Gewerbs­mä­ßi­ge Urhe­ber­rechts­ver­let­zung beim grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf

Bei einem grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf liegt ein Ver­brei­ten in Deutsch­land gemäß § 17 UrhG schon dann vor, wenn ein Händ­ler, der sei­ne Wer­bung auf in Deutsch­land ansäs­si­ge Kun­den aus­rich­tet und ein spe­zi­fi­sches Lie­fe­rungs­sys­tem und spe­zi­fi­sche Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten schafft, für sie zur Ver­fü­gung stellt oder dies einem Drit­ten erlaubt und die­se Kun­den so in die Lage ver­setzt, sich Ver­viel­fäl­ti­gun­gen von Wer­ken lie­fern zu las­sen, die in Deutsch­land urhe­ber­recht­lich geschützt sind. Der auf einer Aus­le­gung der §§ 106, 108a UrhG, § 27 StGB im auf­ge­zeig­ten Sinn gestütz­ten Straf­bar­keit steht nicht die uni­ons­recht­lich garan­tier­te Waren­ver­kehrs­frei­heit ent­ge­gen.

Gewerbs­mä­ßi­ge Urhe­ber­rechts­ver­let­zung beim grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf

Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­aus­ge­gan­gen war ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­ge­richts­hofs an den Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, mit dem der Bun­des­ge­richts­hof dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 Abs. 1 lit. a)), Abs. 3 AEUV fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt hat­te:

Sind die den frei­en Waren­ver­kehr regeln­den Art. 34, 36 AEUV dahin aus­zu­le­gen, dass sie einer aus der Anwen­dung natio­na­ler Straf­vor­schrif­ten resul­tie­ren­den Straf­bar­keit wegen Bei­hil­fe zum uner­laub­ten Ver­brei­ten urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke ent­ge­gen­ste­hen, wenn bei einem grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf eines in Deutsch­land urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­kes kumu­la­tiv

  • die­ses Werk aus einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on nach Deutsch­land ver­bracht und die tat­säch­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt an ihm in Deutsch­land über­tra­gen wird,
  • der Eigen­tums­über­gang aber in dem ande­ren Mit­glied­staat erfolgt ist, in dem urhe­ber­recht­li­cher Schutz des Wer­kes nicht bestand oder nicht durch­setz­bar war?

Die­se Vor­la­ge­fra­gen hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf­hin im Juni 2012 beant­wor­tet 1:

Ein Händ­ler, der sei­ne Wer­bung auf in einem bestimm­ten Mit­glied­staat ansäs­si­ge Mit­glie­der der Öffent­lich­keit aus­rich­tet und ein spe­zi­fi­sches Lie­fe­rungs­sys­tem und spe­zi­fi­sche Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten schafft oder für sie zur Ver­fü­gung stellt oder dies einem Drit­ten erlaubt und die­se Mit­glie­der der Öffent­lich­keit so in die Lage ver­setzt, sich Ver­viel­fäl­ti­gun­gen von Wer­ken lie­fern zu las­sen, die in dem betref­fen­den Mit­glied­staat urhe­ber­recht­lich geschützt sind, nimmt in dem Mit­glied­staat, in dem die Lie­fe­rung erfolgt, eine "Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit" im Sin­ne von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.05.2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft vor.

Die Art. 34 AEUV und 36 AEUV sind dahin aus­zu­le­gen, dass sie es einem Mit­glied­staat nicht ver­bie­ten, die Bei­hil­fe zum uner­laub­ten Ver­brei­ten von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Wer­ke in Anwen­dung sei­ner natio­na­len Straf­vor­schrif­ten straf­recht­lich zu ver­fol­gen, wenn Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke sol­cher Wer­ke in dem betref­fen­den Mit­glied­staat im Rah­men eines Ver­kaufs­ge­schäfts an die Öffent­lich­keit ver­brei­tet wer­den, das spe­zi­ell auf die Öffent­lich­keit in die­sem Mit­glied­staat aus­ge­rich­tet ist und von einem ande­ren Mit­glied­staat aus abge­schlos­sen wird, in dem ein urhe­ber­recht­li­cher Schutz der Wer­ke nicht besteht oder nicht durch­setz­bar ist.

