Rück­ge­win­nungs­hil­fe, ding­li­cher Arrest – und die Anwalts­ver­gü­tung

Nr. 4142 VV RVG gilt für eine Tätig­keit des Rechts­an­walts, die sich auf einen ding­li­chen Arrest zur Siche­rung des Ver­falls von Wert­er­satz bezieht, auch dann, wenn der ding­li­che Arrest der Rück­ge­win­nungs­hil­fe (§ 111b Abs. 5 StPO) dient.

Rück­ge­win­nungs­hil­fe, ding­li­cher Arrest – und die Anwalts­ver­gü­tung

Die Tätig­keit des Rechts­an­walts, die auf Abwen­dung der von der Staats­an­walt­schaft begehr­ten Anord­nung ding­li­cher Arres­te in das Ver­mö­gen des jewei­li­gen Man­dan­ten gerich­tet war, unter­fällt nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart der als Wert­ge­bühr aus­ge­stal­te­ten Nr. 4142 VV RVG.

Nach über­wie­gen­der Ansicht unter­fal­len Tätig­kei­ten zur Abwen­dung eines ding­li­chen Arrests, der zur Siche­rung der Rück­ge­win­nungs­hil­fe ange­ord­net wor­den ist, nicht der Nr. 4142 VV RVG1. Denn ein sol­cher Arrest die­ne ledig­lich der vor­läu­fi­gen Siche­rung zivil­recht­li­cher Ansprü­che und daher fal­le nicht unter die in Nr. 4142 VV RVG auf­ge­führ­ten Tätig­kei­ten2. Ent­schei­dend für die Anwen­dung von Nr. 4142 VV RVG sei, ob es sich um eine Maß­nah­me han­delt, die dar­auf gerich­tet ist, dem Betrof­fe­nen den Gegen­stand end­gül­tig zu ent­zie­hen und dadurch einen end­gül­ti­gen Ver­mö­gens­ver­lust bewir­ken soll3. Nur eine auf die­se Maß­nah­men bezo­ge­ne Tätig­keit des Ver­tei­di­gers ver­die­ne eine geson­der­te Hono­rie­rung4. Straf­ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen, wel­che der Rück­ge­win­nungs­hil­fe dien­ten, führ­ten hin­ge­gen bei dem Betrof­fe­nen noch nicht zu einem Ver­mö­gens­ver­lust. Dar­über sei viel­mehr außer­halb des Straf­ver­fah­rens nach Maß­ga­be des zwi­schen den Betei­lig­ten bestehen­den Rechts­ver­hält­nis­ses und des dafür vor­ge­se­he­nen Ver­fah­rens­rechts zu befin­den5. Teil­wei­se6 wird dif­fe­ren­ziert zwi­schen einer­seits dem Ver­fall, der „Straf­cha­rak­ter” habe, und dem Arrest zur Siche­rung eines sol­chen Ver­falls – Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit die­sen bei­den sei­en von Nr. 4142 VV erfasst7 – und ande­rer­seits der Anord­nung des Arrests bzw. der Beschlag­nah­me zum Zweck der Rück­ge­win­nungs­hil­fe (§ 111b Abs. 5 StPO), bei denen Nr. 4142 VV jeweils nicht anwend­bar sei8.

Nach ande­rer Ansicht9 kön­nen Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der Abwehr eines ding­li­chen Arrests, auch soweit die­ser zur Siche­rung der Rück­ge­win­nungs­hil­fe ange­ord­net wor­den ist, nach Nr. 4142 VV RVG ver­gü­tet wer­den. Die zitier­ten Ent­schei­dun­gen begrün­den die­se Ansicht aller­dings nicht näher.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart schließt sich der letzt­ge­nann­ten Ansicht an. Im Ein­zel­nen:

Die zusätz­li­che Gebühr Nr. 4142 VV RVG (Ver­fah­rens­ge­bühr bei Ein­zie­hung und ver­wand­ten Maß­nah­men) ent­steht nach Abs. 1 der Gebüh­ren­zif­fer im Rah­men einer Tätig­keit für den Beschul­dig­ten, die sich u.a. auf die Ein­zie­hung oder die­ser gleich­ste­hen­de Rechts­fol­gen (§ 442 StPO) bezieht. Aus dem in Nr. 4142 VV RVG ent­hal­te­nen Ver­weis (auch) auf § 442 Abs. 2 StPO sowie aus der Vor­be­mer­kung 4 Abs. 1 VV RVG ergibt sich, dass Nr. 4142 VV RVG auch die Tätig­keit des Rechts­an­walts für einen vom Beschul­dig­ten ver­schie­de­nen Drit­ten erfasst, wenn sich die­se Tätig­keit auf einen gegen den Drit­ten anzu­ord­nen­den Ver­fall von Wert­er­satz (§§ 73 Abs. 3, 73a StGB) bezieht.

