge­rechts wäre nicht gewähr­leis­tet, wenn der Ange­klag­te die Prü­fung und Bewer­tung der Grün­de für sein Aus­sa­ge­ver­hal­ten befürch­ten müss­te. Des­halb dür­fen weder aus der durch­ge­hen­den noch aus der anfäng­li­chen Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rung – und damit auch nicht aus dem Zeit­punkt, zu dem sich der Ange­klag­te erst­mals ein­lässt – nach­tei­li­ge Schlüs­se gezo­gen wer­den 2.

Erst recht darf aus dem Zeit­punkt, zu dem ein Ver­tei­di­ger einen Beweis­an­trag anbringt, nichts zum Nach­teil des bis dahin schwei­gen­den Ange­klag­ten her­ge­lei­tet wer­den. Der Ver­tei­di­ger ist neben dem Ange­klag­ten selb­stän­dig berech­tigt, Beweis­an­trä­ge zu stel­len. Er kann einen sol­chen Antrag auch gegen den offe­nen Wider­spruch des Ange­klag­ten vor­brin­gen, der Antrag muss nicht mit der Ein­las­sung des Ange­klag­ten über­ein­stim­men, die unter Beweis gestell­te Behaup­tung kann auch einem Geständ­nis des Ange­klag­ten wider­spre­chen. Dem­entspre­chend darf der Antrag des Ver­tei­di­gers sowie die hier­zu abge­ge­be­ne Begrün­dung oder wei­ter­ge­hen­de Erläu­te­rung nicht als Ein­las­sung des Ange­klag­ten behan­delt wer­den, es sei denn der Ange­klag­te erklärt (even­tu­ell auf Befra­gen), er mache sich das Vor­brin­gen als eige­ne Ein­las­sung zu eigen 3.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Sep­tem­ber 2015 – 3 StR 11/​15

  1. BGH, Urtei­le vom 26.10.1983 – 3 StR 251/​83, BGHSt 32, 140, 144; vom 26.05.1992 – 5 StR 122/​92, BGHSt 38, 302, 305; vom 22.12 1999 – 3 StR 401/​99, NJW 2000, 1426; Beschluss vom 03.05.2000 – 1 StR 125/​00, NStZ 2000, 494, 495[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 22.02.2001 – 3 StR 580/​00, NStZ-RR 2002, 72 bei Becker; Beschluss vom 28.05.2014 – 3 StR 196/​14, NStZ 2014, 666, 667 jeweils mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.05.1990 – 4 StR 118/​90, StV 1990, 394; Urteil vom 24.07.1991 – 4 StR 258/​91, BGHR StPO, § 243 Abs. 4 Äuße­rung 4; Beschluss vom 07.08.2014 – 3 StR 105/​14, NStZ 2015, 207, 208; LR/​Becker, StPO, 26. Aufl., § 244 Rn. 118[]