In dem vor­lie­gen­den Urteil setzt der Bun­des­ge­richts­hof nun die­ses Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on um:

Nach den Urteils­fest­stel­lun­gen hat der Ange­klag­te dabei gehol­fen, in Deutsch­land geschütz­te Wer­ke der ange­wand­ten Kunst gewerbs­mä­ßig im Schutz­land zu ver­brei­ten 2.

Die genann­ten Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de genie­ßen in Deutsch­land als Wer­ke der ange­wand­ten Kunst urhe­ber­recht­li­chen Schutz gemäß § 2 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 UrhG 3. Bestand, Inhalt, Umfang und Inha­ber­schaft eines Schutz­rechts rich­ten sich nach dem Recht des­je­ni­gen Staa­tes, für des­sen Ter­ri­to­ri­um es Wir­kung ent­fal­ten soll, also nach dem Recht des Schutz­lands 4.

Die Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke der geschütz­ten Wer­ke wur­den ohne Ein­wil­li­gung der Berech­tig­ten von dem Ver­ant­wort­li­chen der Fir­ma D. gemäß § 106 Abs. 1, § 108a Abs. 1 UrhG in Deutsch­land ver­brei­tet.

Dabei hat der Bun­des­ge­richts­hofs wegen der Urhe­ber­rechts­ak­zess­orie­tät die­ser Straf­vor­schrif­ten den Ver­brei­tungs­be­griff des § 17 UrhG zugrun­de gelegt 5.

§ 17 Abs. 1 UrhG dient der Umset­zung von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22.05.2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft. Es besteht des­halb die Not­wen­dig­keit der richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung die­ser Norm natio­na­len Rechts 6.

Für die Aus­le­gung des Ver­brei­tungs­be­griffs gemäß Art. 4 Abs. 1 RL 2001/​29/​EG wie­der­um – und nicht etwa zur Anwen­dung des Uni­ons­rechts auf den kon­kre­ten Fall, was allein den natio­na­len Gerich­ten obliegt – war die Vor­ab­ent­schei­dung durch den EuGH bestim­mend 7.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat zur Begrün­dung sei­ner Beant­wor­tung der Vor­la­ge­fra­ge zu 1. aus­ge­führt, dass die RL 2001/​29/​EG dazu die­ne, den Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men, die der Uni­on nach dem WIPO-Urhe­ber­rechts­ver­trag (WCT) 8 oblie­gen und Bestim­mun­gen des Uni­ons­rechts nach Mög­lich­keit im Lich­te des Völ­ker­rechts aus­zu­le­gen sei­en. Des­we­gen sei "Ver­brei­tung durch Ver­kauf" in Art. 4 Abs. 1 RL 2001/​29/​EG im Ein­klang mit Art. 6 Abs. 1 WCT aus­zu­le­gen und gleich­be­deu­tend mit der dort ver­wand­ten For­mu­lie­rung "durch Ver­kauf … der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wer­den" 9.

Um einen wirk­sa­men Schutz des Urhe­ber­rechts ent­spre­chend der Inten­ti­on der RL 2001/​29/​EG zu sichern, so der EuGH, müs­se der dar­in ver­wand­te Begriff der Ver­brei­tung eine auto­no­me Aus­le­gung im Uni­ons­recht erfah­ren, die nicht von dem Recht abhän­gen kön­ne, das auf die Geschäf­te anwend­bar sei, in deren Rah­men eine Ver­brei­tung erfol­ge und über das die Par­tei­en ver­fü­gen könn­ten 10. Zur wei­te­ren Begrün­dung inso­weit ver­weist er auf die Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts in die­ser Sache, der wei­ter­ge­hend aus­führt, dass es dem Urhe­ber mög­lich sein müs­se, die kom­mer­zi­el­le Nut­zung sei­ner Wer­ke von der Ver­viel­fäl­ti­gung über die Ver­triebs­we­ge tat­säch­lich und wirk­sam zu kon­trol­lie­ren 11.