VV RVG erfasst Tätig­kei­ten des Rechts­an­walts im Zusam­men­hang mit der Siche­rung der künf­ti­gen Ein­zie­hung oder des künf­ti­gen Ver­falls. Hin­sicht­lich der die­sen Zwe­cken die­nen­den Beschlag­nah­me (§§ 111b Abs. 1, 111c, 111f Abs. 1 und 2 StPO) ergibt sich dies aus der For­mu­lie­rung „oder auf eine die­sen Zwe­cken die­nen­de Beschlag­nah­me„10. Im Ergeb­nis kann nichts ande­res gel­ten, soweit die Tätig­keit des Anwalts gegen eine vor­läu­fi­ge Maß­nah­me der Siche­rung des Ver­falls von Wert­er­satz (§§ 73, 73a StGB) gerich­tet ist. Zwar wird der Ver­fall von Wert­er­satz nicht durch Beschlag­nah­me nach § 111c StPO gesi­chert, son­dern – weil es sich um einen Zah­lungs­an­spruch han­delt – durch Anord­nung des ding­li­chen Arrests (§ 111b Abs. 2, 111d Abs. 1 StPO) und dar­auf gestütz­te Voll­zie­hungs­maß­nah­men, ins­be­son­de­re Pfän­dun­gen (§ 111d Abs. 2 StPO i.V. mit §§ 928, 930 bis 932 ZPO; § 111f Abs. 3 StPO). Aller­dings bestehen kei­ne Anhalts­punk­te, dass der Gesetz­ge­ber den ding­li­chen Arrest in Nr. 4142 VV RVG bewusst aus­ge­nom­men hat. Durch den Ver­weis auf § 442 StPO – und damit auch auf des­sen Absatz 2 – hat der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich den Fall auf­ge­nom­men, dass sich die Tätig­keit des Rechts­an­walts auf den Ver­fall von Wert­er­satz gegen Drit­te (§§ 73 Abs. 3, 73a StGB) bezieht; hier­in unter­schei­det sich Nr. 4142 VV RVG von dem bis 30.06.2004 gel­ten­den § 88 BRAGO11. Der Anspruch auf Ver­fall von Wert­er­satz kann nur über einen ding­li­chen Arrest gesi­chert wer­den. War­um Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der (end­gül­ti­gen) Anord­nung des Ver­falls (§ 73 StGB), des­sen (vor­läu­fi­ger) Siche­rung durch Beschlag­nah­me (§§ 111b Abs. 1, 111c StPO) und der (end­gül­ti­gen) Anord­nung des Ver­falls von Wert­er­satz (§ 73a StGB) sämt­lich unter Nr. 4142 VV RVG fal­len sol­len, nicht aber Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der (vor­läu­fi­gen) Siche­rung des Ver­falls von Wert­er­satz, erschließt sich nicht. Einer Ein­be­zie­hung die­ser Tätig­kei­ten steht der Wort­laut von Nr. 4142 VV RVG nicht aus­drück­lich ent­ge­gen, weil über den Ver­weis auf § 442 Abs. 2 StPO Tätig­kei­ten des Rechts­an­walts, die gegen die end­gül­ti­ge Anord­nung des Ver­falls von Wert­er­satz (§§ 73 Abs. 3, 73a StGB) gerich­tet sind, ein­deu­tig erfasst wer­den, und dem Pas­sus „oder auf eine die­sen Zwe­cken die­nen­de Beschlag­nah­me” die gesetz­ge­be­ri­sche Vor­stel­lung zugrun­de liegt, dass auch anwalt­li­che Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit vor­läu­fi­gen Maß­nah­men zur Siche­rung der Ein­zie­hung oder die­ser gleich­ste­hen­den Rechts­fol­gen (§ 442 Abs. 1 und 2 StPO) erfasst sein sol­len. Dass hier­un­ter auch Tätig­kei­ten im Zusam­men­hang mit der Anord­nung eines ding­li­chen Arrests fal­len, kommt auch in der Begrün­dung des Ent­wurfs zum RVG12 zum Aus­druck; die dort erwähn­te „Zunah­me von Ver­fah­ren mit Ein­zie­hungs- oder Ver­fall­er­klä­rung” und die „erheb­li­che wirt­schaft­li­che Bedeu­tung, die die Anord­nung die­ser Maß­nah­men für den Beschul­dig­ten haben kann„13, tref­fen gera­de typi­scher­wei­se auf die Fäl­le zu, in denen es um den Ver­fall von Wert­er­satz und des­sen Siche­rung durch ding­li­chen Arrest geht. Vor die­sem Hin­ter­grund lässt sich die aus­schließ­li­che Ver­wen­dung des Begriffs „Beschlag­nah­me” in Nr. 4142 VV RVG nur als gesetz­ge­be­ri­sches Redak­ti­ons­ver­se­hen erklä­ren.

