Straf­zu­mes­sung beim sexu­el­len Miss­brauch – und der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil

Kann der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung wegen sexu­el­len Miss­brauchs eines Kin­des nicht in glei­cher Wei­se Berück­sich­ti­gung fin­den wie bei ande­ren Straf­ta­ten? Die­se Fra­ge hat jetzt der 3. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs dem Gro­ßen Senat für Straf­sa­chen gemäß § 132 Abs. 2 GVG zur Ent­schei­dung vor­ge­legt.

Straf­zu­mes­sung beim sexu­el­len Miss­brauch – und der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil

Nach Auf­fas­sung des 3. Straf­se­nats drin­gen die Ver­fah­rens­be­an­stan­dun­gen aus den in der Antrags­schrift des Gene­ral­bun­des­an­walts aus­ge­führ­ten Grün­den nicht durch. Der Schuld­spruch hält mate­ri­ell­recht­li­cher Über­prü­fung stand. Die Fest­stel­lun­gen beru­hen auf einer nicht zu bean­stan­den­den Beweis­wür­di­gung; gegen die recht­li­che Wür­di­gung des Gesche­hens ist eben­falls nichts zu erin­nern.

Der 3. Straf­se­nat beab­sich­tigt aller­dings, auf die Sach­rü­ge den gesam­ten Straf­aus­spruch auf­zu­he­ben. Anlass hier­zu gibt die unter aus­drück­li­cher Bezug­nah­me auf die Recht­spre­chung des 1. Straf­se­nats 1 vor­ge­nom­me­ne Wer­tung des Land­ge­richts, zu Guns­ten des Ange­klag­ten spre­che zwar, dass die Taten inzwi­schen sehr lan­ge zurück lägen; jedoch kön­ne die­ser Umstand vor­lie­gend nicht in glei­cher Wei­se Berück­sich­ti­gung fin­den wie bei ande­ren Straf­ta­ten, da der sexu­el­le Kin­des­miss­brauch im fami­liä­ren Umfeld erfolgt und die spä­te Anzei­ge der Tat hier­durch mit­be­dingt gewe­sen sei, so dass die gesetz­ge­be­ri­sche Wer­tung des § 78b StGB tan­giert wer­de. Die Straf­kam­mer hat durch den aus­drück­li­chen Ver­weis auf die Ent­schei­dung des 1. Straf­se­nats und die Beto­nung der gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung des § 78b StGB deut­lich gemacht, dass es bezüg­lich des Gewichts des Straf­zu­mes­sungs­ge­sichts­punk­tes Zeit­ab­lauf zwi­schen Tat und Urteil zwi­schen Straf­ta­ten, die in den Anwen­dungs­be­reich des § 78b StGB (im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang allein in Betracht kom­mend: § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB) fal­len, und sons­ti­gen Straf­ta­ten gene­rell unter­schei­det. Der 3. Straf­se­nat hält die­se Erwä­gung für rechts­feh­ler­haft. Er kann nicht aus­schlie­ßen, dass die Ein­zel­stra­fen und die Gesamt­stra­fe nied­ri­ger aus­ge­fal­len wären, hät­te das Land­ge­richt die­sen Gesichts­punkt nicht in die Abwä­gung ein­ge­stellt.

Der 1. Straf­se­nat hat­te in der genann­ten Ent­schei­dung im Ein­klang mit Erwä­gun­gen in einem frü­he­ren Urteil des 3. Straf­se­nats 2, das zu dem in § 358 Abs. 2 StPO nor­mier­ten Ver­schlech­te­rungs­ver­bot ergan­gen war, aus­ge­führt, dem lan­gen Abstand zwi­schen Tat und Urteil kom­me bei Fäl­len sexu­el­len Kin­des­miss­brauchs nicht eine gleich hohe Bedeu­tung wie in ande­ren Fäl­len zu. Dies gel­te ins­be­son­de­re in den Fäl­len, in denen ein Kind vom im sel­ben Fami­li­en­ver­band leben­den (Stief)Vater miss­braucht wer­de und erst im Erwach­se­nen­al­ter die Kraft zu einer Auf­ar­bei­tung des Gesche­hens mit Hil­fe einer Straf­an­zei­ge fin­de. Des­halb habe der Gesetz­ge­ber auch die beson­de­re Ver­jäh­rungs­re­ge­lung in § 78b StGB getrof­fen.