Dem­entspre­chend hat der EuGH wei­ter aus­ge­führt, dass sich die Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit durch eine Rei­he von Hand­lun­gen aus­zeich­ne, die zumin­dest vom Abschluss eines Kauf­ver­trags bis zu des­sen Erfül­lung durch die Lie­fe­rung an ein Mit­glied der Öffent­lich­keit reich­ten. Bei einem grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf könn­ten Hand­lun­gen, die zu einer "Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit" i.S.v. Art. 4 Abs. 1 RL 2001/​29/​EG führ­ten, in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten statt­fin­den. Ein Händ­ler sei daher für jede von ihm selbst oder für sei­ne Rech­nung vor­ge­nom­me­ne Hand­lung ver­ant­wort­lich, die zu einer "Ver­brei­tung an die Öffent­lich­keit" in einem Mit­glied­staat füh­re, in dem die in Ver­kehr gebrach­ten Waren urhe­ber­recht­lich geschützt sei­en. Ihm kön­ne eben­falls jede der­ar­ti­ge von einem Drit­ten vor­ge­nom­me­ne Hand­lung zuge­rech­net wer­den, wenn der betref­fen­de Händ­ler spe­zi­ell die Öffent­lich­keit des Bestim­mungs­staats anspre­chen woll­te und ihm das Ver­hal­ten die­ses Drit­ten nicht unbe­kannt sein konn­te 12.

Ent­spre­chend die­sem Schutz­ni­veau des Gemein­schafts­rechts legt der Bun­des­ge­richts­hof den Begriff des Ver­brei­tens gemäß § 17 UrhG so aus, dass bei einem grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf ein Ver­brei­ten in Deutsch­land gemäß § 17 UrhG schon dann vor­liegt, wenn ein Händ­ler, der sei­ne Wer­bung auf in Deutsch­land ansäs­si­ge Kun­den aus­rich­tet und ein spe­zi­fi­sches Lie­fe­rungs­sys­tem und spe­zi­fi­sche Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten schafft, für sie zur Ver­fü­gung stellt oder dies einem Drit­ten erlaubt und die­se Kun­den so in die Lage ver­setzt, sich Ver­viel­fäl­ti­gun­gen von Wer­ken lie­fern zu las­sen, die in Deutsch­land urhe­ber­recht­lich geschützt sind.

Danach ist weder ein Eigen­tums­über­gang noch ein Wech­sel der Ver­fü­gungs­ge­walt in Deutsch­land zwin­gend erfor­der­lich. Bei Nut­zung eines geziel­ten und ein­ge­spiel­ten Ver­triebs­we­ges hier­her ist beim grenz­über­schrei­ten­den Ver­kauf hin­rei­chend, dass eine dem Händ­ler zuzu­rech­nen­de Ver­triebs­hand­lung in Deutsch­land statt­fin­det, um das Tat­be­stands­merk­mal des § 106 Abs. 1 UrhG zu erfül­len.

In die­sem Sin­ne sind die Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de von der Fir­ma D. , also dem Ver­ant­wort­li­chen La. in Deutsch­land ver­brei­tet wor­den. Zwar war die Fir­ma D. unmit­tel­bar nur in Ita­li­en, mit­hin nicht im Schutz­land tätig. Jedoch sind die­ser Fir­ma die in Deutsch­land erfolg­ten Lie­fe­run­gen durch die Fir­ma I. als ihre Ver­triebs­hand­lung zuzu­rech­nen. Denn die Urteils­fest­stel­lun­gen bele­gen eine geziel­te Aus­rich­tung der Ver­triebs­tä­tig­keit der Fir­ma D. auf in Deutsch­land ansäs­si­ge Kun­den und spe­zi­fisch für die­se geschaf­fe­ne Lie­fer- und Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten.

