Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die noch bestehen­de Arbeits­fä­hig­keit

Für einen Hang ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung eine ein­ge­wur­zel­te, auf psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on zurück­ge­hen­de oder durch Übung erwor­be­ne Nei­gung aus­rei­chend, immer wie­der Rausch­mit­tel zu kon­su­mie­ren.

Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die noch bestehen­de Arbeits­fä­hig­keit

Dabei muss die­se Nei­gung noch nicht den Grad einer phy­si­schen Abhän­gig­keit erreicht haben.

Ein über­mä­ßi­ger Genuss von Rausch­mit­teln im Sin­ne des § 64 StGB ist jeden­falls dann gege­ben, wenn der Betref­fen­de auf­grund sei­ner psy­chi­schen Abhän­gig­keit sozi­al gefähr­det oder gefähr­lich erscheint 1.

Inso­weit kann dem Umstand, dass durch den Rausch­mit­tel­kon­sum bereits die Gesund­heit, Arbeits­und Leis­tungs­fä­hig­keit des Betref­fen­den erheb­lich beein­träch­tigt ist, zwar indi­zi­el­le Bedeu­tung für das Vor­lie­gen eines Han­ges zukom­men 2.

Wenn­gleich sol­che Beein­träch­ti­gun­gen in der Regel mit über­mä­ßi­gem Rausch­mit­tel­kon­sum ein­her­ge­hen dürf­ten, schließt deren Feh­len jedoch nicht not­wen­di­ger­wei­se die Beja­hung eines Han­ges aus 3.

Auch ste­hen das Feh­len aus­ge­präg­ter Ent­zugs­syn­dro­me sowie Inter­val­le der Absti­nenz der Annah­me eines Han­ges nicht ent­ge­gen 4.

Er setzt auch nicht vor­aus, dass die Rausch­mit­tel­ge­wöh­nung auf täg­li­chen oder häu­fig wie­der­hol­ten Genuss zurück­geht; viel­mehr kann es genü­gen, wenn der Täter von Zeit zu Zeit oder bei pas­sen­der Gele­gen­heit sei­ner Nei­gung zum Rausch­mit­tel­kon­sum folgt 5.

Aus­ge­hend von die­sen recht­li­chen Maß­stä­ben dräng­te sich in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Vor­lie­gen eines Han­ges im Sin­ne des § 64 StGB hier schon ange­sichts des fest­ge­stell­ten mul­ti­plen Sub­stanzab­usus auf, wel­cher deut­lich auf eine den Ange­klag­ten trei­ben­de Nei­gung hin­deu­tet, Alko­hol und Betäu­bungs­mit­tel im Über­maß zu kon­su­mie­ren. In des­sen Mit­tel­punkt stand nach den Urteils­fest­stel­lun­gen in den Mona­ten vor der Tat ver­stärkt ein Alko­hol­ab­usus; dane­ben nahm der Ange­klag­te neben sei­nem regel­mä­ßi­gen Can­na­bis­kon­sum auch noch ande­re sti­mu­lie­ren­de oder psy­cho­de­li­sche Sub­stan­zen ein. Ange­sichts die­ses Kon­sum­ver­hal­tens erscheint der Ange­klag­te ersicht­lich sozi­al gefähr­det und auch gefähr­lich. So geht das Land­ge­richt selbst davon aus, dass der Kon­sum von Dro­gen und Alko­hol in den Mona­ten vor der Tat durch dis­so­zia­le Ver­läu­fe im Umfeld und Leben des Ange­klag­ten begüns­tigt wor­den sei. Auch bei der Tat selbst war der bereits mehr­fach wegen Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­ten vor­be­straf­te Ange­klag­te erheb­lich alko­ho­li­siert und ent­hemmt. Zwar hält das Land­ge­richt die von dem Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung ange­ge­be­nen Trink­men­gen, die zu einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 4, 9 Pro­mil­le geführt hät­ten, nicht für glaub­haft. Es hält jedoch die von dem Ange­klag­ten bei sei­ner kör­per­li­chen Unter­su­chung gemach­ten Anga­ben, auf deren Grund­la­ge der rechts­me­di­zi­ni­sche Sach­ver­stän­di­ge für den Tat­zeit­punkt eine maxi­ma­le Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von 2, 46 Pro­mil­le errech­net hat, für nach­voll­zieh­bar.