Dem­ge­gen­über hat­te der 5. Straf­se­nat zuvor in einem Fall, der die Ver­ge­wal­ti­gung eines zur Tat­zeit 14 Jah­re alten Mäd­chens betraf, – nicht tra­gend – dar­auf hin­ge­wie­sen, der Umstand, dass der Ange­klag­te erst 18 Jah­re nach der Tat straf­recht­lich zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wor­den sei, stel­le einen straf­mil­dernd zu berück­sich­ti­gen­den Gesichts­punkt dar, auch wenn Fäl­le der vor­lie­gen­den Art aus tat­säch­li­chen Grün­den viel­fach lan­ge Jah­re unbe­kannt blie­ben und der Gesetz­ge­ber die­sem Umstand in § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB dadurch Rech­nung getra­gen habe, dass die Ver­jäh­rung bei die­sen Delik­ten bis zur Voll­endung des 18. Lebens­jah­res des Opfers ruhe 3.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat der 3. Straf­se­nat mit Beschluss vom 29.10.2015 4 gemäß § 132 Abs. 3 Satz 1 GVG bei den ande­ren Straf­se­na­ten ange­fragt, ob die­se an (gege­be­nen­falls) ent­ge­gen­ste­hen­der Recht­spre­chung fest­hal­ten.

Der 1. Straf­se­nat hat mit Beschluss vom 10.05.2016 5 geant­wor­tet, die beab­sich­tig­te Ent­schei­dung des 3. Straf­se­nats wider­spre­che sei­ner Recht­spre­chung; er hal­te an sei­ner Rechts­an­sicht "grund­sätz­lich" fest. Zur Begrün­dung hat er im Wesent­li­chen aus­ge­führt, einem beson­ders lan­gen Zeit­raum zwi­schen Tat und Urteil kom­me für sich genom­men eine straf­mil­dern­de Wir­kung zu. Die straf­zu­mes­sungs­theo­re­ti­sche Ver­an­ke­rung die­ses selb­stän­di­gen Straf­zu­mes­sungs­grun­des sei nicht ein­deu­tig, beru­he aber bei unbe­ein­fluss­ter Tat­schuld auf einem all­ge­mein abneh­men­den Süh­ne­be­dürf­nis bzw. einer gemin­der­ten Not­wen­dig­keit von Süh­ne; dane­ben könn­ten beson­de­re Prü­fungs­pflich­ten im Hin­blick auf spe­zi­al­prä­ven­tiv wirk­sa­me Umstän­de aus­ge­löst wer­den. Dies füh­re zu der Not­wen­dig­keit der indi­vi­du­el­len Gewich­tung des Fak­tors Zeit­ab­lauf; die­se Wer­tung sei grund­sätz­lich Sache des Tat­ge­richts. Nach den Maß­ga­ben, die für die Über­prü­fung der tat­ge­richt­li­chen Straf­zu­mes­sung in der Revi­si­ons­in­stanz gel­ten, sei es rechts­feh­ler­frei, wenn das Tat­ge­richt in die­sem Zusam­men­hang auf die gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tun­gen zurück­grei­fe, die in den Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten zum Aus­druck gekom­men sei­en. Er kön­ne des­halb die Ansicht nicht tei­len, dass das Gewicht des Zeit­ab­laufs von der Län­ge der Ver­jäh­rungs­frist nicht beein­flusst wer­den dür­fe. Eine ent­spre­chen­de Anknüp­fung fin­de sich in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Die Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten hät­ten zwar "zum Teil" eine ande­re Ziel­rich­tung als die Straf­zu­mes­sungs­re­ge­lun­gen, letzt­lich kom­me aber in ihnen auch zum Aus­druck, dass die Rechts­ord­nung ein Straf­be­dürf­nis infol­ge Zeit­ab­laufs ver­nei­ne. Es gehe mit­hin um die Bewer­tung ein und des­sel­ben Phä­no­mens, näm­lich des Zeit­ab­laufs seit den Taten. Durch den Rück­griff auf die in den Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten zum Aus­druck gekom­me­ne gesetz­ge­be­ri­sche Wer­tung wer­de der Straf­zu­mes­sungs­grund Zeit­ab­lauf ent­spre­chend die­ser Wer­tung aus­ge­füllt. Zu den Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten, an denen sich das Tat­ge­richt ori­en­tie­ren dür­fe, zäh­le auch § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB. Dass der Gesetz­ge­ber mit die­ser "Rege­lung betref­fend die Ver­folg­bar­keit von Taten" nicht den ersicht­li­chen Wil­len kund­ge­tan habe, Straf­zu­mes­sungs­kri­te­ri­en oder deren Gewich­tung zu modi­fi­zie­ren, sei nicht aus­sa­ge­kräf­tig.

