Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Siche­rungs­ver­wah­rung

Wegen über­lan­ger Siche­rungs­ver­wah­rung steht den Betrof­fe­nen eine Ent­schä­di­gung gemäß Art. 5 Abs. 5 EMRK zu.

Ent­schä­di­gung für über­lan­ge Siche­rungs­ver­wah­rung

Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat vier Urtei­le des Land­ge­richts Karls­ru­he bestä­tigt, das vier Straf­tä­tern, die in den 70iger und 80iger Jah­ren wegen ver­such­ten Mor­des, Ver­ge­wal­ti­gung und ande­rer Straf­ta­ten zu lan­gen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den waren und gegen die anschlie­ßen­de Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net wor­den war, gemäß Art. 5 Abs. 5 EMRK Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che gegen das Land Baden-Würt­tem­berg wegen über­lan­ger Siche­rungs­ver­wah­rung in Höhe von 49.000 € bis 73.000 € zuge­spro­chen hat­te. In den Straf­ur­tei­len war in allen Fäl­len gleich­zei­tig anschlie­ßen­de Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net wor­den, die nach der damals gel­ten­den Fas­sung von § 67d Abs. 1 StGB 10 Jah­re nicht über­schrei­ten durf­te, nach Ablauf der Höchst­frist waren die Unter­ge­brach­ten zu ent­las­sen. Als die­se Höchst­frist durch eine Geset­zes­än­de­rung ab dem 31.01.1998 ent­fiel, ver­blie­ben die Ver­ur­teil­ten über die 10 Jah­re hin­aus wei­ter in Siche­rungs­haft.

Unter Berück­sich­ti­gung der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17.12.2009, wonach die Geset­zes­än­de­rung von 1998 gegen das Rück­wir­kungs­ver­bot ver­stößt, stell­te das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he – Straf­se­na­te – die Erle­di­gung der Siche­rungs­ver­wah­rung fest und ord­ne­te statt­des­sen Füh­rungs­auf­sicht und Bewäh­rungs­hil­fe an. Die Ver­ur­teil­ten wur­den alle aus der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­las­sen. Für den 10 Jah­re über­schrei­ten­den Zeit­raum der Siche­rungs­ver­wah­rung for­dern sie Schmer­zens­geld vom Land Baden-Würt­tem­berg. Gegen die einen Teil der begehr­ten Sum­men zuspre­chen­den Urtei­le des Land­ge­richts Karls­ru­he hat das Land Baden-Würt­tem­berg Beru­fung ein­ge­legt. Die Beru­fun­gen des beklag­ten Lan­des gegen das Urteil des Land­ge­richts Karls­ru­he hat nun das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he zurück­ge­wie­sen:

Die Ent­schei­dung des Land­ge­richts sei in der Begrün­dung wie im Ergeb­nis zutref­fend. Der Senat hat fest­ge­stellt, die Scha­dens­er­satz­an­sprü­che der Klä­ger ergä­ben sich unmit­tel­bar aus Art. 5 Abs. 5 EMRK. Die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on gel­te inner­staat­lich mit Geset­zes­kraft und gewäh­re in Art. 5 Abs. 5 EMRK dem Betrof­fe­nen einen unmit­tel­ba­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch, wenn sei­ne Frei­heit Art. 5 Abs. 1 EMRK zuwi­der beschränkt wor­den sei. Die­ser Ent­schä­di­gungs­an­spruch kön­ne in den Ver­trags­staa­ten, die die Kon­ven­ti­on und ihre Zusatz­pro­to­kol­le in inner­staat­li­ches Recht über­nom­men hät­ten, unmit­tel­bar vor den natio­na­len Gerich­ten gel­tend gemacht wer­den. Zutref­fend habe das Land­ge­richt das beklag­te Land Baden-Würt­tem­berg als Anspruchs­ver­pflich­te­ten betrach­tet, zwar hät­ten bun­des­recht­li­che Vor­schrif­ten den Frei­heits­ent­zug nach Ablauf der frü­he­ren Höchst­frist ermög­licht, der unmit­tel­ba­re Ein­griff in das Frei­heits­recht habe sich jedoch erst aus der Anord­nung der Ver­län­ge­rung sowie dem Voll­zug der Siche­rungs­ver­wah­rung erge­ben, die durch die Voll­stre­ckungs­be­hör­den des Lan­des erfolgt sei­en.