Ent­ge­gen der herr­schen­den Ansicht wird auch die anwalt­li­che Tätig­keit, die sich gegen einen zum Zweck der Rück­ge­win­nungs­hil­fe ange­ord­ne­ten ding­li­chen Arrest (§ 111b Abs. 5 StPO) rich­tet, von Nr. 4142 VV RVG erfasst. Denn durch das Gesetz zur Stär­kung der Rück­ge­win­nungs­hil­fe und der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung bei Straf­ta­ten vom 24.10.200614 wur­de § 111i StPO mit Wir­kung vom 01.01.2007 grund­le­gend novel­liert und in Abs. 2 bis 7 ein staat­li­cher Auf­fang­rechts­er­werb nor­miert. Seit 1.01.2007 kommt es daher für die Fra­ge, ob ein auf der Grund­la­ge eines ding­li­chen Arrests gepfän­de­ter Ver­mö­gens­ge­gen­stand dem betrof­fe­nen Ver­mö­gens­in­ha­ber letzt­lich ent­zo­gen wer­den wird, nicht mehr dar­auf an, ob der Ver­letz­te in die auf­grund des ding­li­chen Arrests sicher­ge­stell­ten Ver­mö­gens­wer­te voll­streckt oder hier­von wegen des damit ver­bun­de­nen Auf­wands absieht. Seit­her unter­schei­det sich die Pfän­dung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des auf der Grund­la­ge eines (auch) zum Zweck der Rück­ge­win­nungs­hil­fe ange­ord­ne­ten ding­li­chen Arrests in Inten­si­tät und wirt­schaft­li­cher Aus­wir­kung aus der Sicht des Betrof­fe­nen nicht mehr wesent­lich von der Pfän­dung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des auf der Grund­la­ge eines „nur” nach §§ 111b Abs. 2, 111d StPO i.V. mit § 73 Abs. 1 Satz 1 StGB ange­ord­ne­ten ding­li­chen Arrests bzw. von der Beschlag­nah­me eines „nur” dem Ver­fall unter­lie­gen­den Gegen­stan­des.

Nach § 2 Abs. 1 RVG wird die Ver­fah­rens­ge­bühr nach dem Wert berech­net, den der Gegen­stand der anwalt­li­chen Tätig­keit hat. Dabei ist der objek­ti­ve Wert maß­ge­bend, sub­jek­ti­ve Inter­es­sen der Arrest­schuld­ne­rin sind bei der Bemes­sung ohne wei­te­ren Belang15. Da der ding­li­che Arrest der Siche­rung des Ver­falls von Wert­er­satz dient und damit bloß vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter hat, ist aus­ge­hend von dem zu sichern­den Haupt­an­spruch ein Abschlag vor­zu­neh­men, so dass der Gegen­stands­wert des Arrest­ver­fah­rens in der Regel unter dem Betrag des zu sichern­den Haupt­an­spruchs liegt. Im Regel­fall ist es ange­mes­sen, als Gegen­stands­wert 1/​3 des zu sichern­den Haupt­an­spruchs fest­zu­set­zen16. Dies ent­spricht auch der Pra­xis im zivil­pro­zes­sua­len Arrest­ver­fah­ren17.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 22. April 2014 – 1 Ws 212/​13

  1. OLG Köln, Stra­Fo 2007, 131; KG, Beschluss vom 15.04.2008 – 1 Ws 309/​07, 310/​07 5; OLG Hamm, Beschluss vom 17.02.2009 – 2 Ws 378/​08, BeckRS 2009, 08073; LG Saar­brü­cken, Beschluss vom 10.01.2012 – 2 Qs 18/​11
  2. OLG Hamm, a.a.O., LG Saar­brü­cken, a.a.O., Rn. 7
  3. KG, a.a.O.; LG Saar­brü­cken, a.a.O., Rn. 5
  4. KG, a.a.O.
  5. KG, a.a.O.; OLG Köln, a.a.O.
  6. Bur­hoff, RVG, 3. Aufl., zu Nr. 4142 Rn. 6 f.
  7. Bur­hoff, a.a.O., Rn. 6
  8. Bur­hoff, a.a.O., Rn. 7
  9. OLG Hamm, Beschluss vom 10.01.2008 – 3 Ws 323/​07, wis­tra 2008, 160; Beschluss vom 17.01.2008 – 3 Ws 560/​07, 592/​07 6; OLG Mün­chen, wis­tra 2010, 456; vgl. auch LG Koblenz, Beschluss vom 21.11.2011 – 9 Qs 144/​11 7
  10. vgl. nur Schmahl, in: Riedel/​Sußbauer, RVG, 9. Aufl., VV Teil 4 Abschnitt 1 Rn. 123
  11. vgl. zu § 88 BRAGO: LG Stutt­gart, Beschluss vom 05.04.2004 – 6 KLs 183 Js 75705/​03
  12. BT-Drs. 14/​8818 vom 18.04.2002
  13. BT-Drs. 14/​8818 S. 84
  14. BGBl. I S. 2350
  15. OLG Mün­chen, a.a.O.
  16. OLG Hamm, Beschluss vom 17.01.2008, a.a.O., Rn. 8; OLG Mün­chen, a.a.O.
  17. vgl. Her­get, in: Zöl­ler, ZPO, 29. Aufl., § 3 Rn. 16 Stich­wort: Arrest­ver­fah­ren