Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Aus­sicht auf einen Behand­lungs­er­folg

Auch wenn sich aus den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen eini­ge gewich­ti­ge pro­gno­se­ungüns­ti­ge Fak­to­ren (hier: unge­klär­ter Auf­ent­halts­sta­tus, feh­len­de Arbeits­er­laub­nis, nicht vor­han­de­ner sozia­ler Emp­fangs­raum, pre­kä­re Wohn­si­tua­ti­on vor der Inhaf­tie­rung) erge­ben, die gegen einen mehr als nur kurz­fris­ti­gen Behand­lungs­er­folg spre­chen 1, ver­fehlt ein hier­aus gezo­ge­ner Schluss, dass die Gefahr bestehe, der Ange­klag­te kön­ne kei­ne erheb­li­che Zeit vor dem Rück­fall in den Hang bewahrt wer­den, den gesetz­li­chen Maß­stab.

Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Aus­sicht auf einen Behand­lungs­er­folg

Denn nicht jedes Risi­ko, dass in einer Ent­zie­hungs­an­stalt ein nach­hal­ti­ger Behand­lungs­er­folg nicht erzielt wird, bedeu­tet zugleich, dass kei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Erfolgs­aus­sicht besteht.

Die Straf­kam­mer wäre gehal­ten gewe­sen, das Risi­ko eines Schei­terns der Behand­lung – als mehr oder weni­ger hoch bzw. gering – zu gewich­ten, um die Behand­lungs­aus­sich­ten nach­voll­zieh­bar zu bewer­ten. Dabei wären auch mög­li­che pro­gno­se­güns­ti­ge Fak­to­ren (hier: mög­li­che The­ra­pie­be­reit­schaft, [wohl] kei­ne vor­aus­ge­gan­ge­nen erfolg­lo­sen The­ra­pie­ver­su­che, "rela­tiv gute" Deutsch­kennt­nis­se) fest­zu­stel­len und in die Beur­tei­lung mit ein­zu­be­zie­hen gewe­sen.

Einer ein­ge­hen­de­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit der Erfolgs­pro­gno­se hät­te es im vor­lie­gen­den Fall es ins­be­son­de­re des­halb bedurft, weil die Straf­kam­mer bereits mit dem ange­foch­te­nen Urteil der Zurück­stel­lung der Straf­voll­stre­ckung gemäß § 35 BtMG zuge­stimmt hat. Hier­mit hat sie zum Aus­druck gebracht, dass sie den Ange­klag­ten grund­sätz­lich für the­ra­pie­be­dürf­tig und für nicht the­ra­pie­un­fä­hig hält; denn die Zurück­stel­lung lässt sich – wenn­gleich sie nicht auf Fäl­le güns­ti­ger The­ra­pie­chan­cen beschränkt ist – nicht recht­fer­ti­gen, wenn die Behand­lung von vorn­her­ein als völ­lig oder nahe­zu aus­sichts­los erscheint 2. Die­sen ermes­sens­lei­ten­den Umstand hat nicht nur die die Zurück­stel­lung anord­nen­de Voll­stre­ckungs­be­hör­de, son­dern auch das zustim­men­de Gericht zu beach­ten 3. Dass die Straf­kam­mer von ande­ren recht­li­chen Vor­ga­ben für ihre Zustim­mung aus­ge­gan­gen sein könn­te, ist dem Urteil nicht zu ent­neh­men.

Im Ein­zel­fall kann zwar nach Bewer­tung der Erfolgs­aus­sicht – auf Grund der unter­schied­li­chen Maß­stä­be, die an die Behand­lungs­pro­gno­se anzu­le­gen sind 4 – eine Ent­schei­dung dahin in Betracht kom­men, dass allein eine Zurück­stel­lung der Voll­stre­ckung gemäß § 35 BtMG mög­lich ist, wohin­ge­gen eine Maß­re­gel nach § 64 StGB aus­schei­det. Ohne nähe­re Erör­te­rung ver­steht sich dies hier jedoch nicht von selbst. Viel­mehr las­sen die inso­weit knap­pen Aus­füh­run­gen in den Urteils­grün­den besor­gen, dass die Straf­kam­mer den Vor­rang des § 64 StGB gegen­über § 35 BtMG 5 aus dem Blick ver­lo­ren hat und davon aus­ge­gan­gen ist, im Ein­zel­fall das aus ihrer Sicht unter einem prag­ma­ti­schen Gesichts­punkt geeig­ne­te­re Vor­ge­hen wäh­len zu kön­nen.

Über die Fra­ge der Unter­brin­gung des Ange­klag­ten in einer Ent­zie­hungs­an­stalt muss im vor­lie­gen­den des­halb – wie­der­um unter Hin­zu­zie­hung eines Sach­ver­stän­di­gen (§ 246a StPO) – neu ver­han­delt und ent­schie­den wer­den. Dass nur der Ange­klag­te Revi­si­on ein­ge­legt hat, hin­dert eine Nach­ho­lung der Unter­brin­gungs­an­ord­nung nicht 6. Der Beschwer­de­füh­rer hat die Nicht­an­wen­dung des § 64 StGB durch den Tatrich­ter auch nicht vom Rechts­mit­tel­an­griff aus­ge­nom­men 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. März 2017 – 3 StR 38/​17

  1. s. Münch­Komm-StG­B/van Gemme­ren, StGB, 3. Aufl., § 64 Rn. 64 f. mwN[]
  2. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Korn­probst, 2. Aufl., § 35 BtMG Rn. 141; Weber, BtMG, 4. Aufl., § 35 Rn. 156 ff.[]
  3. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Korn­probst aaO, Rn. 117; Weber aaO, Rn. 132[]
  4. s. BGH, Beschluss vom 22.07.2010 – 3 StR 169/​10, StV 2011, 271, 272; Münch­Komm-StG­B/van Gemme­ren aaO, Rn. 76[]
  5. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 19.06.2012 – 3 StR 201/​12 4; vom 11.07.2013 – 3 StR 193/​13 5; vom 05.04.2016 – 3 StR 554/​15, NStZ-RR 2016, 209, 210; vom 31.01.2017 – 4 StR 597/​16 14; s. nun­mehr aller­dings 5. Straf­se­nat, Beschluss vom 08.06.2016 – 5 StR 170/​16, Stra­Fo 2016, 431 [nicht­tra­gend][]
  6. BGH, Beschluss vom 11.07.2013 – 3 StR 193/​13 6[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 07.10.1992 – 2 StR 374/​92, BGHSt 38, 362; KK-Geri­cke, StPO, 7. Aufl., § 358 Rn. 23 mwN[]