Der 2. Straf­se­nat hat mit näher begrün­de­tem Beschluss vom 14.06.2016 6 geant­wor­tet, er stim­me der Rechts­auf­fas­sung des 3. Straf­se­nats zu.

Der 4. und der 5. Straf­se­nat haben mit­ge­teilt, ihre Recht­spre­chung ste­he der beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung des 3. Straf­se­nats nicht ent­ge­gen.

Der hier vor­le­gen­de 2. Straf­se­nat ver­mag sich der Ansicht des 1. Straf­se­nats, der ein Teil der Lite­ra­tur gefolgt ist 7, auch unter Berück­sich­ti­gung der Erwä­gun­gen in dem Beschluss vom 10.05.2016 nicht anzu­schlie­ßen; denn sie ver­mischt in sach­lich nicht gerecht­fer­tig­ter Wei­se Gesichts­punk­te der Straf­zu­mes­sung mit sol­chen der Ver­jäh­rung. Er hält des­halb an sei­ner in dem Anfra­ge­be­schluss vom 29.10.2015 dar­ge­leg­ten Auf­fas­sung fest; soweit er in sei­ner Ent­schei­dung vom 10.11.1999 noch Ande­res ver­tre­ten hat­te, gibt er die­se Recht­spre­chung auf. Danach kann der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung wegen sexu­el­len Miss­brauchs eines Kin­des in glei­cher Wei­se Berück­sich­ti­gung fin­den wie bei ande­ren Straf­ta­ten; die gesetz­li­che Rege­lung des Ruhens der Ver­jäh­rung in § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB führt nicht zu einem ande­ren Ergeb­nis. Hier­zu gilt im Ein­zel­nen:

Die Stra­fe soll eine ange­mes­se­ne staat­li­che Reak­ti­on auf die Bege­hung einer Straf­tat sein. Ihre Bemes­sung erfor­dert eine ein­zel­fall­ori­en­tier­te Abwä­gung der straf­zu­mes­sungs­re­le­van­ten Umstän­de. Grund­la­gen der Straf­zu­mes­sung sind dabei die Schwe­re der Tat in ihrer Bedeu­tung für die ver­letz­te Rechts­ord­nung und der Grad der per­sön­li­chen Schuld des Täters (§ 46 Abs. 1 Satz 1 StGB; BGH, Urteil vom 04.08.1965 – 2 StR 282/​65, BGHSt 20, 264, 266). Dane­ben ist des­sen Reso­zia­li­sie­rung der zen­tra­le Gesichts­punkt der Straf­zu­mes­sung, denn das Tat­ge­richt hat bei der kon­kre­ten Straf­be­mes­sung die Wir­kun­gen zu berück­sich­ti­gen, die von der Stra­fe für das künf­ti­ge Leben des Täters in der Gesell­schaft zu erwar­ten sind (§ 46 Abs. 1 Satz 2 StGB). Nach die­sen Maß­ga­ben kann ein lan­ger zeit­li­cher Abstand zwi­schen Tat und Urteil eine Straf­mil­de­rung gebie­ten. Der Ablauf der Zeit min­dert zwar nicht die Tat­schuld, doch kann er Tat und Täter unter den Aspek­ten von Schuld und Spe­zi­al­prä­ven­ti­on in einem güns­ti­ge­ren Licht erschei­nen las­sen, als es bei schnel­ler Ahn­dung der Fall gewe­sen wäre; dies gilt ins­be­son­de­re, wenn sich die Tat durch den Zeit­ab­lauf als ein­ma­li­ge Ver­feh­lung des Täters erwie­sen, er sich inzwi­schen jah­re­lang ein­wand­frei geführt und der Ver­letz­te die Fol­gen der Tat über­wun­den hat 8. Ein lan­ger Zeit­ab­lauf nach der Tat führt des­halb nicht nur zu einer Min­de­rung des Süh­ne­an­spruchs, weil das Straf­be­dürf­nis all­ge­mein abnimmt 9, son­dern erfor­dert auch eine gestei­ger­te Prü­fung der Wir­kun­gen der Stra­fe für den Täter 10.