Die Anord­nung der Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung auf der Grund­la­ge von § 67 d Abs. 3 StGB (in der Fas­sung von 1998) und deren Voll­zug nach Ablauf der in den Urtei­len ver­häng­ten erst­ma­li­gen 10-jäh­ri­gen Siche­rungs­ver­wah­rung stel­le eine rechts­wid­ri­ge Frei­heits­ent­zie­hung im Sin­ne von Art. 5 Abs. 5 EMRK dar. Ein Ver­schul­den der inner­staat­li­chen Orga­ne set­ze die­se als Gefähr­dungs­haf­tung aus­ge­stal­te­te Scha­dens­er­satz­pflicht nicht vor­aus. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des beklag­ten Lan­des gebe es kei­ne Ein­schrän­kung der Scha­dens­er­satz­pflicht in zeit­li­cher Hin­sicht, die Rechts­wid­rig­keit des Ein­griffs bedür­fe kei­ner dar­auf bezo­ge­nen kon­sti­tu­ti­ven Fest­stel­lung. Die Beschrän­kung der Scha­dens­er­satz­pflicht auf Frei­heits­ent­zie­hung erst nach Fest­stel­lung ihrer Kon­ven­ti­ons­wid­rig­keit wür­de Art. 5 Abs. 5 EMRK sei­nes wesent­li­chen Anwen­dungs­be­reichs berau­ben, da die gericht­li­che Fest­stel­lung der Kon­ven­ti­ons­wid­rig­keit dem Ein­griff in der Regel nach­zu­fol­gen pfle­ge, oft­mals auch zu einem Zeit­punkt erfol­ge, zu dem die Frei­heits­ent­zie­hung bereits been­det sei.

Der Ent­schä­di­gungs­an­spruch set­ze kein Ver­schul­den vor­aus. Des­halb kom­me es nicht dar­auf an, dass die Anord­nung der Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung der dama­li­gen Rechts­la­ge ent­spro­chen habe, von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zunächst nicht bean­stan­det wor­den sei und die Voll­stre­ckungs­be­hör­den der Beklag­ten ver­pflich­tet gewe­sen sei­en, die ver­län­ger­te Siche­rungs­ver­wah­rung zu voll­stre­cken. Das Ver­trau­en des beklag­ten Lan­des auf die Recht­mä­ßig­keit der von ihm ange­wand­ten Vor­schrif­ten sei gegen­über dem Inter­es­se des Ein­zel­nen, dass in sein Frei­heits­recht von Kon­ven­ti­ons­or­ga­nen oder inner­staat­li­chen Orga­nen nicht sank­ti­ons­los rechts­wid­rig ein­ge­grif­fen wer­den dür­fe, unbe­acht­lich.

Die vom Land­ge­richt Karls­ru­he zuge­bil­lig­ten imma­te­ri­el­len Scha­dens­er­satz­an­sprü­che sind nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he nicht zu bean­stan­den. Das Land­ge­richt habe eine imma­te­ri­el­le Ent­schä­di­gung in Höhe von 500,00 € pro Monat als ange­mes­sen betrach­tet. Dies sei unter Her­an­zie­hung der Bemes­sungs­pra­xis des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te in ver­gleich­ba­ren Fäl­len nicht zu bean­stan­den.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urtei­le vom 29.11.2012 – 12 U 60/​12, 12 U 61/​12, 12 U 62/​12, 12 U 63/​12