Sit­zungs­po­li­zei­li­che Maß­nah­men – und das Beschwer­de­recht

Bei sit­zungs­po­li­zei­li­chen Maß­nah­men im Sin­ne des § 176 GVG ent­hält das Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz kei­ne aus­drück­li­che Rege­lung zur Anfech­tung die­ser Maß­nah­men.

Sit­zungs­po­li­zei­li­che Maß­nah­men – und das Beschwer­de­recht

§ 181 Abs. 1 GVG sieht ledig­lich ein befris­te­tes Rechts­mit­tel gegen die Fest­set­zung von Ord­nungs­mit­teln nach §§ 178, 180 GVG vor.

Dar­aus zieht die herr­schen­de Mei­nung den Schluss, dass alle sons­ti­gen sit­zungs­po­li­zei­li­chen Maß­nah­men der Beschwer­de ent­zo­gen sind 1. Sie befin­det sich damit im Ein­klang mit dem Wil­len des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers 2.

Die­ser Umkehr­schluss aus § 181 GVG ist indes nicht zwin­gend. Denn die Rege­lung ist ihrem Wort­laut nach auf die Fest­set­zung von Ord­nungs­mit­teln beschränkt. Dies lässt ein Ver­ständ­nis nicht aus­ge­schlos­sen erschei­nen, wonach für die Anfech­tung der sons­ti­gen sit­zungs­po­li­zei­li­chen Maß­nah­men die Rechts­mit­tel­vor­schrif­ten der Pro­zess­ord­nun­gen der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit gel­ten, in denen die Maß­nah­me ange­ord­net wur­de. Ent­spre­chend haben ver­schie­de­ne Gerich­te – jeden­falls in beson­de­ren Fall­kon­stel­la­tio­nen – gestützt auf die all­ge­mei­ne Vor­schrift des § 304 Abs. 1 StPO ein Beschwer­de­recht des Betrof­fe­nen aner­kannt 3.

Ein sol­ches Ver­ständ­nis liegt erkenn­bar auch der Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur zugrun­de, wonach sit­zungs­po­li­zei­li­che Maß­nah­men mit poten­ti­el­lem Ein­fluss auf die Urteils­fin­dung als sach­lei­ten­de Anord­nun­gen des Vor­sit­zen­den im Sin­ne des § 238 Abs. 2 StPO anzu­se­hen sind, gegen die der Betrof­fe­ne nach die­ser Vor­schrift das Gericht anru­fen kann und dies auch muss, wenn er sich eine ent­spre­chen­de Revi­si­ons­rüge erhal­ten will 4; denn wäre aus § 181 GVG die Unan­fecht­bar­keit sit­zungs­po­li­zei­li­cher Anord­nun­gen abzu­lei­ten, so könn­te im Hin­blick auf die Vor­schrift des § 336 Satz 2 StPO die Revi­si­on auch nicht dar­auf gestützt wer­den, die sit­zungs­po­li­zei­li­che Maß­nah­me sei rechts­feh­ler­haft gewe­sen 5.

All dies bedarf im hier dem Bun­des­ge­richts­hof vor­lie­gen­den Fall aus einer erst­in­stanz­li­chen Haupt­ver­hand­lung vor dem OLG Cel­le indes kei­ner Ent­schei­dung. Soll­ten sit­zungs­po­li­zei­li­che Anord­nun­gen über­haupt der Anfech­tung unter­lie­gen, so kommt – da eine "außer­or­dent­li­che Beschwer­de" im Straf­ver­fah­ren nicht anzu­er­ken­nen ist 6 – als Rechts­mit­tel allein die Beschwer­de nach § 304 Abs. 1 StPO in Betracht, der auch am Ver­fah­ren nicht betei­lig­ten Drit­ten ein Rechts­mit­tel gegen sie beschwe­ren­de Maß­nah­men des Gerichts eröff­net (vgl. § 304 Abs. 2 StPO). Mit die­sem Rechts­be­helf kön­nen alle rich­ter­li­chen Anord­nun­gen im Straf­ver­fah­ren ohne Rück­sicht auf ihre Bezeich­nung ange­foch­ten wer­den, soweit sie nicht aus­drück­lich von der Anfecht­bar­keit aus­ge­nom­men sind 7. Einen sol­chen aus­drück­li­chen Aus­schluss der Anfecht­bar­keit sieht § 304 Abs. 4 Satz 1, 2 StPO für die hier in Rede ste­hen­de Sach­ver­halts­kon­stel­la­ti­on vor. Danach ist gegen Beschlüs­se und Ver­fü­gun­gen der Ober­lan­des­ge­rich­te in Sachen, in denen sie im ers­ten Rechts­zug zustän­dig sind, die Beschwer­de nur in den in § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO aus­drück­lich auf­ge­führ­ten Fäl­len zuläs­sig. Sit­zungs­po­li­zei­li­che Anord­nun­gen fin­den dort kei­ne Erwäh­nung.