Schließ­lich steht auch der Umstand, der Ange­klag­te "habe auch Tage und Aben­de ohne oder mit deut­lich weni­ger Alko­hol als am Abend und in der Nacht vor der hier gegen­ständ­li­chen Tat ver­brin­gen" kön­nen, der Annah­me einer ein­ge­wur­zel­ten Nei­gung, Alko­hol im Über­maß zu kon­su­mie­ren, nicht ent­ge­gen. Dies belegt allen­falls, dass der Ange­klag­te kurz­zei­tig in der Lage war, sei­nen Rausch­mit­tel­kon­sum zu ver­rin­gern oder ein­zu­stel­len, was jedoch einen Hang nicht aus­schließt 6. Denn es kann genü­gen, was hier ange­sichts des für den Ange­klag­ten fest­ge­stell­ten Rausch­mit­tel­kon­sums nahe­liegt, dass der Täter von Zeit zu Zeit oder bei pas­sen­der Gele­gen­heit sei­ner Nei­gung zum Rausch­mit­tel­kon­sum folgt 7.

Im Hin­blick auf den vom Land­ge­richt fest­ge­stell­ten mul­ti­plen Sub­stanzab­usus des Ange­klag­ten hält ange­sichts der Alko­ho­li­sie­rung des Ange­klag­ten zur Tat­zeit die Annah­me des Land­ge­richts, es feh­le auch mit Blick auf den regel­mä­ßi­gen Can­na­bis­kon­sum des Ange­klag­ten an einem sym­pto­ma­ti­schen Zusam­men­hang mit der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Tat, eben­falls recht­li­cher Nach­prü­fung nicht stand.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Juli 2018 – 1 StR 261/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.12 2017 – 1 StR 415/​17 Rn. 10, NStZ-RR 2018, 105 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz]; und vom 14.10.2015 – 1 StR 415/​15 Rn. 7; Urtei­le vom 10.11.2004 – 2 StR 329/​04, NStZ 2005, 210; und vom 15.05.2014 – 3 StR 386/​13 Rn. 10, NStZ-RR 2014, 271 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz][]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 01.04.2008 – 4 StR 56/​08, NStZ-RR 2008, 198, 199; und vom 14.12 2005 – 1 StR 420/​05, NStZ-RR 2006, 103, 104[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.05.2018 – 3 StR 166/​18 Rn. 12; vom 14.10.2015 – 1 StR 415/​15 Rn. 7; vom 10.11.2015 – 1 StR 482/​15, NStZ-RR 2016, 113, 114; vom 02.04.2015 – 3 StR 103/​15 Rn. 6; und vom 01.04.2008 – 4 StR 56/​08, NStZ-RR 2008, 198, 199[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 30.03.2010 – 3 StR 88/​10, NStZ-RR 2010, 216; und vom 12.04.2012 – 5 StR 87/​12, NStZ-RR 2012, 271[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.05.2018 – 3 StR 166/​18 Rn. 12; vom 20.02.2018 – 3 StR 645/​17 Rn. 8, NStZ-RR 2018, 140 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz]; vom 07.01.2009 – 5 StR 586/​08, NStZ-RR 2009, 137; und vom 20.02.2018 – 3 StR 645/​17 Rn. 8, NStZ-RR 2018, 140 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz][]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.12 2017 – 1 StR 415/​17 Rn. 11, NStZ-RR 2018, 105 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz]; und vom 14.06.2016 – 1 StR 219/​16, BGHR StGB § 64 Hang 4; Urteil vom 15.05.2014 – 3 StR 386/​13 Rn. 10, NStZ-RR 2014, 271 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz][]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.05.2018 – 3 StR 166/​18 Rn. 12; vom 20.02.2018 – 3 StR 645/​17 Rn. 8, NStZ-RR 2018, 140 [nur redak­tio­nel­ler Leit­satz]; und vom 07.01.2009 – 5 StR 586/​08, NStZ-RR 2009, 137[]