Tat­ein­heit oder Tat­mehr­heit bei Lenk­zeit­ver­stö­ßen

Es ist mit § 46 OWiG, § 264 StPO nicht zu ver­ein­ba­ren, in Buß­geld­sa­chen, die Ver­stö­ße gegen die Vor­schrif­ten über Lenk- und Ruhe­zei­ten im Stra­ßen­ver­kehr zum Gegen­stand haben, meh­re­re recht­lich selb­stän­di­ge Hand­lun­gen im Sin­ne des § 20 OWiG allein des­halb als eine pro­zes­sua­le Tat anzu­se­hen, weil der Betrof­fe­ne sie inner­halb eines Kon­troll- oder Über­prü­fungs­zeit­raums began­gen hat.

Tat­ein­heit oder Tat­mehr­heit bei Lenk­zeit­ver­stö­ßen

Im Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­recht gilt über § 46 OWiG der pro­zes­sua­le Tat­be­griff des Straf­rechts. Die Tat im straf­pro­zes­sua­len Sin­ne (§§ 155, 264 StPO) ist der vom Eröff­nungs­be­schluss betrof­fe­ne geschicht­li­che Lebens­vor­gang ein­schließ­lich aller damit zusam­men­hän­gen­den oder dar­auf bezo­ge­nen Vor­komm­nis­se und tat­säch­li­chen Umstän­de, die geeig­net sind, das in die­sen Bereich fal­len­de Tun des Ange­klag­ten unter irgend­ei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt als straf­bar erschei­nen zu las­sen 1. Die Tat ist ein ein­heit­li­cher geschicht­li­cher Vor­gang, der sich von ande­ren ähn­li­chen oder gleich­ar­ti­gen unter­schei­det und inner­halb des­sen die getrenn­te Ver­fol­gung der dar­in ent­hal­te­nen Vor­gän­ge einen ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang unna­tür­lich auf­spal­ten wür­de 2. Bei Tat­ein­heit liegt – von hier nicht in Betracht kom­men­den Aus­nah­men abge­se­hen 3 – stets eine pro­zes­sua­le Tat vor. Mate­ri­ell­recht­lich selb­stän­di­ge Taten sind in der Regel auch pro­zes­su­al selb­stän­dig 4. Ein per­sön­li­cher Zusam­men­hang, die Ver­let­zung des glei­chen Rechts­guts oder der Umstand, dass die ein­zel­nen Hand­lun­gen Tei­le eines Gesamt­plans sind, reicht nicht, um meh­re­re selb­stän­di­ge Hand­lun­gen im mate­ri­ell­recht­li­chen Sin­ne zu einer ein­zi­gen Tat zu ver­bin­den 5.

Die­se Grund­sät­ze fin­den bei Seri­en­ver­stö­ßen gegen Lenk- und Ruhe­zeit­vor­schrif­ten im Stra­ßen­ver­kehr glei­cher­ma­ßen Anwen­dung. Unter Zugrun­de­le­gung der vor­ste­hen­den Kri­te­ri­en, von denen abzu­wei­chen kein Anlass besteht, ver­mag es allein eine behörd­li­che Kon­trol­le der Ein­hal­tung der Vor­schrif­ten über die Lenk- und Ruhe­zei­ten im Stra­ßen­ver­kehr bzw. die gesetz­li­che Vor­ga­be zum Kon­troll­zeit­raum nicht, meh­re­re tat­mehr­heit­li­che Ver­stö­ße eines Betrof­fe­nen inner­halb des Über­prü­fungs­zeit­raums zu einer Tat zu ver­knüp­fen.

Die Rege­lun­gen über die Auf­zeich­nung der Lenk- und Ruhe­zei­ten im Stra­ßen­ver­kehr und deren Auf­be­wah­rung bezwe­cken nicht die Umgren­zung eines pro­zes­sua­len Tat­zeit­rau­mes, son­dern haben einen ande­ren Hin­ter­grund.

Der in § 1 Abs. 6 Satz 4 FPersV bezeich­ne­te Zeit­raum von ins­ge­samt 29 Tagen dient der wirk­sa­men Durch­set­zung von Stra­ßen­kon­trol­len im Sin­ne der Erwä­gung 14 zur VO (EG) Nr. 561/​2006. Die zustän­di­gen Behör­den sol­len durch die vor­ge­schrie­be­ne Auf­zeich­nung bei Stra­ßen­kon­trol­len ohne wei­te­ren Auf­klä­rungs­auf­wand in der Lage sein, die ord­nungs­ge­mä­ße Ein­hal­tung der Lenk- und Ruhe­zei­ten des lau­fen­den Tages und der vor­aus­ge­hen­den 28 Tage zu über­prü­fen. Der Fah­rer muss des­halb die Auf­zeich­nung der Lenk- und Ruhe­zei­ten für die­sen Zeit­raum immer mit sich füh­ren, nicht nur, wenn das Fahr­zeug mit einem digi­ta­len Kon­troll­ge­rät aus­ge­rüs­tet ist (Art. 15 Abs. 7 lit. a VO [EWG] Nr. 3821/​85). Der Zeit­raum von 29 Tagen stellt indes kei­nen abschlie­ßen­den "Sank­tio­nie­rungs­zeit­raum" dar; auch Ver­stö­ße außer­halb die­ses Zeit­rah­mens sind ohne wei­te­res nach § 8a FPersG zu ahn­den, sofern nicht die all­ge­mei­nen Ver­jäh­rungs­re­ge­lun­gen ein­grei­fen 6. Dass Ver­stö­ße auch außer­halb die­ses Zeit­raums fest­ge­stellt und geahn­det wer­den sol­len, ergibt sich bereits dar­aus, dass das Kon­troll­ge­rät für das Fahr­zeug einen Zeit­raum bis zu 365 Tagen auf­zeich­net 7 und der Unter­neh­mer die Daten von der Fah­rer­kar­te und aus dem Mas­sen­spei­cher des Kon­troll­ge­räts des Fahr­zeugs regel­mä­ßig kopie­ren und ein Jahr lang auf­be­wah­ren muss (Art. 10 Abs. 5 VO [EG] Nr. 561/​2006, § 4 Abs. 3 FPersG, § 2 Abs. 5 FPersV). Der Unter­neh­mer ist ver­pflich­tet, der zustän­di­gen Kon­troll­be­hör­de die gespei­cher­ten Daten zur Ver­fü­gung zu stel­len (§ 4 Abs. 3 FPersG). Auch dies dient nur der wirk­sa­men Durch­set­zung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 561/​2006.