Eine allen­falls im engs­ten Rah­men in Betracht kom­men­de ana­lo­ge Anwen­dung der nach stän­di­ger Recht­spre­chung restrik­tiv aus­zu­le­gen­den Aus­nah­me­vor­schrif­ten 8 schei­det im vor­lie­gen­den Fall auch unter Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­ga­ben, auf die sich die Beschwer­de­füh­re­rin­nen beru­fen, aus. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof in weni­gen beson­de­ren Fäl­len Beschwer­den zum Bun­des­ge­richts­hof gegen erst­in­stanz­li­che Beschlüs­se der Ober­lan­des­ge­rich­te in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO bei Maß­nah­men für zuläs­sig erach­tet, die aus bestimm­ten Grün­den beson­ders nach­tei­lig in die Rechts­sphä­re des Betrof­fe­nen ein­grei­fen oder sonst von beson­de­rem Gewicht sind. Er hat § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO bis­her aber nur in sol­chen Fäl­len ana­log ange­wen­det, in denen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen – ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die durch sie beein­träch­tig­ten Rechts­po­si­tio­nen – mit den im Kata­log die­ser Vor­schrift genann­ten ver­gleich­bar gewe­sen sind 9. Für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift, mit der die­se nicht nur auf Sach­ver­hal­te aus­ge­dehnt wür­de, die mit den genann­ten Aus­nah­me­fäl­len ver­gleich­bar sind, son­dern die den Aus­nah­me- kata­log auf völ­lig anders gela­ger­te Kon­stel­la­tio­nen erwei­tern wür­de, sieht der Bun­des­ge­richts­hof kei­ne gesetz­li­che Grund­la­ge. Eine sol­che Erwei­te­rung des Aus­nah­me­ka­ta­logs ist viel­mehr dem Gesetz­ge­ber vor­be­hal­ten.

Auch dass vor­lie­gend das Grund­recht der Pres­se­frei­heit betrof­fen ist 10, recht­fer­tigt es nicht, ent­ge­gen dem ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz- gebers ein Beschwer­de­recht ein­zu­räu­men. Der Gesetz­ge­ber hat in § 304 Abs. 4 Satz 2 Halb­satz 2 StPO Beschlüs­se und Ver­fü­gun­gen der Ober­lan­des- gerich­te – mit Aus­nah­me der im Kata­log auf­ge­führ­ten Ein­grif­fe – einer Be- schwer­de­mög­lich­keit ent­zo­gen und es damit in Kauf genom­men, dass in ande- ren Fäl­len mit Grund­rechts­be­zug ein Rechts­mit­tel nicht gege­ben ist. Dies ent- spricht auch der gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung, die § 181 Abs. 1 letz­ter Halb­satz GVG zugrun­de liegt. Denn auch die an sich statt­haf­te Beschwer­de gegen sit­zungs­po­li­zei­li­che Anord­nun­gen, mit denen Ord­nungs­geld oder Ord­nungs­haft ver­hängt wur­de, fin­det gegen die Fest­set­zung von Ord­nungs­mit­teln durch ein Ober­lan­des­ge­richt nicht statt. Damit hat der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich eine sit­zungs­po­li­zei­li­che Anord­nung, die in das Grund­recht des Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG ein­greift, von der Rechts­mit­tel­mög­lich­keit aus­ge­nom­men, wenn die­se von einem Ober­lan­des­ge­richt erlas­sen wur­de. Dies spricht gegen die Annah­me, der Gesetz­ge­ber habe bei Ver­fü­gun­gen und Beschlüs­sen eines Ober­lan­des­ge- richts, die in ein Grund­recht ein­grei­fen, gene­rell eine Rechts­mit­tel­mög­lich­keit vor­se­hen wol­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Okto­ber 2015 – StB 10/​15

  1. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 14.10.2009 – 1 BvR 2436/​09, AfP 2009, 581, 582; und vom 17.04.2015 – 1 BvR 3276/​08, NJW 2015, 2175, 2176 mwN[]
  2. vgl. Hahn, Mate­ria­li­en zu den Reichs-Jus­tiz­ge­set­zen, Bd. 1, S. 883, 976[]
  3. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 25.08.1976 – 2 Ws 143/​76, NJW 1977, 309; OLG Mün­chen, Beschluss vom 14.07.2006 – 2 Ws 679/​06, NJW 2006, 3079; OLG Cel­le, Beschluss vom 08.06.2015 – 2 Ws 92/​15 11 f.; vgl. auch OLG Hamm, Beschluss vom 24.11.2011 – III3 Ws 370/​11, NStZ-RR 2012, 118, 119; LG Ravens­burg, Beschluss vom 22.01.2007 – 2 Qs 10/​07, NStZ-RR 2007, 348, 349[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 29.05.2008 – 4 StR 46/​08, NStZ 2008, 582; LR/​Becker, StPO, 26. Aufl., § 238 Rn. 21; SK-StPO/­Vel­ten, 4. Aufl., § 176 GVG Rn. 17; KK-Schnei­der, StPO, 7. Aufl., § 238 Rn. 4; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., § 176 GVG Rn. 16; vgl. auch BGH, Beschluss vom 14.12 2006 – 5 StR 472/​06, NStZ 2007, 281, 282; aA Kissel/​Mayer, GVG, 8. Aufl., § 176 Rn. 2, 48 f. mwN; KK-Die­mer, StPO, 7. Aufl., § 176 GVG Rn. 7; Jahn, NStZ 1998, 389, 392[]
  5. vgl. zur Fra­ge des Aus­schlus­ses der Revi­si­on bei Unan­fecht­bar­keit einer vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung: BGH, Beschluss vom 05.01.1977 – 3 StR 433/​76, BGHSt 27, 96, 98[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.03.1999 – 2 ARs 103/​99, BGHSt 45, 37[]
  7. LR/​Matt, StPO, 26. Aufl., § 304 Rn. 4[]
  8. vgl. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl., § 304 Rn. 12 mwN[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 03.07.1981 – StB 31/​81, BGHSt 30, 168, 170 f.; Beschluss vom 03.05.1989 – StB 15 und 16/​89, BGHSt 36, 192, 195 f.; auch BGH, Beschluss vom 04.08.1995 – StB 46/​95, StV 1995, 628[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.04.2015 – 1 BvR 3276/​08, NJW 2015, 2175, 2176 a. E.[]