Dem­ge­gen­über regeln die Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten die Ver­folg­bar­keit der Tat 11; nach Ablauf der Ver­jäh­rungs­frist ist die Ahn­dung der Tat und die Anord­nung von Maß­nah­men nicht mehr mög­lich (§ 78 Abs. 1 Satz 1 StGB). Die Ver­jäh­rung betrifft nicht die Straf­dro­hung an sich, son­dern ledig­lich das "Ob" der Ver­fol­gung; ihr Ein­tritt führt des­halb nach stän­di­ger und ein­hel­li­ger Recht­spre­chung aller Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu einer Ver­än­de­rung der mate­ri­ell­recht­li­chen Lage, son­dern zu einem Ver­fah­rens­hin­der­nis 12; der Ange­klag­te ist nicht frei­zu­spre­chen, viel­mehr ist das Ver­fah­ren ein­zu­stel­len. Das Rechts­in­sti­tut der Ver­jäh­rung soll dem Rechts­frie­den die­nen und einer etwai­gen Untä­tig­keit der Behör­den in jedem Abschnitt des Ver­fah­rens ent­ge­gen­wir­ken 13. Zur Errei­chung die­ser Zie­le hat der Gesetz­ge­ber in den §§ 78 ff. StGB ein dif­fe­ren­ziert aus­ge­stal­te­tes Sys­tem nor­miert, inner­halb des­sen die Dau­er der Ver­jäh­rungs­frist im Aus­gangs­punkt unab­hän­gig von den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­fal­les maß­geb­lich vom Höchst­maß der durch die betref­fen­de Straf­vor­schrift all­ge­mein ange­droh­ten Stra­fe bestimmt wird (vgl. § 78 Abs. 3 StGB).

Aus die­sen unter­schied­li­chen Rege­lungs­ge­hal­ten, Zwe­cken und Aus­ge­stal­tun­gen der Straf­zu­mes­sung einer­seits und der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ande­rer­seits folgt zum Einen, dass für die Fra­ge der Ver­jäh­rung nicht von Bedeu­tung ist, ob mit Blick auf die Straf­zu­mes­sungs­ma­xi­men Schuld und Spe­zi­al­prä­ven­ti­on eine staat­li­che Reak­ti­on auf die Bege­hung einer Straf­tat in Form einer Sank­tio­nie­rung des Täters (noch) not­wen­dig und gege­be­nen­falls wel­che ange­mes­sen erschie­ne. Zum Ande­ren spielt die Dau­er der Ver­jäh­rungs­frist für die Straf­zu­mes­sung und die dort zu bewer­ten­den Umstän­de kei­ne Rol­le. Das Gewicht, mit dem der zeit­li­che Abstand zwi­schen einer noch ver­folg­ba­ren Tat und dem Urteil in die Bemes­sung der Stra­fe ein­zu­stel­len ist, hängt nicht von der Län­ge der zunächst nach §§ 78, 78a StGB zu bestim­men­den Ver­jäh­rungs­frist ab. Es wird auch nicht dadurch beein­flusst, dass die Tat gege­be­nen­falls län­ger ver­folg­bar ist, weil die Vor­aus­set­zun­gen eines der Tat­be­stän­de gege­ben sind, bei deren Erfül­lung die Ver­jäh­rung nach § 78b StGB ruht oder gemäß § 78c StGB unter­bro­chen wird. Dies gilt etwa auch für die Ruhens­re­ge­lung des § 78b Abs. 4 StGB, die an die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens vor dem Land­ge­richt und das Bestehen beson­ders schwe­rer Fäl­le anknüpft, die bei bestimm­ten Delik­ten als straf­schär­fen­de Umstän­de gesetz­lich nor­miert sind.

