In dubio pro reo – und die umfas­sen­de Beweis­wür­di­gung

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tatrich­ters (§ 261 StPO). Spricht das Gericht einen Ange­klag­ten frei, weil es Zwei­fel an sei­ner Täter­schaft nicht zu über­win­den ver­mag, so ist dies durch das Revi­si­ons­ge­richt in der Regel hin­zu­neh­men. Ins­be­son­de­re ist es ihm ver­wehrt, die Beweis­wür­di­gung des Tatrich­ters durch sei­ne eige­ne zu erset­zen. Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung beschränkt sich somit dar­auf, ob dem Tatrich­ter bei der Beweis­wür­di­gung Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind.

In dubio pro reo – und die umfas­sen­de Beweis­wür­di­gung

Das ist dann der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist, gegen Geset­ze der Logik oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 1. In der Beweis­wür­di­gung selbst muss sich der Tatrich­ter mit den fest­ge­stell­ten Indi­zi­en aus­ein­an­der­set­zen, die geeig­net sind, das Beweis­ergeb­nis zu Guns­ten oder zu Unguns­ten des Ange­klag­ten zu beein­flus­sen 2. Dabei dür­fen die Indi­zi­en nicht nur iso­liert betrach­tet wer­den, sie müs­sen viel­mehr in eine umfas­sen­de Gesamt­wür­di­gung aller bedeut­sa­men Umstän­de ein­ge­bracht wer­den 3. Der Tatrich­ter darf inso­weit kei­ne über­spann­ten Anfor­de­run­gen an die für die Beur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit stel­len 4.

Aus den Grün­den der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung dür­fen sich kei­ne Hin­wei­se für die Besorg­nis erge­ben, das Land­ge­richt habe über­spann­te Anfor­de­run­gen an die für eine Ver­ur­tei­lung erfor­der­li­che Gewiss­heit gestellt 5. Das Revi­si­ons­ge­richt hat aber die tatrich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung sogar dann hin­zu­neh­men, wenn eine abwei­chen­de Wür­di­gung der Bewei­se näher­lie­gend gewe­sen wäre 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Juli 2016 – 1 StR 607/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.11.1998 – 2 StR 636/​97, BGHR StPO § 261 Beweis­wür­di­gung 16 mwN; und vom 17.07.2014 – 4 StR 129/​14[]
  2. BGH, Urtei­le vom 14.08.1996 – 3 StR 183/​96, BGHR StPO § 261 Beweis­wür­di­gung 11; und vom 16.01.2013 – 2 StR 106/​12, Stra­FO 2013, 209[]
  3. BGH, Urtei­le vom 23.07.2008 – 2 StR 150/​08, NJW 2008, 2792, 2793 f.; und vom 13.12 2012 – 4 StR 33/​12, wis­tra 2013, 195, 196 mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 14.01.2015 – 1 StR 351/​14, NStZ-RR 2015, 146; vom 26.06.2003 – 1 StR 269/​02, NStZ 2004, 35, 36; vom 10.08.2011 – 1 StR 114/​11, NStZ 2012, 110 f.; vom 18.01.2011 – 1 StR 600/​10, NStZ 2011, 302, 303; und vom 02.10.2013 – 1 StR 75/​13, NStZ-RR 2014, 43[]
  5. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 14.01.2015 – 1 StR 351/​14, NStZ-RR 2015, 146[]
  6. BGH, Urtei­le vom 05.11.2015 – 4 StR 183/​15, NStZ-RR 2016, 54; und vom 11.11.2015 – 1 StR 235/​15, NStZ-RR 2016, 47, 48[]