Nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung und die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung

Das für eine nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung nach §§ 55 StGB, 460 StPO zustän­di­ge Gericht hat nicht nur bezüg­lich aller neu gebil­de­ten Gesamt­stra­fen, son­dern auch im Hin­blick auf eine durch die Neu­ord­nung der Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on nun iso­liert ste­hen­de Ein­zel­stra­fe im Rah­men einer Pro­gno­se­ent­schei­dung über eine etwai­ge Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung neu zu befin­den. Eine ursprüng­lich gewähr­te Straf­aus­set­zung lebt inso­weit nicht wie­der auf.

Nach­träg­li­che Gesamt­stra­fen­bil­dung und die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung

Der Gesetz­ge­ber hat mit den §§ 55 StGB, 460 StPO neben dem Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren eine Mög­lich­keit der Durch­bre­chung mate­ri­el­ler Rechts­kraft zur Neu­ord­nung der Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on geschaf­fen. Hier­durch sind die Gerich­te ermäch­tigt und ggf. ver­pflich­tet in rechts­kräf­ti­ge frü­he­re Gesamt­stra­fen ein­zu­grei­fen. Bin­dungs­wir­kung kommt inso­weit nur den rechts­kräf­ti­gen Ein­zel­stra­fen zu [1]. Erfolgt auf die­ser Grund­la­ge die Neu­bil­dung einer Gesamt­stra­fe unter Ein­be­zie­hung rechts­kräf­ti­ger Ein­zel­stra­fen und wer­den dabei frü­he­re Gesamt­stra­fen zum Zwe­cke neu­er Gesamt­stra­fen­bil­dung auf­ge­löst, so ver­lie­ren sie ihre Wir­kung und wer­den gegen­stands­los [2]. Glei­ches gilt auch im Hin­blick auf ursprüng­lich getrof­fe­ne Ent­schei­dun­gen über Straf­aus­set­zun­gen [3]. Daher hat das nach § 55 StGB bzw. § 460 StPO zustän­di­ge Gericht im Rah­men der Bewer­tung der Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on die Fra­ge etwai­ger Straf­aus­set­zun­gen zur Bewäh­rung neu zu ent­schei­den und dabei als maß­geb­li­chen Beur­tei­lungs­zeit­punkt den aktu­el­len Ent­schei­dungs­zeit­punkt zugrun­de zu legen [4]. Dass in die­sem Zusam­men­hang ursprüng­lich getrof­fe­ne Pro­gno­se­ent­schei­dun­gen nicht nur revi­diert wer­den kön­nen, son­dern sogar von Geset­zes wegen ggf. zu ändern sind, ergibt sich bereits aus der Rege­lung in § 58 StGB, wonach für die Aus­set­zungs­fä­hig­keit allein die neu gebil­de­te Stra­fe maß­geb­lich ist [5]. Auch die Bewäh­rungs­zeit ori­en­tiert sich allein an der neu­en Ent­schei­dung, wes­halb es der Ände­rung von § 56f Abs. 1 Satz 2 StGB durch Gesetz vom 22.12.2006 hin­sicht­lich der Pro­ble­ma­tik von Straf­ta­ten wäh­rend des Lau­fes der ursprüng­li­chen Bewäh­rungs­zeit bedurf­te [6].

Führt die vor­zu­neh­men­de Neu­struk­tu­rie­rung der Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on dazu, dass eine frü­he­re Gesamt­stra­fe auf­ge­löst wer­den muss, wer­den aber nicht alle Ein­zel­stra­fen in die neue Gesamt­stra­fe ein­be­zo­gen, so ist hin­sicht­lich einer iso­lier­ten Ein­zel­stra­fe deren geson­der­tes Bestehen­blei­ben fest­zu­stel­len [7] bzw. hin­sicht­lich meh­re­rer Ein­zel­stra­fen eine wei­te­re Gesamt­stra­fe zu bil­den. Zu einem Wie­der­auf­le­ben von ursprüng­lich gebil­de­ten Gesamt­stra­fen, die zuvor bereits auf­ge­löst wor­den waren, kann es hier­durch nicht kom­men [8].

Aus alle­dem folgt, dass das gemäß § 55 StGB bzw. § 460 StPO zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Gericht bei einer Neu­be­wer­tung der Gesamt­stra­fen­si­tua­ti­on sämt­li­che Gesamt­stra­fen in eige­ner Zustän­dig­keit zu bil­den und dane­ben ggf. das geson­der­te Bestehen­blei­ben von Ein­zel­stra­fen fest­zu­stel­len hat. Dabei hat es auch hin­sicht­lich aller Stra­fen über deren mög­li­che Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung auf der Grund­la­ge einer neu­en Pro­gno­se­ent­schei­dung zu befin­den.

Da die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung in jeder gericht­li­chen Ent­schei­dung kon­sti­tu­ti­ven Cha­rak­ter besitzt, ist sie aus­drück­lich aus­zu­spre­chen. Geschieht dies nicht, ist – wie hier – von einer zu voll­stre­cken­den Frei­heits­stra­fe aus­zu­ge­hen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 23. August 2012 – 4b Ws 26/​12

  1. BGHSt 35, 243; BGHR StGB § 55 Abs. 1 Satz 1 Stra­fen, ein­be­zo­ge­ne 7[]
  2. Graal­mann-Schee­rer in Löwe/​Rosenberg StPO, 26. Auf­la­ge, § 460 Rn 38; BGHR a.a.O.[]
  3. BGH Stra­Fo 2004, 430; Stree/​Kinzig in Schönke/​Schröder StGB, 28. Auf­la­ge, § 58 Rn 8; Fischer StGB, 59. Auf­la­ge, § 58 Rn 3[]
  4. BGH NJW 2003, 2841; Hub­rach in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Auf­la­ge, § 58 Rn 5[]
  5. Appl in Karls­ru­her Kom­men­tar, StPO, 6. Auf­la­ge, § 460 Rn 25 ff[]
  6. zur frü­he­ren Rechts­la­ge OLG Düs­sel­dorf StV 2000, 565[]
  7. BGH, Beschluss vom 22.02.2000 – 5 StR 1/​00[]
  8. BGHR a.a.O.[]