Grün­de dafür, hier­von für die Fäl­le des § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB abzu­wei­chen und dem zeit­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Urteil bei den dort auf­ge­führ­ten Straf­ta­ten gene­rell ein gerin­ge­res Gewicht zuzu­mes­sen, sind nicht ersicht­lich. In § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB hat der Gesetz­ge­ber – erst­mals mit dem 30. Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 23.06.1994 14 – eine delikts­spe­zi­fi­sche Bestim­mung zum Ruhen der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung getrof­fen, die den Beson­der­hei­ten bei zum Nach­teil von jun­gen Men­schen began­ge­nen Sexu­al­straf­ta­ten Rech­nung tra­gen soll. Der Gesetz­ge­ber hat hier­zu in der Geset­zes­be­grün­dung aus­ge­führt, Sexu­al­straf­ta­ten an Kin­dern und Jugend­li­chen wür­den den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den häu­fig erst bekannt, wenn die Taten bereits vie­le Jah­re zurück­lie­gen, weil sie über­wie­gend von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen began­gen und die Opfer von den Tätern häu­fig dahin beein­flusst wür­den, die Über­grif­fe zu ver­schwei­gen. Wenn die Opfer erst lan­ge Zeit nach der Tat in der Lage sei­en, Straf­an­zei­ge zu erstat­ten, sei eine Straf­ver­fol­gung wegen Ver­jäh­rung der Taten in vie­len Fäl­len nicht mehr mög­lich 15. Des­halb sol­le die Ver­jäh­rung bis zu dem Zeit­punkt ruhen, bis zu dem das Opfer in der Lage sei, das Erleb­te in sei­ner gesam­ten Dimen­si­on zu erfas­sen und auf die­ser Grund­la­ge über das Für und Wider einer Straf­an­zei­ge zu ent­schei­den 16. Die­se Erwä­gun­gen bele­gen, dass der Gesetz­ge­ber ledig­lich den Wil­len hat­te, die Ver­folg­bar­keit von bestimm­ten Straf­ta­ten auch über die bis dahin gel­ten­den Ver­jäh­rungs­re­ge­lun­gen hin­aus zu ermög­li­chen. Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ist dem­ge­gen­über an kei­ner Stel­le zu ent­neh­men, dass es ihm auch dar­auf ankam, über die­sen Gesichts­punkt hin­aus die in den §§ 46 ff. StGB gere­gel­ten und von Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ent­wi­ckel­ten Straf­zu­mes­sungs­kri­te­ri­en sowie deren Gewich­tung zu modi­fi­zie­ren. Dies gilt auch für die nach­fol­gen­den Ände­run­gen der Vor­schrift, durch die der Delikts­ka­ta­log erwei­tert und das Ruhen der Ver­jäh­rung bis mitt­ler­wei­le zur Voll­endung des 30. Lebens­jah­res des Opfers ange­ord­net wor­den ist 17.

Schließ­lich ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die letz­te Erhö­hung der Alters­gren­ze bewirkt, dass schwe­re Sexu­al­de­lik­te frü­hes­tens mit Voll­endung des 50. Lebens­jah­res des Opfers ver­jäh­ren, wobei sich die­se Frist durch Unter­bre­chungs­hand­lun­gen bis zur Voll­endung des 70. Lebens­jah­res des Opfers ver­län­gern kann 18. Die­se Wer­tung des Gesetz­ge­bers ist zwar trotz der sich hier­aus für die Rechts­pra­xis erge­ben­den Pro­ble­me hin­zu­neh­men. Der 3. Straf­se­nat wür­de es jedoch – unge­ach­tet der bereits dar­ge­leg­ten Beden­ken – in sol­chen Fäl­len für regel­mä­ßig als in der Sache unan­ge­mes­sen erach­ten, den Abstand zwi­schen Tat und Urteil von gege­be­nen­falls meh­re­ren Jahr­zehn­ten bei der Straf­zu­mes­sung nur ein­ge­schränkt zu Guns­ten eines mög­li­cher­wei­se in der Zwi­schen­zeit straf­lo­sen Täters zu gewich­ten.