Allein die Ver­pflich­tung, die Auf­zeich­nung, also ein Beweis­mit­tel, vor­zu­hal­ten und auf­zu­be­wah­ren, kann eine pro­zes­sua­le Tat nicht begrün­den. Die Rege­lun­gen über Auf­zeich­nungs­pflich­ten und Auf­be­wah­rungs­fris­ten stel­len kein geeig­ne­tes Kri­te­ri­um dar, die im Über­prü­fungs­zeit­raum mög­li­cher­wei­se began­ge­nen mate­ri­ell­recht­lich selb­stän­di­gen Ver­stö­ße gegen Lenk- und Ruhe­zeit­vor­schrif­ten im Stra­ßen­ver­kehr zu einer pro­zes­sua­len Tat zu ver­bin­den. Durch den ein­heit­li­chen Akt der Kon­trol­le wer­den sich nicht über­schnei­den­de, zeit­lich mög­li­cher­wei­se deut­lich aus­ein­an­der lie­gen­de Hand­lun­gen oder Unter­las­sun­gen des Betrof­fe­nen inner­halb eines bestimm­ten Kon­troll­zeit­raums nicht zu einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang. Bei der Fra­ge, ob eine ein­heit­li­che pro­zes­sua­le Tat vor­liegt, steht das Han­deln des Betrof­fe­nen im Mit­tel­punkt. Die­ses ist dar­auf­hin zu bewer­ten, ob ein ein­heit­li­cher geschicht­li­cher Vor­gang oder ein so enger sach­li­cher Zusam­men­hang besteht, dass eine Abspal­tung ein­zel­ner Hand­lungs­tei­le unna­tür­lich erschie­ne. Die Abgren­zung der pro­zes­sua­len Tat anhand eines der Tat als sol­cher frem­den und bei Betriebs­kon­trol­len zudem von Drit­ten will­kür­lich fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­ums wider­spricht der stän­di­gen Rechts­aus­le­gung.

Ob sich ein­zel­ne Ver­stö­ße gegen die in Rede ste­hen­den Vor­schrif­ten über Lenk- und Ruhe­zei­ten im Stra­ßen­ver­kehr nach Art. 6, Art. 7 und Art. 8 VO (EG) Nr. 561/​2006 über­schnei­den und durch die­sel­be pflicht­wid­ri­ge Hand­lung bzw. Unter­las­sung began­gen wor­den sind, somit tat­ein­heit­lich zusam­men­tref­fen oder ob eine pro­zes­sua­le Tat des­halb vor­liegt, weil ein­zel­ne mate­ri­ell­recht­lich selb­stän­di­ge Hand­lun­gen nicht ohne Wür­di­gung wei­te­rer Tei­le des geschicht­li­chen Vor­gangs beur­teilt wer­den kön­nen 8, ist sonach eine Fra­ge des Ein­zel­fal­les, die nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen zu beant­wor­ten ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Sep­tem­ber 2013 – 4 StR 503/​12

  1. st. Rspr.; etwa BGH, Urteil vom 23.09.1999 – 4 StR 700/​98, BGHSt 45, 211, 212 f.; BGH, Urteil vom 11.09.2007 – 5 StR 213/​07, NStZ 2008, 411; BGH, Urteil vom 18.12.2012 – 1 StR 415/​12, BGHR StPO § 264 Abs. 1 Aus­schöp­fung 5; vgl. auch BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – KRB 20/​12, NZWiSt 2013, 180, 182, Tz. 21[]
  2. Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., § 264 Rn. 2; Boh­nert, OWiG, 3. Aufl., § 19 Rn. 21 ff. jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 20.12.2002 – StB 15/​02, BGHSt 48, 153, 161; BGH, Urteil vom 11.06.1980 – 3 StR 9/​80, BGHSt 29, 288, 295 f.[]
  4. BGH, Beschluss vom 24.07.1987 – 3 StR 36/​87, BGHSt 35, 14, 19; BGH, Urteil vom 16.03.1989 – 4 StR 60/​89, BGHSt 36, 151, 154; BGH, Beschluss vom 18.03.2009 – 1 StR 50/​09; BGHR BZRG § 51 Ver­wer­tungs­ver­bot 10; BGH, Beschluss vom 15.03.2012 – 5 StR 288/​11, BGHSt 57, 175, 179 f.; OLG Hamm, Beschluss vom 14.07.2009 – 3 Ss OWi 355/​09, Rn. 13, juris[]
  5. Göhler/​Seitz, OWiG, 16. Aufl., Vor § 59 Rn. 50a mwN[]
  6. OLG Hamm, Beschlüs­se vom 30.11.2010 – 5 RBs 158/​10, DAR 2011, 412; und 5 RBs 188/​10[]
  7. vgl. Erwä­gung 33 zur VO [EG] Nr. 561/​2006[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 24.11.2004 – 5 StR 206/​04, BGHSt 49, 359, 362 f.[]