So wur­den die von der Fir­ma D. ohne Lizenz ver­trie­be­nen Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke in Deutsch­land durch Zeit­schrif­ten­an­zei­gen und bei­la­gen, durch direk­te Wer­be­an­schrei­ben, durch zu Wer­be­zwe­cken ver­sand­te, deutsch­spra­chi­ge Kata­lo­ge sowie mit­tels einer auch deutsch­spra­chi­gen Inter­net­sei­te bewor­ben und zum Kauf ange­bo­ten. Für die Abwick­lung stand deutsch­spra­chi­ges Per­so­nal zur Ver­fü­gung. Dies lässt den Schluss zu, dass die Fir­ma D. gezielt in Deutsch­land ansäs­si­ge Kun­den anspre­chen und unter ihnen die Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de ver­brei­ten woll­te. Zum ande­ren schuf sich die Fir­ma D. für den Trans­port zu deut­schen Kun­den durch die seit Jah­ren bestehen­de, enge Zusam­men­ar­beit mit der Spe­di­ti­on des Ange­klag­ten einen ein­ge­spiel­ten Ver­triebs­weg von Ita­li­en nach Deutsch­land.

Dar­über hin­aus hat das Land­ge­richt zu Recht auf die spe­zi­fi­schen Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten abge­stellt, wie die Her­aus­ga­be­ver­wei­ge­rung bei Nicht­zah­lung des Kun­den, die Rück­sen­dung der Ware an D. und die Erstat­tung von Kauf­preis und Fracht­lohn an I. durch D. . Dar­aus durf­te es fol­gern, die Fir­ma D. mache im Zusam­men­wir­ken mit der Fir­ma I. trotz der bereits erfolg­ten Über­eig­nung die Über­ga­be der Ware von der Bezah­lung des Kauf­prei­ses durch den Kun­den abhän­gig. Dass das Land­ge­richt die­se Fest­stel­lung zur Grund­la­ge genom­men hat, um zu bele­gen, dass die Ware die betrieb­li­che Sphä­re des Ver­käu­fers erst mit Aus­lie­fe­rung an die in Deutsch­land ansäs­si­gen Kun­den ver­ließ, also erst dort der Kun­de die Ver­fü­gungs­ge­walt erlang­te, beruht auf der Anwen­dung eines sei­ner recht­li­chen Wür­di­gung zugrun­de geleg­ten enge­ren Ver­brei­tungs­be­griffs. Die Annah­me die­ser enge­ren Vor­aus­set­zun­gen durch das Land­ge­richt – Zurech­nung der Hand­lun­gen des Ange­klag­ten zur betrieb­li­chen Sphä­re der Fir­ma D. – belegt zwang­los auch die nach der Ent­schei­dung des EuGH nur mehr erfor­der­li­che Ver­ant­wort­lich­keit des Händ­lers für die ihm auf­grund ein­ge­spiel­ter Ver­triebs­we­ge bekann­te Mit­wir­kung Drit­ter an deren Umset­zung.

Die Annah­me, der Ange­klag­te, dem die geziel­te Tätig­keit der Fir­ma I. zur Ver­brei­tung urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Waren in Deutsch­land eben­so bekannt war, wie sei­ne bei der Ver­brei­tung nicht nur unter­ge­ord­ne­te Rol­le, sei ledig­lich Teil­neh­mer und nicht sogar Mit­tä­ter, beschwert den Ange­klag­ten nicht.

Auch die Annah­me gewerbs­mä­ßi­gen Han­delns im Sin­ne des § 108a UrhG begeg­net kei­nen Beden­ken.

Der auf einer Aus­le­gung der §§ 106, 108a UrhG, § 27 StGB im auf­ge­zeig­ten Sinn gestütz­ten Straf­bar­keit steht nicht die uni­ons­recht­lich garan­tier­te Waren­ver­kehrs­frei­heit ent­ge­gen.

Zwar kann jede Rege­lung, die geeig­net ist, den inner­ge­mein­schaft­li­chen Han­del unmit­tel­bar oder mit­tel­bar, tat­säch­lich oder poten­ti­ell zu behin­dern, eine "Maß­nah­me glei­cher Wir­kung" i.S.v. Art. 34 AEUV dar­stel­len und daher unzu­läs­sig sein 13. Sol­che Maß­nah­men kön­nen indes aus Grün­den des Schut­zes des gewerb­li­chen und kom­mer­zi­el­len Eigen­tums, wozu im Kern­be­reich auch das Urhe­ber­recht zählt 14, gerecht­fer­tigt sein, wenn sie weder ein Mit­tel zur will­kür­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung noch eine ver­schlei­er­te Beschrän­kung des Han­dels zwi­schen den Mit­glied­staa­ten dar­stel­len 15.