Im Übri­gen bemerkt der 3. Straf­se­nat zu den Dar­le­gun­gen des 1. Straf­se­nats in des­sen Beschluss vom 10.05.2016 Fol­gen­des:

Soweit der 1. Straf­se­nat zu Beginn der Begrün­dung aus­führt, er hal­te an sei­ner Auf­fas­sung "grund­sätz­lich" fest, erschließt sich die nähe­re Bedeu­tung die­ser Aus­sa­ge nicht ohne Wei­te­res; denn weder an die­ser noch an ande­rer Stel­le wird deut­lich, in wel­chen Fäl­len und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen er eine Aus­nah­me oder meh­re­re Aus­nah­men von dem von ihm pos­tu­lier­ten Grund­satz anneh­men will.

Der Aus­sa­ge, es kön­ne nicht all­ge­mein, son­dern nur unter Berück­sich­ti­gung aller für die Straf­zu­mes­sung bedeut­sa­men Umstän­de des Ein­zel­falls beur­teilt wer­den, mit wel­chem Gewicht sich der Zeit­ab­lauf zwi­schen Tat und Urteil bei Taten des sexu­el­len Miss­brauchs von Kin­dern aus­wir­ke, stimmt der 3. Straf­se­nat eben­so zu wie den Dar­le­gun­gen zur ein­ge­schränk­ten Über­prüf­bar­keit der tat­ge­richt­li­chen Straf­zu­mes­sung in der Revi­si­ons­in­stanz. Jeden­falls Letz­te­res ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach es Auf­ga­be des Tat­ge­richts ist, auf der Grund­la­ge des umfas­sen­den Ein­drucks, den er in der Haupt­ver­hand­lung von der Tat und der Per­sön­lich­keit des Täters gewon­nen hat, die wesent­li­chen be- und ent­las­ten­den Umstän­de fest­zu­stel­len und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen; das Revi­si­ons­ge­richt darf die­se Wür­di­gung nicht selbst vor­neh­men, son­dern nur nach­prü­fen, ob dem Tat­ge­richt ein Rechts­feh­ler unter­lau­fen ist 19. Die­se Maß­stä­be gel­ten für alle Delik­te glei­cher­ma­ßen, mit­hin auch für die hier in Rede ste­hen­den von § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB erfass­ten Sexu­al­straf­ta­ten. Mit die­sen Vor­ga­ben – der am Ein­zel­fall ori­en­tier­ten tat­ge­richt­li­chen Betrach­tungs­wei­se sowie der ein­ge­schränk­ten Über­prü­fung in der Revi­si­ons­in­stanz – ist es indes nicht ver­ein­bar, wenn die Revi­si­ons­ge­rich­te den Tat­ge­rich­ten für die­se Delikts­grup­pe eine Vor­ga­be machen, die dahin geht, einem von die­sen im kon­kre­ten Fall als bestim­mend ange­se­he­nen Straf­zu­mes­sungs­ge­sichts­punkt wegen der Art der Straf­tat gene­rell – und somit gera­de unab­hän­gig von den nähe­ren Ein­zel­fall­um­stän­den – eine gerin­ge­re Bedeu­tung als bei allen ande­ren Delik­ten bei­zu­mes­sen.

Die vom 1. Straf­se­nat aus­führ­lich dar­ge­leg­ten unter­schied­li­chen Kon­zep­te zur straf­theo­re­ti­schen Ver­an­ke­rung des Straf­zu­mes­sungs­as­pekts Zeit­ab­lauf zwi­schen Tat und Urteil ver­mö­gen zur Lösung der hier auf­ge­wor­fe­nen Rechts­fra­ge nur wenig bei­zu­tra­gen. Das­sel­be gilt für die­je­ni­gen Pas­sa­gen in den – nicht die hie­si­ge Fall­ge­stal­tung betref­fen­den – Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs, denen der 1. Straf­se­nat einen Zusam­men­hang zwi­schen Straf­zu­mes­sung und Ver­jäh­rung ent­nimmt. Deren Gehalt erschöpft sich im Wesent­li­chen in der nähe­ren Erläu­te­rung der Bedeu­tung des Zeit­ab­laufs für den dor­ti­gen kon­kre­ten Fall, ohne dass sie einen Kon­nex in dem vom 1. Straf­se­nat inten­dier­ten Sin­ne her­stel­len.

