Unterbringung in der Entziehungsanstalt – ohne psychische Abhängigkeit

Für einen Hang gemäß § 64 StGB ist eine eingewurzelte, auf psychische Disposition zurückgehende oder durch Übung erworbene Neigung ausreichend, immer wieder Rauschmittel zu konsumieren, wobei diese Neigung noch nicht den Grad einer psychischen Abhängigkeit erreicht haben muss.

Unterbringung in der Entziehungsanstalt – ohne psychische Abhängigkeit

Ein übermäßiger Konsum von Rauschmitteln ist jedenfalls dann gegeben, wenn der Betroffene aufgrund seiner Neigung sozial gefährdet oder gefährlich erscheint1. Letzteres ist der Fall bei der Begehung von zur Befriedigung des eigenen Drogenkonsums dienender Beschaffungstaten2.

Dem Umstand, dass durch den Rauschmittelkonsum die Gesundheit sowie die Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Betroffenen beeinträchtigt sind, kommt nur indizielle Bedeutung zu. Das Fehlen solcher Beeinträchtigungen schließt die Bejahung eines Hangs nicht aus3.

Ebenso wenig ist für einen Hang erforderlich, dass beim Täter bereits eine Persönlichkeitsdepravation eingetreten ist4.

Dem Vorhandensein von Entzugserscheinungen kommt regelmäßig eine indizielle Bedeutung für einen Hang i.S.v. § 64 StGB zu, weil ihr Auftreten nach Absetzen des Rauschgifts Kennzeichen einer physischen Abhängigkeit ist5. Allerdings schließt das Ausbleiben von Einschränkungen der Arbeits- und Leistungsfähigkeit einen Hang zum übermäßigen Rauschmittelkonsum nicht aus.

Handelt es sich wie hier um Straftaten, die begangen werden, um Rauschmittel selbst oder Geld für ihre Beschaffung zu erlangen, liegt der erforderliche symptomatische Zusammenhang6 nahe7.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 10. Januar 2017 – 1 StR 613/16

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüsse vom 26.10.2016 – 4 StR 408/16, Rn. 6; vom 10.11.2015 – 1 StR 482/15, NStZ-RR 2016, 113; und vom 21.08.2012 – 4 StR 311/12, RuP 2013, 34 f. []
  2. vgl. BGH, Beschlüsse vom 26.10.2016 – 4 StR 408/16, Rn. 6; und vom 02.04.2015 – 3 StR 103/15, Rn. 5; Urteil vom 10.11.2004 – 2 StR 329/04, NStZ 2005, 210 []
  3. vgl. BGH, Beschlüsse vom 10.11.2015 – 1 StR 482/15 aaO; vom 21.08.2012 – 4 StR 311/12 aaO; vom 12.04.2012 – 5 StR 87/12, NStZ-RR 2012, 271; und vom 01.04.2008 – 4 StR 56/08, NStZ-RR 2008, 198 f. []
  4. vgl. BGH, Beschlüsse vom 26.10.2016 – 4 StR 408/16, Rn. 6; vom 10.11.2015 – 1 StR 482/15 aaO; und vom 25.07.2007 – 1 StR 332/07, NStZ-RR 2008, 7 []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 27.03.2008 – 3 StR 38/08, StV 2008, 405 f.; van Gemmeren in Münchener Kommentar zum StGB, Band 2, 3. Aufl., § 64 Rn. 29 mwN; siehe auch Schreiber/Rosenau in Venzlaff/Foerster/Dreßing/Habermeyer, Psychiatrische Begutachtung, 6. Aufl., Kapitel 8, S. 121 []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 12.10.2016 – 1 StR 470/16, Rn. 7 mwN []
  7. BGH aaO sowie Beschluss vom 28.08.2013 – 4 StR 277/13, NStZ-RR 2014, 75 []