Not­wehr – und ihre sozi­al­ethi­sche Ein­schrän­kung auf­grund eines sozia­len Nähe­ver­hält­nis­ses

Nicht rechts­wid­rig han­delt nur der­je­ni­ge, der eine Tat begeht, die durch Not­wehr gebo­ten ist (§ 32 Abs. 1 StGB). Dabei erfor­dert das Merk­mal der Gebo­ten­heit im Ein­zel­fall sozi­al­ethisch begrün­de­te Ein­schrän­kun­gen an sich erfor­der­li­cher Ver­tei­di­gungs­hand­lun­gen 1.

Not­wehr – und ihre sozi­al­ethi­sche Ein­schrän­kung auf­grund eines sozia­len Nähe­ver­hält­nis­ses

Die Ver­tei­di­gung ist dann nicht gebo­ten, wenn von dem Ange­grif­fe­nen aus Rechts­grün­den die Hin­nah­me der Rechts­guts­ver­let­zung oder eine ein­ge­schränk­te und risi­ko­rei­che­re Ver­tei­di­gung zu ver­lan­gen ist 2.

Zu einer sol­chen Ein­schrän­kung des Not­wehr­rechts kann das zwi­schen dem sich Ver­tei­di­gen­den und dem Angrei­fer (hier: sei­nem Bru­der) bestehen­de per­sön­li­che Nähe­ver­hält­nis füh­ren.

Bei einer sol­chen engen fami­liä­ren und per­sön­li­chen Bezie­hung, wie sie hier zwi­schen den bei­den Brü­dern bestand, dür­fen lebens­ge­fähr­li­che Ver­tei­di­gungs­mit­tel nicht ohne Wei­te­res ange­wen­det wer­den, wenn der Angrei­fer unbe­waff­net ist 3 und statt einer Trutz­wehr auch eine Schutz­wehr mög­lich ist 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Juni 2016 – 1 StR 597/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 21.03.1996 – 5 StR 432/​95, BGHSt 42, 97[]
  2. vgl. Fischer, StGB, 63. Aufl., § 32 Rn. 36[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.03.2014 – 1 StR 630/​13, NStZ 2014, 451, 452 mwN[]
  4. vgl. Erb in Müko-StGB, 2. Aufl., § 32 Rn. 219; vgl. auch BGH, Urteil vom 26.02.1969 – 3 StR 322/​68, NJW 1969, 802[]
  5. BFH, Urteil vom 28.08.2014 – V R 7/​14, BFHE 246, 569, BSt­Bl II 2015, 682[]
  6. vgl. Fischer, aaO § 32 Rn. 37[]