Kin­der­pro­sti­tu­ti­on

Sexu­el­le Hand­lun­gen wer­den im Sin­ne von § 182 Abs. 2 StGB gegen Ent­gelt (§ 11 Abs. 1 Nr. 9 StGB) vor­ge­nom­men, wenn Täter und Opfer spä­tes­tens wäh­rend des sexu­el­len Kon­takts dar­über einig sind, dass der Min­der­jäh­ri­ge durch die Ent­gelt­ver­ein­ba­rung zu sei­nem Sexu­al­ver­hal­ten wenigs­tens mit­mo­ti­viert wird. Über die­se Ver­knüp­fung hin­aus ist nicht erfor­der­lich, dass er im Tat­zeit­punkt den sexu­el­len Cha­rak­ter der von oder an ihm vor­ge­nom­me­nen Hand­lun­gen erfasst.

Kin­der­pro­sti­tu­ti­on

Wesent­lich dafür ist das Bestehen eines Gegen­sei­tig­keits­ver­hält­nis­ses zwi­schen der sexu­el­len Hand­lung und der in einem Ver­mö­gens­vor­teil bestehen­den Gegen­leis­tung. Aus­rei­chend ist, dass sich Täter und Opfer vor oder spä­tes­tens wäh­rend des sexu­el­len Kon­takts hier­über einig sind und der Min­der­jäh­ri­ge durch die Ent­gelt­ver­ein­ba­rung zu sei­nem Sexu­al­ver­hal­ten wenigs­tens mit­mo­ti­viert wird 1. Über die­se kon­kre­te Ver­knüp­fung zwi­schen sexu­el­ler Hand­lung und Ent­gelt hin­aus ist nicht erfor­der­lich, dass der Min­der­jäh­ri­ge im Tat­zeit­punkt den sexu­el­len Cha­rak­ter der von oder an ihm vor­ge­nom­me­nen Hand­lun­gen erfasst 2. Der Wort­laut der Norm ver­langt eine der­ar­ti­ge Ein­schrän­kung, die dem Erfor­der­nis eines sub­jek­ti­ven Tat­be­stan­des auf Opfer­sei­te gleich­kommt, nicht. Auch Schutz­zweck­über­le­gun­gen spre­chen dage­gen: Ratio legis der Ein­füh­rung des heu­ti­gen § 182 Abs. 2 StGB war, dass der Gesetz­ge­ber den Gefah­ren vor­beu­gen woll­te, die das Erle­ben von Sexua­li­tät als "käuf­li­che Ware" für die sexu­el­le Ent­wick­lung des Min­der­jäh­ri­gen birgt; dar­über hin­aus soll­te dem Abglei­ten in eine häu­fig mit Begleit­kri­mi­na­li­tät ver­bun­de­ne "Sze­ne", näm­lich der Pro­sti­tu­ti­on 3, begeg­net und die Vor­schrift des § 180 Abs. 2 StGB ergänzt wer­den 4. Die­se Gefah­ren­la­gen bestehen unab­hän­gig davon, ob das Opfer die sexu­el­le Natur der vor­ge­nom­me­nen Hand­lung im Ein­zel­fall erkennt 5; denn es lässt sich nicht vor­her­se­hen, ob sowie gege­be­nen­falls wann der Erkennt­nis­pro­zess bei dem Min­der­jäh­ri­gen statt­fin­det, wie er sei­ne Erfah­rung ver­ar­bei­tet und sich zunächst nicht genau ein­ge­ord­ne­te Vor­fäl­le zu einem spä­te­ren Zeit­punkt auf sei­ne sexu­el­le oder sozia­le Ent­wick­lung aus­wir­ken 6. Des­halb kommt es auch nicht dar­auf an, aus wel­chem Grun­de er den wah­ren Gehalt der sexu­el­len Hand­lung ver­kennt. Unge­ach­tet des­sen wird die im Ange­bot einer Gegen­leis­tung lie­gen­de Mani­pu­la­ti­on des Selbst­be­stim­mungs­rechts 7 auch nicht dadurch rela­ti­viert, dass der Täter noch wei­ter­ge­hend – etwa wie hier durch erfolg­rei­che Täu­schung über sei­ne wah­ren Absich­ten 8 – auf das Vor­stel­lungs­bild des Opfers ein­wirkt. Eine sol­che Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs wür­de zum einen den lis­tig agie­ren­den Täter pri­vi­le­gie­ren; zum ande­ren wäre sie geeig­net, den Anwen­dungs­be­reich der Norm hin­sicht­lich – ins­be­son­de­re auf­grund ihres Alters – leicht­gläu­bi­ger und damit gera­de beson­ders schutz­wür­di­ger Opfer in zweck­wid­ri­ger Wei­se ein­zu­schrän­ken.

Das nach vor­ste­hen­den Maß­stä­ben erfor­der­li­che Gegen­sei­tig­keits- ver­hält­nis zwi­schen den (getarn­ten) sexu­el­len Hand­lun­gen des Ange­klag­ten und dem Ver­hal­ten der zumin­dest auch von finan­zi­el­len Moti­ven gelei­te­ten Jugend­li­chen lag vor; denn die Höhe der von dem Ange­klag­ten in Aus­sicht gestell­ten Zah­lun­gen hing unmit­tel­bar von der Bereit­schaft der Geschä­dig­ten ab, die gegen­ständ­li­chen sexu­ell moti­vier­ten "Unter­su­chungs­hand­lun­gen" an sich zu dul­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. März 2016 – 3 StR 437/​15

  1. BGH, Beschluss vom 01.07.2004 – 4 StR 5/​04, NStZ 2004, 683; Urteil vom 12.10.2005 – 5 StR 315/​05, NStZ 2006, 444; LK/​Hörnle, StGB, 12. Aufl., § 182 Rn. 32, 36; SSW-StG­B/Wol­ters, 2. Aufl., § 182 Rn. 14[]
  2. so – aller­dings anknüp­fend an das Merk­mal der Erheb­lich­keit im Sin­ne von § 184g Nr. 1 StGB aF bzw. § 184f Nr. 1 StGB – LK/​Laufhütte/​Roggenbuck, StGB, 12. Aufl., § 184g Rn. 23; ähn­lich S/​S‑Lenckner/​Perron/​Eisele, StGB, 27. Aufl., § 184f Rn. 18[]
  3. vgl. BT-Drs. 16/​3439, S. 8[]
  4. BT-Drs. 12/​4584, S. 8[]
  5. so auch LK/​Laufhütte/​Roggenbuck [aaO] zur Vor­schrift des § 180 Abs. 2 StGB, die eben­falls dem Abglei­ten des Min­der­jäh­ri­gen in die Pro­sti­tu­ti­on begeg­nen will[]
  6. vgl. auch Münch­Komm-StG­B/­Hörn­le, 2. Aufl., § 184g Rn. 28[]
  7. vgl. BT-Drs. 12/​4584, S. 8[]
  8. vgl. inso­weit auch BGH, Urteil vom 14.03.2012 – 2 StR 561/​11, NStZ-RR 2013, 10[]