Schließ­lich wür­de die Auf­fas­sung des 1. Straf­se­nats zu Ende gedacht dazu füh­ren, dass die Bedeu­tung des Straf­zu­mes­sungs­ge­sichts­punk­tes Zeit­ab­lauf all­ge­mein auch über die Fall­ge­stal­tun­gen des § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB hin­aus mit der Län­ge der Ver­jäh­rungs­frist ver­knüpft ist bzw. von den dies­be­züg­li­chen Ruhens- oder Unter­bre­chens­be­stim­mun­gen abhängt. Ein der­ar­ti­ger sys­tem­wid­ri­ger Zusam­men­hang ist in die­ser Form bis­her aller­dings weder in der Recht­spre­chung noch – soweit ersicht­lich – im Schrift­tum ange­nom­men wor­den.

Da der 3. Straf­se­nat somit in der Fra­ge, ob der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung wegen des sexu­el­len Miss­brauchs eines Kin­des in glei­cher Wei­se Berück­sich­ti­gung fin­den kann wie bei ande­ren Straf­ta­ten, von der Auf­fas­sung des 1. Straf­se­nats abwei­chen will, legt er die strei­ti­ge Rechts­fra­ge gemäß § 132 Abs. 2 GVG dem Gro­ßen Senat für Straf­sa­chen zur Ent­schei­dung vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Novem­ber 2016 – 3 StR 342/​15

  1. BGH, Beschluss vom 08.02.2006 – 1 StR 7/​06, NStZ 2006, 393[]
  2. BGH, Urteil vom 10.11.1999 – 3 StR 361/​99, NJW 2000, 748, 749[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.09.1997 – 5 StR 363/​97, NStZ-RR 1998, 207[]
  4. BGH, NStZ 2016, 277[]
  5. BGH, Beschluss vom 10.05.2016 – 1 ARs 5/​16, NStZ-RR 2016, 336[]
  6. BGH, Beschluss vom 14.06.2016 – 2 ARs 67/​16[]
  7. SK-StG­B/Wol­ters, 135. Lfg., § 176 Rn. 13; LK/​Hörnle, StGB, 12. Aufl., § 176 Rn. 55; S/​S‑Eisele, StGB, 29. Aufl., § 176 Rn. 29; aA Fischer, StGB, 64. Aufl., § 46 Rn. 61; § 176 Rn. 35; Münch­Komm-StG­B/­Ren­zi­kow­ski, 2. Aufl., § 176 Rn. 66[]
  8. LK/​Theune, StGB, 12. Aufl., § 46 Rn. 240[]
  9. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124, 141 f.[]
  10. BGH, Beschluss vom 20.02.1998 – 2 StR 20/​98, BGHR StGB § 46 Abs. 1 Schuld­aus­gleich 35[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 31.01.2000 – 2 BvR 104/​00, NStZ 2000, 251[]
  12. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 07.06.2005 – 2 StR 122/​05, BGHSt 50, 138, 139[]
  13. BGH, Urteil vom 26.06.1958 – 4 StR 145/​58, BGHSt 11, 393, 396; Beschluss vom 23.01.1959 – 4 StR 428/​58, BGHSt 12, 335, 337 f.[]
  14. BGBl. I S. 1310[]
  15. vgl. BT-Drs. 12/​2975, S. 1; 12/​3825, S. 1; 12/​6980, S. 1[]
  16. vgl. BT-Drs. 12/​6980, S. 4[]
  17. vgl. etwa BT-Drs. 15/​350, S. 13; 16/​13671, S. 23 f.; 18/​2601, S. 14, 22 f.[]
  18. BT-Drs. 18/​2601, S. 23[]
  19. st. Rspr.; vgl. aus neue­rer Zeit etwa BGH, Urteil vom 13.10.2016 – 4 StR 239/​16 56 mwN[]
  20. BGH, Beschluss vom 29.10.2015 – 3 StR 342/​15, NStZ 2016, 227 f.[]