Beschrän­kun­gen, die auf dem Unter­schied in den natio­na­len Rege­lun­gen über die Schutz­fris­ten beru­hen, sind gerecht­fer­tigt, wenn die­se untrenn­bar mit dem Bestehen der aus­schließ­li­chen Rech­te ver­knüpft sind 16. Das muss dann erst recht gel­ten, wenn an sich bestehen­de Schutz­rech­te nur unter­schied­lich durch­setz­bar sind, denn die Beschrän­kung, die für einen Händ­ler auf­grund des straf­recht­lich sank­tio­nier­ten Ver­brei­tungs­ver­bots besteht, beruht in der­ar­ti­gen Fäl­len eben­falls nicht auf einer Hand­lung oder auf der Zustim­mung des Rechts­in­ha­bers, son­dern dar­auf, dass die Bedin­gun­gen des Schut­zes der betref­fen­den Urhe­ber­rech­te von Mit­glied­staat zu Mit­glied­staat unter­schied­lich sind, wie der EuGH in der Vor­ab­ent­schei­dung in die­ser Sache klar­ge­stellt hat 17.

Dies muss auch nicht zu einer unzu­läs­si­gen, weil unver­hält­nis­mä­ßi­gen und künst­li­chen Abschot­tung der Märk­te füh­ren 18. Denn von den Mit­glied­staa­ten kann zum Schutz des Urhe­ber­rechts auch eine Straf­bar­keit als erfor­der­lich ange­se­hen wer­den; die sich dar­aus erge­ben­de Beschrän­kung des frei­en Waren­ver­kehrs ist gerecht­fer­tigt und ver­folgt einen legi­ti­men Zweck, wenn sich der Beschul­dig­te absicht­lich oder zumin­dest wis­sent­lich an Hand­lun­gen betei­ligt hat, die zur Ver­brei­tung geschütz­ter Wer­ke an die Öffent­lich­keit in einem Mit­glied­staat füh­ren, in dem das Urhe­ber­recht in vol­lem Umfang geschützt ist, und so das aus­schließ­li­che Recht des Inha­bers die­ses Rechts beein­träch­ti­gen 19.

So ver­hält es sich im vor­lie­gen­den Fall. Das dem Urhe­ber­rechts­in­ha­ber nach § 17 UrhG zuste­hen­de aus­schließ­li­che Ver­brei­tungs­recht gilt unter­schieds­los für inlän­di­sche und ein­ge­führ­te Erzeug­nis­se. Für die geschütz­ten Wer­ke bestand in Ita­li­en im Tat­zeit­raum ent­we­der nur eine ver­kürz­te Schutz­frist oder der an sich bestehen­de urhe­ber­recht­li­che Schutz war nicht durch­setz­bar. Zudem wur­den die Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke der geschütz­ten Wer­ke unter Betei­li­gung des Ange­klag­ten im Rah­men eines Ver­kaufs­ge­schäfts in Deutsch­land ver­brei­tet, wel­ches spe­zi­ell auf Kun­den in Deutsch­land aus­ge­rich­tet war und von Ita­li­en aus abge­schlos­sen wur­de. Die Beschrän­kung des ita­lie­ni­schen Anbie­ters durch ein sank­tio­nier­tes Ver­brei­tungs­ver­bot in Deutsch­land beruht somit aus­schließ­lich auf den unter­schied­li­chen Schutz­vor­aus­set­zun­gen des deut­schen und des ita­lie­ni­schen Urhe­ber­rechts und ist mit­hin gerecht­fer­tigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Okto­ber 2012 – 1 StR 213/​10

  1. EuGH, Urteil vom 21.06.2012 – C‑5/​11, EuZW 2012, 663[]
  2. zum Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zip vgl. BGH, Urteil vom 03.03.2004 – 2 StR 109/​03, BGHSt 49, 93 mwN; BGH, Urteil vom 16.06.1994 – I ZR 24/​92, BGHZ 126, 252 Rn. 17ff.; Drei­er in Dreier/​Schulze, UrhG, 3. Aufl. vor §§ 120 ff. Rn. 32[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 27.02.1961 – I ZR 127/​59, GRUR 1961, 635 – Stahl­rohr­stuhl I; BGH, Urteil vom 27.05.1981 – I ZR 102/​79, GRUR 1981, 820 – Stahl­rohr­stuhl II; BGH, Urteil vom 10.12.1986 – I ZR 15/​85, GRUR 1987, 903 – LeCor­bu­sier­Mö­bel; OLG Düs­sel­dorf GRUR 1993, 903 – Bau­haus­leuch­te[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 03.03.2004 – 2 StR 109/​03, BGHSt 49, 93 mwN; Drei­er in Dreier/​Schulze, UrhG, 3. Aufl. vor §§ 120 ff. Rn. 28, 30 mwN; Kat­zen­ber­ger in Schricker/​Loewenheim, UrhG, 4. Aufl., Vor §§ 120 ff. Rn. 129 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 03.03.2004 – 2 StR 109/​03, BGHSt 49, 93; Hil­de­brandt in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 3. Aufl. § 106 Rn. 17[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 22.01.2009 – I ZR 247/​03, NJW 2009, 2960; BGH, Urteil vom 15.02.2007 – I ZR 114/​04, BGHZ 171, 151 Rn. 32 f. Wagen­feld-Leuch­te; Oppermann/​Classen/​Nettesheim, Euro­pa­recht, 5. Aufl., 3. Teil Rn. 99[]
  7. zur Urteils­wir­kung Kot­zur in Geiger/​Khan/​Kotzur, AEUV EUV, 5. Aufl., § 267 Rn. 37[]
  8. UNTS Bd. 2186, S. 121; ABl Nr. L 89 [2000], S. 6; BGBl 2003 II S. 754; vgl. hier­zu BVerfG, Beschluss vom 19.07.2011 – 1 BvR 1916/​09[]
  9. EuGH aaO Rn. 23 f. mwN[]
  10. EuGH aaO Rn. 25[]
  11. EuGH, Nrn. 50 bis 53 der Schluss­an­trä­ge, zur Ver­ein­bar­keit mit Art. 8 Abs. 3 der RomIIVer­ord­nung vgl. dort Nr. 51[]
  12. EuGH, aaO Rn. 26 f.[]
  13. vgl. EuGH, Urteil vom 11.12.2003 – C 322/​01, Deut­scher Apothekerverband/​DocMorris, GRUR 2004, 174 Rn. 66; EuGH, Urteil vom 11.07.1974 – C 8/​74, Das­son­vil­le, NJW 1975, 515 Rn. 5[]
  14. EuGH, Urteil vom 24.01.1989 – Rs 341/​87, EMI Electrola/​Patricia Im- und Export, GRUR Int.1989, 319, Rn. 12; EuGH, Urteil vom 22.01.1981 – Rs 55/​80, Musik­Ver­trieb Membran/​GEMA, EuGHE 1981, 147, 162; Ulrich/​Konrad in Dau­ses, Hdb. EUWirt­schaftsR C.III Rn. 8 mwN[]
  15. Art. 36 AEUV ab 1.12.2009, vor­mals Art. 30 EGV[]
  16. vgl. etwa EuGH aaO, Urteil vom 24.01.1989 – Rs 341/​87, EMI Electrola/​Patricia Im- und Export, GRUR Int.1989, 319, Rn. 12[]
  17. EuGH, Urteil vom 21.06.2012, Rechts­sa­che C 5/​11, Rn. 34, EuZW 2012, 663[]
  18. vgl. EuGH, Urteil vom 24.01.1989 – Rs 341/​87, EMI Electrola/​Patricia Im und Export, GRUR Int.1989, 319, Rn. 7 f.[]
  19. EuGH aaO Rn. 36[]

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